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Marburg

Sonnatieud, 29. Dezember 1906.

Erscheint wöchentlich siebe» mal.

Druck und Verlag' Joh. klug. Koch, UmverMS-Buchdrucknek Marburg, Markt 2L Telephon 55.

41. Jahrg.

Das Aöoaaemeat auf dieOberhefstfche Zeitaug", das größte, meistgelesenste und weit* verbreitetste Blatt Marburgs «ud der Umgegend kostet vierteljährlich nur 2.25 Mk. Inserate haben besten Erfolg.

Förlmung der deutsche« Spar-

* tätigkeit.

Der deutsche Sparkassenverband, der sich ans 13 Unterverbänden und zehn Einzelsparkassen zusammensetzt und mit 1535 Sparkassen die grö­ßere Hälfte der gesamten deutschen Syarkass.n umschließt, beriet auf seiner diesjährigen Tag­ung die brennendste Frage auf dem Gebiete un­seres deutschen Sparwesens: die Förderung der Spartätigkeit. Wir sind zwar sehr leicht ge­neigt, unser Sparkaffenwesen für das beste der Welt zu halten, weil unsere Eparkasienbestäade von elf bis zwölf Milliarden Mark auf eine ganz außergewöhnliche Sparfähigkeit sowohl wie Spartätigkeit schließen lasten. Aber der Schluß ist falsch, denn so wird derKöln. Zig." ge­schrieben viele dieserSpareinlagen stam­men aus Kreisen, für die die Sparkassen über­haupt nicht gegründet worden sind, aus Kreisrtt, die nicht sparen, sondern einfach hinterlegen, deponieren. Einen starken Bruchteil un­serer Sparg^ider, die merkwürdigerweise in schlechten Zeiten am höchsten zu sein pflegen, muß man eben als Depositen betrachten, als Einlagen vorsichtiger Leute, die bei fallender Konjunktur und verminderter Sicherheit ihre sonst in höher zinsenden Jndustriepapieren an­gelegten Gelder schleunigst zurückziehen, um sie zeitweise den absolut zuverlästigen Sparkassen anzuvertrauen. Wenn aber jene Kapitalien von den Einlagen der Sparkassen abgezogen werden, so ist festzustellen, d^ß unsere Spartätigkeit 'm eigentlichen Sinne des Wortes noch lange nicht genügend ist, und vor allem nicht so ist, wie sie sein könnte. Dieser Tat­sache haben sich die deutschen Sparkassenmänner auch nicht verschlossen, und sie suchen deshalb nach Mitteln und Wegen, um dem Mißstande avzuhelfen. In welcher Weise sie Abhülfe zu schaffen suchen, erhellt aus folgenden Leitsätzen, die von beiden Berichterstattern, Stadtsyndikus Götting-Hildesheim und Ctadtrat Bödickev- Cafsel vorgeschlagen und von der Versammlung einstimmig angenommen worden sind:

1. Zur Förderung der Spartätigkeit, insbe­sondere auch bei den weniger bemittelten Ve-

89 lNachdruck verboten.)

Metier alles die Kunst.

Roman von Clarissa Lohde.

(Fortsetzung).

lieber das immer heitere Gesicht Kaminskis breitete-es sich plötzlich wie ein tiefer Ernst: 'Davor behüte uns der Himmel!" sagte er, wäh­ren^ es ihm wie ein leiser Schauer durch die Adern ging.

Gräfin und Marga empfingen die Her­ren an der Tür des Salons. Ohne der Gegen­wart Margas und Kaminskis zu achten, stürzte sich die Gräfin aufschluchzend in Nemethys Anne.

,.G6za mein Kind mein armes Kind!"

Margas Lippen preßten sich unwillig zu­sammen. Nemethy schob die unglückliche Mutter sanft von sich:

Fassung, Cousine," sagte er mit seiner tiefen, jetzt doch etwas fibrierenden Stimme, deren Klang noch nie versagt hatte, wenn es galt, die Stürme in der Brust der leidenschaftlichen Un­garin zu besänftigen.Noch ist ja die Hoffnung nicht ausgeschlossen, daß wir sie wiederfinden. Vielleicht eine Laune des seltsamen Kindes. Man muß natürlich sofort die nötigen Schritte tun. Sie wird vermutlich, abenteuerlich, wie fit ist, eine Flucht in das Weite unternommen haben, ein Schreckschuß für uns, der einzige Zweck? Wie ich vermute, war sie reichlich genug mit Geld versehen, um derartige Extravaganzen ausführen zu können."

