mit dem Kreisblatt für -le Kreise Marvmg und Kirchhain.^
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Marburg
Freitag. 26. April 1907.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck «nd Verlag' Joh. Weg. Koch, UniversitätS-BuchdruckerÄ
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
42. Jahrg.
Das ASonuement auf die „Oberhesfische Zeitung", das grötzte, meistgelesenste «nd weit- verbreitetste Blatt Marburgs und der Umgegend kostet vierteljährlich nur 2.25 Mk. Inserate haben besten Erfolg.
22 (Nachdruck verboten.),
In der Schule des Leidens.
Roman aus dem New-Yorker Leben von lkrich Friese«. W (Fortsetzung.)
Von der juristischen Tragweite ihres Vergehens hat Felicie keine Ahnung. Mit der ganzen Unkenntnis des Gesetzes, mit den wirren Ansichten über „strafbar" und „nicht strafbar", wie sie leider die meisten Menschen und besonders die Frauen, besitzen — von diesem unklaren Gesichtspunkt aus betrachtet sie ihre Fälschung der Rarnensunterschrift ihres Stiefvaters als ein nur ganz geringes Vergehen, gering tm Vergleich zu dem an ihr begangenen Diebstahl der Diamanten — ein Vergehen, für welches ihr -war eine Strafe droht, die aber rasch abzu- büfcen ist.
f Wie abzubüßen — darüber war sie sich natürlich nie klar. Sie hat sich stets mehr vor der Wut des verhaßten Stiefvaters gefürchtet, sobald er ihr Vergehen entdeckt haben würde, als vor der eigentlichen Strafe.
Ihre gestrige Arretierung nach der Vorstellung im Theater traf sie wie ein Donnerschlag. Erst jetzt beginnt sie die gerichtliche Tragweite ihres Vergehens zu ahnen.
Als der kleine hagere Herr unter den bufchi- gen Brauen hervor sie jetzt so durchdringend und dabei voll unendlichen Wohlwollens anblickt — da fühlt die kleine Fliege: diese mächtige Spinne wird gar bald die Fäden ihres Netzes immer fester und fester um sie verweben, bis sie gan- gefangen und in der Gewalt der Spinne ist.
Noch einmal versucht Felicie, sich dem Einfluß dieses überlegenen Naturells zu entziehen.
Sio will wegsehen: doch wie mit magnetischer Gewalt hält der Blick sie fest. Ihr ist, als lese her Mann da vor ihr bereits in ihrer Seele, wie in einem offenen Buch.
„Norbert, wenn ich sprechen muß — beginnt sie stockend — „wäre es nicht besser, du hörtest nicht zu, du gingest fort —"
. Doch Bsrrinato« will davon nicht« wissen.
Die Marokko-Differenzen.
Die meisten Auslassungen der englischen, französischen und italienischen Presse zeigen gegenwärtig wieder recht augenscheinlich, wie sehr es der Politik des englischen Königs und seiner Helfershelfer gelungen ist, eine große Mehrheit der Zeitungen der ganzen Welt gegen Deutschland zu beeinflussen. Es ist ja bekannt, daß sich zu diesem Zwecke vor einigen Jahren aus Veranlassung von Sir Charles Dilke ein besonderer Klub gebildet hat, der mit großen Mitteln und noch größerer Geschicklichkeit die Verhetzung gegen Deutschland betrieb. Augenscheinlich sind auch die gehässigen Aufsätze der „Corr, de Esp." auf diese Quellen zurückzuführen: denn die amtliche „Agencia Fabra" hat sich beeilt, diese Ee- chässigkeiten der Regierung von den Rockschößen zu schütteln. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß jene Aufsätze nicht trotzdem an leitender Stelle in Madrid sehr gern gesehen sind: denn Augenscheinlich ist die unbedachte Entschließung des jungen Königs auf allerhand persönliche Verstimmungen und Einflüsterungen von leicht zu erratender deutschfeindlicher Seite zurückzuführen. Auch ein Teil der französischen Presse fährt unentwegt fort, gegen Deutschland zu hetzen.
