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Marburg
Donnerstag 7. Februar 1907.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und «erlag- Joh.«ug. Koch, UmversMs-Buchdruckttek 42 AtafitÄ Marburg, Markt 21. - Telephon 55. *°uytö
Erttes Blatt.
Der Sieg des nationalen Gedankens.
— Das mit atemloser Spannung erwartete Ergebnis der Stichwahl im Reichstagswahlkreife Marburg-Kirchhain-Frankenberg hat die Hoffnungen all' derer erfüllt, die in der Person des deutsch - sozialen Kompromiß - Kandidaten Dr. Böhme den geeigneten Mann erblickten, unfern Wahlkreis im Reichstage zu vertreten und mitzuwirken an der Durchführung der großen fationalen Aufgaben, deren Ablehnung durch ie kolonialgegnerische Mehrheit zur Auflösung hes letzten Reichstages geführt hatte. Rach heißem Kampfe ist Dr. Karl Böhme zum Reichstagsabgeordneten gewählt worden. Nichts hatte man von gegnerischer Seite unversucht gelassen, ihm den Sieg streitig zu machen, der Ihm bereits am Tage der Hauptwahl sicher zu fein schien. Aber gerade die maßlose Agitation derer um v. Eerlach hat vermutlich dazu beigetragen, viele Wähler, insbesondere solche konservativer und nationalltberaler Richtung, die vielleicht am Hauptwahltage noch gezögert hatten, dem antisemitischen Bewerber ihre Stimme zu geben, zu bestimmen, am gestrigen Tage Dr. Böhme zu wählen. Auch in Zentrumskreisen hat der national-soziale Hospitant des Berliner Börsenfreisinns nicht durchweg den Anklang gefunden, den er durch allerhand Kniffe vor dem Tage der Entscheidung zu gewinnen hoffte. Rach den zurzeit vorliegenden Berichten hat eine nicht unbeträchtliche Anzahl katholischer Wähler Herrn Dr. Böhme ihre Stimme gegeben. Die Sozialdemokraten freilich sind geschloßen für den ihnen so nahestehenden Vertreter des rötlichen Freisinns eingetreten, und es hätte vielleicht eines autographierten Schreibens v. Eerlachs, In dem er den „Arbeitern die Bruderhand drückt", nicht bedurft, um die „Eenoßen" Mann für Mann für ihn an die Urne zu bringen.
Mit 10 448 Stimmen hat Dr. Böhme über ». Eerlach gesiegt, der nach dem gestern gegen j%10 Uhr abends ausgegebenen Extrablatt der „Oberhesiischen Zeitung" nur 8275 Stimmen auf sich vereinte. Ein schöner, glatter Sieg, den er allerdings nicht der Wählerschaft der Stadt Marburg, sondern vornehmlich der strammen Haltung der Landbevölkerung zu verdanken hat; denn in Marburg selbst hatten nur 916 Wähler für Dr. Böhme gestimmt, während von Gerlach 2034 Stimmen erhielt.
Die tönende Phrase, mit der v. Eerlach ßn unserer Universitätsstadt einige — weitaus-
lNachdrnck verboten.).
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Schatten.
Roman von B. ». d. Lancken.
(Fortsetzung.
„Gabriele, du bist das böseste Mädchen, das fch kenne. Warte nur, ich gehe künftighin auch nicht mehr ins Haus, um meine Stickerei zu suchen, wenn Rupert und eine gewiße kleine Gräfin nach einem Moment des Alleinseins schmachten —"
„Aber Evi--“
„Za, ja — hat sich was! Kind, eine Purpursrose ist bleich im Vergleiche zu deinen Wangen. *— Und jetzt wird gebeichtet. Nein, du kommst bricht los —"
Damit faßte sie Gabis beide Hände, zog die leicht Widerstrebende neben fich auf das Sopha und sah ihr fest ins Antlitz. Eabrielens Ueber- urut war schon bedeutend gesunken, fie lächelte nur still vor sich hin.
„Run beichte, Schatz — warst du heute Morgen nicht allein im Gatten, aber nur kurze Zeit?"
