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IaserttonSgebuhr: die gespalteneZelle oderoertttRaum 15Pfz.
Reelamen: die Zeile 30 Pfg.
Marburg
Sonntag, 21. April 1907.
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Erscheint wöchentlich siebe« mal.
Druck und Verlag- Ioh. «ug. Koch, UmversMr-Buchdruckerei 42. Jahrg.
Marburg, Markt 21. — Telephon a5.
Erstes Blatt.
Kandwerkerfrgge».
Vortrag
gehalten von Schreinermeister H. Schneider auS Wiesbaden auf dem konservativen Delegiertentage > der Provinz Hessen »Nassau.
Handwerkerfragen hat es gegeben, seitdem es Handwerker gegeben hat und wird es geben, ,fo lange es ein Handwerk und Handwerker gibt. Menschliche Einrichtungen sind zu allen Zeiten unvollkommen gewesen und werden auf dieser Erde immer unvollkommen sein. Auch die idealsten Gesetze und Einrichtungen werden niemals im Stande sein, die Unzufriedenheit aus der Welt zu schaffen und alle Nöte zu beseitigen, so lange die Menschen keine idealen Menschen sind. Es wäre deshalb töricht, in der Vergangenheit alles in rosige,» Licht zu erblicken, und in der Gegenwart nur Schatten zu sehen. Die sogenannte gute alte Zeit hatte gewiß auch ihre Schattenseiten und wenn die Gegner der modernen Handwerkerbewegung in Wort und Schrift immer wieder beweisen wollen, daß es auch früher unbefriedigende Zustände im Handwerk gab, so rennen sie damit gewissermaßen offene Türen ein. Immerhin ist es nützlich und lehrreich, Vergleiche anzustellen zwischen den Einrichtungen und Zuständen der vergangenen Zeit und denen unseren heutigen, um daraus zu lernen, welche Stellung wir zu den uns in der Gegenwart beschäftigendenIragen einzunshmen haben.
Es ist eine unbestrittene Tatsache, daß das Handwerk im Mittelalter und darüber hinaus bis ins 16. und 17. Jahrhundert in hoher Blüte stand, daß die Handwerker im öffentlichen Leben eine geachtete Stellung einnahmen, und daß sie dies zum großen Teil ihrer Organisation in den Zünften und Innungen zu danken hatten. Die Vorstände der Zünfte hatten im Rat der Städte Sitz und Stimme und. wenn es galt, in den Kampf zu ziehen, so hatten gewiffe Zünfte die Ehre und das Vorrecht an der Spitze zu marschieren und zuerst einzuhauen. Der Handwerksmeister titel war ein Ehrentitel, weil er nur durch den Nachweis tüchtigen Könnens in dem erwählten Berufe erworben werden konnte. Ebenso war der Eesellentitel ein Ehrentitel, der nur durch die abgelegte Gesellenprüfung erworben werden konnte. Jeder Lehrling trat mit der Absicht in die Lehre, zunächst Geselle und später Meister zu werden. Das Bestreben, sich nach allen Seiten tüchtig auszubilden, war etwas ganz Selbstverständliches bei Lehrlingen und Gesellen, weil sie wußten, daß sie es ohne dieses niemals zur Meisterschaft und damit zur Selbstständigkeit bringen würden. Das Verhältnis zwischen Meister, Geselle und Lehrling war im allgemeinen zweifellos ein gutes. Ich sage ab- kichtlich im allgemeinen, weil ich weiß,
$ (Nachdruck verboten.)
In der Schule des Leidens.
fX Roman aus dem New-Parker Leven
f von Erich Friesen.
(Jortsehung.)
Auf dem Nachhauseweg dringt Barrington nochmals in seine Frau, ihm den Grund ihrer Verstimmung mitzuteilen.
Sie weicht ihm aus, gibt jedoch zu, daß diese Verstimmung mit dem Besuch der Mutter zusammenhängt.
„Wann erwartest du sie?"
„Gegen sechs Uhr. Ich werde sie auf dem Bahnhof abholen."
„Wir muffen punkt sieben im Theater sein. Vergiß' das nicht, Steg! ... Ist dein Kostüm in Ordnung?"
„Ich glaube — ja!"
i „Ich glaube — ja," wiederholt Barrington verstimmt. „Ich möchte dich nochmals bitten, dich zusammenzunehmen! Wenn du mich lieb hast, gib dir heute abend keine Blöße!"
