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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

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Marburg

^reiiag. 14. Dezember 1906.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag' Joh. Äug. Koch, UmverfttätS-Buchdruckerei Marburg, Markt 21. Telephon 55.

41. Jahr,.

Nachttäiige.

Wir haben schon gestern unser Bedauern Darüber geäußert, daß der von der Reichsregie- eung eingebrachte Nachtragsetat für Deutsch- ssüdwestafrika, in dem wir trotz aller kolonial- gegnerischen Behauptungen ein dringendes natio­nales Erfordernis erblicken, von der Budgcikom- inission abgclehnt worden ist. Wir wollen uns glicht auf die Einzelheiten des Sitzungsberichtes Anlassen und nicht versuchen, aus den von den Frattionsrednern vorgetragenen Ansichten un­fern Lesern ein Stimmungsbild der betreffen- iden Abgeordneten zu zeichnen: denn das würde zu weit führen, sondern wir möchten Nur nochmals darauf aufmerksam machen, daß die Verweigerung der von der Regierung für unser südwcstafrikanisches Schutzgebiet verlang­ten Kredite anders zu beurteilen ist, als wenn jes sich um Kredits für irgendwelche innerpoli- ttfche Angelegenheiten gehandelt hätte. Jeden na- tionalfühlenden Deutschen must die Hiobspost vom Dienstag auf's Tiefste bekümmern; denn das Displicet der hohen Vudgetkommission hat wieder einmal bewiesen, daß die uralte Un­tugend der Deutschen, die ewige Rechthaberei und Meinungszersplittcrung trotz aller trüben Erfahrungen der letzten Jahre noch immer üppig in Blüte steht. Die Vertreter in der Budget­kommission haben, ob sie auswichtigen" partei- apolitischen Rücksichten oder aus Gründen philister- chafter Sparsamkeit zu ihrem verneinenden Be­schlüsse gekommen sein, wieder einen Rückfall »in die germanische Erbsünde erlitten und aber­mals einen Beweis für die politische Rückstän- idigkeit des deutschen Michels erbracht. Man ;frage einen Engländer oder einen Franzosen, ;o6 er es nicht für unbedingt unpraktisch und "widersinnig erklären würde, ein an sich aus­sichtsreiches Unternehmen bloß deswegen, weil es zur Zeit infolge besonderer Umstände größere Aufwendungen erfordert, kläglich im Sande ver­lausen zu lassen. Darauf aber kommt der Be­schluß des Budgetausschuffes schließlich hinaus; denn wenn wir dem Reiche die Mittel nicht ge­währen, um die endliche Unterdrückung des Orlogs, wie der Buschkrieg in der boerischen Mundart Südafrikas genannt wird, herbeizu- führen, so kann's uns ergehen, daß wir nie Freude an diesem, mit deutschem Blute getränk­ten Gebiets haben werden, ja. daß wir vielleicht einmal, durch Mißerfolgs entmutigt, den heim­lichenBundesgenossen" unserer aufrührerischen Hottentotten dasSandfeld" überlassen, auf daß diese, denen es ja bekanntlich bei kolonialen Unternehmungen nicht auf den Schilling an- kommt, womöglich dis Früchte unserer Mühen und Opfer ernten. Angesichts der gegen alle kolonialen Aufgaben feindlichen oder gleichgülti­gen Haltung größer Parteien im deutschen Reichs­tage'wäre es nicht undenkbar, daß John Bull in seinem ländergierigen, neidenden Herzen eine derartige stille Hoffnung hegte. Zum minde­stens aber wird das deutsche Ansehen im Aus­lands durch ähnliche Budgetkommissions- oder Reichstagsbeschlüsse nicht gerade gefördert und bie Engländer, als unsere schärfsten Neben­buhler auf dem Weltmärkte dürften besonders geneigt sein, darin einen Mangel an nationaler Energie zu erblicken, und sich dadurch zu neuen Quertreibereien und Schachzügen gegen uns an- gespornt fühlen.

Endlich aber muß ein derartiges Votum, wie es in der Vudgetkommission gefaßt worden ist, notwendigerweise, wie giftiger Mehltau wirken auf die langsam sprießende Saat des Verständ­nisses und der Begeisterung für die deutschen Bestrebungen über See. Vor wenigen Tagen erst waren durch das mannhafte Auftreten des stellvertretenden Leiters des Kolonialamtes stolze, freudige Hoffnungen bei allen national- denkenden Deutschen im In- und Auslands er­regt worden, und Kundgebungeit aus verschiede­nen Teilen des Reiches an Dernburgs Adresse legten Zeugnis davon ab, welchen Anteil man auch bei uns an kolonialen Bestrebungen nimmt.

