mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain. -
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Marburg
Mttwoch. 27. Februar 1907.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag' Ioh. Aug. Koch, llnivcrjttStS-Buchdmckttck 42. Jahrg.
Marburg, Markt 21. — Telephon ob.
Zweites Blatt.
Bestellungen für de« Monat Mörz auf die »VSerhesfische Zei t««g* nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedition (Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirch» Hain, Reustadt und Wetter, sowie von allen Postanstalten und Landbriefträgern entgegengenommen.
Die Reichsschuld und der Kurs der Reichsschuldberschreibungeu.
Bei den Erörterungen über die Reichs- fi'nanzen pflegt in der Regel die Reichsschuld und ihr Betrag von rund 4 Milliarden Mark eine große Rolle zu spielen. Sie wird als Schreckbild und Kampfmittel gegen die int nationalen Interesse notwendige Ausgaben verwertet, oder richtiger gemitzbraucht. Denn, wenn man die Reichsschuld nicht für stch, sondern im Vergleich mit dem Nationaleinkommen und dem Nationalvermögen betrachtet, erscheint sie durchaus nicht als Schreckbild. Im letzten Jahre hat der Betrag der zum Börsenhandel zugelas- fcnett inländischen Werte, die zweifelsohne so ziemlich in vollem Betrage vom Inlands ausgenommen sind, zuzüglich desjenigen Teils der 5 Milliarden ausländischer, an unseren Börsen .eingeführter Papiere, der in Deutschland abgesetzt worden ist, die Höhe der ganzen Reichsschuld erreicht. Darauf beschränkt stch aber di« Vermehrung des Kapitalvermögens des deutschen Volkes bekanntlich keineswegs. Es braucht in dieser Hinsicht nur an die Zunahme der Sparkasseneinlagen erinnert zu werden, die gleichfalls an eine Milliarde heranreicht. Die ganze Reichsschuld bleibt weit hinter der Summe zurück, um die allein das Kapitalvermögen des deutsche« Volkes in einem einzigen Fahre gewachsen ist. Der Einschätzung zur Vermögenssteuer in Preußen liegt ein Vermögensbestand von 83 Milliarden zu Grunde, die ganze Reichsschuld beläuft sich also auf noch nicht voll p Prozent des allein in Preußen zur Ergänzungssteuer veranlagten Vermögens. Abgesehen davon, daß, weil bei der Vermögenssteuer eine Deklarationspflicht nicht beisteht, das steuerpflichtige Vermögen ohne Zweifel in Wirklichkeit höher ist, als es veranlagt wurde, ist auch ein beträchtlicher Teil des Vermögens nicht steuerpflichtig. Denn steuerfrei sind alle Ver-
Ei« Lieb.
Von A l b « r t v. d. L a h n.
Es war ein herrlicher, lauer Juniabend, einer von denen, die auch im südlichen Deutschland nicht allzu häufig sind. Der Vollmond hing wie eine riesige Bogenlampe über dem dunklen Bergwald und füllte Berg und Tal mit Nebelglanz' die Sterne funkelten in südlicher Pracht vom wolkenlosen Himmel herunter. Der Fluß, dem noch keine „Regulierung" etwas von seiner ursprünglichen Schönheit genommen, schlich silberglänzend, träumerisch in seinem mannigfaltig verschlungenen Bette dahin. An der alten Mühle drunten rauschte das Wehr, die Wellen murmelten um die Wurzeln der präch- figeir Erlen und Weiden, die das Ufer umsäumten, und an den Verghängen längs des Wassers schluchzten die Nachtigallen.
Eine jener märchenhaften Nächte, die den tief Empfinden freudig und dankbar oder auch traurig und resigniert stimmen können.
Auf der Terrasse, die in halber Höhe des Berges nach dem Flusse vorsprang, saß eine kleine, lustige Gesellschaft er Herren: es waren einige Honoratioin... aus dem nahen Städtchen, das, ohne ein Krawinkel zu sein, hort in friedlicher Abgeschiedenheit von dem Lärm und den Leidenschaften unserer Tage sein Dasein ftistete. In der Mitte des Tisches, an lern die Männer saßen, prangte eine Erdbeer- howle von stattlichem Umfang, von dem Forstmeister, der in dieser Kunst unübertrefflich war, stach allen Regeln angesetzt. Man sprach dem Klase weidlich zu, munteres Gespräch, frohes dachen erscholl.