Andererseits scheint selbst in Frankreich eine gewisse Gegenströmung einzusetzen: denn es gehört wenig Scharfblick dazu, um in Paris zu er« -kennen, daß die Preisgabe der spanischen Kriegs- chäfen von Ferrol und Cartagena an England ^gerade die französischen Interessen empfindlich bedroht. Außerdem können doch alle noch so schö- jnen und schwungvollen Ansprachen des Generals Bailloud, und alle noch so tapferen Versicherungen Clemenceaus den friedeliebenden Teil der französischen Bevölkerung nicht über die Tatsache zhinwegtäuschen, daß England zwar in der Lage Lein mag, die deutschen Fenster einzuschlagen, daß Deutschland aber dann die Schadenrechnung in Varis präsentieren würde.
! Unter diesen Umständen mehren sich in Frankreich die Stimmen, welche für eine ernsthafte Verständigung mit Deutschland in den schwebenden
wirtschaftlichen Streitfragen in Marokko eintreten. Deutschland hat keinen ersichtlichen Grund, eine solche Verständigung abzulehnen; denn nichts kann unseren Jnteresien ferner liegen, als etwa wegen der Uebertragung von Kanalisationsarbeiten in Tanger vom Leder zu ziehen, sofern nur die Verständigung über diese Frage französischerseits mit der schuldigen Achtung gegen unsere Stellung geführt wird. Deshalb wird man in Deutschland mit Genugtuung von den Auslasiungen Kenntnis nehmen, die der Minister Pichon in einem Interview getan hat. Er erklärte, daß eine Vertrauen erweckende Jurisdiktion für die deutsch-französischen Differenzen in Sachen des Kanalbaues von Tanger und der Larascher Hafenarbeiten gefunden worden sei. „Sollten", so fügte Pichon hinzu, „neue deutsch-französische Jnteresienfragen zu lösen sein, so würden sie, wie ich anzunehmen allen Grund habe, im beiderseitigen Einvernehmen dem gesamten diplomatischen Korps zur Entscheidung vorgelegt werden. Wir sind also außer Sorge über die volle loyale Anwendung der Bestimmungen der Algeciras-Akte.
Das ist verständig gesprochen und wird diesseits des Loches in den Vogesen um so beruhigender wirken, als die Dienstagsrede des Kriegsministers v. Einem die Franzosen darüber belehrte, daß Deutschland auf alle gleichviel wie unbequemen Möglichkeiten seinerseits gefaßt und gerüstet ist. Besier als durch alle Faseleien von Abrüstung und ewigem Frieden werden dir von ehrgeizigen Strebern aufgerührten Elemente auch in Frankreich zur Ruhe und Vernunft gebracht werden, durch die klare Erkenntnis der Tatsache, daß Deutschland einstweilen noch die stärkste Militärmacht der Welt ist. Daß wir diese Macht nach wie vor nicht zu ehrgeizigen Abenteuern mißbrauchen werden, dafür bürgen die sechsunddreißig Jahre, die seit Begründung des Deutschen Reiches hinter uns liegen, und in denen wir alle noch so dreisten Herausforderungen mit lächelnder Gelassenheit ertragen haben, von welcher Seite sie auch kommen mochten.
Deutscher Reichstag.
Der Reichstag genehmigte am Mittwoch zunächst in dritter Lesung den Vertrag mit den Niederlanden, betr. die gegenseitige Anerkennung industrieller Unternehmungen und setzte dann die Beratung des Militäretats fort. Abg. Bebel (Soz.) kam hierbei zunächst auf die gestrigen Ausführungen des Kriegsministers zurück, in Bezug auf die Möglichkeit von Ersparnissen bei der Heeresleitung und meinte, er höre wohl die Botschaft, allein es fehle ihm der
Er selbst trägt heißes Verlangen, den Schleier von diesem ihm unerklärlichen Geheimnis gelüftet zu sehen, welches er noch immer für eine fixe Idee seiner Frau hält.
„Hier, nimm meine Hand, mein Liebling! So —! Und nun sprich dich aus!"
Fest schließt Felicie die Lippen, um nichts zu verraten. Aber als Dr. Maxwell ein paar Fragen an sie richtet — ganz harmlose, anscheinend nichtssagende Fragen — da öffnet sie unwillkürlich den Mund, um zu antworten.
