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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Marburg
Sonntag, 16. Dezember 1906.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag' Joh. Ang. Koch, Untverfttäts^vuchdruckerel Marburg. Mar» 21. — Telephon 55.
41. Jahr,.
Erstes Blatt.
Das Avoaaemeat auf die „Oberheffische Zeit«««" das grötzle, meistgelesenste «nd weit» verbreitetste Blatt Marburgs «nd her Umgegend kostet vierteljährlich nur 2.25 Mk. Inserate habe» besten Erfolg.
' Die großpolnische Bewegung.
1 Dem Charakter der großpolnischen Bewegung, die unstreitig eine politische Selbständigkeit aller Landesteile polnischer Zunge anstrebt, entspricht die Auffassung, daß der Teil des Deutschen Reiches, in dem augenscheinlich die 'deutsche Nationalität überwiegt, als nichtpolni- 'sches Ausland betrachtet wiü>. In diesem Sinne spricht die polnische Presse von einer pol« fischen Auswandererbewegung, die alljährlich viele tausende polnischer Land- und Industriearbeiter in die deutschen Großstädte, in das rheinisch-westfälische Jndustrierevier, in das Königreich Sachsen und in verschiedene preußische Provinzen führt. Da zahlreiche „Auswanderer" nach längerem oder kürzerem Aufenthalt an der Erwerbsstätte in die polnische Heimat zurückzukehren pflegen, ist es sehr schwer, den Umfang dieser Auswanderungen zahlenmäßig zu erfassen und die Größe der polnischen Niederlassungen ti^ rein deutschen Gegenden festzustellen. Ein polnischer Nationalökonom, Dr. K. v. Rakowski, hat auf Grund einer Umfrage, an der gegen 400, überwiegend aus Arbeitern und Handwerkern zusammengesetzte polnische Vereine sich beteiligt haben, eine Statistik des polnischen Emigrantentums aufzustellen versucht, und ist dabei zu folgenden Ergebnissen gelangt. Außer der Saison-Auswanderung, die den sog. polni- schon Provinzen die einfachen Landarbeiter entzieht, und einen gewissen Teil der Auswanderer in Deutschland nicht dauernd ansiedelt, besteht ein Abgang der polnischen Bevölkerung, die das Land in der Absicht verläßt, um in deutschen Provinzen dauernden Aufenthalt zu nehmen. „Wir sehen in Westfalen und im Rheinland auf einem verhältnismäßig kleinen Raum eine ungeheure Zahl dauernd seßhafter polnischer Bevölkerung, in Sachsen und in der Provinz Sachsen sehen wir über einen ziemlich bedeutenden Raum hin Gruppen polnischer Kolonien zerstreut, und schließlich ganz unabhängig hiervon polnische Kolonien in großen Städten. Diese drei Gruppen polnischer Kolonien unterscheiden sich voneinander durch ihren Erwerbscharakter, durch die Art der Ansiedlung und die Widerstandskraft gegen die Eermanisation." Rakowski
19 (Nachdruck verboten.),
lieber alles die Kunst.
Roman von Clarissa Lohde.
(Fortsetzung).
„Die Kunst über alles!" hatte sie auch neulich wieder gesagt, aber den Zusatz, den sie einst gemacht: „Nächst der Liebe zu dir!" den hatte sie diesmal vergessen.
Doch vor all den lieben Menschen suchte er heute tapfer seine eigentliche Stimmung zu verbergen und der Erfolg, den er gehabt, erhob ihn doch auch wieder, öffnete ihm einen weiten Blick in die Zukunft. Jetzt hieß es, der Auszeichnung, die ihm geworden, Ehre zu machen, die Studienjahre nach Kräften auszunutzen.
Man fragte ihn, wohin er zu gehen gedenke. Namentlich zeigte sich Doktor Martin sehr unterrichtet und interessiert in allen Fragen der Kunst, die berührt wurden.
„Selbstverständlich," entgegneteAlfred, „werde ich zuerst die hervorragenden Werke meines Vaterlandes studieren, unsere Kirchenbauten im Westen und Süden, in Speyer, Köln und Straßburg, die ich ja nur aus Abbildungen kenne. Dann beabsichtige ich noch in Frankreich die romanischen und gotischen Bauwerke zu besichtigen und zuletzt ins Land der Kunst nach Italien zum Studium der Antike und Renaissance zu reisen. Reichen dann noch die Mittel «nd die Zeit, so ginge ich gern noch nach Griechenland, um den Ursprung der vollendetsten Architektur, die uns überkommen, mit eigenen Augen zu schauen. Doch das kann ja erst die Zukunft zeigen. Zwei Jahre sehen lang aus und sind doch unter Umständen sehr kurz."