! Da hörte man plötzlich aus einem Garten jenieits des Flusse- eine prächtige Sopran- timme, 1
mögen unter 6000 Mark, die gleichfalls eine stattliche Reihe von Milliarden repräsentieren; ebenso das werbende Vermögen des Staates mit einem Reinerträge von über 300 Millionen Mark. Diese Zahlen zeigen zur Genüge, einen wie kleinen Bruchteil des deutsche« Rattonal- vermögens die Reichsschuld ausmacht.
In das Kapitel der Vorliebe für Verkleinerung unserer Hilfsmittel fallen gleichfalls die Klage« über de« Kurs der dreiprozentigen Reichsanleihen. Es soll nicht geleugnet werden, daß der Kurs unserer dreiprozentigen Schuldverschreibungen durch eine Reihe von Umständen ungünstig beeinflußt wird. So durch die Notwendigkeit, alljährlich zu bestimmter Zeit den Geldmarkt in Anspruch zu nehmen, sowie durch die starke Konkurrenz höher verzinslicher Kommunalpapiere. Auch besteht heute wohl kein Zweifel mehr darüber, daß die Wahl des drei- prozentigen Typs selbst kein glücklicher Griff war. Wenn man aber mit Emphase auf den so viel höheren Kurs der dreiprozentigen französischen Rente hinweist, so wird übersehen, daß trotz gleichen Zinssatzes beide Papiere keineswegs gleichwerttg sind. Die Kupons der Reichsschuldverschreibungen sind staats- und kommunalsteuerpflichtig, die französische Rente dagegen ist bis jetzt noch völlig steuerfrei. Bei nomineller Gleichheit ist die Rente aus den dreiprozentigen Neichskonsols mithin um durchschnittlich 8 Prozent niedriger, als die französische Rente, mithin deren höherer Kurs durchaus gerechtfertigt. Nicht anders steht es mit dem Vergleiche zwischen unseren und den italienischen dreiprozentigen Papieren, denn bei letzteren findet Rückzahlung zu Pari des in einer bestimmten Tilgungszeit alljährlich auszulosenden Teil» der Schuldverschreibungen statt. Deren Besitzer hat also neben dem Zinsgenuß die Aussicht auf Einlösung zum Nennwert. Es kann daher für das italienische Papier in der Tat ein höherer Preis angelegt werden, als für das deutsche. Weder die Höhe der Reichsschuld noch der Kurs der Reichsfchuldverfchreibnngen geben daher in Wirklichkeit zu Beunruhigungen Anlaß.
Der Kleinkaasmarm und die Krediivertenerunst.
Für die Diskontpolitik des Reichsbankpräsidenten sehr bezeichnend ist der wachsende Unmut mit dem in den Kreisen des kleineren und mittleren Kaufmannsstandes über die Schwierigkeiten geklagt wird, die diesem durch den unerträglich hohen Zinsfuß erwachsen. Jetzt hat selbst der „Konfektionär" dies anerkannt, was freilich bei der Stellung seines Kundenkreises längst hätte geschehen müssen, nunmehr aber doch in hinreichender Deutlichkeit zum Ausdrucke kommt. Er widmet unter der Ueberschrift:
„Noch ist die blühende goldene Zeit, £) du schöne Welt, wie bist du so weit! Und so weit ist mein Herz, und so froh wie der
Tag, Wie die Lüfte, durchjubelt vom Lerchenschlag. Ihr Fröhlichen, singt, weil das Leben noch mait: Noch ist die schöne, die blühende Zeit, Noch sind die Tage der Rosen!"