„Nein, nein. Ich verspreche es dir — ich werde gut spielen." —
Punkt sechs Uhr fährt der Zug in die Bahnhofshalle ein.
Aus einem Coups dritter Klasse blickt Frau Mackays eingefallenes Gesicht. Es sieht noch älter und vergrämter aus als sonst.
, „Guten Tag, Mutter!"
Etwas ungeduldig befreit Felicie sich aus der zärtlichen Umarmung.
„O Licy, es ist doch nicht wahr!" ruft die arme Frau, in Schluchzen ausbrechend. „Sag', daß es nicht wahr ist!"
„Still, Mutter! Du erregst Aufsehen!" raunt Felicie der ausgeregten Frau ins Ohr. „Komm' mit mir nach Hause! Dort kannst du mir alles erzählen. Aber schnell, schnell! In einer Stunde muß ich schon im Theater sein."
„Nein, nicht ins Theater!" Beschwörend hebt Strati Mackao die Hände. »NW ins Theater!"
daß es auch damals schon Meister gab, die gegen ihre Gesellen und Lehrlinge nicht die richftge Stellung einnahmen, sie schlecht behandelten und im Lohn drückten, und ebenso, daß es auch damals schon ungeschickte und unbotmäßige Gesellen und Lehrlinge gab.
Das Handwerk rekrutierte sich damals zum Teil aus seinem eigenen Nachwuchse, zum Teil aus dem gut situierten Bürger- und Bauernstände. Im allgemeinen muß man anerkennen, daß die L a g e d e s Handwerks im Rahmen der damaligen allgemeinen Verhältnisse in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht eine g ü n • stige war. Anders wurde es durch den dreißig- jährigen Krieg.
Da der allgemeine Wohlstand sank, zum Teil ganz vernichtet wurde, so mußte auch das Handwerk darunter leiden. Wenn jetzt von gewisser Seite durch Aktenstücke aus alten Zunftladen zu beweisen gesucht wird, daß es auch früher arme Handwerker gab, die kaum Brot über Nacht im Hause hatten, trotz Meisterprüfung und Zunft, so wird damit auch nur eine offene Tür einge- rannt. Wie konnte es dem Handwerk allein gut gehen, in einer Zeit, in der alles verwüstet war und Handel und Wandel stockte? Als Deutschland sich allrnälig wieder von den Folgen des dreißigjährigen Krieges erholte, kamen auch wieder bessere Tage für das Handwerk.
Leider verschwand der gute Geist, der die alten Innungen stark gemacht hatte, immer mehr aus diesen, und mit dem Ansehen der alten Innungen sank auch das Ansehen der Handwerker. Trotz alledem blieb bis zur Einführung der Ee- werbesreiheit die goldene Dreizahl im Handwerk: Meister, Geselle und Lehrling erhalten. Man konnte noch von einem Handwerker st a nd tceben, in den niemand eintreten konnte, der nicht ein Handwerk erlernt und eine Prüfungbestanden hatte. Daher war damals bei den Angehörigen des Handwerkerstandes noch ein lebhaftes Standesbewußtsein vorhanden.
Wie sieht es nun heute aus? Um gleich mit dem letzteren anzufangen, so ist von einem Standesbewußtsein bei sehr vielen Handwerkern fast nichts mehr zu spüren. Viele schämen sich geradezu ihres Standes und wenn sie auf Reisen in einem besseren Hotel einkehren, dann schreiben sie sich in die Fremdenliste als Möbel-, Kleider-, Schuhfabrikanten rc. ein, weil sie fürchten, bei Angabe ihrer wirklichen Berufsbezeichnung von dem Kellner nicht mit derselben Zuvorkommenheit und demselben Respekt bedient zu werden. Tatsache ist ja freilich, daß der Fabrikant heutzutage gewissermaßen salonfähig ist, ob er Mausefallen ober Kleiber fabriziert, währenb ber Handwerks meister titel mißachtet wirb. In anbereit Berufszweigen steht der Meistertitel heute noch hoch in Ehren unb biejenigen, welche zur Führung desselben berechtigt sind, legen Wert darauf, daß sie mit demselben angeredet werden. Ich brauche nur zu erinnern an den Regierungs-Bau meister, Konzert- ober Ka-
Felicie erbleicht; doch sagt sie nichts. Fest preßt sie die Lippen aufeinander, zieht der Mutter Arm durch den ihren und eilt mit ihr der Wohnung zu.
