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Deutscher Reichstasi.
(12. Sitzung vom 7. Mürz 1 Uhr.)
Der Reichstag beschäftigte sich am Donnerstag zunächst mit der ersten Beratung des
neu bewaffnet worden, und dieser Smith hat in Upington selbst ausdrücklich zugegeben, daß er im Dienste der Kapregierung stünde. Man entsinnt sich, dass dieser selbe Agent den Aufstand der Witbois verursacht hat, und ebenso ist bekannt, datz Vierfünftel aller von uns in Südwestafrika erbeuteten Gewehre englischen Ursprungs gewesen sind. Auch die Kriegsleitung der Eingeborenen in den Gefechten von Otji- Pana und Erotz-Nabas war in englischen Händen! Wenn England so sehr für die Durchführung des Völkerrechts schwärmt, so hätte es doch zunächst einmal die auf englisches Gebiet übergetretenen Flüchtlinge den Bestimmungen des Völkerrechts entsprechend behandeln sollen! Statt desien hat man das von diesen Flüchtlingen gestohlene Vieh in der Weise der gemeinsten Hehler gegen Waffen und Munition um« getauscht.
Und welche Ungeheuerlichkeit war überhaupt die ganze Stellung der Kapregierung in diesem Aufstande uns gegenüber. Es war eine Verletzung der englischerseits ausdrücklich gegebenen Anerkennung der deutschen Flagge, datz die Kapregierung diese Rebellen als kriegführende Macht behandelte. Wollte man aber wirklich die Berechtigung dieses Standpunktes ihr zugestehen, so hätte sie doch die Uebergetretenen entwaffnen müssen. Wenn also der Reichstag sich wirklich mit der Haager Konferenz zu beschäftigen haben sollte, so wäre es erwünscht, datz ein Antrag eingebracht würde, diese Haltung der englischen Kolonialbehörde auf der Konferenz als unvereinbar mit den Grundsätzen des Völkerrechts zu erklären. Und wenn die Haager Friedenskonferenz wirklich praktische Arbeit leisten wollte, so sollte sie sich vor allen Dingen mit der Frage des Privateigentums zur See beschäftigen. Damit würde sie auch der Entlastung der europäischen militärischen Budgets den besten Dienst leisten. Denn wenn niemand mehr auf See im Falle eines englischen Kaperkrieges Räubereien zu fürchten hätte, so wurden auch die europäischen Flotten wesentlich entlastet sein. Run wird ja freilich kein Verständiger England aus seiner Eigensüchtigkeit und anmatzenden Haltung einen Vorwurf machen; denn es handelt damit nur seiner Ueberlieferung gemäss, treulos und anmassend, wie immer. Aber was soll man zu deutschen Toren sagen, die solche Bedrohung unseres Vaterlandes noch obendrein unterstützen und sich einbilden, damit der Kultur und dem Fortschritte der Menschheit zu dienen!
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würde, die Hörner und hat. Denn nichts könnte den englische . Quertreibereien augenblicklich gelegener kommen, als dass man in England sich auf eine starke in Deutschland herrschende Strömung zugunsten der Abrüstung und der obligatorischen Schiedsgerichte berufen könnte. Es war ganz gewiss kein Zufall, dass die englische Presse den Ausgang der deutschen Wahlen mit einer so unverhohlenen Enttäuschung ausgenommen hat. Man hatte in England gehofft, dass die Sozialdemokratie verstärkt ans der Wahl herausgehen und in Gemeinsamkeit mit dem Zentrum die „ehrgeizige Politik" des Kaisers lahm legen würde. Man betrachtete daher die deutschen Wahlen geradezu als eine innerenglische Angelegenheit. Die ganzen Schiedsgerichts- und Friedensbe st re- bungen der Engländer beruhen, wie klar erkennbar ist, auf Unehrlichkeit und Heuchelei. Sie bezwecken nichts anderes, als unsere Wehrfähigkeit herunterzudrücken. Auch der vielbesprochene Aufsatz des Premierministers Campbell Bannermann in der Londoner Zeitschrift „The Ration", diente zweifellos diesem Zwecke. Was bedeutet