mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Marburg
Sonnabend. 2. März 1907.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag' I»-. klug. Loch, UniversttStS-Guchdmckerek
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
42. Jahrg.
k Deutscher Reichstag.
(6. Sitzung vom 28. Februar.)
Haus und Tribüne» schwächer besetzt, als an ben vorhergehenden Tagen.
I Das Haus beschloß auf Antrag der Polen, ein Strafverfahren gegen Stychel (Pole) für die Dauer der Tagung einzustellen, und tritt dann In die Fortsetzung der Etatsberatung ein.
! Abg. Schrader (frs. Vgg.) kam zunächst auf die in der letzten Sitzung vom Abg. Fürsten ^Radzimill berührte Polenfrage zurück und be- -merkte in Bezug auf den Schulstreik, daß die jetzigen Zustände unhaltbar wären; es wäre zu wünschen, daß wir dort endlich zum Frieden gelangen. Das gute Recht des Reichskanzlers, seine Meinung in der Wahlbewegung zu äußern, erkenne auch er an, nur hätte er mehr dabei die -Ziele seiner Politik klarlegen sollen. Die Wirtschaftspolitik habe der Herr Reichskanzler uns feinen Ausführungen jedoch ganz ausgeschaltet; sie sei, so meinte er, auf das schönste geordnet. Er will sie nicht ändern, und wenn er es wollte, könnte er es nicht. So werden wir auch Amerika gegenüber mit dem Provisorium weiter wirtschaften müssen. Niemand habe mehr Zweifel daran, daß unsere Zollerhöhung eine erhebliche Verteuerung der Lebenshaltung herbeigeführt shabc. Die jetzt im Reichstage geschaffene soge- ,nannte nationale Mehrheit werde die drei Mehrheitsgruppen nur selten vereint finden. Die Mittelftandspolitik liege auch seiner Partei hm Herzen, aber diese Politik bestehe nicht in der Durchführung des einen oder anderen Einzel- dunktes, sondern in der Erhaltung der Hochkonjunktur, deren Rückgang von den kleinen Existenzen am schwersten cnipfunden werde. Redner erging sich dann in breiten Auseinandersetzungen über das starke Anschwcllen der Reichsausgaben «nd das relativ geringe Steigen der Einnahmen ^»ind fordert von der Regierung die Erhaltung seiner gesunden Finanzpolitik.
v Abg. Zimmermann (Wirtsch. Vgg.) bemerkte, wenn der Vorredner das Ergebnis der Mehrheit des konservativen und liberalen Geistes fei, so bedanke er sich schönstens für diesen. Herr Schra- jder rede von Mittelstandspolitik, versage aber in der Praxis. Seine Partei müsse Verwahrung dagegen einlegen, daß bei der Börsenreform an den Grundsätzen des jetzigen Gesetzes gerüttelt werde. Dem Treiben der ausländischen Revo- kutionäre an unseren Hochschulen müsse ein Ziel gesetzt werden. Die Erhaltung des Mittelstandes jnüsse die erste Aufgabe nationaler Politik sein. . Abg. Payer (siidd. Vp.) bemerkte, der Herr Reichskanzler habe der Linken eine Reihe von
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Nachdruck verboten.)
Schatten.
Roma» von B. o. d. Lancken. (Fortsetzung).
Siebe ntesKapitel.
Schatten! —
- Nu» waren sie da, sie drückten auf Gabis Demut, beeinträchtigen ihre Stimmung, sie ent« IP taugen einer bestimmten, quälenden Idee und fortleugnen. Unheimlich, wie etwlw Gespensterhaftes, hatten sie sich anfangs flclßßcrt’ nut hier und da, kaum wahrnehmbar und auch nicht beachtet, bis fke an Ausdehnung gewannen, sich immer weiter pusbrerteten und allmählich den Sonnenschein in der Seele der jungen Frau ganz verhüllten
Rupert v. Felsenbach war seit Wochen anfangs mit dem Prinzen auf Reisen gewesen und letzt auf Schloß Vvonne. Man schrieb September, feit Anfang August war er fort, und Ea- Driele mit der Mutter und Schwester in Mis- »roy. ^elsenbach war ungern gegangen, aber er mochte dem sehr leidenden fürstlichen Freund feine Bitte nicht abschlagen, und Gabriele riet - .bst dazu. Die Baronin Tromsau befand sich Mährend der Reise ihres Gemahls in Schwal- Dach, und erst auf Schloß Pvonne vereinigte sich das Ehepaar wieder. Während Cabiele in foerfin nodi allein war, entwickelte sich ein re« Fcrm>- . M,r Zwischen ihr und Ulrike, und hier In Misdroy waren beide ganz aufeinander angewiesen. Aber gerade dies trug dazu bei die junge Frau nach mehr zu verdüstern und die Kümmernisse zu vermehren, sodaß selbst die frohe Aussicht, daß ihre Ehe, ihr Leben in nicht zu ferner Zeit noch reicher an Glück und Liebe -verden würde durch ein Kind, es nicht vermochte, sie umzustimmen oder die melancholi- fchen, selbstquälerischen Gedanken zu verscheuchen.
