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uni Kirchhain.

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Marburg

Donnerstag 7. März 1907.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck tmb Verlag' Joh. Ang. Koch, UmversttätS-Buchdruckerei Marburg, Markt 21. Telephon 55.

42. Jahrg.

Zweites Blatt.

Das Ergebnis der Viehzählung in Preußen.

Anter dem Eindrücke der Fletschteuerung ist ßn Preußen am 1. Dezember 1906 eine außer­ordentliche Viehzählung ve»anstaltet worden. Maßgebend war dafür die Absicht, mit der Fest- jstellung des Viehbestaitdes einwandfreies Ma­terial für die Beurteilung der Ursachen jener Feuerung zu gewinnen. Die kürzlich festgestellten vorläufigen Ergebnisse sind nunmehr in der .amtlichenStatistischen Korrespondenz" der 'Oeffenilichkeit übergeben worden. Da diese Er- tzebnisse zweifelsohne ein großes und aktuelles «Interesse besitzen, so sei das Wichtigste derselben sim folgenden unseren Lesern mitgeteilt.

DieStatistische Korrespondenz" unternimmt 'zunächst einen Vergleich der absoluten Zahlen des Wehbestandes Preußens in den Zähren 1873 und 1906. Danach waren int Jahre 1873 in Preußen vorhanden 2 282 435 Pferde, 8639514 Rinder, 19 666 794 Schafe, 4 294 926 'Schweine, während sich 1906 die entsprechenden Hahlen auf 3 021 087, 11630 672, 5 426 851 und 15 334 762 stellten. Weiterhin sind sodann zu seiner eingehenderen Beurteilung der Bewegung 'des Viehstandes die Ergebnisse der einzelnen zwischen den Jahren 1873 und 1906 liegenden Höhlungen herangezogen worden. Aus den mit- sgeteilten Zahlen ergibt sich eine seit 1873 nicht sehr schnell, aber ungemein stetig fortschreiten.de ^Zunahme des Pferdebestandes in Preußen. Bei >dem Rindvieh ist die Entwicklung nicht so gleich- ' mäßig. Die Zunahme ist beträchtlich, jedoch ^weniger regelmäßig! von 1900 auf 1902 ist sogar ein Rückschritt zu verzeichnen, den die nächste Zählperiode von 1902 auf 1904 aber mehr aus­glich. Die Schweine haben eine sehr erhebliche Vermebrung erfahren, iedoch ebenfalls nicht ohne einen kurzen Rückschlag in der Zeit von 1902 auf 1904. Dafür ist aber die Vermehrung ihrer Stückzahl zwischen den Zählungen von 1904 und 1906 so bedeutend gewesen, wie nie­mals zuvor seit 1873. Die Schafe endlich haben fortdauernd abgenommen, jedoch verlanasamt sich der in früheren Jahren äußerst schnelle Rück­gang schon seit 1902 beträchtlich. Lehrreich ist die Vergleichung der Zusammensetzung des preußi­schen Viehbestandes jetzt und 1873, wenn man eine Rangordnung nach der Stückzahl der ein­zelnen Viehgattungen bildet. Im Jahre 1873 nahmen die Schafe den ersten, die Rinder den zweite», dieSchweine den dritten und die Pferde den letzten Platz ein: 1906 dagegen standen an der Spitze die Schweine, es folgten die Rinder, dann die Schafe und schließlich wieder die Pferde.

Am meisten fällt bei dieser Uebersicht die außerordentlich starke Zunahme der Schweine und die im Vergleich zu früheren Jahren sehr viel langsamere Abnahme der Schafe int letzten Zählungszeitraum vom 1. Dezember 1904 bis 1. Dezember 1906 in die Augen. Eine Vermeh­rung des Schweinebestandes um 2 770 863 Stück in nur zwei Jahren ist früher auch nicht an­nähernd beobachtet worden. Die stärkste Zu­nahme brachte bisher der neunjährige Zeitraum von 1883 bis 1892; sie betrug aber nur 1906 465 Stück. Die Verminderung des Schafbestandes ferner hat seit 1902 einen sehr viel langsameren Schritt eingeschlagen; denn während noch 1900