sang das junge Menschenkind mit all dem Feuer und dem Eifer der Jugend. Am Tische verstummte das >prüch, alles lauschte den herrlichen Klänge
„Die Gerri; en teilt tüt steckt uns Deutschen doch allen im Blute, sogar uns Medizinern," Hub der Arzt an, als das Lied verklungen war und keine rechte Unterhaltung mehr aufkommen wollte. „Was seh' ich, Herr Professor? Ich glaube gar, in Ihrem Auge blinkt eine Träne. Von Ihnen, dem Weitgereisten, hätte ich so etwas am wenigsten erwartet!" „Ja, es ist wirklich eine Träne, was soll ich's abstreiten," erwiderte der Angeredete; „die Werthernatur können selbst wir Alten nicht immer verleugnen. Was glauben Sie wohl: einst hat ein Lied entscheidend in mein Leben eingegriffen, ohne die Macht des Liedes faße ich jetzt wohl nicht unter Ihnen." „Das müssen Sie uns erzählen!" rief lebhaft der Justizrat. „Sei's drum!" antwortete der Professor, „obwohl Sie wissen, daß ich meine Person nicht gern in den Vordergrund des Interesse--, stelle und noch weniger gern jemand Ginbit mein Herz tun lasse, aber Sie sind mir ja «t.v liebe Freunde, und ich gebe meine Herzensregungen keinen profanen Blicken preis. Sie müssen freilich ein Stück meiner Lebensgeschichic, die nicht viel Interessantes biettt, mit in den Kauf nehmen. Das Lied, das wir vorhin gehört, rief mir meine glüAiche, sorgenlose Studienzeit t« die Erinnerung zu-
Jcuies Geld und Kleinkaufmann" der geschaffenen sehr ernsten Lage eine Betrachtung, in der er darauf hinweift, daß der Wechselkredit des Kleinkaufmanns in der derzeitigen Höhe nicht länger ertragen werden kann. Bei hohen Warenpreisen, niedrigen Verkaufspreisen, unregelmäßigem Eingänge der eigenen Außenstände, müsse der kleine Kaufmann, der nur über geringe Kapitalien verfügt, Zinsen von 8, 9 und 10 Prozent zahlen. Derartig hohe Sätze aber fräßen den Nutzen des Geschäfts auf. Zu überstehen sei diese Situation nut, wenn der wirtschaftliche Aufschwung weiter dauere. Sonst sei zu befürchten, daß das Kleingewerbe im Jahre 1907 schwer zu leiden haben werde. Schon jetzt ertönten aus allen Branchen laute Klagen über das Drückende dieser Lage. Im Kleingewerbe jubele man schon lange nicht mehr über die gute Konjunktur.
Diese Klage aus gewerblichen Kreisen ist der am hohen Zinsfüße interessierten Börse zweifellos um so unbequemer gekommen, als sie zeitlich zusammenfiel mit der Sitzung der Steuer- und Wirtschaftsreformer, in der Herr v. Kardorff unseren derzeitigen Zinsfuß als eine hinter dem Finanzgebahren barbari'cher Staaten zurück- bleibende Erscheinung treffend kennzeichnete. Es ist deshalb nicht ohne Wert, die Verteidigung zu lesen, mit der der sonst ost recht verständige Eeora Bernhard im „Plutus" der Reicksbank zu Hilfe kommt. Er kann natürlich den Klagen der Kleingewerbetreibenden ihre Berechtigung nicht absprechen, meint aber, die Reichsbank habe gar nicht anders vorgehen können, als sie es getan habe. Denn ihre Maßregel fei eine prophylaktische. Sie dürfe nicht mit den niedrigen Sätzen die Forcierung aller Gewerbe im Innern unterstützen, ganz abgesehen von ihren Eeldexportpflichten. Die Gründe für die Dis« kontpflichten derReichsbank lägen, soweit sie das Inland angehen, in der gewerblichen Ueberhast Deutschlands. Jetzt der Reichsbank, die weiter nichts fei, als Gradmesser und Regulator der Wirtschaftsentwicklung, deren Motive nicht bei ihr liegen, die Sünden dieser Entwicklung vorwerfen, hieße denn doch die falsche Adresse wählen.
