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•IS. £OV) InsrrtlonSgebüSr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfg. cYmaU^ä n innz» Druck und «erlag- Joh. «ug. Koch, Umverfitätr-BuchdruckaÄ 41. 3ttßt(T*
Reelamen: die Zeile 30 Pfg. FrelMg, 7. TeZeMver 1906. Marburg, Markt 21. - Telephon 55. N
Vierteljährlicher Bezugspreis: bet der ErvÄütion 2 ML.
Erstes Blatt.
I Ein Schlußwort zum Köpenicker t Strafprozeß.
Die moderne Art der Heldenbewunderung, |bie einerseits in überströmender Begeisterung Tagesgrößen in den Himmel hebt, andererseits iaber auch am Verbrecher Züge entdeckt, die diesen •wenn nicht des Beifalls, so doch des allgemeinen Anteils würdig erscheinen lassen, mutz als etwas (Krankhaftes bezeichnet werden, als eine Verirrung des sittlichen Empfindens, die als ein (sicheres Kennzeichen des Niederganges anzusehen fist, da sich hierin Ueberkultur und Unikultur berühren. Wer einmal die Geschichte un- >serer Tage schreiben wollte, dürfte u. a. nicht ver- lgeffen zu erwähnen, das, im Jahre des Heils *1906 die volkstümlichsten Gestalten von ganz Berlin, wenn nicht von ganz Deutschland die Verbrecher Hennig waren, jeder natürlich in seiner Weise. Während der unverbesserliche Taugenichts, der sich den Händen der Polizei durch seine Flucht über die Dächer vor einem Jahre mit der Geschicklichkeit und Frechheit eines Fuchses zu entziehen wußte, ein Gemisch von Neid und Grauen auslöst, gilt Voigt der leichtbestechlichen Menge als ein Genie, das seinen Berus verfehlt hat und als ein Opfer seiner Verhältnisse.
Es mutz zugegeben werden, daß seine Kindheit, infolge ehelicher Verhältnisse seiner Eltern, eine recht unglückliche war, und es muß leider auch zugegeben werden, daß seins Vorstrafen in 'zwei Fällen recht hart ausgefallen sind. In Ansehung der hohen Vorstrafen von 12 und 15 Jahren Zuchthaus erscheint für die jetzt von ihm in ^Köpenick mit ungewöhnlicher Verbrecherfrechheit ausgeführte räuberische Erpressung die Eefäng- chisstrafe von vier Jahren ganz ungewöhnlich gering. Indessen ist das Gericht, wie der sehr objektiv und ruhige Vorsitzende bei der Urteilsbegründung verkündete, in der milden Beurteilung der Straftat von der Auffassung ausgegangen, daß Voigt durch die vielen Ausweisungen ein Opfer bestehender Verhältnisse geworden sei. Damit ist in der Tat an die schlimmste Wunde unseres Strafvollzuges gerührt. Den Polizeibehörden kann nach Lage der Sache gar -kein Vorwurf aus ihrem Vorgehen gemacht werden. Wer will z. V. es der Behörde von Wismar «erdenken,, daß sie in ihren Mauern nicht einen iUirter Polizeiaufsicht stehenden gewaltigen Vsr- ibrecher dulden will, der ausgesprochener Weise -feine besonders Aufmerksamkeit ausschließlich Öffentlichen Kassen zuwandte. Der Fall von
tl <Nachdruck verboten.)
Ueber alles die Kunst.
Roman von Elarissa Lohde. (Fortsetzung).
X.
Die Gelegenheit für Marga, mit Komteß Gisela das heikle Thema zu besprechen, ließ lange zaus sich warten. Sie mochte in kluger Ueber- 'legenheit nicht zu rasch vorgehen, um nicht alles zu verderben. Und das junge Mädchen zeigte fich verschlossener, zurückhaltender als je.