Kein Wort wird unterwegs zwischen den beiden Frauen gewechselt. Arm in Arm eilen sie die Straßen entlang — bleich, wortlos.
Schon steigen sie die Treppe zu Felicies Wohnung empor und noch immer läßt die junge Frau den Arm der Mutter nicht los. Erst, als sie in ihrem Schlafzimmer die Tür geschlossen und verriegelt hat, gibt sie die Hand frei.
„So, Mutter, hier sind wir ungestört! Jetzt kannst du sprechen. Ich bin auf alles gefaßt."
Frau Mackay öffnet die Lippen und schließt sie wieder. Es ist, als ob die Worte ihr nicht über die Zunge wollen.
„Run, Mutter? Ich habe nicht lange Zeit!"
„Ach, Licy — der Vater —"
Frau Mackay stockt; aber eine ungeduldige Bewegung der Tochter läßt sie sogleich fortfahren.
der Vater will einen Eid darauf leisten, daß du — daß du — ach, Kind, es ist zu schreck- sich! _ baß du einen Scheck auf seinen Namen gefälscht hast'.« ,
Felicie zuckt mit keiner Wimper.
„E hat lange Zeit gebraucht, um bas heraus- zufinden," lacht sie bitter auf. Wann —“
„Wann er es herausfand? Erft gestern."
„Erst gestern? Kehrte er nicht deshalb so schnell von Europa zurück?"
„Meiner Seel' — nein. Er hat dort keine Geschäfte gemacht."
„Und wodurch wurde er den — Irrtum gestern gewahr?"
„Er ließ sich auf der Bank Rechnung legen, und da fehlte die Summe von zweitausend Dollars. Er raste gestern abend. So hab' ich ihn noch nie gesehen, nicht einmal im betrunkenen Zustand. Er zeigte mir den Check mit der von dir geschickt nachgemachten Unterschrift seines Namens und schwur, daß er dich ins Zuchthaus schaffen wil^ wohin du gehörtet. O, Kind, warum hast du mir das angetan?«
pellmeister, Bürger meister, Eeneralfeld- zeug meister usw. Der Meistertitel setzt immer voraus, daß man das Fach, für das man ihn führt, gründlich beherrscht, und ist deshalb mit Recht ein Ehrentitel. Ganz unverständlich ist deshalb die Bevorzugung des Titels Fabrikant, den man nach gegenwärtigem Sprachgebrauch nicht allein mit „Hersteller", sondern auch mit „Geschäftsinhaber" übersetzen kann. Er hat nicht zur notwendigen Voraussetzung praktisches Können unb theoretisches Wissen. Mit dem für den Betrieb notwendigen, eigenen oder geliehenen, Gelds kann jeder ein Fabrikgeschäft betreiben. Für Geld bekommt man die technischen und kaufmännischen Betriebsleiter. Und trotzdem gilt der Fabrikant heutzutage mehr als der Handwerksmeister. Das kommt aber daher, daß ber Meistertitel im Handwerk für vogelfrei erklärt war; daß ihn feber führen bürste, derjenige, der sein Handwerk unvollkommen, und derjenige, der gar keins gelernt hatte, mit demselben Recht, wie derjenige, der sich gründlich ausgebildet hatte. Man denke sich, ber Doktortitel würbe heute auch jedem zu führen erlaubt, der kein Examen bestanden hat, bann würbe es keinem, ber wirklich etwas gelernt hat, einfallen, ihn noch zu erwerben unb zu führen. Tatsache ist, daß mancher Hotelbesitzer nicht gern sehen würde, wenn sich ein beim ihm einkehrender Schuhmacher-, Schneider- oder Schmiedern e i st e r als solcher in die Fremdenliste neben Fabrikanten unb Kaufleuten ein- trage.i würbe. Der Kaufmann ist nämlich auch gewissermaßen salonfähig, ob er mit (Setreibe, Kleidern ober Häringen handelt. Wenn er sein Geschäft en gros betreibt unb viel habet verdient, kann er’s sogar bis zum Kommerzienrat bringen. Daraus läßt es sich auch erklären, daß gewisse Handwerker, die auf Handwerkertagen und im Parlament für die Hebung des Handwerks eintreten, ihrem Hanwerksmeistertitel die Bezeichnung Kaufmann voranstellen.--
Tatsache ist auch, daß mancher junge Mann, bet die Tochter eines Handwerksmeisters heiraten möchte, es nicht dulden würde, daß auf bet Verlobungsanzeige der Vater ber Braut als H and- werksmeister bezeichnet würbe, besonders bann, wenn et Reserveoffizier ist oder es noch werden will. — Noch eins darf ich nicht unerwähnt lassen. Mir sind verschiedene Fälle bekannt, in denen Handwetkersöhne, die als Einjährig-Freiwillige dienten, trotz tadelloser Führung nicht zu Gefreiten befördert wurden, während anderen Ständen angehörende Kameraden, die sie in guter Führung und Ausbildung nicht übertrafen, anstandslos befördert wurden. Das legt die Vermutung nahe, daß ihr Stand ber Beförderung hindernd im Wege stand. Nun bin ich aus verschiedenen Gründen nicht ber Meinung, daß es für einen Handwerker zweckmäßig ist, Reserveoffizier zu werden: man wird es aber verstehen, daß man es im Kreise solcher Handwerker, die stolz auf ihren Beruf sind, als eine Zurücksetzung empfindet, wenn ein Angehöriger
Und die arme Frau sank kraftlos in einen Sessel unb bricht in Tränen aus.