Und noch eine Frage stellt er . . . und wieder eine . . . und so weiter und so weiter — bis «die ganze Geschichte mit dem Kollier, tohlenen Diamanten, der Scheckfälschung samt der Ursache zu derselben frei den Augen der beiden Männer daliegt.
Barrington ist sehr bleich geworden.
,Q flieg, Licy!" stöhnte er aus, „das hast du für mich getan! Mein Gott, dein Leben zerstött — um meinetwillen! Wenn Gerda Douglas das hört!"
Felicie fähtt auf; das alte Gefühl der Eifersucht beschleicht sie — ein Zeichen von »lebet« erwachender Energie, das erste seit dem gestrigen verhängnisvollen Abend.
„Was hat Gerda Douglas damit zu tun! Nichts!" preßt sie zwischen den Zähnen hervor. „Für dich tat ich es — nicht für sie!"
Kleine Pause.
„Wird man mich hatt bestrafen, Herr Doktors fragt Felicie nach einer Weile angstvoll.
Der Advokat zuckt die Achseln.
„Wir werden unser Bestes tun, Ihre Strafe zu mildern, Frau Barttngton. Aber die Gesetze bei Wechselfälschung und dergleichen Sachen sind scharf. Hätte Ihr Stiefvater gewußt, daß Sie von seinem Diebstahl der Diamanten Kenntnis hatten, würde er sich gehütet haben, Sie dem Gericht zu überliefern. Das einzige, was wir jetzt tun können, ist, ihn zum Bekenntnis ,u bringen. Es wäre ein „mildernder Umstand" für Ihr Vergehen, Frau Barrington."
Die Unterhaltung wird jäh unterbrochen. Ein Polizist erscheint, um die Arrestantin in Untersuchungshaft abzuführen.
Glaube. Notwendig sei vor allem eine Abkürzung der Dienstzeit: habe man doch In Schweden und in der Schweiz bei kürzerer Dienstzeit gute Resultate erzielt in Bezug auf Schnelligkeit und Gewandtheit in den Hebungen. Dabei sei die Disziplin eine vorzügliche. Wenn seine Partei ferner die Mißhandlungen von Soldaten zur Sprache bringe, so geschähe dies lediglich, um Abhilfe zu schaffen, aber nicht, um die Armee zu schädigen. In der Fremdenlegion hüte sich der Instrukteur wohlweislich, den Soldaten zu mißhandeln, da er weiß, daß in demselben Augenblick der Soldat berechtigt ist, mit gleicher Münze zu zahlen. Dies werde dem Soldaten schon in der ersten Jnstruktionsstunde beigebracht. Redner kritisierte dann weiter den Militärboykott von Lokalen und die politische Betätigung der Kriegervereine. — Abg. von Oldenburg (kons.) erklärte, namens seiner Freunde könne er dem deutschen Offizierkorps, der Armee und der Militärverwaltung die Versicherung des vollen Vertrauens aussprechen. Wünschenswert sei eine möglichste Ausdehnung des Systems der kleinen Garnisonen. Die Resolution betr. Portovergünstigungen nähmen seine Freunde an, sie lehnten jedoch die Resolution betr. die Soldatenmißhandlungen ab, da sie das Vertrauen hätten, daß auch ohnedem auf die V e r m i n d e r u n g von Mißhandlungen hin gewirkt werde. Merkwürdig sei es, wenn der Abg. Bebel erwarte, die Heeresverwaltung werde sich von ihrem wohlüberlegten System, das nach Düppel, Königgrätz und Sedan geführt habe, abbringen lasien. Deutschland sei nicht verloren, so lange es den alten Grundsatz befolge: „Wenn Du den Frie- den willst, bereite den Kriegvor!" SLchs. Oberst v. Salza bestritt die Behauptungen Bebels, daß in der sächsischen Armee die Mißhandlungen häufig seien. Abg. Müller- Meiningen (Frs. Vp.) erklätte namens der Freisinnigen, diese würden nach wir vor alles bewilligen, was notwendig sei, und alles nach bestem Wissen und Eewisien prüfen. Was die Vorschrift der Oeffentlichkeit bei militärgerichtlichen Verhandlungen betreffe, so müsie die Presie hier eine würdigere Behandlung erfahren als bisher. Abg. Liebermann v. Sonnenberg (wirtsch. Vgg.) lehnte die freisinnige Resolution ab im wesentlichen aus formalen Bedenken. Der Luxus im Heere habe zweifellos nach- gelasien. Die Remontepreise müßten erhöht werden. Für den Antrag Albrecht — höhere Löhnungen — würden seine Freunde stimmen ohne Rücksicht darauf, von welcher Seite der Antrag komme. Endlich empfahl Redner die von ihm eingebrachte Resolution bett. Anstellung von Militär-Zahnärzten. „Es gibt," so schloß er. „ein untrügliches Mittel, Europa zum Frieden zu verhelfen: Man möge uns in Frie-
Bleich vor Erregung preßt Barrington fein Weib an sich.