es, datz das englische Marinebudget um 23 Millionen Mark ermässigt und datz statt der drei vorgeschlagenen Dreadnoughts nur zwei gebaut werden sollen für den Fall, datz die Haager Konferenz nach den Wünschen Englands ausfiele! Die englische Flotte ist ja heute schon der aller übrigen Länder überlegen, und ist durch die neuerliche Schaffung der Heimatsflotte und anderer organisatorischer Reformen i n ihrer Schlagfertigkei noch ganz wesentlich erhöht. Wenn England in der Abrüstung mit gutem Beispiel vorangehen wollte, so müsste es zunächst einmal die Hälfte seiner Schiffe außer Dienst stellen! Aber zu gleicher Zeit auf den ungeheuren Vorsprung Hinweisen, den die britische Flotte vor allen anderen hat und dann nur die Einschränkung des Baues um ein einziges Schiff in Aussicht zu stellen: das ist doch ganz gewiß das Gegenteil einer Abrüstung. Vor allen Dingen aber mutz Deutschland sich doch immer wieder fragen, gegen wen denn die englischen Rüstungen sich richten und was in aller Welt die Engländer zu der naiven Ansicht berechtigt, daß wir verpflichtet wären, unsere Nordseeküste schutzlos zu lassen. Oder ist etwa die englische Politik derart, datz sie für Deutschland ein Moment der Beruhigung dar- stellte? Eben jetzt wieder wird durch eine Schrift „Südwestafrika deutsch oder britisch" an eine ganze Reihe von Tatsachen erinnert, die uns wahrlich zur äussersten Vorsicht mahnen müssten. Die im Jahre 1904 von uns besiegten und entwaffneten Khauas - Hottentotten sind schon im folgenden Jahre von dem Agenten der De Beers-Cy., einem gewissen Scotty Smith,
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck imb Verlag' Joh. Äug. Koch, UniversttätS-Buchdruckerei
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
EnMche Ranke.
Der im Juni dieses Jahres zu erwartende Zusammentritt der zweiten Friedenskonferenz gibt der deutschen Demokratie wieder einmal Veranlassung, ihre gänzliche Unbrauchbarkeit zur Wahrung vaterländischer Ausgaben zu erweisen. In Eisenach hat während der letzten Tage der Kongress der deutschen Friedensvereine geragt und dem Reichstage feine Wünsche für den zweiten Haager Kongreß übermittelt. Für den Geist dieser Tagung war es bezeichnend, daß der berühmte Münchener Professor Quidde einen mit vielem Beifall aufgenommenen Vortrag über den aufsteigenden Entwicklungsgang der Menschheit vom Faustrecht zur internationalen Friedensorganisation hielt. Der Kongreß hat natürlich auch eine Entschließung angenommen, - wozu wäre er denn sonst dagewesen? In dieser Entschließung sprechen die Herren die Erwartung aus, „datz die deutsche Reichsregierung angesichts der hohen Bedeutung dieser Konferenz für das Wohl und Wehe des deutschen Volkes diese nur mit solchen Männern beschickt, die neben einer gründlichen Kenntnis der dort zur Beratung kommenden Probleme auch den ernstlichen Willen mitbringen, an dem Ausbau der internationalen Rechtsordnung und damit an der Förderung des Friedenswerkes positiv mit- zuwirken. Cie erhofft von dieser Konferenz nicht etwa nur Maßregeln zu einer weitgehenden Reglementierung des Krieges, sondern vor allem die Vorbereitung einer Festlegung des Völkerrechts, insbesondere die Weiterbildung der Schiedsgsrichtseinrichiungen in obligatorischer Richtung, die ernsthafte und eingehende Beratung einer internationalen Beschränkung der Rüstungen und die Vorbereitung einer die ganze zivilisierte Welt umfassenden Friedensorgani- sation. Sie fordert die Reichstagsabgeordneten auf, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln für die Unterstützung des oben entwickelten Programmes durch die deutsche Reichsregierung einznireten und sich der interparlamentarischen Union anzuschlietzen."
