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mit dem ötreisblatL für die Kreise Marburg und Kirchhain.

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Marburg

Mittwoch 20. Februar 1907.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, llnwersitLtS-Buchdruckerci

Marburg, Markt 21. Telephon 55.

42. Jahrg.

Zweites Blatt.

Fortschritte des volkstümlichen Bibliothekswesens im Jahre 1906. ? In Zahlreichen deutschen Orten gehört die Pollsbibliothek bereits zu den ständigen Einrich­tungen. Ihre Notwendigkeit beweist die fast überall gemachte Erfahrung, daß jede neuerrich- xete Bibliothek geradezu gestürmt und der vor- pandene Bücherbestand in kürzester Zeit durch- gelesen wird. Zwar kann es noch lange dauern, vis jeder Ort, gleichviel ob Dorf oder Stadt, [feine Volksbibliothek besitzt. Immerhin darf man auf die int letzten Jahrzehnt gemachten rie­sigen Fortschritte stolz sein, so daß ein Rückblick auf die Erfolge des verflossenen Jahres 1906 an­gebracht erscheint.

Mit verhältnismäßig geringen Schwierig- ckeiten pflegt sich die Neueinrichtung von Volks- ibibliotheken in den Krotz- und Mittelstädten zu vollziehen. Tie Vorteile der Errichtung sind zu offensichtlich, als datz man sie auf die Dauer Abersehen könnte. Die gute Sache wird unge- smein gefördert, wenn wohlhabende Volksfreunde iStiftungen oder Vermächtnisse für die Begrün- sdurg von Bibliotheken bereitstellen. Das war besonders im vergangenen Jahr der Fall. Von den zahllosen Stiftungen anläßlich der Silber­ihochzeit des Kaiserpaares kamen auch einige den Volksbibliotheken zugute.

Neue Volksbibliotbeken, zum Teil mit Lese­hallen verbunden, entstanden in Dessau, Dres- »en-Plauen, Heidelberg, Krefeld, Mannheim, Ekünster i. 21?., Viesen. Im Laufe dieses Jahres erden Bibliotheken in Coblenz, Dortmund, -Iserlohn und Krefeld eröffnet.

. Sehr groß ist die Zahl der neugegründeten kleinerer Volksbibliotheken. Es würde zu weit Kühren, hier alle aufzuzählen.

Eine Anzahl bestehender Bibliotheken und Lesehallen konnte bereits über gute Fortschritte nus dem alten Jahr bettchten. So Berlin, Bre­nnen, Breslau, Charlottenburg, Düsseldorf, Elberfeld, Essen, Hamburg, Jena, Köthen, Stuttgart. Zur Anregung der Leselust haben ^einige Volksbibliotheken Vorleseabende einge­richtet. Andere veröffentlichen in der Lokalpresse Abhandlungen über die Werke guter Schrift­steller.

, ÖHt Schwierigkeiten aber ist sehr häufig die Gründung von Volksbibliotheken auf dem Lande und in kleinen Städten verbunden. Es fehlt hier nur zu oft an einem leistungsfähigen Trä­ger der Bibliothek sowie am nötigsten, am Geld. Auch macht der Akangel einer zuverlässigen Sta­tistik über das bisher Erreichte unangenehm fühlbar.

; Da ist es freudig zu begrüßen, wenn sich eine Reihe von gemeinnützigen Vereinen die Arbeit an den Volksbibliotheken zur besonderen Auf­gabe gemacht hat, und wenn das Werk vom Staate teils durch eigene Organisationen, teils durch Beihülfen unterstützt wird.

