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haben sie dringend nötig diese Kräfte. Die Ge­genwart ist eine ernste Zeit: aber ihre Borzüge liegen meist auf wirtschaftlichem Gebiet oder im Reich der Kunst und Wissenschaft. Im sittlichen und religiösen Leben stehen wir in einer Zeit des Niedergangs. Treu und Glauben schwinden, Sittenreinheit gilt nicht mehr in allen Kreisen als unerlWiche Eigenschaft eines ehrenhaften Mannes, Vergnügungssucht und Habgier und in ihrem Gefolge Haß und Neid sind die harten Treiber unseres Volkes geworden, und alljähr­lich fordert der Selbstmord mehr Opfer unter uns als eine verlorene Schlacht.

Das sind unheimliche Erscheinungen, Zeichen des Verfalls; aber der einzelne steht ihnen nicht wehrlos gegenüber. Einkehr und Umkehr sind die festen Punkte, von denen aus ein jeder Einzelne Macht bekommt helfend und bessernd einzugreifen in die Geschicke des ganzen Volkes. Darum scheuen wir nicht den Büßtag, der ein Recht hat unter den Festen unseres Volkes, der auch jedem Volksgenosien eine Pflicht auflegt, denn irgendwie ist des Volkes Schuld unsere Schuld.

Solche bußfertige Erkenntnis ist nie etwas Unfruchtbares: sie scheidet uns von der Sünde, sie führt uns zu Gott, der ein unruhiges Ge­wissen allein wieder stillen kann durch den Frieden der Vergebung, und Gewißheit der löergebung ist die reichste Quelle menschlicher Kraft, das Geheimnis des christlichen Glaubens.

* Warnung. Man schreibt uns: Vor einem Schwinde! der geeignet ist Arbeit und N e - benverdien st suchende um eine Mark, sowie einige Groschen für Porto usw. zu prel­len, sei hiermit gewarnt.. In öffentlichen Blättern findet sich öfters ein Inserat, daß Adressenschreiber lohnende Arbeit finden kön­nen. Angebote sind an einen Herrn in der Nähe Hamburgs zu richten. Ein Invalide schickte seine Adresse ein und bat um Arbeit. Er erhielt umgehend die Aufforderung, eine Mark Bestellgeld frei oder in Briefmarken einzusen­den: das nötige Material gehe ihm alsdann zu und er könne sofort tätig sein. Der Mann sandte die Mark ein, da er glaubte, es handele sich um dis Sicherstellung des ihm zu überlassen­den Materials. Hierauf erhielt er einige Druck­sachen zngesandt, worin ihm geraten wurde, möglichst ost den Anseratenteil vieler Zeitungen zu studieren und sich solche Inserate zu merken, in denen Firmen allerorts Vertreter, Agenten, Hausierer, Leute zu häuslichen gewerblichen oder schriftlichen Tätigkeiten oder Damen zu verschiedenen Hausarbeiten suchen. Diese Fir­men seien zu notieren; alsdann an sie zu schrei­ben, daß er ihnen solche Personen namhaft ma­chen könne und zwar 100 Personen (Adressen) für 3 M, 500 für 10 M und 1000 für 18 «H. Diese Adressen kann nun der Anbietende von dem Herrn bei Hamburg für 1, 4 und 6 be­ziehen: außerdem einen gedruckten Prospekt für Angebote, ebenfalls zu 1, 4 und 6 <K. Dann folgt die Gewinnberechnung und es bleiben für den Adressenschreiber bei 1000 Adressen 8 M Reingewinn. Da nun hier zu Lande niemand von dem Angebot des Herrn Gebrauch machen kann, sind die Verdienstsuchenden eine Mark los und um eine Hoffnung ärmer."

HeffkN-Nassü'.l Md Nachbargebiete.

Fritzlar, 18. Noo. Heute Nacht herrschte hier ein orkanartiger Sturm, der viel Regen brachte. Der Sturm hat an zahlreichen Dächern und Häusern Schaden angerichtet.