bis 1902 der Verlust über eine Million betrug, sank er von 1902 bis 1904 auf wenig über und von 1904 bis 1906 sogar auf unter eine Viertel­million. Diese Tatsache dürfte ihre Deutung an erster Stelle in den sich hebeitden Wollpreisen finden. Die übermächtige Konkurrenz Süd­afrikas und Australiens hatte einen gewaltigen Preissturz der Wolle auf dem Weltmärkte zur Folge und wirkte auf die deutsche Woller­zeugung geradezu vernichtend. Infolge der fortschreitenden Industrialisierung der Woll­länder und der monopolistischen Ausbeutung ihrer Herrscherstellung auf dem Weltmärkte hat nunmehr aber wieder ein Steigen der Woll­preise begonnen, das sich in der Zukunft noch er­heblich fortsetzen dürfte. Will man diese Er­scheinung für die Volkswirtschaft prakti'ck, ver­werten, so kann solche Verwertung jedenfalls nur nach feiten der Befürwortung einer kraft­vollen Schutzzollpolitik liegen, die möglichst ir­den heimischen Erwerbszweig vor der Er­drückung durch das Ausland sichert; denn solche Sicherung kommt am letzten Ende stets auch der Allgemeinheit durch Fernhaltung von Monopol­preisen zu gute. Etwas ganz Analoges sehen wir übrigens gegenwärtig sich auch auf dem Leinemarkte vollziehen, doch das nebenbei.

Wir lassen es für heute bei dieser kurzen Uebersicht der vorläufigen Ergebnisse der preu­ßische!'. Viehzählung vom 1. Dezember v. I. be­wenden. Eins ergibt sich daraus jedenfalls schon jetzt mit unbezweifelter Sicherheit, daß Vieh- mangel nicht die Ursache der Ver­teuerung des Fleisches für den Kon­sum e n t en sein kann.

Die Verhaftung einer Gesund eterin erregt in Berlin mit Recht großes Aufsehen; denn sie steht im Zusammenhänge mit der Er­krankung einer ganzen Familie an religiösem Wahnsinn, über die bereits gestern berichtet wurde.

Der ungemein betrübende Vorgang in der Familie des Oberzahlmeisters Sagave ist um so tragticyer, als naturgemäß die schwere seelische Erschütterung, die zu dieser geistigen Umnach­tung führte, und aus tiefer Liebe und einem herzlichen Familienleben innerlich erklärbar er­scheint. Ein Zug zur religiösen Schwärmerei wohnte der bedauernswerten Frau schon seit langer Zeit inne und erklärt es auch, daß die unter ihrem unmittelbaren Einfluß stehenden und im Hause weilenden beiden Töchter, die Tag und Nacht von ihr zum Beten angehalten wur­den, schließlich den Wahnvorstellungen verfielen. Von den beiden Söhnen bereitete der eine sich für das Einiabrio-Freiwilligeneramen vor; der andere weilte überhaupt nicht in Berlin, son­dern kehrte erst am Abend vor der Katastrophe heim. Um so erstaunlicher ist es, daß beide alei-bfalls von dem religiösen Wahnsinn ange­steckt wurden, und dieser gerade bet ihnen am heftigsten sich äußerte. Ja, die seelische Epide­mie ergriff sogar eine junge Hausbewohnerin, die nur gelegentlich in der Familie Sagave ver­kehrt hatte. In Herzberge sind die dort unter­gebrachten irrfinnigenFamilienmitglieder selbst­verständlich von einander getrennt worden, und ein abschließendes Urteil über ihren Gesund­heitszustand wird abzuwarten bleiben.

Desto abgeschlossener dagegen ist das Urteil über die verhaftete Frau Gräfe. Auf diese wurde die älteste Tochter des Oberzahlmeisters, die an einem Krebsgeschwür litt, aufmerksam ge­macht, und sie ließ sich dazu verleiten, mit ihrer li.' i i i ii ii i "i i ...... iii"i

Aus Amerika.

.4 Eine geographische Veränderung ersten Ranges hat sich in den letzten zwei Jahren in Nordamerika vollzogen, der Durchbruch des großen Koloradostromes in das abflußlose Ge­biet des Salto» Sink. Die ganz wenigen Stellen auf der Erde, wo gewalttge Flüsse keine Ver­bindung mit dem Weltmeer habe», sind dadurch um eine sehr wichtige vermehrt worden: ein Stromgebiet von mehr als der Größe des Deut­schen Reiches hat jetzt keine Gemeinschaft mit den Welrgewässern mehr: der Kolorado, ein Strom von fast 3000 Kilometern Länge, fließt nicht mehr in den Golf von Kalifornien, sondern in den Imperial Valley, die ehemalige Kolorado- wiiste. Schon früher brachen wohl manchmal die durch Hochfluten angeschwollenen Gewässer des Stromes seitwärts aus und gelangten in die Koloradowiiste: jetzt ist der gesamte Strom dorthin abgelenkt worden, und kunstvolle und schwierige Jugenieurarbeiten sollen ihn wieder kn sein altes Bett zwingen und so zum Golf pon Kalifornien zurückleiten. Wir lesen in der Köln. Ztg." über die Versuche darüber:

$ Die künstliche Bewässerung der Kolorado­wüste, deren tiefster Teil eben das Salto» Sink i(81 Meter) ist, hatte 1901 mit einem Gräben begonnen, der, in Kalifornien hart an der mexi­kanischen Grenze beginnend, zuerst einen halben '

Kilometer westwärts, dann gleichlaufend mit dem Koloradofluß auf merikanifchem Boden etwa 20 bis 30 Kilometer südlich und ebenso weit wieder westwärts zu dem Trockenbett des Alamo geführt worden war, in dem das Wasser nordwestlich zurück nach Kalafornien dem Sal­to» Sink zufloß und in dem neuen Imperial Valley (bet ehemaligen Koloradowüsiel zur Be­rieselung verwandt wurde. Dieser Graben faßte aber nicht genügend Wasser, und so wurde 1904 mit Genehmigung der mexikanischen Regierung, aber ausschließlich zum Vorteil Kaliforniens, ein weiterer Durchstich vorgenommen, ungefähr da, wo der Kanal nach seinem südlichen Ver­lauf sich wieder westwärts wendet. Dieser Durch­stich erreicht den Kanal nach einem halben Kilometer, und seine Breite betrug anfäglich nur zwölf Meter, aber die Kanalgesettsckiaft, ein privates Unternehmen von Geldleuten der süd­lichen Stillen Weltmeer-Bahn (Southern Pacific), beging den unglaublichen Fehler, den Durchstich nicht durch eine Schleusenanlage gegen die jährlichen Hochfluten des Frühsommers zu schützen, wenn der Schnee schmilzt und der Strom mächtig anschwillt. Es dauerte daher auch nicht lange, bis der Kolorado in die Böschung des neuen Durchstichs hineinfraß, und im Frühsom­mer 1905 ritz er eine so gewaltige Oeffnung, daß er sich seither mit seiner ganze» Wassermasse durch den Graben nach dem Alamo und einem zweiten Trockenbett. dem des New River, west­

Mutter dieser Dame sich anzuvertrauen. Schon nach dem ersten Besuche schloß sie auch die jün­ger Schwester den Gebeten der Frau Gräfe an und zwar erfolgten diese immer häufiger, schließ­lich Abend für Abend. Die Heilmethode der weisen Frau kennzeichnete sich am besten in der Vorschrift, daß sie dem an einem Krebsge- schwür leidenden Fräulein Sagave verbot, et­was zu essen, was in das Haus hineingebracht würde. Als dann die im Hause vorhandenen Nahrungsvorräte zur Neige gingen, hat das junge Mädchen tatsächlich gehungert, und dies mag ihre ohnehin erschütterten Nerven noch schwerer geschädigt haben. Zweifellos ist der religiöse Wahnsinn bei den weiblichen Familien­mitgliedern auf diese Einflüsse zurückzuführen, und es bleibt gar keine andere Annahme, als daß diese geistige Umnachtung auf die beiden Brüder ansteckend gewirkt hat. Ob und inwie­weit auch die Frau Gräfe etwa selber religiösen Wahnvorstellungen unterworfen ist oder wieweit bei ihr mit solchen Bewußtseinstrübungen abge­feimte Berechnung sich mischt, das dürfte wohl selbst für die Sachverständigen eine selten schwie­rige Frage fein.

Wer in der immer weitergehenden Entwick­lung den Inbegriff menfihlicher Kultur erblickt, mag hier vor einem Rätsel ohnegleichen stehen. Solche Ausbrüche ansteckenden religiösen Wahn­sinns vflegte man doch sonst nur bei Sektierern in den fernsten Winkeln der russischen Steppe oder in verschneiten Dörfern enger Pyrenäen­täler zu finden, und die Aertte erklärten diese seltsamen Erscheinungen gewöhnlich aus der Einsamkeit jener weltfremden Gegenden. In Wahrheit gibt es aber nichts Einsameres, Trost­loseres und Verlasseneres als das Leben so man­cher Unglücklichen in dem mitleidslosen Gewim­mel der Großstadt. Und zwar trifft dies Schick­sal harter Vereinsamung am leichtesten gerade gebildete Familien. Das ist auch keine neue Wahrheit und sie beschränkt sich nicht etwa auf Berlin. Denn wohl nirgends hat religiöse Schwärmerei verzerrtere Formen angenommen als im englischen und namentlich auch im ameri­kanischen Großstadtleben mit seinem harten Kampfe ums Dasein und seiner mitleidslosen Selbstsucht. Ma» denke nur an die wider­lichen Erscheinungen der Londoner Straßenbeter und an die amerikanichen Erweckungsfeste!