Die Rätin nickte leise dazu. Ach, wie schnell schwanden ihr die Jahre in dem trüben Einerlei ihres Daseins dahin! Ein Traum, ein Traum! Diese hoffnungsvolle Jugend, die sie aufwachsen gesehen, zog nun hinaus in die Welt. Wenn Alfred zurückkehrte, deckte sie wohl schon der
betrachtet die in diesen ©nippen bestehenden Vereine als Barometer, das die wirtschaftlichen, ethischen, nationalen und intellektuellen Verhältnisse unter den Auswanderern erkennen läßt. Mit Hilfe der Vereinsstatistik läßt sich also ein ziemlich zuverlässiger Anhalt für die Stärke und Stellung des polnischen Emigrantentums gewinnen.
Das polnische Vereinsleben ist am weitesten in Westfalen entwickelt. Diese Provinz besitzt allein mehr als die Hälfte aller in Deutschland bestehenden polnischen Vereine. Die Durchschnittszahl der Mitglieder jedes Vereins übersteigt um vieles die Durchschnittszahl der Mit- gliäier in den anderen preußischen Provinzen. Im Jahre 1875 gab es in Westfalen nach keinen von Polen so reich bevölkerten Ort, daß sich das Bedürfnis und die Möglichkeit herausgestellt hätte, Verein« zu gründen. Die Auswanderer kamen einzeln und wurden, über ein weites Gebiet verstreut, leicht entnationalisiert; Ehen mit deutschen Frauen waren an der Tagesordnung. Seit 1890 aber haben sich Ströme polnischer Auswanderer in das rheinisch-westfälische Jndustrierevier ergossen. Gegenwärtig wohnen in einer Gegend von höchstens 35 Quadratmeilen Fläche gegen 200000 Polen. Reichlich die Hälfte von ihnen sind Auswanderer, deren Aufenthalt in Westfalen erst seit fünf Jahren datiert. Es ist zu konstatieren, daß gegenwärtig unter den Auswanderern die Neigung vorherrscht, inGWestfalen ständigen Aufenthalt zu nehmen, während noch in den neunziger Jahren in erheblichem Umfang eine Rückwanderung stattfand. In geschlossenen Reihen befinden sich Polen in: Recklinghausen, Hamm, Dortmund, Ruhrort, Gelsenkirchen, Bochum, Hörde, Hagen, Schwelm, Hattingen, Essen, Duisburg, Mühlheim, Elberfeld und Düsseldorf. Die polnischen Kolonien reichen einerseits über die Grenzen dieser Kreise hinaus — in den Kreis Münster, und andererseits — bis Remscheid, Solingen und Köln a. Rhein. Um einen Begriff von dem Umfange dieses Emigrantentunis zu geben, genügt cs zu bemerken, daß z. B. im Bezirk Gelsenkirchen die Polen mehr als die Hälfte aller dort beschäftigten Bergleute überhaupt ausmachen. In anderen Bezirken, wie z. B. in Recklinghausen, Herne, Essen, Wattenscheid übersteigt die Zahl der Polen unter den Bergleuten 40 Prozent. In kleineren Ortschaften, die nur ein paar Tausende von Einwohnern zählen, wohnen manchmal mehr als tausend polnische Bergleute mit ihren Familien; in Buer 1952 polnische Bergeleute; in Bottrop 1970; und in der nächsten Gegend in Dörfern und Kolonien gegen 3000; in Bickern 1890; in Baukau über 100; in Bruch bilden die Polen mehr als die Hälfte der katholischen Parochianen; in Dort- mund kann man ihrer annähernd tausend zählen, und in den nächsten Ansiedlungen und vorstädtischen Kolonien wohnen zweimal soviel; in Eickel, Herne, Horsthausen, Herten, Katernberg, Oberhausen, Röhlinghausen, Schalke, Ueckendorf,
grüne Rasen. Ein Aufwärts und Abwärts, das ist das Leben. Wenn es keine Hoffnung gäbe über das Grab hinaus, was wäre es? Ein Nichts! Meder brach Marga früher auf als die anderen. Die Gräfin habe Gesellschaft und erwarte sie zum Souper. Die Mutter schüttelte ein wenig mißbilligend den Kopf.