,Jch würde Jahre meines Lebens darum geben, könnte ich jetzt in New-York bleiben, Licy!"
Mit angsterfüllten Augen blickt sie zu ihm auf.
„Wohin gehst du, Norbett?"
„Nach Rochester. Die Vorstellungen nehmen ihren Fortgang, obgleich —"
obgleich ich darin ausgesprett habe, fällt sie bitter ein. „Ja, ja, du hast recht, Norbett. Geh' nur, geh'! Ich bin eine kleine Episode in deinem Leben gewesen — sie ist vorbei — vorbei!"
Schluchzen erstickt ihre Stimme.
Dem Polizisten dauert es zu lange. Ungeduldig mahnt er zum Aufbruch.
Noch ein Kuß, eine innige Umarmung, wobei es ist, als ob sie einander nicht lassen wollten — dann finken Felittes Arme schlaff herab.
Aber als die Tür fich hinter Barrington schließt — da schreit fie wild auf.
„Norbett, Norbert, vergiß mich nicht! Ich liebe dich bis zu meinem letzten Atemzug!"
XIII.
In dem kleinen Hause in der Kanalstraße herrscht eine etwas geteilte Stimmung.
Thomas Mackays Laune ist die rosigste. Seine Freude, Felicie endlich einmal einen Streich gespielt, sich für ihre vielen „Impertinenzen", wie er es nennt, gerächt zu haben, läßt ihn sogar gegn seine Frau weniger brutal ^Frau Mackay dagegen schleicht wie ein Ee- spenst im Hause umher .. . Ihr einziges Kind, ihr Liebling, ihr Augapfel — eingekeilt in Untersuchungshaft, angeklagt des Betrugs!...
Ihr Schlichter, einfacher Sinn kann den Gedanken kaum faffen , .
Zwar hatte sie sich nach Fellcies Verhelra- »auch schon recht vereinsamt gefühlt. Das te, leidenschaftliche Kind war ja der ein« «Sonnenstrahl in Ihrem freudearmen, ver« eilen Leben gewesen.... Aber fie verscheuchte jede trübselige Stimmung wtt rosigen
den lassen. Wenn nicht, nun, so mögen man nut kommen. Noch sind wir die Erben unserer Väter an Mut und eiserner Hand." Kriegsmini« ster von Einem stimmte den letzten Bemerkungen von Liebermann zu, betonte aber, daß schon jetzt auf die Zahnpflege im Heere genügendes Gewicht gelegt weide. Betreffs der beantragten Resolution über Soldatenmißhandlungen erklärte der Minlstei Folgendes: Die Bestrafungen wegen Mißhandlungen sind erheblich zurückgegangen, die brutalen Mißhandlungen sind so gut, wie abgeschafft. Bei den von dem Abg. Müller-Meiningen angeführten Fällen kennen wir die Nebenumstände nicht, und ohne diese läßt sich schwer urteilen. Wenn ei die von ihm angeführten Strafen als zu mild« bezeichnet, so vergißt er, daß durch diese Straft der betr. Mann aus seiner Karriere gerissen ist! In einem Liebknechtschen Buche steht wörtlich, daß die Disziplin am besten untergraben wird, wenn man im Reichstage stets die Mißhandlungen zur Sprache bringe. Das, meine Herren, läßt vermuten, daß Sie die Mißhandlungen hier nur zu agitatorisch en Zwecke» erötern? (Bebel ruft: ich habe aus dem Parteitage ausdrücklich jene Stelle in dem Buche bekämpft!) Run bann gut, tun Sie dar weiter! Ich wünsche Ihnen bazu Erfolg! (Heiterkeit.) Abg. Müller-Meiningen hat siä beschwert über einen Fall von Bestrafung eine« Rechtsanwalts, der auf der Kontrollversarnm- lung als Ersatzreservist erschien und trotz der Kommandos „Stillgestanden" von dem Taschentuch Gebrauch machte. Meine