' Der Beobachtung Ulrikens konnte dieser seelische Zustand nicht verborgen bleiben und scharf kombinierend, wie es ihre Art war, beschloß sie
Andeutungen gemacht, die Beachtung verdienten. Die Art der Ankündigung des Börsengesetzes befriedige ihn. Die konservativ-liberale Paarung sei ohne Betätigung der Beteiligten zustande gekommen. Wenn der Herr Reichskanzler regieren wolle, müsse er sich ganz und gar auf die Linke (!) stützen; versage er in dieser Beziehung, so würde eine furchtbare Enttäuschung die Folge fein.
Abg. Eroeber (Zentr.) verbreitet sich eingehend über die Stellung seiner Partei. Das Zentrum habe an demselben Tage, an welchem der Reichstag aufgelöst worden sei, die Bewilligung der geforderten Bahn beschlossen, dem Beschlüsse sei nur keine Folge gegeben worden, weil der Kolonialdirektor entgegen seiner in vertraulicher Besprechung gemachten Zusage nicht gewisse Akten, sondern selbst nur Auszüge daraus vorgelegt habe. Man könne dem Zentrum nicht vorwerfen, daß es in nationalen Fragen versagt habe. Wenn es dem Antrag Ablaß nicht zuge- stimmt habe, so habe das nur daran gelegen, daß dieser Antrag alles in das Belieben der Regierung stellte. — Während der Rede des Abg. Groeber kam es zu einem kleinen Zwischenfall. Der Chef der Reichskanzlei von Löbell rief nämlich dem Redner einige Worte zu, worauf Eroe» der erregt rief: „Sie haben mir gar nichts zu sagen! Wenn der Präsident mich nicht schützt —
Darauf erwiderte vom Prästdententische Vizepräsident Paasche: Herr Abgeordneter, Herr von Löbell steht Ihnen so nahe und flüsterte Ihnen einige Worte so leise zu, daß wohl nur Sie allein sie verstanden haben. Ich habe sie jedenfalls nicht verstanden, konnte Sie also nicht schützen!"
Stellvertretender Kolonialdirektor Dernburg bemerkt gegenüber einer einzelnen Ausführung des Abg. Eroeber, er habe dem Abg. Dr. Spahn genau die Akten zur Berfügung gestellt, die diese« erbeten habe. Die Vorträge des Oberstleutnants Quade und des Hauptmanns Salzer seien vor dem Wahlkampfe gehalten worden; sie dienten der Aufklärung des Volkes. Wegen einer Lappalie fei der Reichstag wirklich nicht aufgelöst worden. Rach dem damaligen Zentrumsantrage hätte das Zentrum bezw. die Reichstagsmehr- heit das Oberkommando übernommen. Das dursten wir nicht dulden. (Lebh. Beifall).
Staatssekretär Graf v. Posadowsky: Der Reichskanzler, der heute und morgen nicht hier erscheinen kann, wird auf die Angriffe noch zurückkommen. Herr Eroeber fragte: Wie kann man den Kampf gegen eine Partei eröffnen, die wiederholt nationale Forderungen erfüllt hat? Solche Vorgänge entwickeln sich psychologisch. Die Vorgänge am 13. Dezember waren offenbar nur die letzten Ursachen. Auch schon vorher sind doch
zunächst indirekt zu erforschen, ob ihre Vermutungen auf Wahrheit gegründet seien. Gräfin Natalie legte bis jetzt wenig Wert auf Gabis wechselnde Stimmung und sucht« die Ursache in nichts anderem, als ihrem körperlichen Befinden.