Jedoch dem Fürsten Bülow scheint diese Be­geisterung, die Dernburgs markiges Auftreten weckte, unbequem zu sein. Er, der glatte Diplo­mat, der es gewöhnt ist, den Gegner durch lie­benswürdiges Entgegenkommen oder durch zier­liche Kunstgriffe zu entwaffnen, liebt nicht die großen Tage", wo mit voller Manneskraft um hohen Preis gerungen wird; mit zierlicher Wen­dung sucht er vielmehr, wenn's angeht, Entschei­dungen auszuweichen, um unter veränderten Umständen vielleicht das zu erreichen, was ihm am Her-eu liegt. So waren auch die Hoffnungen übertrieben, dis man an Dernburgs Auftreten knüpfte, als der Kanzler selber wieder auf der Bildfläche erschien, träufelte er mildes Oel auf die erregten parlamentarischen Wogen und be­ruhigte sogar die Gemüter der Herren Erzberger n. Genossen. Aus diesem Grunde wird auch in ein- gerveihten Kreisen, dem Gerüchte kein Glauben beigemessen, daß die Regierung damit umgehe, 8en Reichstag aufzulösen. Fürst Bülow hofft gewiß noch seine durch Dernburgs Auftreten ver- Ickiüit bisheriaen Lreunde durch kleine Liebes­

gaben zu versöhnen und wieder als Zugtiere vor den Staatskarren zu spannen. Freilich so offen­herzige und starknackige Männer, wie die neue Kolonialexzellenz wird man dabei nicht gut brauchen können.

Dernburgs Schicksal wird denn auch bereits von Berliner Vlätern, die das Kraut wachsen zu hören notgeben, eingehend behandelt. Einige wußten zu melden, daß er krankheitshalber um einen längeren Urlaub nachgesucht habe, also Erkältungshalber kaltgestellt werden solle, an­dere meinten gar derBörsenjobber", wie ihn Herr Roeren liebevoll bezeichnet hatte, würde zu seiner Banktätigkeit zurückkehren muffen. Viel­leicht aber wird man denstarken Mann" auf beffere Art davor bewahren, Bülows Kreise zu stören, indem man ihn durch Beförderung in eine höhere Stellung der Möglichkeit enthebt, wieder mit den Hülfstruppen des Kanzlers an­zubinden. Falls sich diese Auffassung als zutref­fend erweisen sollte, wäre das sehr zu bedauern; denn wenn auch eine solche Politik der Besänf­tigung und des Ausgleichens für den Augenblick zweckmäßig erscheinen mag, so kann doch keine Staatskunst bei Behandlung großer Aufgaben des warmen nationalen Impulses entraten. Diesen aber zu wecken und das heilige Feuer der Begeisterung zu unterhalten, dazu bedarf es Männer, die kräftige Töne anzuschlagen lieben unb die aus ehrlicher lleberzeugung, voll Erfers das Gute erstreben. Darum wäre es sehr wün­schenswert, Dernburg auf seinem Posten zu be­lassen und ihm auch kein Maulkörbchen anzutun, da er, nach seinem ersten Auftreten zu schließen, der rechte Mann am rechten Platze zu sein scheint, den kolonialen Gedanken volkstümlich zu machen und das nationale Pflichtgefühl der Deutschen zu wecken.

Karlamentarisches.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 12. Dez.

Am Bundesratstisch: Graf Posadowsky, v. Arnim.

Die Besprechung der Fleischteuerungs­interpellation wird fortgesetzt.