Herren, wenn jeder der ein unangenehmes Gefühl am Körper empfindet, sich krabbeln könnte (Große Heiterkeit), bann gäb's überhaupt kein Stillgestanden. Ich glaube ja, daß der Schnupfen ein unangenehme Gefühl an der Nase heroorrust. Aber der bett. Herr hat in äußerst gemütlicher Weise sich geschneuzt. (Heiterkeit.) Gerade gebildete Elemente können, sich doch wohl auf kurze Zett zusammennehmen. Das wird ihnen, nichts schaden! Daß die Bezirkskommandos die bürgerlichen Elemente mit einer gewissen Gehässigkeit behandeln, glaube ich nicht recht. Was Hen Müller-Meiningen über die Bewucherung von Offizieren sagt, ist richtig. Aber ein Vorgehen dagegen ist sehr schwer. Ich habe angeordnet, daß auf den Kriegsschulen die Offiziere roenifc sie ns etwas Kenntnis vom Wechselrecht erlangen. (Heiterkeit.) Für die Anregung des Abg Müller wegen Hinzuziehung eines Rechtsanwalts bin ich ihm dankbar. Mit der Fernhab hing Schwachsinniger von der Armee ist es schon besser geworden, aber ich gebe dem Abg. Müllei zu, daß da noch mehr geschehen muß. Der Minister forderte schließlich die Sozialdemokratie auf, auch in ihrem Teile dazu belzutragen, das bet junge Soldat, sobald et in die Kaserne ein- tritt, keinen anderen Ehrgeiz kennt, als fein« Pflicht zu erfüllen.
Gedanken über die Zukunft der geliebten Tochter, Felicies eheliches Glück, ihre Theatertriumphe, ihre stets zunehmende Schönheit und Beliebtheit — solche Phantasiegebilde ließen das liebende Mutterherz höhet schlagen. Keinen Abend begab sie sich zur Ruhe, ohne für das Wohl ihres Herzblattes heiß und inbrünstig z« Gott gebetet zu haben.
Und nun? ; . .
Soll all dies Glück auf einmal vorbei fein? Verweht wie ein abgefallenes Blatt im Wind?
Auch heute, etwa vierzehn Tage nach jenem unglückseligen Abend, sitzt Frau Mackay an ihrem kleinen Nähtisch. Ihre Augen stehen voll Tränen. Müde sind die Hände im Schoß übet einem Stück Leinwand gefaltet. Vor ihr auf- gespeichert liegen, fein und zierlich geordnet, ganze Haufen von winzigen Kinderhemdchen. Jedes einzelne hat die brave Frau selbst zuge- schnitten, selbst genäht, selbst mit Spitzen und Stickereien verziert. Dabei hat ihre Phantasie wieder mächtig gearbeitet... Ihr Gedankenkreis erweiterte sich. Ihr zärtliches Herz umfing jetzt nicht nur die Tochter, sondern auch das Kind... Die Zukunftsbilder eistieckten sich auf lange, lange Zeit hinaus, bis das Kind ein großer berühmter Künstler war — ober eine Künstlerin — gleichviel . ..
Und nun? ... .
Große Tränen rinnen bie eingefallene« Wangen entlang. Sie rinnen unb rinnen . . < und tropfen hinab auf bas angefangene Klnder- hemdchen im Schoß bet alten Frau . . .
Hastig wischt sie sich bie Augen mit bem Hem- chen. Dann nimmt sie Nabel unb gaben unb beginnt eifrig zu sticheln ....
Plötzlich — ein kräftiges Klopfen an der Haustür.
Frau Mackay schreckt zusammen. Wer kann das sein? Thomas hat den Schlüssel bet fich. Wer also sonst? ... n
Vielleicht eine Botschaft von Felicie? . .. Seit jenem Abend haben Mutter und Tochter einander nicht wiedergesehen. Vielleicht schickt Felicie «ach der Mutter? £ ...
^Fortsetzung folgt.)