Hanau, 19. Nov. Wie demHanauer An­zeiger" aus Oberhessen gemeldet wird, sind dort die Preise für Schlachtschweine im Sinken. In der Gegend von Lauterbach sind

berechnet, daß bis Ausgang des vorigen Jahr­hunderts jährlich 40 000 Landstreicher die ganze Schweiz bettelnd und stehlend durchzogen und im Durchschnitt täglich 50 Centimes erbettelt ha­ben. Das macht täglich 20 000 Franken ohne Kost, Unterkunft und Kleider, die ihnen zuteil wurden. Im Jahre sind das 7 000 000 Francs, eine offenbar noch zu niedrig gegriffene Summe, welche die schweizerische Volkswirtschaft belastete. Die Armenherberge in Basel gab allein im Jahre 1879 14 531 Landstreichern Unterkunft und hat diesen 35 543 Portionen Suppe und 11500 Pfund Brot verabfolgt. 1880 wurden wiederum an 14 686 Vagabunden 37 295 Portio­nen Suppe und 13 000 Pfund Brot ausgeteilt. Aus dem Berner Oberland meldet ein Bericht:

Seither hier die Naturalverpflegung dürftiger Durchreisender eingeführt wurde, sind Stromer und Vagabunden, die auch die Alpenübergänge heimsuchten und sowohl Einheimische wieFremde arg belästigten, fast ganz verschwunden. Die­jenigen, welche fürchteten, die Kosten würden sich für die Gemeinden als eine stetig wachsende Last erweisen, haben nicht recht behalten. Die

Auslagen für die Naturaloerpflegung sind mäßig und gehen von Jahr zu Jahr zurück. Sie gingen z. V. im Amt Oberbasli von insgesamt 943,65 Frks. im Jahrs 1901 auf 215,50 Frks. im Jahre 1905 zurück, und dementsprechend konnten die Gemeindebeiträge herabgesetzt werden. Der Staat spendet aus dem Alkoholzehntel 50 Proz. an die Kosten der Perpflegungsstationen im' Kanton herum. Um vorübergehend arbeit?-' losen, unbemittelten Mannspersonen zu ermög-' lichen, wenigstens ihren täglichen Unterhalt zu verdienen, hat sich kürzlich in Zürich eine Aktien-' gesellschaft und unweit der Stadt (in Seebach) eine Kiesgrube und das umliegende Land an­gekauft zu dem Zweck, solchen Beschäftigungs­losen hier Arbeit zu bieten. Das städtische Ar­beitsamt' zahlt der Gesellschaft für jeden ein­zelnen der ihr von ihm überwiesenen Arbeite^, wenn er dort beschäftigt wird, 50 Centimes, und Private und Behörden tun das gleiche, nur um. die Leute vor Not zu schützen und vom Bettel»' abzuhalien.

Vermischtes.

Schwerin, 16. Nov. Im Prozetz gegen die Fürstin Wrede hat die Staatsanwaltschaft, wie derHann. Tom. meldet, Anklage wegen Diebstahls erhoben. Dir Gutachten der Sachverständigen sind unbekannt. Die Akten des Falles Wrede sind nunmehr der Eröffnungskammer des Landgerichts zur Anord­nung des Hauptverfahrens zugegangen. Es ist nicht ersichtlich, ob zwischen dieser unerwarteten Wendung im Prozeß Wrede und der Veroffent- lichung des Rechtsanwalts Bahn über d'.eSilber« diebstähle der Fürstin Wrede irgend eine Be­ziehung besteht, jedenfalls scheint man sich jetzt eines schnelleren Tempos int Verfahren gegen die Fürstin zu besinnen. Das Verlangen des Verteidigers des Dieners Glase muß nur zu berechtigt erscheinen, daß die angeblich an Kleptomanie leidende Fürstin in einer öffent­lichen Irrenanstalt hätte der UntersuchunF unterzogen werden müssen. Die auffallend rasche Verurteilung des Kammerdieners steht in fert- samem Widerspruch zu der Verschlepvung des Prozesses Wrede, und man kann Bahn. Rocht geben, wenn er darauf hinweist, daß eine öffent­liche Verhandlung verlangt werden muß, um cte Allgemeinheit über Schuld oder Unschuld «et Fürstin zu unterrichten und den Eindruck zu vermeiden, als wenn ihr gegenüber eure Art Kabineiisjustiz geübt würde. (D. Schr.) !