Abg. Dr. Paasche (nl.): Wir halten an der Ueberzeugung fest, daß auch die Viehzüchter stabile Derhältniffe brauchen und daß sie eines Seuchenschutzgesetzes nicht entbehren können. Trotzdem leugnen wir nicht, daß ernste Miß­stände eingeriffen sind, die ernste Erwägung verdienen. Wir leugnen nicht, daß die Vieh­preise für einzelne Gattungen stark in die Höhe gegangen sind. Den verbündeten Regierungen ist der Vorwurf nicht zu ersparen, daß sie die Mißstimmung über diese Verhältnisse lange Zeit hindurch einfach ignoriert haben, ohne daß von irgend einer Seite Beruhigung ins Volk getra­gen worden wäre. Die gestrige Erklärung hätte schon vor Monaten abgegeben werden können. Mit diesem passiven Verhalten hat man unserer innerpolitischen Entwickelung einen schlechten Dienst erwiesen. Ich bestreite nicht, daß der Fleischnotagitation vielfach Uebertreibungen un­terlaufen sind. Von einer Unterernährung des Volkes kann nicht die Rede sein; das zeigt die Statistik. (Lärm bei den Soz., Rufe: Die ist falsch!) Die jetzigen Fleischpreise haben mit der Zollpolitik nichts zu tun. Die Viehpreise standen im Februar am höchsten und nach dem Inkraft­treten des Zolltarifs sind sie gesunken. Die Vieh­zucht hat in letzter Zeit so zugenommen, daß für die Zukunft eher ein Sinken als ein Steigen der Viehpreise zu erwarten ist. Eine Rückkehr zu den früheren niedrigen Preisen ist freilich nicht erwünscht. So gut alle Arbeitslöhne gestiegen sind, kann auch die viehzüchtende Bevölkerung höhere Preise fordern. Die Abhilfe in der jetzi­gen Fleischteuerung muß in der Hauptsache vom Inland kommen. Warum halten aber noch im­mer so viele Städte die Fleischsteuer aufrecht? (Lärm bei den Freisinnigen.) Wir sind nahe da­ran, den Inlandsbedarf selbst zu decken; nur drei Prozent fehlen uns noch. Kommt aber einmal eine Not, dann sollten die Städte auch einmal dulden, daß ihre Schlachthäuser mit einer Unter­bilanz arbeiten genau wie die ganze Landwirt­schaft mit starker Unterbilanz gearbeitet hat. (Lebhafte Zustimmung.) Hier handelt es sich nicht um reiche Junker, sondern um kleine Land­wirte und landwirtschaftliche Arbeiter. (Lär­mende Zurufe links, namentlich des Abg. Siide- kum.)

Präsident Graf Ballestrem: Ich bitte >en Abg. Südekum, sich zu beruhigen. (Große Heiterkeit.)

Abg. Paasche (fortfahrend): Wir wollen also an der Zollpolitik und dem Grenzschutz fest­halten, von der Regierung aber fordern, daß ste alle Mittel, anwendet, von denen eine Verbilli­gung des Fleisches zu erwarten ist. (Lebhafter Beifall.)

- Abg. Graf Schwerin-Löwitz (Kons.): An dem Material, das uns jüngst zuging, ist der Bund der Landwirte unschuldig. 2ck lelbst Labe