; Beginnen wir unsere Rundschau im Osten .des Vaterlandes, in der durch den polnischen Ansturm schwer heimgesuchten Provinz Posen. Hier hat die Volksbibliothek eine ganz besondere Mission zu erfüllen. Sie ist gewissermaßen ein 'geistiges Bollwerk und ein Hort des Deutsch­tums. Diesem besonderen Umstande trug im jJahre 1903 die preußische Regierung durch Ein- Dichtung desstaatlich organisierten Volksbiblio­thekswesens in der Provinz Posen" Rechnung. Es wurde im Anschluß an die in der Stadt Posen bestehende Kaiser Wilhelms-Bibliothek eine Provinzial-Wanderbibliothek eingerichtet. Sie soll dazu dienen, die Bücherstünde der öffent­lichen Volksbibliotheken, namentlich der Wan- derbibliotheken der einzelnen Kreise durch sorg­fältig ausgewählten und alljährlich zu wechseln- beir Lesestoff zu verstärken und auf die Hebung und Ausgestaltung des Volksbibliothekswesens Provinz hinzuwirken. Der letzte Jahres­bericht dieser Bibliothek weist einen sehr erfreu­lichen Fortschritt auf. Ihre absolute Notwendig- 'keit lehrt ein Blick auf die hoch entwickelten pol- ,Nischen Bibliotheken. Erwähnt sei noch, daß die Stadtbibliothek in Bromberg zum Nutzen ihrer 'Leser seit 1906 eine eigene Zeitschrift herausgibt.

Eine ähnliche Einrichtung wie in Posen be- .stestt im oüerschlefischen Jnoustriebezirk. Auch -hier ließ die national und konfessionell gemischte -Bevölkerung besondere Maßnahmen angezeia't erscheinen. Die meisten oberschlesischen Kreise und Städte haben sich zu einemstaatlich unter, stützten Bibliotheksverband" zusammengeschlos« Jen. Der Verband bezweckt die Pflege des Ee» gneingefühls der Bibliotheksverwaltungen und Pie einheitliche Verwertung ihrer Erfahrungen jur die innere und äußere Ausgestaltung des »berschlesischen Volksbibliothekswesens. Die wich­tigste Aufgabe sieht der Verband in der Aus- «rbeitung eines Musterkataloges. Am 1. 4. 1906 pestandeu im Vervandsgebiet 435 Büchereien.

Sehr lehrreich für jeden, der mit Volksbildung zu tun hat, ist das Studium des letzten Jahres­berichts für 1905. Auch dieser Verband läßt eine eigene Zeitschrift erscheinen.

Um die Förderung des hannöverschen Volks­bibliothekswesens hat sich im vergangenen Jahr die Landesvcrsicherungsanstalt in Hannover durch Herausgabe einer systematischen Uebersicht über die in ihrem Dienstbereich bestehenden Bibliotheken verdient gemacht. Der interessante Bericht kommt zu dem Schluß, daß von den un­gefähr 4350 hannöverschen Orten nur ca. 800 Volksbibliotbeken besitzen. Nicht mit eingerech­net hierbei sind die vielerorts bestehenden Ver­einsbibliotheken von Krieger-, Männer-, Jüng­lings- und ähnlichen Vereinen. Diese Biblio­theken treten zwar vielfach an die Stelle der all­gemeinen Bibliothek, vermögen sie aber niemals voll zu ersetzen, da sie einmal nur für die Ver­einsangehörigen bestimmt sind, andererseits nur zu oft über zu geringe Geldmittel verfügen, als daß sie größeren Ansprüchen genügen könnten. Hoffentlich hat die dankenswerte Zusammen­stellung der Versicherungsanstalt den Erfolg, daß sie in wenigen Jahren über ganz andere Re­sultate berichten kann.

Ein ähnliches Zahlenverhältnis wie in Han­nover würde sich übrigens bei entsprechenden Er­hebungen in vielen anderen Provinzen und Bundesstaaten zeigen.

Neben den preußischen Kreisverwaltungen, die jetzt fast ausnahmslos Wander- oder Stand­bibliotheken eingerichtet und unterstützt haben, verdient die Königliche Eeneralkommission für die Provinz Brandenburg und Pommern beson­dere Erwähnung. In jeder von ibr errichteten Rentengutskolonie gelanat eine Bibliothek zur Aufstellung. Bei der Bücherauswahl wird auf gute landwirtschaftliche Literatur besonders Be­dacht genommen. 1906 sind 5 neue Bibliothe­ken eröffnet. Auch von vielen Eisenbahn- und Miltärbehörden sind im verflossenen Jahr Bü­chereien für Beamte und Mannschaften einge­richtet.