„Es freut uns," bemerkt hierzu die „Deutsche Tageszeitung", daß Herr Bernhard zu bet Erkenntnis zu kommen scheint, daß die Ursachen unserer Geldnot auf der treibhausartiaen Entwicklung unserer Industrie beruhen. Eben darum aber sollte doch auch er einsehen, daß die Reichsbank in einer solchen Lage des Erwerbslebens andere Aufgaben zu erfüllen hat, als lediglich den Gradmesser unseres Wirtschaftslebens zu spielen und fleißig für den Geldexport zu sorgen! Ist ihm niemals der Gedanke gekommen, daß die Reichsfinanzpolitik dem Erwerbsleben zu dienen hat? Vor einiger Zeit konnte man im „Plutus" etwas von dem Beginn solcher Erkenntnis lesen, da auseinandergesetzt wurde, daß der Handel samt seiner bet Gesantt- wirtschaft bes Volkes dienenden Stellung sich bewußt bleiben müsse. Ist etwa die Volkswirtschaft der Reichsbank wegen da?
rück. Ich brauche Ihnen, verehrte Herren, die Sie alle die Hochschule besucht haben, nicht den eigenartigen, erquickenden Reiz dieser schönsten Zeit zu schildern. Möchten doch die verständnisinnigen Worte, die Hauff in feinen „Phantasien im Bremer Ratskeller" darüber ausgesprochen, zum Wohle der deutschen Jugend und des Vaterlandes immer wahr bleiben: „Deine lächerliche Außenseite, so etwa sagt er, liegt offen, die sieht der Laie, die kann man ihm beschreiben; aber deinen inneren lieblichen Schmelz kennt nut der Bergmann, der singend mit seinen Brüdern hinabfuhr in den tiefen Schacht. Gold bringt et herauf, reines, lauteres!" Doch ich gerate ins Schwärmen. Genug, ich war ein lustiger Student in dem herrlich gelegenen Berostädtchen an der Lahn, und die Torheiten des Burschentums blieben mir nicht fremd. Ich hatte meine Helle Freude am Kommersgesang, an Ravviet- und Sporenklang, und wenn ich mit bet bunten Mütze auf den Locken oder gar in vollem Wichs durch die winkeligen Gassen zog, dünste ich mich weit erhaben über die Philister, die mich — so bildete ich mir wenigstens ein — staunend betrachteten. Es war für mich eine Zeit ungetrübten Glückes, und eigentlich denke ich nur an eine Episode von damals mit einiger Beschämung zurück, an eine Pistolenmensur, die ich mir auch „leistete." Wegen einer Lappalie geriet ich mit einem andern Studenten zusammen; das Ehrengericht erkannte auf zweimaligen Kugelwechsel. So fuhr ich denn an einem Herr- lichen Maimorgen hinaus zu der Waldblöße, wo die Suite ftattsinden sollte. Erst jetzt überkam mich Reue darüber, daß ich, der den ganzen Streit provoziert, so hartnäckig jede Abbitte verweigert hatte; ich dachte an meine alte Mutter und daran, daß es mit ebensowenig Vergnügen machen würde, selbst einKrÜppel zu werde«. wie dm iptbern zuschanden in schießen. >
Deutsches Reich.
— Uebersluß an Borstenvieh. Schon wieder-, holt ist festgestellt worden, daß selbst eingefleischte liberale Fleischnotagitatoren sich jetzt z» dem Bekenntnis genötigt sehen, es wäre genügendes Angebot von Schlachtschweinen int Lande vorhanden. In der Berliner „Nattonal-Ztg." wurde sogar wahrheitsgetreu berichtet, es mache stch auf allen Mätsten der hauptstädttfchen Umgebung — (in andern Gegenden noch mehr. D. Red.) — ein starker Rückgang der Sckweine- preife bemerkbar, weil „ein Ueberf luß «n Borstenvieh" vorhanden fei. Dieser durchschlagende Erfolg ist allein durch die Tatkraft der inländischen Züchter erreicht worden, weil die guten Preise und besonders die entschiedene Aufrechterhaltung des Seuchen-Gtenz- schutzes ihnen den nötigen Mut zu fordertet Vermehrung ihrer Schweinebestände einflößten: er ist erreicht worden, ohne daß wir dänische, niederländische, französische oder sonstige Schweine zur Hilfe gerufen, und trotzdem weder, Russen noch Oesterreicher ihr