' Währenddessen begann mit dem Anfang des jlteuen Jahres das stürmische Eefellschaftsleben km Hause der Gräfin aufs neue. Es fand sich für Marga kaum noch eine Pause, in der ein vertrauliches Wort gewechselt werden konnte. Manchmal schien es ihr, als wolle die Gräfin sich -betäuben, als wolle sie nicht mehr zum Nachdenken kommen. Dis halben Nächte wurden in (rauschendem Vergnügen durchwacht, die Tage halb verschlafen, halb gingen sie mit der Sorge für die Toilette dahin. Marga allein konnte noch nicht von sich sagen, daß sie arbeite. Aber 'auch sie mußte sich die Stunde im Atelier ab- iringen. Die Gräfin erklärte, sie Habs keine Zeit mehr, ihr zu sitzen, auch fehle ihr die Kraft dazu. Da aber auf dem Porträt ihr Kopf schon fertig war, so konnte Marga der Gräfin Eegen- jwart entbehren, denn für die Toilette genügte jbte Gliederpuppe.
: Auch Gisela fand sich nicht sehr willig zum Sitzen, obwohl sie nicht in so ausgiebigem Maße tote die Mutter die Kesellschaftsfreuden genoß. Der Arzt hatte ein Veto eingelegt, da das zarte Mädchen eines Tages von einem plötzlichen Fieber befallen, das Bett hüten mutzte.
Als sie sich wieder erholt hatte, bot sie selbst Marga an, ihr wieder zu sitzen, und zum ersten Male schwebte, als sie das Atelier betrat, ein freundlicher Ausdruck um die schmalen, festgeschlossenen Lippen. Heute muß ich's wagen. Vielleicht kommt ein so günstiger Augenblick nicht
Köpenick dient der Behörde von Wismar ja nachträglich zur stärksten Rechtfertigung. Aber in dieser Frage geht es ähnlich wie mit der Zigeunerfrage; mit dem bloßen Ausweisen und Abschubsen von Gemeinde zu Gemeinde ist es nicht getan, wenn man solchen unsicheren Persönlichkeiten nicht einen dauernd möglichen Aufenthalt anweisen kann. Hiervon aber wollen gerade die Kreise, die heute in so lebhafter Simplizissimus- stimmung für den „Hauptmann von Köpenick" schwärmen, nichts wissen. Ihnen gilt er einerseits als der witzige Urheber eines belustigenden Skandalös und andererseits beklagen sie, daß die Gesellschaft einem solchen „Talente" nicht bedingungslos ihre Arme wieder öffnet. Um den Wert dieser Beurteilung zu würdigen, lege man sich nur die Frage vor, wie die Kreise von dieser geistigen Richtung sich alle Zeit zu willensstarken großen Naturen gestellt haben, deren Sinn auf das Edle, Nützliche und Gute gerichtet war! Wie haben gerade diese zu allen Zeiten das Genie bekämpft, in welcher Gestalt es immer auf Erden unter ihnen gewandelt haben mag. Mit welchen Nadelstichen haben sie einem Bismarck das Leben verbittert, haben sie Richard Wagner fein Lebenswerk erschwert, haben sie Schillers kühnen Idealismus bewitzelt! Auch das auf den ersten Blick durchaus berechtigt erscheinende Mitleid mutz seine Grenze finden an der sittlichen Not- wendigkeit, daß alle Schuld sich rächt auf Erden. Gewiß war es unverzeihlich hart, daß Voi.7 zum großen Bedauern seines braven Meisters in Wismar ausgewiesen wurde. Aber auch ohne eine solche Ausweisung würde bh gleiche Erbitterung an dem Tage ihn erfüllt haben, an dem die dortige Bevölkerung sein Vorleben erfahren haben würde. Und es ist doch abgeschmackt, die Abneigung ehrlicher Leute gegen vier- bis fünfmal bestrafte Gewohnheitsverbrecher etwa als ein Vorurteil bezeichtten zu wollen.
Eewss- ist cs verdienstlich, daß der Verein zur Versorgung entlassener Sträflinge für solche Persönlichkeiten sorgt und ihnen die Rückkehr in bessere Verhältnisse ermöglicht. Ob aber vom Standpunkte des Staates und der Gesellschaft aus die Erleichterung solcher Rückkehr überhaupt z" wünschen wäre, bleibt eine andere Frage. Es mutz vielmehr dafür gesorgt werden, für solche entlassenen Verbrecher Kolonien zu schaffen. Der Pfarrer Bodelschwingh hat mit seiner Vorortkolonie „Freistatt" einen sehr nützlichen Finger- weis gegeben. Persönlichkeiten, die in dieser Arbeiterkolonie sich als brauchbar erwiesen haben, könnte die Rückkehr in die bürgerliche Gesellschaft schon weit eher gestattet werden als solchen, die direkt aus dem Zuchthause kommen. Es könnte solchen erweislich Gebesserten nach dieser Durchgangszeit dann namentlich auch die Aus
wieder, dachte Marga. Sie lietz sogleich durch die Jungfer alles zurschtstellen und legte der Komteß einige Skizzen vor, die in der letzten Zeit entstanden waren.