Von gemeinnützigen Vereinen, die sich im Süden des Vaterlandes die Förderung des Volksbibliotbekswefens zur Sl ufgabe gemacht haben, muß für die Nbeinpfalz und beide Hessen der Rhein-mainifche Verband für Vorlesungen in Frankfurt am Main genannt werden. In Württemberg will von mm an der Landesverein für ländliche Wohlfahrtspflege in Stuttgart der Anaeleaenheit erhöhte Aufmerksam zuwenden. Volksbibliotheken in den katholischen Landes­teilen gründet seit Jabren der ..Borromäusver- ein". Im nördlichen Deutschland geschieht dies neben derGesellschaft für Verbreitung von Volksbildung" und der ..Deutschen Dichte-'ae- dächtnisstiftung" hauptsächlich vom Zeittralver- ein zur Gründ« na von Volksbibliotheken in Berlin SW. 15, Alte Iakobstraßr 129.

Der Zentralverein brachte im Jahre 1906 an 1882 Volksbibliotheken 90186 Bücher zur Ver­sendung. Davon entfallen auf Preußen 76 196, auf die Vnndssstaaten 10 350 und auf das Aus­land 3640 Bände. In Preußen steht wie immer Brandenburg an erster Stelle mit 13163 Bänden. Es folgen Provinz Sachsen mit 8349, Ostpreu­ßen mit 7585, Westfalen mit 6814, Pommern mit 6289, Rheinvrovinz mit 6169, Schleswig-Holstein mit 5501, Hessen-Nassau mit 5316, Schlesien mit 4636, Hannover mit 4549, Westpreußen mit 4079 und Posen mit 3746 Bänden. Von den Bundes­staaten erhielten Württemberg 2593, Bayern 1731, Großherzoginm Hessen 1133, Königreich Sachsen 1104, Baden 888. Mecklenburg-Schwerin 567, Elsaß-Lothringen 563, Braunschweig 509, Thüringische Staaten zusammen 729, die übrigen Staaten 533 Bände. Ferner gingen nach Ruß- land 2544 Bände, nach Oesterreick-llngarn 686. nach Rumänien 250, nach Brasilien 10, nach Frankreich, Türkei und Kamerun je 50.

Der Zentraloerein zur Gründung von Volks- bibliotheken sucht hauptsächlich kleineren Ge­meinden, Schulen, Vereinen, Privatpersonen usw., welche über geringe Geldmittel verfügen, aber doch in Besitz guter Bücher gelangen möch­ten, die Gründung von Bibliotheken dadurch zu erleichtern, daß er ihnen schon gegen einen vier­maligen Jahresbeitrag von mindestens je 6 eine Sammlung von 50 guten unterhaltenden und belehrenden Büchern zum Eigentum liefert. Wer sich zur Zahlung dieses Beitrages verpflich­tet, kann die gewünschten Werke in geschlossener Reihe oder in freier Auswahl nach dem Bücher­verzeichnis de» Verein» bestellen. Die Bücher werden später nicht zurückgegeben, sondern bil­den den Grundstock der Bibliothek. Der Zentral- verekn liefert jede« Buch in haltbarem Biblio- thekseinband, er gewährt alle buchhändlerischen Vorteile und sendet auf Wunsch ausführliche Kataloge über deutsche Eesamtliteratur und die Heimatliteratur jeder Provinz nebst Vorschlägen für die Verwaltung einer Bibliothek kostenlos an jeden Interessenten. Der Zentralverein hat zur Zeit ca. 2100 Mitglieder. Er läßt zur För­derung des Volksbibliothekswesen» unter dem Titel:Eckart. Sin deutsches Literaturblatt" ein eigenes Monatsorgan erscheine«.