Auch heute mußt du fort? Wie schade! Es ist so gemütlich hier und ein solcher Freudentag kommt sobald nicht wieder."
„Ich bitte, laßt Euch durch mein Fottgehen nicht stören," sagte sie und erhob sich.
Alfred bot ihr diesmal nicht wie sonst seine Begleitung an. Das Fest war ja für ihn zur Feier veranstaltet, da durfte er doch nicht fortgehen.
„Sollen wir dir eine Droschke holen lassen?" fragte Susanne.
Margas Brauen zogen sich unmutig zusammen.
„Ich glaubte, Alfred würde mich die kurze Strecke begleiten."
„Gern," sagte er höflich, ohne jedoch einen besonderen Eifer zu zeigen, „wenn Onkel und Tante mich beurlauben wollen."
,/Du bist ja flink," nickte der Vater, „und bald wieder hier. Mir wäre es auch lieber, wenn du mitgingest. Ich sehe es nicht gern, wenn Marga so spät abends allein in einer Droschke fährt."
Das war ein Gebot.
So schritt er denn an Margas Seite wieder durch die Lützowstraße dem Tiergarten zu. Doch nicht wie sonst reichte er ihr den Arm. Eine Weile schwiegen beide, dann nahm Marga zuerst das Wort.
„Du zürnst mir, Alfred?" fragte sie mit der weichsten, zärtlichsten Stimme. Er blickte ernst vor sich hin.
„Ich trauere um dich," sagte er dann.
„Aber Alfred," rief sie in scherzendem Ton, „wie kann man nur so kleinlich sein! Was habe
Wattenscheid, Werne wohnen mehr als je 1000 Bergleute mit Familien.
In den anderen Provinzen und Bundesstaaten, sagt Rakowski weiter, siedlen sich die Polen nicht in geschlossenen Massen an, sie sind über das riesige Ländergebiet hin zerstreut. Sie arbeiten auf allen Gebieten der wirtschaftlichen Produktion. Der erste Typus ist der Fabrikarbeiter, Kaufmann und Handwerker, der an dem Ort seiner Tätigkeit dauernd Aufenthalt nimmt. Der zweite Typus ist der wirtschaftliche Saisonarbeiter, der im Herbst in die Heimat zurückkehrt. Der dritte Typus, besonders im Königreich Sachsen und in der preußischen Provinz Sachsen vertreten, ist der städtische Fabrikarbeiter, der jedes Jahr in die Heimat zurück- kehrt. Infolge dieser Verschiedenheit der Verhältnisse ist es außerordentlich schwierig, diesen Faktor der polnischen Auswandererbewegung einigermaßen richttg zu erfassen. Rakowski kommt auf Grund seiner Berechnungen zu dem Schlüsse, daß die Zahl der polnischen Bevölkerung in Sachsen, Braunschweig, Hannover, im Herzogtum Anhalt, in der Provinz Sachsen und in anderen Teilen Preußens (mit Ausnahme der Großstädte) etwa 150 000 Köpfe beträgt. Die große Jndustriebewegung gruppiert sich auf der Linie: Magdeburg, Bernburg und Köthen, Leipzig und Merseburg bis nach Chemnitz und Zwickau, llnd dann seitwärts längst der böhmischen Grenze, Freiburg, Dresden, Bautzen. Unter den ständigen Fabrikarbeitern dieses Industriegebiets sind Auswanderer aus Russisch- Polen und Galizien stärker vertreten als in Westfalen. Hier wie dort aber stellt das „Herzogtum" Posen überwiegend und in erster Linie die Auswanderer. Es fehlt auch noch an evangelischen Masuren. Aber, so bemerkt Rakowski, während sie in Westfalen eine besondere Organisation bilden und mit den katholischen Polen wenig in Berührung kommen, gehen sie in Sachsen und in der preußischen Provinz Sachsen in der Gesamtheit des polnischen Emigrantentums auf.