„Ich muß Ihnen meine Bewunderung aussprechen, Fräulein Herrenhurg," sagte die Komteß, auf ihrem Podium Platz nehmend, „daß Sie in diesem Hause noch die Tatkraft bewahrt haben, Ihre Arbeit fortzuführen."
Marga lächelte beftiedigt wie immer, wenn ihr ein Lob erteilt wurde, es mochte kommen, aus welchem Munde es wollte.
„Ja, wenn man nicht Festigkeit besitzt, darf man auch nicht Künstlerin werden," entgegnete sie. „Ein wenig ist es doch auch eigenes Verdienst, wenn man in der Kunst etwas erreicht."
.Das habe ich nie bezweifelt, Fräulein Herrenburg. Ohne Fleiß, Ausdauer und festen Willen ist wohl nichts in der Welt zu erreichen, und auch das genügt nicht immer."
„Es mutz allerdings die nötige Begabung vorhanden sein und Eharakter."
„Und doch weiß man, daß es den Künstlern oft an Charakter gebricht, daß sie zuweilen groß in ihrer Kunst, aber klein als Menschen sind."
„Was ein Künstler als Mensch ift. scheint mir gleichgültig, wenn er in seiner Kunst nur Großes leistet."
„Stehen Sie auf diesem Standpunkte, Fräulein Herrenburg?" fragte Gisela, sich weiter vorbeugend und ihren Blick mit dem Ausdruck innerer Spannung auf Marga heftend. „Werten Sie die Kunst so hoch?"
„Allerdings von menschlichen Schwächen find auch die Künstler nicht frei, ja, fie haben, ich gebe das zu, manchmal noch mehr Schwächen als andere Menschen. Ihrem Ruhm hat das aber niemals Abbruch getan."
„Wenn Sie nur von Schwächen reden, stimme ich zu. Wer darf richten? heißt es auch hier. Aber ich für meinen Teil stelle doch, den sittlichen Wert des Menschen über alles andere. Und mir wird ein wahrhaft guter Mrnfch alltz-
Wanderung nach Amerika und selbst die lleber- fiedlung in deutsche Kolonien erleichtert werden. Der jetzige Zustand, der durch die Wirkung der Polizeiaufsicht den Strafentlassenen geradezu zum gehetzten Wilde macht, ist unhaltbar. Das bleibt die unbestreitbare und gewisse Lehre des Prozesses Voigt.
Aber die Geschichte des anderen Helden, der wie an anderer Stelle mitgeteilt wird, bereits gestern hingerichtet wurde, gibt die Kehrseite der Münze wieder. Welch ein furchtbares Unrecht an der menschlichen Gesellschaft war es, diesen Hennig überhaupt aus den Händen der Staatsgewalt zu entlassen, obwohl doch alle Welt mit vollständiger Bestimmtheit von ihm wußte, daß er die Freiheit nut zu neuen und noch schwereren Verbrechen benutzen werde? Aus der Gegenüberstellung gerade dieser beiden Persönlichkeiten, Voigt und Hennig, erkennt man recht deutlich, wie gefährlich es ist, gerade Verbrecher einen wie den andern behandeln zu wollen. Hier liegt aber auch die tiefere Ursache für die Unzulänglichkeit unserer jetzigen Polizeiaufsicht. Voigt ist zweifellos ein Mensch, der trotz seiner Verbrecherlaufbahn von dem Willen beseelt war, ein neues und gebessertes Leben beginnen zu wollen. Das Gericht hat weise gehandelt, als es von dieser Erwägung aus zu seinem milden Urteile sich bestimmen ließ. Aber Voigts Eewaltstreich von Köpenick beweist doch, wie nahe beieinander in feiner Seele gute Vorsätze und rasche Eewaltentschlüsse liegen. Der Polizei aber ist nicht zuzumuten, in jedem vielbestraften „schweren Jungen" mit der Güte eines Seelsorgers nach mildernden Umständen zu suchen, sondern ihre Pflicht ist es, die Gesellschaft vor äußerer Schäden zu schützen. Und selbst der mensch- lichst denkendste Kriminalist wird solange Verbrechern gegenüber ein berechtigtes Mißtrauen behalten müssen, als es bei dem jetzigen System bleibt, die niederträchtigsten Bestien wieder auf die menschliche Gesellschaft loszulasten, sobald sie ihre Strafzeit abgesessen haben, ohne Rücksicht darauf, ob diese Strafe nach dem Urteile der sachverständigen Beobachter zu einer Besserung oder Verschlimmerung ihres Charakters geführt hat. Es muß deshalb gefordert werden, daß das Urteil des Gerichts eine Ergänzung findet in den Berichten der Strafanstaltsbeamten und Geistlichen und daß dafür gesorgt wird, daß wirklich reuigen Verbrechern nach Verbüßung ihrer Strafe oder unter Umständen schon vor Ablauf der Strafzeit der Uebertritt in eine Strafkolonie ermöglicht wird, während die nach allseitigem Urteil Unver- besterlichen zur Sicherheit des Staates und der Gesellschaft dauernd zurückbehalten werden müssen.