Ob die Herren in Eisenach wirklich nicht gewußt oder nicht geahnt haben, wie sehr sie mit diesen sogenannten Forderungen die Geschäfte von Deutschlands bittersten Feinden in einer wirklich nicht ZU Spässen geschaffenen politischen Lage besorgen Der zuversichtliche Ton ihrer Entschließung läßt dies fast voraussetzen, und es ist ja auch stets die besondere Eigenart der Sinkenden und Ermattenden, datz sie ihre unmännliche Haltung noch obendrein als Fortschritt der Kultur bezeichnen. Es wüte deshalb wünschenswert, datz im Reichstage diese anmatzmatzliche Entschliessung tatsächlich erörtert und den Eisenacher Herrschaften eine Antwort gegeben
Marburg
Sonnabend. 9. März 1907.
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
SountassLeilaaee Sttuttetetti SenttfMÄtontt.
Rand des Wagens; in ihren Schläfen hämmerte und pochte das heiße Blut, ihre Gedanken verwirrten sich, ihr Herzschlag stockte — sekundenlang verharrte sie regungslos.
Die Wärterin kehrte zurück, mühsam erhob sich Gabi, beugte sich über den Wagen, hob das schlummernde Kind empor, presste es an die stürmisch wogende Brust, bedeckte das warme, weu.je Gesichtchen mit leidenschaftlichen Küssen, bis die Kleine in Weinen ausbrach, und die Wärterin koofschüttelnd den Erguß ihrer Zärt- licykeit wehrend, dazwischentrat. Gabi legte das Kind in sein Bettchen zurück und eilte hinaus. Ohne sich umzusehen, durchmass sie die Flucht bei Wohnräume und trat auf den Korridor. Still — alles still, nichts regte sich, kein menschliches Wesen in der Nähe. Sie hemmte ihren Schritt, ichre Augen eilten suchend umher — dort, richtig — das suchte sie, ihren Mantel, ihren Hut. Sie nahm Beides vom Riegel, hüllte sich ein und setzte den Hut auf, dann öffnete sie leise die Korridortür — aber nein, ihr Fuß stockte. Sie dachte an Rupert. Sollte sie gehen, für immer gehen, ohne einen Gruß, ohne ein Wort der Liebe für ihn zurückzulassen. Sie flog mehr als sie ging in sein Zimmer zurück und an seinen Schreibtisch. Der Stuhl vor demselben war noch halb zurückgeschoben, wie er ihn heute verlassen, sie setzte sich, griff nach Papier und Feder und schrieb:
„Lebewohl, Rupert — mein Geliebter — und habe Dank für alle Liebe, für alles Glück, was du mir gegeben, — ein Glück, das unaussprechlich war und auch geblieben wäre, wenn die Schatten nicht gekommen wären — die Schatten — du kennst sie. Mein armer Kopf ist wirr vom. vielen Denken und mein Herz tut mir so weh. Du wolltest mich nicht gehen lassen, Rupert, weil du mich liebtest — aber ich konnte nicht bleibe» — verzeih mir — ich konnte nicht weiterleben neben dir--du hast ja das Kind. Gabi."
den Arzt fielen, bewegte sie die Lippen, als wolle sie eine Frage an ihn richten — aber es. war ein halblautes, unzusammenhängendes Murmeln und erschöpft sank sie in die Kissen zitt rück. Das Fieber stieg bis zu bedenklicher Höh^ Rupert brachte im Verein mit der Zofe die Nacht am Lager seines Weibes zu, es waren schwere, dunkle Stunden, in denen die Seele des Mannes für das geliebte Leben bangte und zagte, und in denen er kaum Musse fand, sich die auftauchende Frage zu beantworten:
„Was hatte Gabi zu dem späten Ausgang be^ stimmt? Was war geschehen?"
Die Kranke lag in heftigen Fieberphantasien, wirre, unzusammenhängende Reden, angstvoll geflüstert und unverständlich leise rangen sie sich über die heissen, trockenen Lippen. Auf ferne Erkundigungen bei der Zofe und Wärterin erfuhr er nut: die gnädige Frau sei den Nachmii- tag und Abend allein gewesen, dann einmal in die Kinderstube gekommen und habe, ehe sie wieder hinausgegangen — so berichtete die Kinderfrau — die Kleine so lange geküßt und so fest an sich gedrückt, bis sie geweint. Niemand hatte sie sortgehen sehen. Felsenbach schüttelte ratlos den Kopf. Er konnte und wollte der dunklen, schrecklichen Vermutung, die in ihm aufdämmerte, nicht Raum geben; er wollte nicht, und doch drängte sie sich immer gebieterischer in den Vordergrund seiner Gedanken. Endlich sprang er aus — es duldete ihn nicht mehr in dem halb- dunklen Raum bet Krankenstube, eine quälende Angst schnürte ihm die Brust zusammen — et ging in Jein Zimmer hinüber, ritz die Fenster auf und bog sich weit hinaus in die kühle, regen- schwere Nachtluft. Der Wind strich ihm übet Stirn und Wangen und trieb ihm die Regentropfen ins Gesicht, cs tat ihm wohl und tief atmete <r auf.