M ü n c> e ii, 16. Nov. Ein Teil der nteoer- bayerischen Aerzte hat sich entschlossen, gegen die marktschreierischen Dankeserstatiungen des Publikums für glücklich geheilte Bein- und andere Brüche, in öffentlichen Blättern, ate.* lung zu nehmen. Der ärztliche Bezrnsverern Dingolfing-Landau hat in seiner lüngiicn Be- zirksvsrsammlung den einstimmigen Beichrng gematzt die in Frage kommende Bevölkerung höflichst zu ersuchen, von Dankes- und Lobesbe«

sie um 10 Pfg. und zwar auf 65 Pfg. pro Pfund zurückgegangen. Die Landwirte halten heute mit dem Verkauf nicht mehr zurück. Bei den Metzgern sind die Preise noch nicht abgeschlagen.

Hanau, 17. Nov. In Eroß-Steinheim ist ein fremder Landstreicher verhaftet worden unter dem Verdacht, den Mord an der 13jährigeN Frieda Wey in Zellhausen verübt zu haben. Der Mensch hatte sich in der WirtschaftZum Karlsberg" in Eroß-Steinheim dadurch verdäch­tig gemacht, daß er ohne jeglichen Anlaß die Rede auf den Mord brachte und auffallend ge­naue Einzelheiten darüber gab. Dies fiel der Wirtin auf und sie machte die Polizei auf den Menschen aufmerksam, die ihn ins Bezirksge­fängnis nach Offenbach verbrachte. Als man ihm das Messer abnahm, äußerte er:Das ist nicht das Messer." (Frkf. Ztg.)

Diemerode. 19. Noo. Der 14 Jahre alte Sohn des Bürgermeisters Sandrock ist heute Vormittag um 10 Uhr in der Scheune abgestürzt. Infolge eines Genickbruches war er sofort tot. i

Gießen, 18. Nov. Ein Veteran aus dem ba­dischen Feldzug 1848/49, der Polizeidiener, Eckert in Herbstein, ist im hohen Alter von 80 Jahren gestorben. Es war 51 Jahre als Ponzer-, diener tätig. i

Friedberg, 17. Nov. Hier wurde von ca. 300 früheren Schülern der landwirtschaftlichen Schul« zu Friedberg ein Verein mit dem Zweck ge- oründst: Den Zusammenschluß untereinander und mit der Schule behufs weiterer Fortbildung im Berufe durch gegenseitigen Meinungsaus­tausch, Vorträge, Studienreisen und gesellschaft­lichen Verkehr zu fördern. Ein Korrespondenz- blatt soll den Verkehr untereinander aufrecht er­halten. _______________

MchM MM mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

"* i eonntaft86eUaae: JlluftUrteL eerinffifMcti;

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Vierteljährlicher Bezugspreis: bet bet ExpLition 2 ML, .bet allen Postämtern 2,25 Mk, (ejcL Bestellgeld).

InserttonSgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfg. Reclamen: die Zeile 80 Pfg,

Marburg

Mittwoch, 21. November 1906.

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S Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UnivcrfitätS-BuchdruckerÄ 41. Jahrg.!

Marburg, Markt 2L Telephon o5. !

Zweites Blatt

Ein Kanaltunnel zwischen England und Frankreich.