dieses Material in der Zentralstelle der deut­schen Landwirtschastskainmern zusammenstellen lassen. Die Interpellationen haben ihre beste Beantwortung gestern bereits gefunden. Die Interpellationen haben eine durchsichtig poli­tische Tendenz. Ein Berliner Flugblatt der Sozialdemokratie meint, die Fleischteuerung werde künstlich geschaffen, um den Großgrund­besitzern die Taschen zu füllen. (Lebh. Hört! Hört!) Das wagen Sie (zu den Sozialdemokra­ten) zu schreiben angesichts der Tatsache, daß 93 Prozent von der gesamten Viehzucht von den kleinsten Landwirten und landwirtschaftlichen, ja sogar industriellen Arbeitern aufgebracht wird. (Lebh. Sehr wahr') Das Flugblatt sagt weiter: Arbeiter! Erkennt eure Macht und schließt euch der sozialdemokratischen Partei an! (Schallende Heiterkeit bei der Mehrheit, Lärm bei den Sozialdemokraten.) Run dem Junker­popanz hat ja gestern schon Dbg. Eerstenberger den Hals umgedreht. (Sehr war!) Das deutsche Volk vont Jahre 1870/71 hatte lange nicht die gute Fleischnahrung wie wir, und hat es nicht doch große Taten vollbracht? (Sehr gut! rechts.) Das Steigen der Viebvreise ist zu einem guten Teile auf das Steigen der Löl x zurückzuführen. Auch an die Qualität des Fleisches werden heute viel höhere Anforderungen gestellt als früher. Allzu hohe Fleischpreise liegen auch nicht im Interesse der Landwirtschaft. lSehr richtig! rechts.) Alle hier vorgeschlagenen Mittel, soweit sie eine Erleichterung der Einfuhr von Fleisch betreffen, sind gegenstandslos. Wären wir mehr als bisher auf die Einfuhr vom Auslands ange­wiesen, bann wäre es mit der Fleischversorgung des Reichs erheblich schlechter bestellt. Wir danken dem früheren Minister v. Podbielski für die schweren Verdächtigungen, die er im Inter­esse der Landwirtschaft auf sich genommen hat. (Lebhafter Beifall rechts.) Auch die stadttsche Bevölkerung sollte in ihrem wohlverstandenen eigenen Jntereffe dem Reichskanzler und der preußischen Regierung für ihre Haltung in der Fleischteuerunnsfraae dankbar sind. (Sehr rich­tig! rechts.) Ich hoffe, kein preußischer und kern deutscher Landwirtschaftsminister wird sich je­mals finden kaffen, der bei dem Werts unseres Viehbestandes die Verantwortung auf sich neh­men wollte, diesen Viehbestand von neuem der Einschleppung von Seuchen auszusetzen. (Leb­hafte Zustimmung rechts.) Eine solche Verant­wortung wäre von einem Landwirtschaftsmini- ster nicht mehr zu tragen. Ich hoffe daß wir dazu kommen, die Einfuhr von lebendem Vreh über unsere Grenzen überhaupt zu verhindern. Die gestern angegebenen Mittel zur Linderung der Fleischteuerung werden einzelnen Steifen helfen; Voraussetzung dazu aber ist, daß die Städte hier auch mit Hand anlegen. Die Frei­zügigkeit des Fleisches darf nicht durch eine Er­schwerung des Verkehrs zwischen Landwirtschaft und Fleischern gestört werden. Hier könnte von Seiten des Staates und des Reiches manches geschehen. Es sollten aber auf allen Fleischmark- ten Notierungen nicht nur nach Schlachtgewicht, sondern auch nach Lebendgewicht vorgenommen werden, damit die Konsumenten selbst prüfen können, ob die von ihnen gezahlten Preise ange­messen sind oder nickt. Die Herabsetzung der Eisenbahntarife für Waggonladungen und für einzelne Stücke sollte beschleunigt werden. Wei­ter sollte eine allgemeine staatlich organisierte oder doch vom Staate unterstützte Schlachtvieh- Versicherung geschaffen werden. Das ist eigent­lich nur eine selbstverständliche Ergänzung unse­res Fleffchbeschaugesehes. Auch die Herabsetzung der Gebühren für die Fleischbeschau muß erstrebt werden. Eine gewiße Klaffe von Wirtschafts- Politikern erwartet bei jeder Kalamität Hilfe nur vom Auslande, auch wenn, wie hier, vom Auslands nichts zu holen ist. _ Man empfiehlt auch immer, nach englischem Muster zu verfahren. England aber ist setzt schon in seiner Fleisch­versorgung in der Hauptsache auf das Ausland anaewiesen. Was würden wir da im Falle eines Krieges tun? In letzter Zeit ist viel von der Isolierung des Reiches gesprochen worden Ge­wiß wir waren beliebt, so lange wir schwach waren und sind unbeliebt geworden, seitdem wir erstarkt sind. Möge es der Reichstag als feine vornehmste Pflicht betrachten, das ganze Volk militärisch und wirtschaftlich stark zu er­halten. (Lebhafter wiederholter Beifall rechts.)

Abg. K o r f a n t y (Pole): Wir Oberschlestec muffen durchaus verlangen, daß eine un b e- gr enzte Zahl Vieh von Rußland nach Deutschland hereigelassen wird.

Abg. Eamp (Rp.): Wer einen Blick ins praktische Leben wirst, muß zugeben, daß kein Stand seine Einnahmen so erhöht hat wie in den letzten Jahren der Industriearbeiter (Lärm bei den Soz.) Jetzt, wo die Einkommens» verhältniffe der Arbeitnehmer der Steuerbehörde mitgeteilt werden müssen, werden wir sehen, daß die Einkommensverhältnisse mancher Arbeiter­familie höher ist als das Anfangsgehalt eines Amtsrichters (Zustimmung und Lärm.) Wir sind stets für eine gesunde Verteilung des Grund­besitzes etnaetreten. Laben aber dabei nicht die

Unterstützung der Linken gefunden. Besser wäre es gewesen, wir hätten die jetzige Debatte erst in drei Monaten gehabt. Wenn Sie (nach links) die Errörterung nicht politisch ausbeuten wollten, hätten ~6ie mindestens noch 2 Monate warten müssen. Dann wüßten Sie, ob der jetzig« Rückgang der Preise ein vorübergehender ist oder nicht. Wir glauben, dieser Rückgang ist ein dauernder, schon weil die Futterpreise niedrig sind. Auch dafür liegen Anzeichen vor, daß die Schweineproduktion erheblich zunimmt. Unse­ren Bedarf an Schweinefleisch kann Deutschland noch auf Dezennien decken. Der kleine Grundbe­sitz würde durch eine erhebliche Verbilligung bet ausländischen Futtermittel stark geschädigt. Wie Abg. Scheidemann die Chicagoer Verhältnisse beschönigen konnte, bleibt unverständlich. (Beif.)