„Ich brauchte Geld für Norbert —"
„O, o — unb rennst dabei blind in dein Unglück. O, Licy, mein Herzblatt! Mein liebes, liebes Kind!"
„Bebaute mich nicht, Mutter! Um Norbert vor Entehrung zu retten, würde ich sofort noch einmal dasselbe tun.“
Schritte im Nebenzimmer wurden hörbar. Und jetzt erschallt auch Norberts Stimme:
„Licy, ist deine Mutter gekommen? — Ja? Dann werde ich ihr einen guten Platz int Theater verschaffen."
Angstvoll faßt Frau Mackay Felicies Hand.
„Nicht Ins Theater, Licy! Der Vater weiß, daß du hier auftrittst. Ich habe solche Angst. Wenn et käme und dich von bet Bühne wegholen ließe! Du darfst heute nicht spielen — nein, sicher nicht!"
Totenbleich, aber mit einem entschlossenen Ausdruck auf dem ernsten Gesichtchen, steht Felicie vor der weinenden Frau.
„Mutter, um eins bitt' ich dich!" raunt sie Erregten ins Ohr. „Sag' Norbert nichts! Wenigstens jetzt noch nicht! Ich werde heute abends im Theater auftreten — passiere, was da wolle! Einmal im Leben will ich noch zeigen, daß ich etwas kann, daß ich etwas bin — nub bann —"
Heftig befreit sie sich aus den sie krampfhaft umschlingenden Armen der Mutter. Dann geht sie festen Schrittes auf die Tür zu.
„Ja, Norbert, ich komme!"
XI.
Ungeduldig geht Sarrington in dem kleinen Salon auf und ab. Es ist die höchste Zeit fürs Theater und Felicie vertrödelt die Zeit nebenan im Gespräch mit ihrer Mutter. Als ob das nicht ebenso gut nach der Vorstellung geschehen könnte!
Da öffnet sich die Tür stach dem Schlafzimmer unb Felicie tritt ein — bleich zwar unb mit einem dunklen Schatten nm die Augen, aber hoch erhobenen Hauptes,
ihres Standes mit besserer Bildung trotz tadel« loser Führung nicht einmal für würdig zum Gefreiten befunden wird, während andere gemeine Soldaten, die an allgemeiner Bildung weit unter ihnen stehen, zu Gefreiten unb Unteroffizieren befördert werden. — Man braucht nut daran zu erinnern, daß in der Blütezeit bei Handwerks die Handwerker in der vordersten Reihe in den Kampf ziehen durften, um den gewaltigen Unterschied zwischen damals und jetzt zu erkennen.
Wie mit dem Meistertitel, so ist es mit dem Eesellentitel. Viele Gesellen empfinden et äst wie eine Beleidigung, wenn sie als Ee- ellen bezeichnet werden. Gehilfe düntt hnen vornehmer zu klingen und die sozialdemokratisch beeinflußten fühlen sich mehr geehtt, wenn sie als Arbeiter angeredet werden. Die letzteren betrachten das Handwerk schon so gut wie abgetan und lehnen alles ab, was an die frühere Stellung des Handwerkers erinnert.