Die Gräfin atmete erleichtert auf. Ja, Gisela hatte stets eine bedeutende Summe zur Ver­fügung. Wenn sie diese mitgenommen, konnte Nemethy mit feinen Vermutungen recht haben.

Wir wollen in ihrem Schreibtisch nach­sehen, wo sie das Geld zu verwahren pflegt," ti»i sie. und eilte mit hastenden Schritten voran «ach Giselas Zimmer. Aber ihre Hoffnungen erfüllten sich nicht. Der geöffnete Schreibtisch zeigte das Geld unberührt, die Gräfin lau!

völkerungsklassen, kommen zurzeit folgende Maß­nahmen in Betracht, welche von den unterzeich­neten Antragstellern empfohlen werden: a) Er­richtung möglichst zahlreicher, für alle Vevölke- rungskreiso bequem gelegener Annahme- und Zweigstellen, b) Einführung des.Abholungs­verkehrs, der Haussparbüchsen und der Spar­vereine. d) Einrichtung von Vermittlungs- (Sammel-) Stellen und Förderung von Weih­nachtssparkassen. d) Verzinsung der Sparein­lagen längstens in halbmonatlichen Perioden, möglichst aber von Tag zu Tag. e) Einführung des allgemeinen kostenlosen Uebertragbarkeits- vcrkehrs der Spareinlagen von Sparkasse zu Sparkasse, f) Leichte Verfügung des Einlegers über sein Guthaben durch möglichst entgegen­kommende Handhabung der Kündigungsfristen, g) Sickerung der Sparer gegen unbefugte Ab­hebungen, durch aebeime Stichworte, Herrich­tung von Schrankfächern zur Aufbewahrung von Sparbüchern, h) Einrichtung von Schulspar­kassen, insbesondere in Anstalten, deren Besucher im Erwerbsleben stehen, t) Beschleunigte Auf­stellung und Bekanntgabe einer Jahres-Statistik der Verbands-Sparkassen.

2. Die Frage, welche der unter la bis h auf­gewühlten Maßnahmen sich zur Einführung emp­fiehlt, kann nur nach den Verhältnissen der ein­zelnen Kassen (Zusammensetzung der Bevölke­rung, Gliederung der Einleger, Beruf der Spa­rer usw.) entschieden werden .

3. Hm dis Kassen des Verbandes bei Prüfung und Einführung der vorstehenden Maßnahmen auf Verlangen zu unterstützen, sowie zur Prü­fung der im praktischen Sparkassenwesen auf- tarchenden Fragen wird eine ständige Kommis­sion eingesetzt, welche auf dem Verbandstag Be­richt zu erstatten hat.

Dian braucht, so bemerkt das zitierte Blatt, nicht mit allen Vorschlägen einverstanden zu fein; z. V. wird sich die Hanssparbüchse als ein kostspieliger Versuch Herausstellen, der nur so lange fick wirksam erweisen wird, als der Reiz der Neuheit anhült. Immerhin können sich die Befürworter dieses Sparförderungsmesens auf Erfolge in den nordischen Nachbarreichen und in Amerika berufen. Was wichtiger erscheint, ist die Tatsache, daß überhaupt Mittel und Wege gesucht werden, Wandel zu schaffen. Vorläufig be­schränken sich diese Bestrebungen auf eine Er­leichterung des Sparens: Annahme- und Zweig­stellen. Abholung, Hausfvarkassen, Sammelstel­len, Hebertragbarkeitsverkehr. Daneben wird in den Schulsparkassen auch noch ein erzieherischer Einfluß geübt. Ob aber fernerhin nicht noch andere Wege eingeschlagen werden müssen, wie sie schon von einigen Sparkassen mit recht gutem Erfoloe beschritten worden sind, indem man z. B. den eifrigen und beharrlichen Sparern Beloh­nungen zukommen läßt, ist eine Frage für sich. In der Spartätigkeit unseres Volkes ruht eine starke wirtschaftliche Kraft, und was zu ihrer Förderung unternommen wird, stellt ein Stück Sozialpolitik dar, und nicht das schlechteste.

völlig zerschmettert in einen Stuhl. Auch dieser letzte Hoffnungsschimmer hatte sich als Täu­schung erwiesen. Der Vorwurf, durch ihre Nach­giebigkeit gegen Nemethys Wünsche ihr Kind in den Tod getrieben zu haben, wollte nicht von ihr weichen und wurde um so quälender, je ruhi­ger und gelassener sich dieser dem entsetzlichen Ereignis gegenüber zeigte. Anders Kaminski. Trotz seines Leichtsinns fühlte er sich doch aufs höchste erariffen und bereute in tiefster Seele, daß er sich so widerstandslos von Nemethy zu der unwürdigen Rolle, die er Gisela gegenüber gespielt, batte brauchen lassen.