Abg. E o t h e i n (frei?. Vgg.) (mit Unruhe empfangen): Ich habe die Interpellation von vornherein für ziemlich überflüssig gehalten; wir stehen ja noch in derselben Legislatur­periode. Die Rindviehpreise sind gestiegen, seit die holländische Grenze gesperrt ist. Daß die Rin» dersperre gegen Rußland notwendig ist, gebe ich zu. Aber inan sollte es doch mit Erenzschlacht- häusern versuchen. Warum frisches Schweine­fleisch aus Skandinavien nicht schon längst zuge­lassen war, wird niemand verstehen. Run sagen die Heren der Rechten, die Fleischteuerung sei vorüber. Aber es ist nicht meine Schuld, daß ich an solche Prophezeihungen nicht mehr glaube, Herr v. Podbielski hat ja, wie er später zugab, absichtlich falsch prophezeit, was ich corriger la v<5rlt<? nennen möchte. (Heiterkeit). Redner geht unter wachsender Unruhe auf zahlreiche vom Vorredner berührte Einzelheiten ein.

Schluß des Berichts 6%, Uhr.

Deutsches Reich.

Berlin, 13. Dezember.

Die Wahlprüfungskommission des Reichs* tages beantragte die Gültigkeitserklärung der Wahl des Abg. Hagemann (nl. 4. Erfurt).

Die Lüderitzbahn in der Budgetksmmis- sion. Die Budgetkommission des Reichstags be­riet gestern den zweiten Nachtragsetat für die Schutzgebiete. Dieser fordert 8 900 000 <M für den Weiterbau der Eisenbahn Lüderitzbucht Aus (Kubub) bis Keetmanshoop. Nachd'm Professor Hahn die wirtschaftliche Bedeutung des Schutzgebiets hervorgehoben hatte, wir? Kolonialdirektor Dernburg auf die Diamanten­förderung in Transvaal hin und teilte mit, daß der diamanthaltigeBlaugrund" auch in Deutsch-Südwestafrika (Caprivigipfel) festge­stellt sei. Er habe das Gouvernement angewie­sen, diesen Teil des Schutzgebietes zu sperren, um die Ausbeutung dem Gouvernement vorzu- behalten, damit der Gewinn dem Schutzgebiet nicht verloren gehe. Diese Mitteilung, sowie die Ausführungen des Farmcs Schlottwein aus dem Schutzgebiete scheinen gute Wirkung getan zu haben; denn, wie aus Berlin verlautet, soll nach dem Verlaufe der gestrigen Beratung der Budgetkommission die Bahn KububKeetmans­hoop als gesichert betrachtet werden.

Berschmähte Liebe. In einer Versamm­lung zu Leipzig, in der Herr von Eerlach Über Allgemeine Teuerung und Volksinteressen" redete, hat dieser auch seine Stellung zwi­schen den Parteien berührt. In einer Stich­wahl zwischen Zentrum, Nationallibe­ralen, Antisemiten, Konservativ v en, die bekanntlich alle zu der großenreak­tionären Masse" gehören, und den So­zialdemokraten verspricht er, offenbar auch für die ungezählten Meng-n feinej Partei, den letzteren, als demkleineren Uebel , Wahlhilfe zu leisten. Diese Stellung ist ja be­kannt, wenn man sie auch nicht ost genug be­tonen kann. Andrerseits ist es doch zu verwun- dern, daß man mit allerhand ^ttielchen sich krampfhaft bemüht zeigt, gewissen Parteien aus der reaktionären Masse, gegen die es doch Kampf bis aufs Blut gilt, schmeichelnd um den Bart zu gehen. Daß das Liebeswerben gegenüber der Sozialdemokratie zuweilen aber nicht die ge­hoffte Wirkung hat, sondern daß dem Siebenten mit einem Fußtritt quittiert wird, zeigt eine Auslassung der sozialdemokratischenLeipziger Dolksztg.", die allerdings sich immer durch ihren besonderen Ton auszeichnet. Sie schreibt zu der Siebe: ,,, ,

Diese Tiraden werden natürlich auf die "Arbeiter eine ganz andere Wirkung aus­üben, als Herr von Eerlach glaubt. Die Ar­beiter wissen, daß das Maulheldentum des Freisinns nicht lange vorhält, daß die Herren, wenn ste Farbe bekennen sollen,, um* fallen, und daß ste gar nicht daran denken.)