zeit über dem größten Genie stehen, das sich von seinen Leidenschaften beherrschen läßt."
Wieder spiegelte ein Lächeln, und diesmal ein sehr überlegenes, um Margas Lippen.
„Das sind Ansichten der Jugend, Komteß, die Sie noch aus Ihrer Pension mitgebracht haben. Wenn Sie erst die Welt besser kennen lernen, werden Sie wissen, daß es vor,allem darauf ankommt, etwas zu fein. Der beste, ausgezeichnetste Mensch geht ost elend zu gründe, weil er nicht verstand, sich durchzusetzen."
„Dann aber ist die Welt sehr traurig und es wäre das beste, sie nicht kennen zu lernen*
„Das heißt, nicht geboren zu werden. Zu diesem Schluß ist ja auch schon mancher Philosoph gekommen. Aber diestr pessimistischen Ansicht werden Sie doch nicht huldigen, Komteß, Sie, die Sie alles besitzen, um glücklich zu fein, des Lebens köstlichste Blüten zu pflücken."
Das Antlitz Giselas veränderte sich plötzli^ Wieder breitete es sich über dasselbe wie ein dunkler Schleier.
,Zch?" tarn es leise von ihren Lippen.
„Ja, Sie, Komteß. Ihnen ist schon alles bei bet Geburt in den Schoß gefallen, was andere sich erst mühfam erringen müssen, ein vornehmer Name, Reichtum, eine Stellung in der Gesellschaft."
„Und das nennen Sie Glück?" fiel ihr Gisela ins Wort. „Ja, wenn das Glück wäre! Mir deucht im Gegenteil, gerade das Emporringen durch eigene Kraft kann allc n glücklich machen." ; „Das denken Sie, weil Sie eben noch jung find, Komteß. Nur wenigen Auserwählten ist es gegeben, das vorgesetzte Ziel wirklich zu erreichen."
„Und alle anderen, die danach vergeblich streben?"
„Müssen sich bescheiden*
„Und Sie, Fräulein Herrenburg? Rechnen Sie sich zu diesen Auserwählten, die das Ziel erreichen werden?"
Marga bemertte, daß das junge Mädche» offenbar bemüht war, das Gespräch von Ihr«:
Parlamentarisches.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 6. Dez.
Am Bundesratstisch: Dr. Nieberding.
Auf der Tagesordnung stehen die Jntrrpella* Hünen zur Polenfrage. Die Interpellation der Abgg. Dr. v. Jazdzewski (Pole) und Genosse» geht von der Tatsache aus, daß polnische Kinde? wegen Befolgung von Anordnungen ihrer Elter» bet elterlichen Erziehungsgewalt entzogen und der Fürsorgeerziehung Überwiesen werden sollen, und richtet an den Reichskanzler die Frage, was er tun wolle, um diesen Eingriffen preußischer Behörden in die Eewissenssphäte und in das durch das Bürgerliche Gesetzbuch und sonstige Be- stimmungen garantierte Recht der Eltern auf die geistige und sittliche Erziehung bet Kinder, wie es ihrer religiösen Ueberzeugung und den Grundsätzen ihrer Kirche entspricht, wirksam entgegen* zutreten. Von bet gleichen Tatsache geht die Interpellation der Abgg. Grafen Hompesch (Ztr.) und Een. aus, die fragt, wie der Reichskanzler die mit reichsgesetzlichen Vorschriften in Widerspruch stehenden Eingriffe in das Recht bet elterlichen Fürsorge für die Person des Kindes zu verhindern.