In vergeblichen Kombinationen und Erwä­gungen, wie man die Nachforschungen nach der Verschwundenen am besten ausfiihren könne, wachte man den Bkorgen heran. Nemethy hatte schon im stillen seinen Plan gefaßt. Sein erster Gang sollte der Morgue gelten. Fände er Gisela dort, was ihm das wahrscheinlichste schien, so konnte man der Welt gegenüber mit voller Glaubwürdigkeit von plötzlicher Hmnachtunq ibres Geistes sprechen. Das Mädchen hatte sich seltsam genug in ihrem Wesen gezeigt, um solche Katastrovhe begreiflich erscheinen zu lassen. We­der auf ihn, noch auf die Gräfin konnte ein der­artiges Ereignis einen Schatten werfen. Stanis- las allein war zu beklagen, der mit der Braut zugleich die erhoffte reiche Mitgift verlor. Viel­leicht aber vermochte er doch noch Aglaja, die ja nun Erbin ihrer Tochter wurde, dazu zu be­wegen, seinen so schwer getroffenen Neffen aus der augenblicklichen Verlegenheit zu retten. Später konnte der Junge ja an eine Heirat den­ke», die ihm, wenn auch nicht vollen Ersatz, so doch die Mittel gewährte, sich auf seinen Gütern halten zu können. Eine» Moment ging es ihm sogar wie ein leises Bedauern durch den Ginn, daß er sich durch seine Verlobung mit Marga ge­bunden hatte. Die Gräfin wurde jetzt eine der reicksten Partien ihres Landes, und er brauchte nur zu wollen und sie war sein. Aber dieses Bedauern währte nur einen kurzen Moment, denn seine Leidenschaft für Marga war noch

Deutsches Reich.

"" Berlin, 28. Dezember.

Der Kaiser hat, wie aus Metz berichtet wird, das Haus, in dem Kaiser Wilhelm I. die Nacht vor der Schlacht bei Grar<s.otte verbrachte, für 200 COO Jt angekauft. Das Haus liegt am äußersten Ende des Dorfe» Rezonville an der Straße nach Vionville. Der Eigentümer darf das Haus bis an sein Lebensende bewohnen.

Eine neue Verlobung im Kaiserha ise. Wie uns bereits gestern abend drahtlich mitge­teilt wuroe, ist abermals eine Verlobung in unserem Kaiserhause gefeiert worden. Prinz August Wilhelm von Preußen nämlich hat sich mit der Prinzessin Alexandra Viktoria von Schleswig-Holstein verlobt. Dis Verlobung fand im Schlosse Glücksburg statt. (Prinz August Wilhelm ist der vierte Sohn des Kaisers. Er wurde am 29. Januar 1887 geboren, ist also noch nicht 20 Jahre alt. Prinzessin Alexandra von Schleswig-Holstein, geboren am 21. April 18-7, ist die zwe-kälteste Tochter des Prinzen Ferdi­nand von Schseswig-Holstein-Sonderburg-Glücks- burg und dessen Gemahlin Prinzessin Karoline Mathilde, aus dem Hause Schleswig-Hol,tein- Sonderburg-Augustenburg, einer Schwester d.c Kaiserin. Ihre ältere Schwester ist mit dem Herzog von Sachsen-Koburg-Gothe verheiratet.)