Es war einer der ersten Tage im September, als die Schwestern, von der Landungsbrücke kommend, am Strand entlang nach dem Kaffeeberg zugingen. Nach einer Reihe sonniger Tage war der Himmel heute von grauen Wolken bezogen, und wildbewegt schlug das Meer seine hochtürmenden, mit weißen Schaumköpfchen gekrönten Wellen brausend an das Ufer. Gabi hatten ihren großen, weißen Strandhut aufge- setzt und unter diesem hervor sah ihr süßes Ge- sich ernst und träumerisch auf die unendliche, wild bewegte Wasserfläche.
„Dieser Tag in seiner Beleuchtung, in allem, erinnert mich an jenen, ganz ähnlichen, wo wir mit den Eltern in Heiligendamm bei Doberan waren, weißt du noch?" begann Ulrike. „Du standest auf der Brücke, das Meer war stürmisch, vielleicht noch etwas mehr wie heute —"
„Ja, ja, ich weiß," antwortete Gabriele mit einer Betonung der Abwehr, als wollte sie den Bericht nicht weiter hören. Ulrike schien es nicht zu bemerken und fuhr ruhig fori:
„Du klettertest auf die Bank, bogst dich über das Geländer und triebst allerlei Allotria mit einem kleinen Kahn, bist du das Gleichgewicht verlierend, in das Wasser stürztest. Dein Leben schwebte in Gefahr; Leo, rasch entschlossen, an sich selbst nicht denkend, sprang dir nach und rettete dich."
„Zch weiß es — und ich werde cs nie vergessen," erwiderte Gabi. Sie fand weder den Mut, die Schwester anzusehen, noch den, das Gespräch auf ein anderes Thema hinüberzulenken oder abzubrechen. In Ulrike aber erwachten mit einem Schlage aufs neue alle bösen und leidenschaftlichen Gefühle, und cs erfüllte sie mit bitterm Grimm, ja, mit Haß — auch gegen Gabriele — daß diese ihr Leben, das der Geliebte fast mit Duiomerung seines eigenen Seins H- 1
bedeutsame koloniale Forderungen abgelehnt worden. Mit dem Streit um die preußische Kanalvorlage läßt sich die damalige Lage nicht vergleichen. Hier war die Ablehnung auch nach außen hin sehr bedenklich. (Sehr wahr!) Mit der Auflösung des Reichstages setzte der Kanzler seine ganze Stellung aufs Spiel. Das neue Programm des Kanzlers erfordert zu feiner Erfüllung den Zeitraum mehrerer Sessionen. (Sehr wahr!) Dem Programm haben doch alle zuge- ftimmt. Wir wollen hoffen, daß es dem Geschick des leitenden Staatsmannes gelingt, dieses Programm durchzuführen.
Weiterberatung: Freitag 1 Uhr.
In unserem gestrigen Reichstagsberichte ist durch Verstellung einer Korrekturzeile ein Satz der Wiemerschen Rede unverständlich geworden. Der betr. Satz mußte folgendermaßen lauten:
„Aber im Laufe der Jahre ist manches als nationale Forderung hingestellt worden, was unserer Meinung nach nur Zweckmäßigkeitsfra« gen, aber nicht Postulate nationaler Gesinnung gewesen sind, wie das Septennat."
Preußischer Lsntztaa.