Marburg und Urugrgend.

(Nachdruck aller Crtgmalattitel ist gemäß § 18 del Urheberrecht» nur mit der deutlichen Ouelleuangabr .Obrrheff. gtg." gestattet!

Marvnrq. 6. März.

* Verbot der Annahme von Ehrengeschenken von Untergebenen. Aus Hessen-Darmstadt mel­det dieFrff. Ztg.", daß es durch Verfügung des Grotzh. Ministeriums des Innern allen hessischen Beamten untersagt ist, ohne besondere mini­sterielle Genehmigung Ehrengeschenke von Un­tergebenen anzunehmen. Wie streng diese Ver­ordnung gehandhabt wird, ist daraus zu erken­nen, daß jüngst die oberste Schulbehörde einen städtischen Hauptlehrer, der sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum feierte und aus diesem Anlatz von dem ihm unterstellten Lehrpersonal eine Uhr zuni Geschenk erhalten hatte, durch die Kreisschulbehörde auffordern ließ, sofort das Geschenk zurückzugeben. _

* Aus der Ostmark. Man schreibt uns: West- preußen und Posen zwei Sorgenkinder des preu-

lich vom Alamo und diesem gleichlaufend, zum Salto» Sink ergoß.

Nun begann die Kanalgesellschaft vom nörd­lichen User ihres Durchstichs aus einen Damm mit Balken, Flechtwerk undSandsäcken zu bauen, um den Strom zurückzuzwingen; aber je weiter der Bau fottschritt, um so schneller ritz der Strom auf dem südlichen Ufer neue Stücke ab, und der Versuch wurde aufgegeben. Da nun der Durchstich gegenüber der Mitte einer Insel im Kolorado beginnt, so setzte sich ein zweiter Versuch die Aufgabe, am oberen Ende der Insel einen Damm in den Kolorado zu bauen, damit der Strom ganz in die östliche Wasserrinne ge­trieben uriitoe, was den Durchstich trocken ge­legt hätte. Fndsßvr am 30. November 1905 ritz ein Hochwasser das ganze obere Ende der Insel hinweg. Im Sommer 1906 versuchte man es dann mit einem neuen Durchstich etwas oberhalb des neuen Strombettes; bei diesem Durchstich wurde von Anfang an eine Schleuse angelegt, und man rechnete, man könne den Strom durch den neuen Durchstich leiten, dann den alten, vom Strom auf Kilometerbreite er­weiterten Durchstich durch einen Damm abschlie­ßen und endlich die Schleuse des neuen Durch­stichs zumachen, so datz der Strom alle Zugänge zum Imperial Valley verschlossen fände. Aber o wehe, als man am 11. Oktober 1906 den Kolo­rado durch den neuen Durchstich leitete, ritz er alsbald die ganie S-bleuse mit fort.