Wir schließen unsere Rundschau mit einem Blick auf Rußland. Eingedenk seines Wahl­spruchsGedenke, daß du ein Deutscher bist" hat derDeutsche Verein" für Livland beschlossen, die Gründung von Schüler-, Wander- und Volks­bibliotheken in den deutschen Ostseeprovinzen in die Hand zu nehmen. Dieses Vorgehen ist umso anerkennenswerter, als eine Gründung von Bibliotheken nach den revolutionären Unruhen nur unter großen Opfern vor sich gehen kann. Möchten sich auch im deutschen Vaterlande recht viele Kräfte für den Dienst an den Volksbiblio­theken und, was noch wichtiger ist, recht viele Geber der nötiaen Geldmittel finden.

Nach dem Urteil eines unserer berühmtesten Nationalökoiiomen ist die soziale Frage nicht nur eine materielle, sondern auch eine Bildungs- fraqe. An ihrer Löstmg aber ist die Volks­bibliothek berufen mitzuwirken.

Marburg und UyMMd.

iNackdruck aller CrfflinnlnttiM ist gemäß § 1b fiel Urheberrechts nur nvt der deutlicben Quellenangabe

.Qbrrhess. Zig." gestattet»

20. Februar.

) ( Freie Studentenschaft. Der Vortrag im Fronbof" beginnt nicht um 9 Uhr, sondern um i/29 Ubr.

* Aus der guten alten Zeit. Aus unserem Leserkreise wird uns geschrieben: Bei ben heu­tigen hoben FleischpreUen dürfte es nicht un­interessant fein, einmal etwas über die 5>öhe dieser Preise in früheren Jahren zu erfahren. Die Marburger Ortsvolizeiverwaltung gab un­ter dem 24. Avril 1852 folgende Poltteitaxen bekannt: Fleisch: 1 Md. Ocksenfleiich 3 Sor. 3 Hlr., 1 Pfd. Kuhfleisch 2 Sgr. 6 SSü., 1 Md. Rindfleisch 2 Sgr. 2 Hlr., 1 Vfd.Schweine- fleisch 3 Sor. 4 ntr.. 1 Pfd. Hammelfleisch 2 Sar. 4 Hlr., 1 Pfd. Schaffleisch 2" Sgr.. 1 Pfd. Kalb­fleisch 1 Sgr. 4 Hlr., 1 Pfd. Kalbsleber 1 Sgr. 4 Hlr., 1 Pfd. Kalbsgelüng 1 Sgr. 4 <5tr., 1 Kolbsaekrös 2 Sgr. 5 Hlr.. 1 Kcllskopf 2 Sar., 1 Pfd. Leberwurst 3 Sgr. 6 Hlr.. 1 Pfd. frische Blutwurst 2 Sgr. 6 Hlr., 1 Pfd. Bratwurst 1 Sar. 6 Hlr. Nil. Die Zugabe beim Fleiich muß von der nämlichen Gattung und genießbar fein; auch darf auf ein Pfund nicht mehr als 4 Lot gerechnet werden. Daß bei die'en für tlnferan heutigen Begriff enorm billigen Prell-v die Metzaer doch noch guten Verdienst gehabt haben müssen, dürste daraus ersichtlich fein, daß ein Morburoer feder feiner beiden Töchter bei deren Verheiratung 60 000 Taler Vermögen mitaesten konnte.

- Das Ende der rt-Züge. Die Fabrvläne der deutschen Eisenbahnen erhalten durch die Einführung des neuen Verfonentarifs am 1. Mai eine etwas veränderte Gestalt. Für Nord- deutschland neu eingefnbrt wird der Begriff Eilzua, d. h. ein weniger bevorzugter Schnell­zug ohne Zuschlag. Die Fahrpläne unterscheiden also dann Schnellzüge mit Zuschlag und Eil­züge, sowie Personenzüge ohne Zuschlag. Aus dem schon vorliegenden ersten Entwurf des Sommerfahrplans der badischen Staotsbabnen sind die ll>-Züge vollständig verschwunden. Selbstverständig werden die Züge mit Durch­gang dort nach wie vor gefahren, wie dies in Süddsutschland und in anderen Ländern schon immer ohne besondere Ankündigung geschehen ist. Da alle Einzelheiten des künftigen Tarifs zwischen den devtsck-m Eisenbahnverwaltungen vereinbart sind, so muß man erwarten, daß die Bezeichnung ld-Zug auch aus dem Fahrplan der anderen Netze verschwindet.