„Ja
„Dann kam Rupert — ja oder nein?"
.Za—"
„Und da sagte er, daß er die schöne Komtesse .Gabriele--"
„Nein, gesagt hat er nichts Derartiges — wir Haben nur Alltäglichkeiten besprochen —" [ Zwei Arme schlangen sich um Eabrielens Hals, und zwei weiche, warme Lippen flüsterten ihr ins Ohr:
1 „Wir auch, Eabi, wir auch. Wir neckten iins wegen eines Butterbrotes — denke nur, ein Butterbrot — und doch — ach, ich kann es nicht Perschweigen dir gegenüber — und doch wißen Dir seit heute Morgen, daß —"
' „Nun?" drängte Gabi Hockklopfenden Her-
wir uns gut find." vollendete Eva, „der
posaunte — Triumphe errungen, hat in den Landstädten und Dörfern bei dem gesunden, auf's Praktische gerichteten Sinn unserer Landbevölkerung in der Hauptsache ihre Wirkung verfehlt. Dort hat man keinen Sinn für jene Art von „Freiheit", wie fie der Schildträger des Berliner Börsenfreisinns verkündet.
Eerlachs letztes Wort vor der Stichwahl — wie der Tendenzbericht über die Montagversammlung in der „Heßischen Landeszeitung" überschrieben war — ist sein Abschiedswort für unfern Reichstagswahlkreis geworden. Diesem Abschiede aber wird kein Wiedersehen folgen, wenigstens nicht in dem Sinne, daß der vielgewandte Agitator nochmals Gelegenheit finden könnte, sich das Reichstagsmandat für unfern 5. heßischen Wahlkreis durch seine raffinierten Wahlkniffe abermals zu erlist e n. In Zukunft soll dafür gesorgt werden, daß Herren von seiner, so stark ins Rote spielenden Couleur als ernstliche Wahlbewerber un- serm Wahlkreise fernbleiben?
Eine Lehre aber möge auch die Wählerschaft in Marburg-Stadt, welcher Hrn. v. Eerlach eine verhältnismäßig so große Zahl von Stimmen verdantte, aus diesem Sttchwablkampfe ziehen, die nämlich, daß die neu liberale Phantastik Friedrich Naumanns, von der wir jüngst einige lehrreiche Proben gaben, im Verein mit Hellmut v. Eerlachs aufreizender Agitation die Sache des deutschen Bürgertums im Kampfe gegen deßen geschworenen Feind, die internationale Sozialdemokratie aufs schwerste schädigen muß. Männer von dieser Art, welche dem nationalen Bürgertum in den Rücken fallen und den waschechten „Sozis" so nahe gerückt sind, können nicht mehr zu positiver Mitarbeit an der staatlichen und sozialen Entwickelung des Reiches fähig fein. Darum muß der Kampf gegen diese verkappten Schildhalter der „roten Internationale" ebenso rücksichtslos geführt werden, wie gegen die Sozialdemokraten selbst. Daß dies keine leeren Behauptungen sind, hat so recht deutlich der Wahlkampf in Jena bewiesen (deßen wir schon gedachten), wo durch die geistesverwirrende Tätigkeit der national-sozialen Agitatoren der nationalliberale Kandidat in Stichwahl mit dem Sozialdemokraten kämpfen mußte. a- natiker der Verkehrtheit" nennt ein durch seine patriotische Haltung ausgezeichnetes Blatt, die „Leipziger Neuesten Nachrichten", die National-sozialen, die es „noch überall verstanden, das echte Metall der Gesinnung in falsche Groschen umzuwechseln."
Darum dürfen wir uns von Herzen freuen, daß der National-soziale den Abschiedspaß erhalten hat und daß wir in Herrn Dr. Karl Böhme einen rückgratfesten vaterländisch gesinnten Neichstagsabgeord- neten erhalten haben, mit dem sich alle Freunde
schreckliche Doktor und ich. Ach, Eabi, ich bin ja zu glücklich!" Und dabei lachte und weinte die Kleine.
„Eva — liebe Eva — ich wünsche dir alles Gute."