vertragsmäßiges- Einfuhrkontingent auch nut entfernt ausgenützt haben. Wie seht wir dank dieser richtigen, von bet „Linken" aber maßlos angegriffenen nationale „Wirtschaftspolitik" vom Auslande unabhängig geworden sind, das beweist die „Z. L. V... durch einen Vergleich bet Preisbewegung ans unserem Schweine- und dem amerikanischen Schmalzmarkt. Wir waren ja früher schon dahin gekommen, daß die besonders durch das jeweilige Ergebnis der Maisernte drüben beeinflußten Preise für amerikanisches Schweinefleisch und Schmalz auch für die Gestaltung unserer Schweinepreise bestimmend war. Im verflossenen Jahre aber war die Preisbewegung hier und dort eine ganz entgegengesetzte. Während amerikanisches Schweineschmalz (Wilcox) in Bremen vom Januar bis Dezember von Monat zu Monat im Preise stieg, von 81,40 bis auf 96,58 SRL, ober um 18 Prozent, fielen unsere Schweinepreise gleichzeitig in Berlin von 148 auf 123,6 Mk. oder um 16,5 Prozent; und auch seit Beginn des neuen Jahres hat diese entgegengesetzte Preisbewegung noch weiter fortgedauert. Nur durch die starke Vermehrung der inländischen „Borstenvieh-Produktion" sind die deutschen Konsumenten jetzt davor gesichett, von der steigenden Preiskonjunktur in Amerika mit betroffen zu werden. Weil wir „Uebersluß an deutschem Borstenvieh" haben, können sie ihren Fleischbedarf so billig decken, wie es die leider zu hohen Zwischenhandelsspesen irgend zugelassen, auch wenn der amerikanische Fleischtrust, gestützt auf den im eigenen Lande stark gesteigerten Verbrauch, die Preise noch viel weiter in die Höhe treiben sollte.
— Die Unterwerfung der Bondelzwarts- Hottentotten. Das mit dem Oberstleutnant von Estorff und den Bondelzwarts-Hottentotten mit Zustimmung des Obersten v. Deimling abgeschlossene Unterwerfungsabkommen vom 23. Dezember 1906 hat folgenden Inhalt: „1) Die Bondelzwarts-Hottentotten unterwerfen sich der —--- ।
Zum Glück lief die Affäre gut ab, unverletzt und versöhnt schieden wir beide vom Kampfplatz.
Trotz aller Freude am Burschenleben war ich kein Bummler; ziemlich zur rechten Zeit 6e- stand ich das philologische Staatsexamen und leistete dann an dem Gymnasium eines Städtchens der Rheinprooinz mein Probejahr ab. Und hier erfüllte sich mein Geschick. Ich lernte bie Tochter eines Arztes kennen, ein reizendes Mädchen freilich noch halb Kind, verliebte und verlobte mich. Ans Heiraten allerdings durften wir noch nicht denken; es war damals eine schlimme Zett für die Oberlehrer, und es kam nicht selten vor, daß einet 8—10 Jahre auf Anstellung matten mußte. .
Ich ging nach Ablauf meines Probejahres in eine große, weit entfernte Stadt, um dort mit Privatstunden etwas zu verdienen mit meinet Braut stand ich in regem Briefwechsel. Da regte mich eines Tages eine Mitteilung E .^hr merkwürdig auf. Sie schrieb ziemlichbegeisiettvon einem entfernten Verwandten, der, um sich za verloben, den Sommer im Hause ihres Vaters zubrachte. Bei einem Besuche in den Ferien lernte ich den „Vetter" kennen; et wat, so wollte mitfjs wenigstens bedürften, geistig eine Null, hatte aber viel Geld. Die Art, wie er in dem Hause, namentlich auch mit meiner B«mt verkehrte, mißfiel mit aufs höchste, und eifersüchtig und mißtrauisch reiste ich ab: wußte ich doch aus früheren Andeutungen bes Vaters, daß ihm die Tange Verlobung seiner Tochteft s«bt unsympathisch wat. Und eines Tages geschah bas Furchtbare: ich erhielt einen Brief meinet Braut, aus bem ich las oder boch zu lesen glaubte, daß auch sie die aussichtslose Verlobung als eine Last empfinde. Ich wat immer ein Ttotzkopf gewesen; zerrissen in meinem Hetzen, tödlich verletzt in meinem Stolze, sandte ich ihr sofort den Ring zurück. Vergeben» bat sie mich.