In den Großstädten Berlin, Hamburg, Bremen, Breslau zählt Rakowski über 100 000 Polen, davon allein in Berlin 60 000. Die Gesamtzahl aller in rein deutschen Gebieten ansässigen Polen wird von ihm auf annähernd 500 000 Köpfe geschätzt. Diese Zahl, wie sich überall beobachten läßt, wächst rasch und stetig. Es ist ferner zu beachten, daß die polnische Bevölkerung, soweit sie der fluktuierenden Aus- wandererbewegung angehört, in dieser Zahl nicht einbegriffen ist. Man wird kaum zu hoch greifen, wenn man annimmt, daß mindestens eine Million Polen in gegenwärtig noch rein deutschen Gegenden dauernd ansässig oder zeitweilig tätig sind. Diese Zahl in Verbindung mit den 4 Millionen Polen, die preußische Staatsangehörige sind, und in weiterem Zusammenhang mit den 16 Millionen Polen russischer und österreichischer Staatsangehörigkeit, die in unmittelbar benachbarten Gebieten ansässig
find, stellt unstreitig einen Fattor des Pa«, slavismus dar, mit dem das Deutschtum allek- Ernstes zu rechnen hat.
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Umschau.
Beamtenpensio««».
Es ist wohl mit Sicherheit anzunehmen, f<* schreibt die „Köln. Ztg.", daß trotz der nicht ge« radezu glänzenden Finanzverhältnisse des Reichs dem Reichstage noch in dieser Session ein Gesetzentwurf vorgelegt wird, der die Penstonsver- hältnisse der Reichsbeamten günstiger gestalte» soll. Es wäre zu wünschen, wenn hierbei nicht nur die Anfangssätze der Pension erhöht würden, sondern auch eine Aufbesserung des Maxi- mal-Pensionssatzes in Aussicht genommen würde. Die Reichsbeamten und die preußische» Staatsbeamten sind bisher unter alle» Kollegen am ungünstigsten gestellt gewesen, sowohl was den Anfangsbetrag wie den Höchstsatz der Pension betrifft. Sie erhalten nämlich erst nach 10 Dienstjahren 27i«> ihres Gehalts alr Pension, während bei einigen Bundesstaaten di« Pensionsberechnung gleich mit der Anstellung, bei anderen nach wenigen Jahren, bei alle» aber mit einem höheren Prozentsatz beginnt, der sich zwischen bis T»/jm bewegt. Was den Höchstbetrag der Pension betrifft, so stehen auch hier Preußen und das Deutsche Reich mit an letzter Stelle; denn beide gewähre» nach 40 Dienstjahren T710„ bes Gehalts als Pension. Gleiche Verhältnisse finden wir nut noch i» Baden und Sachsen-Meiningen, während Lübeck diesen Pensionssatz schon nach 35 Jahren gibt Die anderen Bundesstaaten gewähren aber all« höhere Marimal-Pensianssätze. So geben 86,,w nach 30 Dienstjahren Bremen, nach 37 Dienst- jahrev Sachsen-Weimar und nach 40 Dienstjahren Sachsen, und 92i/2/in„ nach 39 Jahre» Württemberg, ">/„<> nach 50 Dienstjahren Mecklenburg-Schwerin und Oldenburg, lo7ino nach 50 Dienstiahren Hessen. Braunschweig, Anhalt und Hamburg, während Bayern mit 70 Lebensjahren ebenfalls das volle Gehalt als Pension zahlt. Sollte man nun mit Rücksicht auf di« Finanzverhältnisse vor einer allgemeinen Erhöhung der Pensionssätze für die Reichsbeamte» zurückschrecken, so stände noch ein Weg offen, der die größten Härten ausmerzt. Man gewähr« den Beamten, bereit geistige und körperliche Kräfte sie befähigen, über 40 Dienstjahre hinaus noch weitere 10 Jahre dem Reiche ihre Dienste zu widmen, 7, ihres Einkommens als Pensionszuschuß. Das ist kein unbilliges Verlangen, denn für dieselbe Zeit erhalten bekanntlich die Dienstanfänger ein volles Mertel ihres Gehaltes als Pension. Die Reichsbeamte» würden dann nach 50jähriqer Dienstzeit 7, ihres Gehaltes als Pension beziehen. Die Gehaltsverhältnisse der Reichsbamten sind im allgemeinen nicht derart, daß Ersparnisse gemacht werden könnten. Da nun mit steigendem Alter
ich denn neulich bei dem Rout so Großes verbrochen, daß ich dein M'ßwsten in so hohem Grade erregt habe? Ich stimmte ja nur in den Ton der Gesellschaft ein, in der ich nun einmal lebe und mich bewege."