„Pst!" — Der Schwarzkopf legte den Finger auf die Lippen. „Nichts verraten, nichts merken laßen, denn gesprochen haben wir über die Sache gar nicht, nur die Augen —"
Eabi nickte mit leisem, glückseligem Lächeln.
„Ihr auch? — Auch nur durch die Augen —"
„Du lächelst? — O Eabi, wie schön, daß wir beide lieben. Von dir habe ich es schon lange geahnt, aber von mir nicht."
„Nun, dann haben wir uns nichts vorzuwerfen, mir ist es ähnlich ergangen," sagte Eabi, den Arm um die Schulter der Freundin legend. „Wie das nur alles so gekommen ist —"
„Ja — darüber habe ich weiter nicht nachgedacht." — Nach kurzer Pause: „Gabt, dein Rupert — verzeih — Rupert ist ein prächttger Mensch, der beste, den ich kenne, ausgenommen natürlich mein schrecklicher Doktor!"
„Evi, ich kann noch nicht daran glauben, — eben weil er ein so bedeutender, schöner und vorzüglicher Mann ist, daß er mich — gerade mich, lieben sollte."
„Dich gerade? Na, höre, Eabi, täte er es nicht, dann wäre er mir ein Rätselwesen. So, nun aber den Kopf in die Höh' und hübsch fidel. Ich will die Mama bitten, daß sie auch Rupert einlabet —"
„Nein, Evi, — bitte, nein!"
„Ja, Eabi — aber ja," lachte das lustige Mädchen. ,Bitte, liebe, liebe Eabriele!" sie drängte sich schmeichelnd an sie, „was ist denn Böses dabei? Nun mach dich recht schön, und dann wollen wir fidel sein. Aber," setzte sie ernst hinzu, „Verschwiegenheit gegen jedermann. Ich freilich, ich werde morgen Mama mein Herz ausschütten — aber nur, was von meinen Gefühlen darin ist, dein EeheMnis bewahre ich treu." «
der nationalen Sache, auch solche die ihn bisher bekämpft haben, einverstanden erklären können.
Was die weiteren Stichwahlergebniße im Reiche betrifft, so ist das Werk, das in der Hauptwahl vom 25. Januar begonnen und in der bremischen Stichwahl fortgesetzt wurde, zu einem erfreulichen Abschluß gelangt, wenigstens, was den Kampf gegen die Sozialdemokratie erlangt, die ja fast die Hälfte ihrer Mandate verloren hat.
Nach dem nunmehr vorliegenden Gesamtergebnis hat der neugewählte Reichstag folgende Zusammensetzung:
105 Zentrum
58 Konservative
54 Nationalliberale
43 Sozialdemokraten
28 Freisinnige Volkspartei
21 Neichspartei
20 Polen
15 Wirtschaft!. Vereinigung
11 Freisinnige Vereinigung
10 Fraktionslos
8 Bund der Landwirte
7 Volkspartei
7 Elsäßer
6 Reformpartei
3 Welfen
1 Däne.
Weiter liegen folgende Einzelmeldungen vor: Cassel: Lattman (Deutschsozial) mit 3500 Stimmen-Mehrheit gewählt.
Eschwege: Raab (Antisemit) mit 4000 Stimmen-Mehrheit gewählt.
Frankfurt a. M.: Dr. Oeser (Demokrat) 33 667. Dr. Quark (Soz.) 30768.
Hanau: Hoch (Soz.) 19 994. Lucas (Nat.- lib.) 18 800.
Wiesbaden: Lehmann (Soz.) Wahl gesichert.
Mainz: Dr. David (Soz.) gesichert.
Heidelberg: Beck (Nat.-lib.) gesichert.
Friedberg-Büdingen: Graf Oriola (Nat.- lib.) gesichert.
Offenbach-Dieburg: Ulrich (Soz.) gewählt.
Berlin: Kempf (Freis. Volksp.) gewählt.
Köln-Stadt: Tnmborn (Zentr.) scheint gesichert.
Höchst-Ufingen: Brühne (Soz.) mit 13 500 Stimmen gewählt. Jtschert (Zentr.) 7400.