Ein Vortrag des Kolonialdirektors Dern- burg über Deutschlands koloniale Entwickln »z. Wie aus Berlin verlautet, beabsichtigt der neue Kolonialdirektor Dernburg, demnächst einen Vortrag über die koloniale Entwicklung zu hal­ten, und zwar in einer Versammlung, die der Deutsche Handelstag einberuft. Die Versamm­lung soll Freitag, 11. Januar, abends 8 Hhr, in Berlin stattfinden; die Räumlichkeiten, in den» die Versammlung erfolgen wird, werden noch bestimmt werden. Der Zutritt zu der Versamm­lung ist nur gegen Eintrittskarten, auf denen der Versamml"ngsraum angegeben sein wird, gestattet. Die Karten werden vom Deutschen Handelstag sein.-i Mitgliedern (Handelskam­mern, kaufmännischen Korporctionen usw.) !§r ihre Vertreter und für Kaufleute und Jndu« strielle ihrer Bezirke zur Verfügung gestellt. Wünsche um Zulassung zu der Versammlung find bis zum 2. Januar an die Handelskammern kaufmännischen Korporationen usw. zu richten. Daß der Leiter eines Reichsamts in einer öffentlichen Versammlung einen Vortrag halten wird, ist ein Ereignis, das in Deutschland sicher­lich noch nicht dagewesen ist. Aber man kann ohne Zweifel auch hier das Brechen Dernbu gs mit den alten Prinzipien unserer Beamtenschaft freudig begrüßen.

groß genug, um alles andere zurückzudrängen. Heberdies fing die Gräfin sichtlich an zu altern. Marga dagegen war jung, frisch und eigenartig, etwas neues, was er bisher noch an keiner der Frauen, die in sein Leben getreten, gefunden, und es reizte ihn, sich eine Natur von solcher Begabung und zugleich so kühler Berechnung zu unterjochen. Zum Teil war ihm das ja schon gelungen, denn er hatte die Eitelkeit und die Genußsucht die nur als Funken in ihrer Seele geglüht zu heißer Flamme anmfachen gewußt, die sie widerstandslos in feine Arme getrieben. Er versprach sich ein neues, freieres und besseres Leben an der Seite Margas, als er in der letzten Zeit unter der eifersüchtigen Laune der altern­den Gräfin geführt hatte.

Sobald es die Zeit gestattete, machten Ne­methy und Graf Kaminski sich auf den Weg, zu­erst »ach der Polizei, wo man ihnen indessen noch gar nichts mitzuteilen vermochte, dann nach der Morgue. Es ist ein Heller, schöner Früh­lingsmorgen. Hmfo düsterer und schauerlicher wirkte der traurige Raum, in dem die im Laufe der letzten Stunden eingelieferten Leichen hinter geschlossenen Glasplatten ausgestellt liegen: Op­fer der Not, des Genusses, des Verbreches der Großstadt. Stanislas rinnt es eiskalt durch die Glieder, er hat Mühe, sich aufrecht zu erhalten, fein Zittern vor den Augen der Beamten zu verbergen, die die Wache bei den Leichen halten. Sein Ange irrt über die bleichen Todesgestchter. Hier ein Greis mit abgezehrtem, von Kummer und Not durchfurchtem Antlitz, daneben eine Verbrecherphysiognomie, weiterhin ein junges Weib, in dessen Züge das Laster feine Runen geschrieben hat, und dann, et zuckte zusammen, die zarte, schmächtige Gestalt eines jungen, fast noch kindlichen Geschöpfes. Lange schwarze, vom Wasser durchnäßte Haare fallen zur Seite des Gesichtes nieder, es fast verhüllend. Ist sie's ist's Gisela?

Er wagt nicht mehr hinzusehen, das Herz Köpft ihm zum Zerspringen, kalter Schweiß tritt cuf seine Stirn, aber nein. Nemethy geht ge-

Der nationallibrrale Führer Bassermaun hat nunmehr die Kandidatur für den Wahlkreis Koburg (bisher Abg. Patzig, nationall.) e« genommen.

Heimkehr aus Deutsch-Südwcstafrika. Vor­gestern vormittag ist der PostdampferEertttid Woermann" mit 20 Offizieren und höhere« Militärbeamten sowie 480 Untere,|..eren und Mannschaften an Bord, von Deutsch-Südwest­afrika kommend, in Kuxhaven eingetroffen. die Helmzekehrten fand eine Weihnachtsfei mit Bescherung statt.