Das Abgeordnetenhaus setzte am Donnerstag die allgemeine Besprechung des Handels- und Eewerbeetats fort. Abg. Schröder-Eassel (nl.) begrüßte die vom Reichskanzler angekündigte Börsengesetzreform und begründete dann den Antrag, nach dem die Handwerkskammern mit dem Staatszuschuß als sicheren Faktor ihres Etats rechnen können. Abg. Frhr. v. Zedlitz (fielt.) wandte sich mit mancherlei Angriffen gegen das Zentrum, dessen Nebenregierung im Reichsamt des Innern er angesichts der Reichstagswahlen für beendet ansah. Die Sozialdemokratie werde durch eine stetige aufklärende Arbeit zu bekämpfen sein. Abg. Dr. Eerschel (fr. Vp.) meinte, zur Bekämpfung des sozialdemokratischen Terrorismus reichen die bestehenden Gesetze aus. Zu dieser Ansicht bekannte sich auch Abg. Münsterberg (freif. Vgg.), der im übrigen der Abschwächung des Börsengesetzes mit Genugtuung entgegensah. Heber die in Aussicht genommene Richtung der Börsengesetzreform konnte Minister Dr. Delbrück noch keine Auskunft erteilen. Der Minister wandte sich zugleich gegen einen Antrag Trimborn auf Bildung von De- tailistenkammern, und bezweifelte, daß der Bundesrat schärfere Maßnahmen gegen den sozialdemokratischen Terrorismus fördern werde. Abg. Hammer (kons.) empfahl Ueberweisung des Antrages Trimborn an die Kommission für Handel und Gewerbe, forderte weitere Unterstützung
rettet, dem Manne geweiht, den sie nun einmal nicht anders,, denn als feinen Mörder betrachtete.
„Du weißt es, und du wirst es nie vergessen?" rief sie, hingerissen und nur beherrscht von ihren heftigen Empfindungen. „Hast du auch damals daran gedacht, als du dich Rupert von Felsenbach verlobtest? Oder ist es wirklich möglich, daß die Liebe imstande ist, dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, das du doch einst auch für Leo hattest, zu töten?"
»Ich bitte dich, schweig still, Ulla," rief Gabi, mit aufsteigenden Tränen kämpfend. „Ich kann — ich will das nicht hören — ich will nicht."
Es lag keine abwehrende Festigkeit in dem Ton, sondern etwas, das wie Angst und Eigensinn klang, und dies blieb dem feinen Ohr Ulrikens nicht verborgen.
„Du willst es nicht hören," tief sie unbarmherzig, die Schwester mit einem kalten, durchbohrenden Blick messend, „o — ich weiß auch warum. Weil du selbst längst nicht mehr feststehst rn deiner Ueberzeugung, — weil dein Gewissen erwacht ist, und weil du selbst das fühlst, was ich dir damals sagte: diese Ehe ist eine Unnatur, und die Stunde wird kommen, wo all' deine Liebe und dein Glaube nicht mehr standhalten wird vor der furchtbaren Erkenntnis--dein
Gatte ist der Mörder deines Bruders, mag mans auch drehen, mag mans auch mit noch so vielen schönen Phrasen umkleiden---"
Im Gespräch hatten die Schwestern sich weit von dem belebten Strand entfernt; es war einsam um sie her, der Wind war stärker geworden, et peitschte Ulrikens weißes Gewand und zauste das reiche goldblonde Gelock unter der kleinen, weißen Ctrandkappe hervor; wirr flog es um das vor Erregung glühende, reizende Antlitz, in dem die tiefliegenden dunklen Augen, jetzt leidenschaftlichen Hasses voll, funkelten. Gabi meinte, Ulrike noch nie so schön, aber auch noch nie so furchtbar gesehen zu haben; Grauen und Entsetzen packte sie, und abwehrend die Hände gegen die Schwester ausstreckend, wandte sie den Kopf zur Seite und rief:
„Ich will es nicht haben — du lügst —"
des Handwerkerlichen Genossenschastswesens unV trat für bessere Ausgestaltung des Landesge« werbeamts ein. Abg. Trimborn (Zentr.) warf dem Abg. Fthtn. v. Zedlitz vor, er habe eine» neuen Vorstoß gegen die Sozialpolitik des Reiches unternommen. Keine Partei habe die Sozialdemokratie so energisch bekämpft wie bas Zentrum. Nach weiteren Ausführungen der Abgg. v. Böttinger (natl.) u. a. trat Vertagung auf Freitag 11 Uhr ein.
Deutsches Reich.