ßischen Staates und der evangelischen Kirche. Wird es gelingen, in der Ostmark das Deutsch­tum zu erhalten, wird in der Ostmark die evan­gelische Kirche lebensfähig bleiben zwei viel« umstrittene Fragen. Ein sehr erfreuliches Zek chen von dem guten Geist und dem Kraftgefühs der evangelischen und deutschen Bewohner bet Ostmark ist es zweifellos, daß sie die Durchfüh­rung des ihnen aufgedrungenen Kampfes nicht der Kirche und dem Staate allein überlassen, sondern selbst auf den Plan treten, ihrer Sach« zum Siege zu verhelfen. So ist z. B. im Jahr» 1896 der Evangelische Verein für Waisenpfleg« in der Ostmark gegründet, der sich die Aufgabt gestellt hat, anhanglose evangelische Kinder bet deutschen Westens zu ihrem eigenen Besten unX zur Stärkung der deutschen evangelischen Sacht in die ländliche Bezirke der Provinzen Pose« und Westpreußen zu verpflanzen. Zur ErsMunf dieser Aufgabe ist in dem neugegründeten beut» scheu Bauerndorfe Reuzedlitz im Kreise Witkow» das Restgut eines ehemaligen polnischen Herren­sitzes angekauft und zu einem Waisenhause ein­gerichtet worden. In diese Sammel- und Durch- gangsstelle werden die Kinder zunächst überführt Ein Teil von ihnen bleibt alsdann in und bei Reuzedlitz, die anderen werden in die mit Neu« zedlitz im Verbände stehenden Erziehungsanstal­ten in Westpreutzen und Posen abgegeben und alle diese Anstalten bringen die Kinder, sobald sie körperlich erstarkt und die Gefährdeten sittlich fest geworden sind, in geigneten evangelischen Familien unter und übernehmen die Pflicht, diese Kinder dauernd unter Aufsicht zu behalten. Schon find auf diese Weise durch den Verband 450 Kinder in die Ostmark überführt, etwa 100 davon sind bereits aus der Schule entlassen und ins Berufsleben eingetreten. Waisen, welch« in der Großstadt keine Anverwandte haben, mit denen sie Beziehungen unterhalten können, eben« so außereheliche Kinder, wen» sie verlassen da« stehen, aus der Großstadtluft, die wahrlich für Kinder nicht die beste ist, in die gesundheitlich so günstig gestellte Ostmark zu versetzen, ist schon an und für sich ein guter Gedanke, aber dieser $etr ein will ja noch mehr für diese Kleinen wirken Er behält nur 100 Mk. von dein ihm bewilligte» Pflegegeld, der Mehrbetrag wird für jedes Kind zinsbar angelegt und soll ihm später, wenn die herangewachsenen Zöglinge sich in Westpreußen oder Posen seßhaft machen, als Aussteuer bezw. Betriebskapital ausgezahlt werden. Schon ist es dem Verein gelungen, aus 16 Städten Kinde» zu erhalten, für welche in der Regel ein jähe» liches Pflegegeld von 160 Mk. gezahlt wird. So werden für die meiste«! Kinder jährlich 60 Mk. gespart. Kommt nun ein Kind recht frühzeitig in die Pflege des Vereins, so kann die Spar« summe mit Zinsen zu 900 bis 1000 Mk. ange­wachsen sein, wenn der Zögling 24 Jahre alt ge­worden ist; 1000 Mk. ist aber ein Kapital, mit dem in der Ostmark sich schon etwas anfangen läßt. In der Ostmark besteht die große Gefahr, datz der deutsche evangelische Handwerkerstand verschwindet, weil es den Meistern nicht mehr möglich ist, evangelische, deutsche Lehrlinge zn erhalten. In der Ostmark ist so manche Familie, welche konfirmierte Knaben oder Mädchen zur Ausbildung in der Wittschaft gern in ihr Haus nehmen und wie die eigenen Kinder behandeln

Jetzt wurde mit neuem Eifer ein verstärkte» Damm durch das neue Flußbett gelegt, und siehe da, diesmal glückte es: am 4. November 19Ö6 war das Werk getan, und der Kolorado' floß in majestätischer Ruhe zum Golf von Kali­fornien zurück. Aber die Freude sollte von kurzer Dauer sein. Schon am 7. Dezember brach der Strom, der infolge seiner ungeheuren Schlickmassen höher liegt als das Land zu beiden Seiten, einen Riß in fein rechtes Ufer, einet» Kilometer südlich des Dammes, und bald dar­auf einen zweiten, naher dem Damme, und' fließt nun abermals in dem Bett, das er sich 1905 geschaffen hat, zum Salton Sink, oder besser gesagt, zum Salton-See, denn bereits ist dort ein Binnensee von 1050 Geviertkilometern und 18 Metern Tiefe entstanden, der an Grüße unter den abflußlosen Seen Nordamerikas nu» vom Großen Salzsee übertroffen wird. Falls in den nächsten Monaten nicht Hilfe geschaffen' wird, werden alle Anlagen des Imperial Valleys unter Wasser gesetzt werden, und es wird bott im Laufe eines Menschenalters ein See voni 5000 Geoiertkilometern Größe entstehen. Dies amerikanische wie die mexikanische Regierung- sind willens, einzuschreiten, und es ist zu hofsenl daß die rechtlichen Bedenken, die man km Kon^ gretz zu Washington hat, einem Naturunheil, wie dem geschilderten, gegenüber nickt lan-d standhalten. ,