Als gegen das Ende des vorigen Jahres die .liberale Partei Englands im Begriff stand, (regierungsfähig zu werden, gaben die Partei- tführer, in erster Linie Herr Campbell-Banner- fman, das Programm bekannt, das sie, zur Lei­stung der Staatsgeschäfte berufen, verwirklichen mellten. Gegenüber den Schutzzollbestrebungen »er unionistischen Partei hieß es darin, daß die »liberale Regierung dem Handel und Verkehr jbes Landes jede Erleichterung und Verbesserung tzukommeit zu lassen bestrebt sein werde. Diese Erklärung hat einflußreichen Kreisen in Paris amd London Anlaß gegeben, die Frage einer Kanaltunnelftraße, die vor allem durch die -fortschreitende Besserung der Beziehungen zwi- ischen England und Frankreich der Lösung näher- Meführt ist, nunmehr zur Entscheidung zu stel­len. Dir Interessenten, zu denen natürlich in rrjter Linie die am Kanalverkehr beteiligten sLisenbahngesellschaften beider Länder gehören, sagen sich, daß ihre Aussichten in dem Augen­blicke wesentlich ungünstiger werden würden, wo mit einer konservativen Regierung der Geist eines ausgeprägten Imperialismus wieder zur Herrschaft gelangte. Die gegenwärtig drohend« Krise entspricht deshalb sicherlich nicht den Wünschen jener Kreise, zumal auf Grund ge- ^visser Anzeichen, die anläßlich der Erörterun- fecn über das Schulgesetz und das Ecwerkschasts- nesetz hervorgetreten sind, mit der Möglichkeit gerechnet werden muß, daß die Bevölkerung, . ^alls Neuwahlen erforderlich werden sollten, ich wesentlich anders entscheidet als im Januar tiesez*,Jahres. Wie aber auch das Unterhaus ru. 4el«cr gegenwärtigen Zusammensetzung über den Plan, eine feste Verbindung zwischen Eng­land und Frankreich zu schaffen, denken mag, soviel ist sicher, daß eine ein solches Unterneh­men empfehlende Vorlage, auch ganz abgesehen won allen politischen und militärischen Beden­ken, auf große Schwierigkeiten stoßen würde. Wenn das Kabinett Campbell-Bannerman der Angelegenheit näher treten und eine parlamen­tarische Behandlung des Gegenstandes herbei- führeir wollte, so wäre es nicht das erste Mal, paß das Unterhaus zu der Frage Stellung zu Lehmen hätte. Bereits im Juli dieses Jahres !hat das Kanalprojekt zur Debatte gestanden, chnd zwar auf Grund einer von hervorragenden Vertretern der französischen und englischen Fi- snanzwelt herrührenden Eingabe, in der die An­klage einer Trajektverbindung zwischen Dover junb Calais empfohlen war . Damals fand die­ser Plan allgemeine Zustimmung. Diese gün- sstige Aufnahme des Projektes wurde vielleicht inur dadurch ermöglicht, daß auch die eifrigsten ^Vertreter der sogenannten Jnvasionsidee un­bedenklich einer Einrichtung zustimmen konnten, die jeden Augenblick wieder beseitigt werden «konnte und nichts anderes bedeutete, als eine -Vervollkommnung des gegenwärtigen Zu­standes .

Man wird denn auch annehmen bürfen, daß der erste Schritt zur Verbesserung der Derkehrs- verhältnisse sich in der Richtung bewegen wird, die das Votum des Parlaments als gangbar und zweckmäßig bezeichnet hat. Was den Bau eines submarinen Tunnels betrifft, so sind neuerdings wieder Zweifel darüber entstanden, ob die Verkehrssicherheit in dem Maße gewähr­leistet werden kann, wie es gefordert werden muß, wenn die Tunnelstraße ihren Zweck aus- fütlen soll. Endlich fehlt es noch ganz an znoer-

Delltsche Kolonie».

Kiautschou. Dis dem Reichstag vorgelegte Abrechnung über die Finanzen des Kiautsckou- Eebietes im Jahrs 1905 zeigt, daß die Ein­nahmen dieses Schutzgebietes den Anschlag um rund 400 000 M überstiegen haben. Das Mehr kommt der Hauptsache nach aus Gebühren und Landverträgen, aber auch die Grundsteuer hatte mehr, als angenommen war, erbracht. Die Mehreinnahmen wurden zur Deckung einzelner Mehrausgaben verwendet, unter denen nament­lich die für Bauten ins Auge fallen. Die Mehr­ausgaben waren aber nicht im Stande, die Mehreinnahmen ganz aufzuzehren, ein kleiner Betrag konnte noch auf den Reservefonds für 1906 übertragen juerben. Insgesamt belief sich die Ausgabe für 1905 auf 15,7 Mill. Mark, wo­von 6,1 Mill, auf bie dauernden und 9,6 Mill. Mark auf bie einmaligen Ausgaben entfallen. Unter dem letzteren fielen 5,9 Mill, auf Bauten, 2,3 auf die Armierung und 1,2 Mill. Mark auf die Beschaffung eines Schwimmdocks.

Marburg und UulßrZend.

lNachdruck aller Originalartikel ist gemäß § 18 de« Urheberrechts nur m*t der deutlichen Quellenangabe Oberhess. Ztg.' gestattet)

Marburg, 20. Novbr.

* Bußtag. Wenn uns die Butztagsglocken rufen, dann flüchten an bett Grenzen ganze Scharen ins Nachbarland, wo ein anderer Kir­chenkalender gilt, und der laute lustige Strom des Vergnügens nicht eingedämmt ist. Diese Flucht vor dem Bußtag ist ein widerwärtiges Schauspiel, ein Zeugnis dafür, daß unserem deutschen Volk dessen Glaubensgenossen nicht einmal das Vaterunser in demselben Wortlaut beten, im kirchlichen Leben noch viel zur wün­schenswerten Einigkeit fehlt. Noch bedenklicher ist jene Flucht, weil sie zeigt, wie viele unserer Zeitgenossen kein Verständnis haben für die Be­deutung des ernsten Tages.