„Das ist's eben, Marga. Daß du das tust, daß du es tun kannst, darüber trauere ich."
„Nimm mir’s nicht übest Alfred, aber das sind wieder ganz philisterhafte Ansichten, die bu ba aussprichst. Und du bedenkst nicht, daß es für mich als Künstlerin von Wert, ja notwendig ist, mit diesen Kreisen in Fühlung zu bleiben, mit ihr Wohlwollen zu erhalten."
„Ah, aus Interesse also, nur aus berechneter Klugheit, um es milder auszudrücken, läßt du dir die Unverschämtheiten gefallen, mit denen der ungarische Baron dich zu unterhalten beliebt."
Jetzt errötete Marga.
„llnversckm'ntheiten! Was meinst bu bamit?“ „Laß mich darüber schweigen, was ein Zufall mich sehen und hören ließ."
„Nein, bitte, sprich!"
„Nun gut! Ich suchte dich, um mich von dir zu verabschieden. Bei der Fülle von Gästen war das eben nicht leicht. Da entdeckte ich dich endlich in dem Erker bes kleinen Salons halb von ben Vorhängen verborgen in einer lauschigen Ecke. In beiner gar zu modern dekolletierten Toilette lehntest du in einem Sesiel. Nemethy saß neben dir, der verschlang dich fast mit seinen Blicken, die mit einer Dreistigkeit auf deiner Gestalt ruhten, wie iib nie geolnubt, daß eine Dame aus guter Gesellschaft es sich gefallen lassen würde. Aber du! Du lächeltest ihm noch zu. Und da wagte et selbstverständlich noch weiter zu gehen. Et drückte seine Lippen auf deinen Arm und ich hörte, wie er mit vor Leioenschaft zitternder Stimme zärtliche Worte in dein Ohr flüsterte. Keines von Euch beiden hat mein Nahen gehört. Ihr wäret zu vertieft ineinander. Ich aber schlich leise wieder davon."
Marga hatte den Kopf gesenkt. Jetzt hob sie ihn rasch. , ..
„Wenn bu nicht gleich fortgegangen watest, erwiderte sie in zutückmeisendem Ton, „wenn ba mit bas Vertrauen geschenkt hattest, das ich von dir erwarten könnte, würdest du gesehen habe», daß ich den Platz, auf dem ich mich, ermüdet vom langen Stehen, einen Augenblick niedergelassen, sofort verließ, als ich bemerkte, daß der Baron in seiner Weinlaune übet die Grenzen hinausging, die et bisher noch stets innegehalten hat. Allein, bu verurteilst mich nach betn Schein, ohne mich auch nur zu Worte kommen zu lassen. Vergiß boch nicht, baß Baton Nemethy ernt Stellung im Hause bet Gräfin einnimmt, bie ihn mir auch nähet bringt, als bie übrigen Herren. Unb wollte ich beine Handlungen mit G mißtrauischen Augen ansehen, wie bu bie meinen, was sollte ich bann wohl von der auffälligen Bevorzugung benfen, die dir die Komteß Gisela zuteil werden läßt? Und weisest ba sie etwa zurück? Warst bu nicht neulich ben ganzen Abenb an ihrer Seite, unterhieltest bu dich nicht ausschlies-llch mit ihr? Die Gräfin schien nicht'gerade erfreut darüber, denn bu weißt boch. daß Graf Kaminski sich um die Komteß bewirbt und daß die Gräfin diese Heirat dringend wünscht."
„Ich weiß es ja," engegneie er mit unmutig aufeinandergepreßten Sippen, „und ich sagte dir schon einmal, daß mir bas junge Möd^en unsäglich leid tut, weil man sie in eine Ehe hinein- zuzwingen sucht, die sie verabscheut. Ich bat dich damals, dich ihrer anzunehmen. Statt dessen scheint es. reichst bu benen hilfreiche Hand, di« sich an dieser reinen, aus dem Wust oberflächlicher Vergnügungen herausstrebcnden Mädchen- seele versündigen. Sie fühlt instinktiv, daß ich sie verstehe, und deshalb sucht sie meine Unter- hrltyng. Traurig genug für sie, daß sie in ihrer nächsten Umgebung niemand findet, mit dem sie offen sprechen kann." ....
(Fortsetzung folgt.)