* Zur Verhütung von Unglückofällen. Wie häufig liest man nicht in ben Tageszeitungen, daß Leute in Scheunenlucken beruntergefallen und tödlich verunglückt sind. Unwillkürlich muß man sich dabei fragen, ist es denn nicht möalich, solche Unqlücksfälle, denen jährlich Hunderte von Menschen zum Opfer fallen, zu verbäten? Anscheinend feblt es an zuverlässigen polizei­lichen Vorschriften. In kurbessischer Zeit be­standen solche Vorschriften, und gewiß zum Se­gen unserer Landbevölkerung. Die Bestimmun­gen lauteten wörtlich:Die untersten Eebälke über die Scheunentennen sollen mit Dielen oder Bohlen oder anzuheftenden Rüst­stangen dergestalt versehen sein, daß zwischen jeder Diele, Bohle oder Rüststange zur Erhal­tung des Luftzugs nur ein vier Zoll breiter Raum gelassen, jede Diele, Bohle oder Rüst- stange aber festgenagelt werde. Die Lucken im Innern der Scheunen müssen mit irgend einer, die gehörige Sicherheit wider Unglücksfälle ge­währenden Einrichtungen versehen werden. Zur Verhütung des Herabfallens aus Bodenlöchern oder Scheunenlucken, welche nach außen gehen, sollen dieselben mit einem eingefugten oder sonst gehörig zu befestigenden Querbalken (Riegel) oder starkem Raitel in einer Höhe von minde­stens 2ya Fuß über dem Fußboden befestigt werben.

* Hessenland. Der Inhalt der Nummer 4 betHessenland" ist folgender: Bennecke, Wil-

hem f. Der alte Kampf. Traudt, Valentin. Lied der Nacht (Gedichte). Blumenthal, mann. Dem Gedächtnis Venneckes (Rede). Killmer, W. Die althessische Rechtspflege im (heutigen) Kreise Witzenhausen. (Ein Bild bet. Justiz in der Landgrafschaft) (Fortsetzung). Schwarzkopf, Sanitätsrat Dr. Die Einweihung des Stahlbaues zu Cassel und die Gräfin von Reichenbach-Lessonitz. Die Casseler Chronik des Johann Justus Escherich. Mit Einleitung von Sanitätsrat Dr. med. Schwarzkopf und An-, merkungen von A. Woringer (Fortsetzung).: Holmquist, Mary. Ich will leben! (Tagebuch-' blätter eines Einsamen) (Schluß). Aus Hei­mat und Fremde. Hessische Bücherschau. Personalien.

.^essen-Naffau und Nachbargebicte.

Hersfeld, 17. Febr. Ein denkwürdiger Tag für die Stadt Hersfeld ist der 20. Februar. Sie wird bann bie hundertjährige Erinnerung an ihre Errettung vor gänzlicher Zerstörung feiern, die sie der hochherzigen Handlungsweise des badischen Oberstleutnants Lingg zu verdanken batte. Der Hergang dieses wohlverbürgten Er­eignisses war folgender:

Im Frübiabr 1807, während die Heere Na­poleons in Polen und Preußen standen, waren in Hersfeld Unruhen gegen die französische Be­satzung ausgebrochen, wobei ein französischer Soldat getötet wurde. Napoleon beschloß, ein abschreckendes Beispiel auftustellen und befahl, die Stadt Hersfeld zu plündern und an allen vier Enden anzuzünden. Nur mit Mühe gelang es den Fürbitten der französischen Kommandan­ten in Cassel und Hersfeld, eine Milderung die­ser harten Strafe dahin zu erlangen, daß die Einäscherung nur sinnbildlich stattfinden sollte, indem vier an ben Enben der Stadt einzeln stebende Häuser angezündet werden sollten. Der Brandschaden war daher nur gering. Sie Vlünderuirg war jedoch bet ü^auernswerteil Stadt nickt erlassen, sond-rn dem, den Haupt- t'ül her Besatzung bildenden badischen Jäger­bataillon unter dem Befehl des Oberleutnants Oinaa übertragen worben. Als Tag war der 20. Februar bestimmt, was Linag obsicklttch nickt geheim hielt, bamit lie Einwohner erst nock einen Teil ihrer Habe in Sicherheit bringen sollten. Als nun die Stunde der Plünderung gekommen war, und die Soldaten durch das Ge­tümmel der flüchtenden Einwohner auf ihren Sammelplatz geeilt waren, trat Lingg vor ihre Reiben, stellte ihnen zuerst das traurige Schick­sal der Einwohner vor und rief bann:Solda­ten hie Erlaubnis snrn Plündern iss letzt ge­geben. Wer dazu Lust hat, der trete heraus aus dem Glied!" Aber nickt ein Mann trat heraus, auch nicht, als die Aufforderung von dem Kom­mandanten wiederholt wurde, worüber dieser nicht minder erfreut war, als die in großer Be­sorgnis schwebenden Einwohner. Diese sandten soaleick, als das Bataillon wieder abgerückt war eine Abordnung an Lingg, die ihm namens der Stadt dantte und ibm ein namhaftes Geld­geschenk anbot, das er jedoch ausschlug. Darauf­hin ließ die Stadt eine silberne Münze prägen, auf der die oben geschilderte Szene dargestellt wurde, und überreichte sie dem menschenfreund­lichen Offizier zum Andenken. Auch ernannte ihn die Stadt zum Ehrenbürger und stellte seine Büste im Rathaussaal auf. Nach der Wieder­herstellung des Kurfürstentums Heyen rm Jabre 1815 erhob ibn der Kurfürst Wilhelm L unter dem Namen Linaq von ßinaacnfetb in ben Adelstanb. Der später zu ben höchsten mili­tärischen Würben emporgestiegene Edelmann starb ahn 21. Januar 1842 in Mannheim.

In Hersfeld werden bereits Vorbereitungen zu einet der Bedeutung des 20. Februar ent­sprechenden Erinnerungsfeier getroffen. Dieie wird am Vorabend in einer Aufführung, am Tage selbst in Schulfeiern, einem Testessen und am Abend in einem Kommers bestehen.

Aus Oberhessen, 13. Febr. Arn Sonntag den 10. d. M. fand in Reichelsheim unter dem Vor­sitze des Herrn Apothekers Hempel eine Ver­sammlung von Interessenten statt, in bet die schon lange angestrebte Genossenschaft für Er­richtung einet elektrischen lleberlandzentrale ge­gründet wurde. Die Zentrale ist in der Weise gedacht, daß sie allmählich auf etwa 70 Diqwaf- ten bet Wetterau ausqebaut werben soll. Die Eintragung bet Genossenschaft ist bereits bean­tragt. Die ausführenbe Firma A. Eobiet u. Co. in Cassel hat ihrerseits unter Leitung des In­genieurs Blumenthal bereit» ein Bauburoa« errichtet, von welchem aus der Bau geleitet wer­den soll.

Gießen, 18. Februar. Das Freiherrlich von Nordeck zur Raubenausche Familievfideikommiß des Appenbörner Hauses, errichtet von dem 1892 verstorbenen Freiherrn Adalbert von Nordeck zur Rabenau wird um Immobilien in ben Ge­markungen Appenborn, Geilshausen, Kesselbach, Lonborf, Odenhausen, Weitershain, Allertshau­sen, Climbach, Rüddingsbausen, Treis und Allendorf d. Lumda, Staufenberg von dem