Wohl dem Volk, das jauchzen kann!" sagt der Psalmist, er denkt wohl an Siegesfreude: aber keinen größeren Sieg kann ein Mensch er­ringen, als den Sieg über sich selbst der beginnt mit dem Bekenntnis:Ich habe geirrt und ge­fehlt" und der vollendet wird durch den Ent­schluß:Ich will einen neuen, besseren Weg ein­schlagen, so wahr mir Gott helfe!"

Wo es im Einzelleben oder im Volksleben zu solchem Erkennen unb Entschließen kommt, da regen sich die Kräfte der Gesundung. Wir

lässigen Angaben über die Höhe der Baukosten. Die interessierten Gesellschaften legen natürlich den größten Wert darauf, daß die Rentabilität des Unternehmens sicher gestellt ist. Die Aus­sichten auf einen gewinnbringenden Betrieb des Unternehmens werden aber in dem Grade un­günstiger, wie die Technik des Schiffsbaues fort­schreitet. Allgemein wird anerkannt, daß die Einstellung von Turbinendampfern in den Ka­naldienst ein glücklicher Gedanke war. Die Un­annehmlichkeiten der Reise erscheinen durch die gleichmäßigere Gangart dieser Fahrzeuge er­heblich vermindert. Gelingt es, diesen Vorzug noch weiter zu vervollkommnen, so wird für die meisten Reisenden das Verlangen nach einer unterseeischen Verbindungsstraße hinfällig wer­den. Die Freunde des Tunnelprojektes werden also nicht nur mit der im Lande noch immer weit verbreiteten Abneigung gegen jede Beein­trächtigung der insularen Abgeschlossenheit Englands, sondern auch mit Schwierigkeiten zu rechnen haben, die sich aus dem besonderen Cha­rakter der geplanten Anlage und ihren Be­ziehungen zu anderen Verkehrsunternehmungen ergeben.

Arbeit und Naturalverpflegung für ; Handwerksburschen, nicht Bettel.

£ Aus derDeutschen Volkswirtschaftlichen W Korrespondenz".

' Das Arbeitsamt der Stadt Zürich, bereits feit fünf bis sechs Jahren in Tätigkeit, vermittelt Personen jedes Standes und Berufes Stellen und Arbeitsgelegenheit, und zwar für Arbeit- fuchende und Arbeitgeber vollständig unentgelt­lich. Die Anstalt wird stark benutzt und beider- sseits als eine zweckmäßige und wohltätige Ein­richtung anerkannt unb geschätzt. Das Institut sieht schon längere Zeit mit den Naturalver- ^flegungsstationen des gesamten Kantons in iBetbiubung unb ergänzt sonst wirksam die Be? ftrebungen der letztgenannten Organisation durch Anweisung von Arbeitsgelegenheit für Durchreisende.

Mit der Einführung der Naturaloerpflegun, wollte man seinerzeit dem Landstreicherunwesen entgegenwirken, indem man streng gegen den .Almosenbettel einschritt und das Älmosenspende»

an angebliche Handwerksburschen verbot. Statt dessen sollte für die Nahrung und Unterkunft wirklich armer Reisender gesorgt werden. Die Bevölkerung, namentlich die ländliche, welche unter der Zudringlichkeit der Bettler an vielen Orten arg zu leiden hatte, und bereit Gutherzig­keit oft von ganz Unwürdigen ausgebeutet wurde, begrüßte allgemein die Anordnung der Behörde und unterstützte diese in ihren Bestre­bungen. Der Erfolg war bald fühlbar. Heute ist die Institution der Naturalverpflegung fast allenthalben in der Schweiz eingeführt. Gemein­den und Private tragen gern die Opfer, welche jene erfordert, sind sie doch sehr gering gegenüber den Auslagen und Belästigungen in früherer Zeit.

Wie zahlreich damals Landstreicher das Land überschwemmten, läßt sich aus folgenden Daten erkennen: In Basel wurden von 1875 bis 1890 jährlich 40005000 Vagabunden polizeilich an­gehalten und ungefähr der achte Teil davon ge­richtlich verurteilt. Wurden auch all die Tau­sende über die Grenze spediert, so kehrten sie bei nächster Gelegenheit wieder zurück. Man Lat