Nachklänge zur Reichstagsauslösung. Jq einigen Blättern ist die Auffassung vertreten, daß das Vorgehen des Kolonialdirektors Dem« bürg, insbesondere aber die Anerkennung, die dieses an allerhöchster Stelle gefunden habe» soll, den mittelbaren Anlaß zur Auflösung its Reichstags gegeben habe. In diesem Zusam­menhänge wurde erzählt, der Kaiser habe den Kolonialdirc^tor bei einem Ess'» beim italie ri­schen Botschafter Grafen Lanza umarmt und geküßt; deshalb sei auch im Kanzler die Scheu vor inneren Krisen überwunden worden and der Entschluß gereift, es an Energie dem Herrn Dernburg gleichzutun. Diese Darstellung ent­behrt der Begründung insofern, als das Essen bei dem Grafen Lanza nicht vor, sondern am Tage nach der Reichstagsauflösung stattfand. Hmarmt und geküßt hat der Kaiser Herrn Dern­burg nicht, sondern ihm nur, allerdings sehr kräftig, die Hand gedrückt und gesagt:Da« haben Sie gut gemacht!" Diese An­erkennung kann also für den Kanzler nicht oe- stimmend gewesen sein, den Entschluß der Auf­lösung des Reichstags zu fassen. Die Sache fo schreibt ein gut unterrichtetes Berliner Blatt, ist vielmehr so einfach, so sensationslos, so ver­fassungsmäßig, wie möglich verlaufen: Als In der Budgetkommission der Zentrumsantrag rir- gebracht wurde, fragte ftll^ver.ckndlich der lonialdirktor an, wie er sich dazu zu stellen habe. Der Kanzler erklärte sofort, daß dieser oder ein ähnlicher Antr.g schlechthin unannehmbar sei, und ersuchte de» Kolonialdirektor, mik aller Klarheit und Entschieden­heit dies zu betonen, und auf den Ernst der Lage h i n z u w e i s e n. Das .st den» auch geschehen. Eine Neigung zur Nrch- giebigkeit über die Grenze des Antrags der frii- sinnigen Volkspartei hinaus ist niemals und au keiner Stelle vorhanden gewesen.

Die Fraktionen des preußischen Abgeord­netenhauses. Bei Beginn der dritten Session der 21. Legislaturperiode des preußischen Land­tages am 8. Januar 1907 werden die Fraktionen

lassen vorüber. Sie ist's also nicht, und nun blickt er aufmerksam in das gelblich blasse Antlitz der Toten. Erschüttert bleibt er stehen. Welch eine traurige Geschichte von Hunger und Ver­zweiflung ist auf den abgezehrten Zügen des jungen Gesichts zu lesen. Was mußte sie gelitten, gekämpft haben, ehe sie sich zu dem letzten furcht­baren Schritte entschloß, und er denkt daran, wie er gestern in derselben Nacht, da diese Aermsten, die Ausgestoßenen der Gesellschaft, den letzten bitteren Todeskampf gekämpft, mit seinem Onkel und den anderen Bekannten bei Austern und Sett, im Glanz und Schimmer des eleganten Caf6s von Paris sorglos schwelgte. Wre man­cher dieser Elenden hätte vor diesem äußersten Schritt bewahrt werden können, wenn er nut einen kleinen Teil von dem erhalten, was die lustige Gesellschaft am Abend vorher durch dir Kehlen gejagt. So elend, so jämmerlich ist sich der leichtsinnige junge Mann noch nie vorge­kommen, wie in diesem Augenblick. Er empfin­det ehrliche Achtung vor sich selbst.

Baron Nemethy dagegen zeigt auch hier wie sonst die überlegene Haltung des Weltmannes, der sich durch nichts aus der Fassung bringen läßt. Auch ihm war dieser Gang im höchsten Grade unangenehm gewesen, aber er mußte aus­geführt werden, und so unterzog et sich dieser Pflicht ohne Zaudern. Doch atmete er erleichtert auf, als er, ohne die Gesuchte gefunden zu haben, mit Stanislas ins Freie tritt, und die gewalti­gen Massen von Notredame in impofrvter Schönheit, von Sonnenglut umstrahlt, vor ihm aufsteigen. Er winkt einem der dort haltenden Fiaker und läßt sich nach der Avenue Viktor Hugo fahren, wo hie Gräfin in angstvoller Er­wartung des Ergebnisses feiner Forschungen harrt.

Nichts! Immer noch nichts! Aber dieses Nichts bedeutet für die tiefgebeugte Mutter einen aufsteigenden Hoffnungsschimmer. Sie braucht nicht zu verzagen, solange noch die Ge­wißheit fehlt, daß ihre Tochter nicht mehr unter den Lebenden weilt. (Ftts. folgt.)