... Wd.)
Etatsnotgesetzes. Staatssekretär von Stengel wies darauf hin, datz für die Monat« April und Mai Vorsorge getroffen werden müsse, damit der laufende Gang der Verwaltung eine Unterbrechung nicht erleide. § 4 des Gesetzentwurfs solle den Reichskanzler ermächttgen zur Bestreitung einmaliger autzerordentlicher Ausgaben die Summe von 200 Millionen im Wege des Kredits flüssig zu mache»; diese Bestimmung sei lediglich erforderlich, um der Verwaltung völlige Bewegungsfreiheit zu lassen. Die Abg. Speck (Ztr.) und v. Richthosen (kons.) beantragten Verweisung an die Budgetkommif- sion. Dies wurde beschlossen und das Haus trat in die Besprechung der beiden von dem Abg. Dr< Roeficke-Kaiserslautern und von dem national- liberalen Abg. Schellhorn eingebrachten Interpellationen über die Reform des Weingesetzes ein. Zur Begründung sprach zunächst Dr. Roe- sicke. Er betonte, datz die heutigen Interpellationen von hohem Interesse für weiteste Kreise seien, da die Uebelstände in der Weinproduktton zum Himmel schreien. Die beiden Hauptbeschwerden der Winzer gipfeln in der Klage über mangelnde Kontrolle und über die Schädlichkeit der Bestimmung, die den Zucketwasserzusatz erlaubt, falls die Menge des Weins dadurch nicht „erheblich" vermehtt wird. Mit der Kontrolle stünde es in Preutzen am schlimmsten, deshalb seien auch hier die wenigsten Weinprozesse gewesen, nämlich nur 21 gegen 411 im nichtpreu- tzischen Südwesten. Namentlich die Pfalz gehe gegen die Weinfälscher mit großer Entschiedenheit vor. Die Auffassung, als ob nut in den Weingebieten kontrolliert zu werden brauche, fei ^ehr falsch, da unterirdische Weinberge sich überall anlegen lassen, namentlich auch in den Seestädten. Es habe sich bei der Mangelhaftigkeit des jetzigen Weingesetzes bereits eine besondere Industrie aufgebaut, die ihre Reisenden im Lande herumsenden und die Fälscher, je nach Wunsch, mit Rüdesheimer, Liebfrauenmilch, Hochheimer ufw. Bouguettstosfen, versorge. Bezeichnenderweise sei in allen Prozessen festgestellt, datz die Fälscher grundsätzlich keine Bücher über die verwendeten Stoffe geführt hätten. Durch den zu Schundpreisen angebotenen Kunstwein — in einem vom Redner verlesenen Falle kosteten 1000 Liter 134 Mark —, werde den Winzern der Verkauf ihres Weines überhaupt unmöglich gemacht, und damit einer bet fleißigsten unb tüchtigsten Berufsstände ruiniert. Im Namen seiner politischen Freunde stelle er vier Forderungen auf: einheitliche Kontrolle für das ganze Reich, Verpflichtung zur Führung eines Lagerbuches, räumliche und zeitliche Begrenzung der Zuckerung und ferner die Verkehrskontrolle. Jedenfalls müsse durch angestellte Beamte für die Durchführung des Gesetzes gesorgt werden. Abg. Schellhorn snatl.) begründete die zweit» Interpellation. Er wies darauf hin, daß di» Winzer jetzt bei halben Preisen doppelte Unkosten haben, und datz das Weingesetz von 1901 mit seinen Unklarheiten die Schuld an der eingerissenen Mißwirtschaft trage. Redner besprach, noch die Verhandlungen des letzten Weinparlai
Sie steckte das Blatt in ein Kouvert und sprang fort. Fort, nur fort, ehe es zu spät war. Schritte im Nebenzimmer--nur das nicht,
nur jetzt keine Behinderung — jetzt ober nie konnte sie handeln, wie sie, einem inneren Zwange gehorchend, tun mußte. Nein, es blieb alles still. Ihre überreizte Phantasie hatte sie getäuscht; zum zweitenmale stand sie bann auf bem Korridor, zum zweitenmale öffnete sie leise die Tür unb trat auf bie Diele hinaus — jetzt die Haustür, der Portier kannte sie, er blickte sie verwundert an, sie bot ihm flüchtig „Guten Abend" und trat auf die Strasse.