Zittau: Buddelberg (Freis. Vp.) gewählt, Dresden-Altstadt: Dr. Heinze (Nat.-lib.) gewählt. Bisher Dr. Eradnauer (Soz.).
Stadtkreis Danzig: Mommsen (Freis. Vgg.) gewählt.
Straßburg: Boehl: (Soz.) gewählt.
Stadt Stettin: Dr. Dohrn (Freis. Vereinig.) gewählt. Bisher Herbert (Soz.).
„Ich habe keine Mutter — keinen Vater." sagte Eabriele leise, mit Tränen in den Augen.
„Arme Eabi!" — Evi schloß sie an ihre Brust. „Latz gut sein, ich kenne Rupert, er wird dir mit seiner Liebe Vater und Mutter ersetzen."
„Evi, du vergißt, daß wir uns nicht ausgesprochen haben."
„Wir auch nicht. Aber was tut das? Wenn zwei sich gut sind, dann müßen zuerst immer die Augen reden; gerade wie die Sonne ihr Licht durch das Fenster ins Zimmer sendet und es hell und freundlich macht, so strahlt die Liebe aus den Augen, und ihr Strahl fällt durch zwei andere Augen wie durch zwei Fenster in das andere Herz. Und wenn zwei fich angucken, dann brauchen sie nicht mehr viel zu reden, dann wißen sie auch ohne Worte Bescheid. Und nun Ade — Ade!"
Sie warf noch ein Kußhändchen und hüpfte hinaus. Eabi blieb in Gedanken verloren stehen, bis sie durch ihre Uhr daran erinnert wurde, daß es Zeit sei, fich für den Mittagstisch umzukleiden.
Eine kleine, in Ernst und Heiterkeit sehr verschieden gestimmte Tafelrunde versammelte sich eine Stunde später in dem kühlen Eßzimmer zu dem einfachen, aber vorzüglich bereiteten Mahl. Eva und Ebert neckten sich wie immer, aber es lag ein Hauch von Nachgiebigkeit über Evas Wesen, der sie viel liebenswürdiger machte. Rupert und Eabttele sprachen wenig, aber ihre Blicke begegneten sich um so häufiger; beide Herren tranken vielleicht etwas mehr als sonst von dem feinen, alten Rüdesheimer, und ganz normal in ihrem Tun und Treiben, Ellen und Trinken war eigentlich nur das Fllhrenfche Ehepaar, Herr Erasmus, ganz der Alte, voll herzgewinnender unbefangener Freundlichkeit, und Frau Wilhelm«, die liebenswürdige Wirtin. Ob fie auch nichts mettte? Oder hatte das Töchterchen schon ihr Herz entdeckt? Sie sah das „Kind" oft still und sinnend ogl.
Eroßherzogtum Hessen.
Darmstadt - Groß-Gerau: Osann (Nat.-lib.) 18135, Berthold (Soz.) 16 314. Osann gewähr
Worms: Frhr. Heyl zu Hernsheim (Nat.- lib.) 15875, Uebel (Zentr.) 10936. Heyl gewählt.
Freudenstadt-Oberndorf: Wagner (Deutsche Volksp.) 12 084, Andre (Zentr.) 7612. Wagner gewählt.
Ballingen-Rottweil: Hausmann (Deutsche Volksp.) 14132, Schellhorn (Zentr.) 12 41L Hausmann wiedergewählt.
Crailsheim: Vogt (Bündler) 9948, Augst (Deutsche Volksp.) 8158. Vogt wiedergewählt.
Geislingen-Mm: Storz (Freis. Volksp.) 14 617, Dietrich (Soz.) 10213. Storz gewählt.
Rordhaufen: Wiederwahl Wiemer (Freis. Volksp.) mit großer Mehrheit gesichert.
Elberf.d-Barmen: Linz (Ehristl.-Sozial) mit rund 33 000 Stimmen gewählt. Molken- buhr (Soz.) rund 28 000.
Lennep - Remscheid - Mettmann: Die Wahl v. Eickhoff (Freis. Volksp.) gesichert.