— Die Entscheidung bet braunschweigischen Thronfrage. In der gestrigen Plenarsitzung des Bundesrats, in welcher der Reichskanzler den Vorsitz führte, wurde auf Antrag des Referenten, des königl. sächsischen Bundesratsbevollmächtigten Grafen Vitzthum v. Eckstädt folgender Beschluß gefaßt: Der Bundesrat beschließt:
1. Die Ueberzeugung der verbündeten Regierungen dahin auszusprechen, daß, so lange Se. Königl. Hoheit der Herzog von Cumberland oder ein Mitglied feines Hauses sich in einem dem • reichsverfassungsmäßig gewährleisteten Frieden unter Bundesgliedern widerstreitenden Verhältnisse zu dem Bundesstaate Preußen befindet und Ansprüche auf Gebietsteile dieses Bundesstaates erhebt, auch die Regierung eines andern Mitgliedes des herzoglichen Hauses Braunschweig- Lüneburg in Braunschweig mit den Grundprinzipien der Bündnisverträge und der Neichsver- fassung nicht vereinbar sei, selbst wenn dieses Mitglied gleichzeitig mit dem Verzicht der übrigen Mitglieder des Hauses auf Braunschweig seinerseits für sich und seine Deszendenz allen Ansprüchen auf das frühere Königreich Hannover entsagt, daß demnach durch die dem Bundesrat vorgelegten Erklärungen St. Kgl. Hoheit des Herzogs von Cumberland in den Schreibe« an Se. Majestät den deutschen Kaiser, König von Preußen vom 2. Oktober 1906 und an das Herzoglich Braunschweig-Lüneburgische Staatsministerium vom 15. Dezember 1906 eine entscheidende Aenderung in der dem Beschlüsse des Bundesrats vom 2. Juli 1885 § 422 bet Protokolle zugrunde liegenden Sach- und Rechtslage nicht eingetreten sei.
2. Die braunschweigische Landesregierung hiervon in Erledigung ihres Antrags (Nr. 8 bet Bundesratsdrucksachen) zu verständigen.
Mit Ausnahme von Braunschweig, welches sich der Stimmabgabe enthielt, wurde der Beschluß einstimmig gefaßt. Der Beschluß des Bundesrats in der braunschweigischen Angelegenheit bedeutet nach der „Köln. Zig.", die sich hierbei auf den Gutachter eines Berliner
Mit eisernem Griff umklammerte Ulla bi* feinen, sich ihr entgegenstreckenden Hände, und die Widerstandslose an sich ziehend, flüsterte sie:
„34 lüge, sagst du — Törin! — ich spreche nur aus, was deine Seele bewegt. Ich kenn* dich, Gabriele, ich habe dich längst durchschaut — besser, denn du selbst wußte ich, was deine Seele belastet, was dir den Frohsinn von deiner Stirn scheucht —"
Mit einem leisen, kaum hörbaren Schrei sank Gabi in dis Knie, Totenblässe überzog ihr Antlitz, sie schloß die Augen und glitt langsam in den weichen Dünensand.
Bei diesem Anblick kehrte Ulrikens Ruhe und Besinnung zurück und damit die volle Verantwortlichkeit ihres Tuns. Sie ließ sich neben der Schwester nieder, und während sie um sie bemüht war, zuckte ein halb verächtliches, halb mitleidiges Lächeln um ihren Mund — sie hatte nie ein Verständnis besessen, weder für körperliche noch für seelische Schwäche.
Die Ohnmachtsanwandlung war bei Gabi nur leicht und rasch vorübergehend, nach wenigen Minuten schlug sie die Augen auf und blickte starr und erschrocken um sich.
„Verzeih mir, Gabriele, ich ließ mich fori- reißen, ich habe dich erschreckt," sagte Ulrike, sich über sie beugend, „wie fühlst du dich? — Ich hätte heute — jetzt überhaupt nicht spreche» sollen. Willst du ausstehen, soll ich dir helfen?"
„Laß mich, Ulla, sagte die junge Frau, ssch von ihren Armen frei machend, „ich kann ganz gut allein ausstehen, nur noch ein paar Minute» Ruhe."
Sie richtete den Oberkörper empor, stützte sich auf die rechte Hand und sah still in ihre» Schoß; — Ulrike stand seitwärts, die Arme unter der Brust verschränkt, die Lippen fest auf einander gepreßt — ein leises Geräusch ließ sie umschauen, Gabriele hatte sich erhoben.
„Wir wollen gehen," sagte sie, ohne Ulrike eines Blickes zu würdigen, und die Schwestern legten den Weg zum Strandhotel zuriiH ohne noch ein Wort zu wechseln.--—
(Forisetzu« folgt.)