Der feine Sprühregen fiel ihr ins Gesicht, unb bet Winb zerrte an ihrem Mantel; sie lehnte sich wie erschöpft an den Türpfosten, aber es mutzte sein, mit Aufbietung ihrer ganzen Willenskraft raffte sie sich auf unb schwankte vorwärts. Sie hatte ihre Kräfte überschätzt, ihre Füße schwankte», sie war unfähig, noch einen Schritt weiter zu tun, es wurde dunkel vor ihren Augen.
Eine Droschke in scharfem Trabe anfahrend hielt vor dem Hause, ein Mann sprang heraus, es war Felsenbach, der vom Prinzen heimkehrte. Er sah die Frauengestalt, sah sie wanken und war mit einem Schritte neben ihr. Seine Arme umfingen die Strauchelnde, unb mit tätlichem Erschrecken erkannte er sein Weib. Tiefe Ohnmacht umfing Gabriele. Rupert nahm sie auf unb trug sie in den Hausflur, unb bann mit Hilfe bes Portiers unb besten Gattin in die Wohnung. Ein Glockenzeichen tief Diener und Kammerjungfet, Gabi würbe in ihr Schlafzimmer getragen, bet Portier zum Arzt gefanbL Felsenbach war in fieberhafter Aufregung, ba zunächst alle Versuche, Gabriele ins Leben zu- rückzurusen, scheiterten, erst die energische» Bemühungen des bald erschienenen Arztes hatten den gewünschten Erfolg — Gabriele schlug langsam bie Augen auf und blickte mit wirrem, erstauntem Ausdruck um sich. Als ihre Blicke auf
Schatten.
Roman von B. v. d. Lancken.
(Fortsetzung).
Eabrielens Herz wallte auf in heisser unaussprechlicher Liebe. Sie schickte die Wärterin mit einem Auftrage hinaus unb sank neben bem Wagen auf bie Knie.
„Vergib mir, Vater im Himmel, vergib mir," flehte sie, „daß ich nur einmal, nur ein einziges Mal benken konnte — „Er wird bie Sünben bet Bätet heimsuchen an ben Kindern bis ins dritte und vierte Glied" — übertönte bie innere Stimme ihr Gebet, „die Sünden der Väter". Sie legte die Hand an die Stirn — die Sünden der Väter? — Ihre unb Ruperts Siinbe? Der Mörder ihres Bruders — ihr Gatte! Das war es, das Furchtbare, dessen sie nicht mehr Herr zu werben vermochte, das war es, bas sich ihr immer wieber aufbrängte, was sie verscheuchte aus der Nähe ihres Mannes, was sie erzittern wachte, wenn sein Arm sie umschlang, bas war es, was sie auch heute abenb selbst an bet Seite ihres Kinbes keine Ruhe finbett ließ, bas war die Siinbe, beten Fluch sie fürchtete unb beit sie glaubte, abwenden zu können von diesem geliebten Haupt, wenn — sie ihre Verbindung mit Rupert löste, eine Verbindung, die — sie erkannte cs deutlich — nie wieder werde» könne, was sie gewesen, — eine Verbindung, die sie weder heilige», noch veredeln, noch beglücken würde trotz der tiefen Liebe, bie sie unerschütterlich in ihrem Herzen für Rupert hegte. Diese Liebe, sie wat es ja, bie ihr ben Kampf so schwer machte — biese grosse Liebe!
„Nie!" hatte er gesagt, als sie ihn gebeten, in eine Trennung zu willigen, „nie!" würde er auch heute, würde er immer sagen und schließlich doch ebenso schwer an der Kette tragen, die sie verband. Ihr Haupt sank langsam auf den