Appenrade-Flensburg: Wommelsdorf (Nat^ lib.) mit 11215 Stimmen gewählt. Michelsen (Soz.) 8253.
Colmar: Preis (Zentr.) mit 1500 Stimmen- Mehrheit gewählt.
Straßburg-Land: Dr. Will (Els. Zentr.) mit 10 252 Stimmen gewählt. Blumenthal (Deutsche Volksp.) 9268.
Zena-Reustavt: Lehmann (Nat.-lib.) f c gewählt.
Halberstadt - Oschersleben: Rimpau (Nat.- lib.) 20 000, Bartels (Soz.) 13 600. 6 Orte stehen noch aus. Rimpaus Wahl sicher.
Querfurt -Merseburg: Winkler (Kons.) 16 954, Pollender (Soz.) 9391. Zahlreiche Ort« stehen noch aus, aber Winklers Wahl sicher.
Annaberg-Schwarzenberg: Dr. Stresemann (Nat.-lib.) mit 14 500 Stimmen gewählt.
Mühlhausen - Langensalza - Weißensee: Eickhoff (Freis .Volksp.) mit 14111 Stimmen gewählt. Zedlitz (Reichsp.) 11126.
Potsdam-Osthavelland: Pauli (Kons.) mtl 21 786 Stimmen gewählt. Liebknecht (Soz.) 18 587.
Harburg-Rotenburg: Nahrenhorst (Reichsp.) bisher 17 042, Baerer (Soz.) 14848.
Marienburg-Elbing: v. Oldenburg (Konf.) mit 15 339 Stimmen wiedergewählt.
Liegnitz-Eoldberg-Haynau: Fischbeck (Freis. Volksp.) mit 13678 Stimmen gewählt. Buch- Holtz (Mittelstandspartei) 9600.
Landkreis Breslau-Neumarkt: Graf Carmer (Kons.) bisher 9976, Schuh (Soz.) 5480. Mehrere Orte fehlen noch.
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5. Kapitel.
Es war Winter geworden und die Gesellschaft war in die Residenz zurückgekehrt.
Seine Hoheit Prinz Adolf hatte, von heftigen rheumatischen Schmerzen geplagt, eine besonders schlechte Nacht gehabt und nur gegen Morgen ein paar Stunden Schlaf gefunden. Nun ruhte er auf dem bequemen türkischen Divan, in seidene Decken gehüllt, rauchte aber eine feine Havanna, trank den sehr starken Kaffes den er bereits zu seiner Anregung brauchte, und blätterte in den Zeitungen.
Er war ein Mann von fünfzig und einigen Jahren; seine mittelgroße, soll übersckstanke Gestalt trug den Kopf mit entschieden bedeutenden Zügen, denen aber lange Leiden ihren Stempel aufgedrückt hatten. Graues Haar deckte nut spärlich Scheitel und Schläfe: sehr gepflegt war der lange, graue Schnurr- und Backenbart, deßen Enden der Prinz beim Sprechen fast immer spielend durch seine mageren weißen Finger gleiten ließ. Prinz Adolf von Schwarzenstein lebte mit seinem Bruder, dem regierenden Herzoge, auf etwas gespanntem Fuße, da seine Neigungen und Wünsche von Jugend auf mit denen des Herzogs kollidierten: seine angegriffene Eesund- heit btldete somit einen passiven Vorwand, dem herzoglichen Hofe fast das ganze Jahr über fern zu bleiben. Er lebte teils auf ländlichen Besitzungen teils in Berlin, wo er gern als Mäcen der Künstler und Schriftsteller galt und sich auch bereit fand, wenn es darauf ankam, mit Rai und Tat einzutreten. Seine bedeutenden Mittel gestatteten ihm Ines in ausgiebigem Maße. Er bewohnte eine schloßartiqe Villa draußen im Tiergarten, nahe dem Palais Reuchlin.
„Ist die Frau Baronin noch nicht auf?" fragte der Prinz, über die Zeitung hinwegblickend, seinen Kammerdiener, der eben zum zweitenmale die Taße mit Kaffee füllte.
.Die gnädige Frau Baronin werden gleich erscheinen."
(Fortsetzung folgt.)