Und die Lehrlinge? Die wollen in vielen Fällen nicht mehr lernen, sondern Gelb verdienen, um sich amüsieren zu können. Die große Mehrzahl derselben rekrutiert sich aus den unteren Bevölkerungsschichten, unb ba vielfach noch dazu aus ber Zahl derer, die in ber Schule nicht recht vorwärts kommen. Es ist soweit gekommen, daß man dem Jungen sagt: Wenn's mit dir nicht besser wird, mußt du ein Handwerk erlernen. Im anderen Fall darf der Junge Schreiber werden, ober Kaufmann; wenn er ein bißchen Zeichnen kann, muß er Architekt ober Maler werben unb wenn bis Mittel für bie Ausbilbung nicht reichen, bann gibt’« ja Stipendien. Man spart sich's am Munde ab, damit der Junge nur um alles in der Welt kein Handwerker zu werben braucht. Es ist in der letzten Zeit vieles in den Zeitungen über diesen Punkt geschrieben worden und an guten Ratschlägen, wie rnan's machen solle, um dem Handwerk wieder bessere Elemente zuzuführen, hat's nicht gefehlt. Ich fürchte aber, daß die meisten Schreiber der Artikel, in denen den abgehenden Schülern die Erlernung eines Handwerks empfohlen wird, sich's dreimal überlegen würden, wenn sie vor die Frage gestellt würden, ob sie ihren eigenen gut begabten Sohn ein Handwerk erlernen lassen sollten. Unb wenn sie selbst sich dazu entschließen könnten, so würden sie sich den schwersten Vorwürfen ihrer nächsten Verwandten unb Freunde aussetzen.
Wenn wir uns nun fragen, wodurch und seit wann dieser Umschwung eingetreten ist, so müssen mir als den ersten Ausgangspunkt ber rückläufigen Bewegung den Anfang des 19. Jahrhunderts bezeichnen, die Zeit, in der die alten Organisationen des Hanwerks kurzer Hand beseitigt wurden, ehe daß etwas Besseres an die Stelle gesetzt und in ber die Gewerbefreiheit proklamiert würbe. Durch die Aufhebung der Zünfte verloren die Handwerker nach und nach die Fühlung untereinander. Aus Kollegen wurden Konkurrenten unb wenn auch einzelne
„Endlich! Beeile dich, Licy! Wir kommen zu spät!"
Während et seine Schwiegermutter begrüßt, macht Felicie sich zum Ausgehen bereit.
„Ich bin fertig, Norbert! Adieu, Mutter! Du kommst doch nach?"
„Nein, nein, Kind — ich kann nicht, ich kann nicht!"
Und die arme Frau bricht in krampfhaftes Schluchzen aus.
„Was ist nun wieder los?" ruft Sarrington ärgerlich. „Ihr seid ja alle beide wie behext!"
Doch Felicie steht bereits auf der Treppe.
„Nichts, nichts, Norbert! Die Mutter ist ein wenig ermüdet von der Reise. Komm nur!"
Während ber kurzen Strecke nach dem Theater spricht Barrington lebhaft auf seine Frau ein Ihm liegt die heutige Vorstellung sehr am Herzen.
„Kannst bu auch deine Rolle ganz genau, Licy? ... Du weißt, die lange Wahnsinns- fgene! Gerda sagt, von dieser Szene hängt bet Erfolg des ganzen Abenbs ab. Wenn du befangen bist ober erregt, geht alles zum Kuckuck. Selbst mein Hamlet kann nichts herausreißen, wenn bu deine große Szene verdirbst. Hörst bu, Licy? ... So rede boch!"
'Im Theater angelangt, begibt Felicie sich sofort in ihre Garderobe.
Sie ist gerade dabei, ihre langen, schwarzen Haare aufzulösen, als Mary Fenton, die kleine Naive, eine besondere Verehrerin von Felicie, an ihre Tür pocht.
„Darf ich dir helfen?"
Felicie öffnet.
„Komm' nur herein!«
„Was für schöne Haare bu hast, Felicie! . . . Mein Gott, bist du nicht ein bißchen nervös? Du zitterst ja gar nicht! . . . Wenn ich die Ophelia spielen müßte — ich glaube, ich stürbe vor Angst!« i
So plaudert die Kleine darauf los und merk gar nickt, daß sie keine Antwott erhält.
. .(Fortsetzung folgt.)