Die Besprechung beider Interpellationen wird verbunden. Staatssekretär Dr. Nieberding erklärt sich bereit, die Interpellationen sogleich zu beantworten.
Darauf bemerkt zur Begründung der einer Anfrage
Abg. Dr. v. Jazdzewski (Pole): Jeder Volk hat ein natürliches und göttliches Recht auf den Gebrauch der Muttersprache. Dies ist einst auch den Polen vom preußischen König zugesagt worden. Zum mindesten muß der Religionsunterricht in der Muttersprache erteilt werden. Der Religionsunterricht wird nicht im Auftrag« des Staates, sondern der Kirche erteilt. Der Auftrag der Eltern an die Kinder, nicht in deutscher Sprache zu antworten, ist nur ein passiver Widerstand, und wo es zu Ausschreitungen gekommen ist, nehmen wir diese in keiner Weise in Schuh. Oft freilich wird Roheit der Polen nur eine Antwort auf die Roheit der deutschen Lehrer sein.' (Unruhe rechts.) Soll etwa die Erteilung des Religionsunterrichts in deutscher Sprache eine Vorstufe für die alleinige Zulassung der deutschen Sprache auch in der Kirche fein? Das preußische Episkopat vertritt hier dieselben Grundsätze wie der verstorbene Bischof v. Stab« lewski. Die jetzigen Zustände müssen zum Niedergang der Sitten der polnischen Jugend führen. Die Ueberweisung der Kinder an die Fürsorgeerziehung ist wiederholt ohne gerichtliche Entscheidung angeordnet. Die Fürsorgerziehung ist
eigenen Person abzulenken. Aber nur Geduld, sie sollte ihr doch nicht entschlüpfen.
„Ich hoffe es," entgegnete sie mit dem ihr eigenen sicheren Selbstgefühl, das manchen schon,, ohne daß sie es ahnte, unangenehm berührt hatte. Auch über Giselas zartes Gesicht glitt es wie ein leiser Zug der Verstimmung. Marga ahnte nicht, daß gerade das Selbstbewusstsein, mit dem sie Gisela zu gewinnen hoffte, das Gegenteil bewirkte. Sie hatte damit jede Macht über das junge, zagende Herz bereits verloren, jedes Vertrauen, das vielleicht die gequält« Seele für sie hätte fassen können, zurückgedrängt
Marga legte den Pinsel fort.
„Wollen Sie einmal sehen, Komteß? Ich glaube, heute ist es mir gelungen, Ihrem Bild« bas zu geben, was Ihre Frau Mutter so seh« wünscht: einen freunblichen Ausbruck."
Gisela folgte ber an sie ergangenen Aufforderung.
„Ich fürchte," sagte fie, „durch diesen freundglichen Ausdruck haben Sie die Ähnlichkeit be- einttachtigt."
„Ich meine, im Gegenteil, die Freundlichkeit ist eigentlich ber Ausbruck Ihres Wesens, der sich manchmal hinter Ihrer jugendlichen Schüchternheit verbirgt."
„Ich bin nicht so jung, wie Sie meinen, ii» Innern wenigstens nicht."
„Sie sind gewiß gereifter als andere junge Damen Ihres Alters. Deshalb ist der Wunsch Ihrer Frau Mutter auch wohl berechtigt baß Sie sich bald zu ber Wahl eines Gatten entschließen mögen, um die Selbständigkeit zu erlangen, nach ber Sie sich sehnen*
Das Wort war gesprochen, bas ihr so lange auf ber Zunge geschwebt hatte. Sie hatte sich abgeroanbt, um es nicht zu absichtlich erscheinen zu lassen. Jetzt blickte sie boch neugierig auf die Wirkung ihrer Aeußerung von der Seite nach Gffdla hin, die unentwegt in ihrer Stellung verharrte. *
(Fortsetzung im zweiten Blatt.)