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Marburg
Mittwoch; 10. Oktober 1906.
x Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck nttb Verlag: Joh. Aug. Koch, UniverfttätS-Duchdruckerei Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
4L Jahrg.
ED
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Erstes Blatt
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(Nachdruck »erboten.)]
Zur Lage in Rußland.
I Pariser Blätter bringen gleichzeitig eine I ganze Reihe von Interviews von russischen I Staatsmännern, darunter Witte und Stolypin. I Witte beruhigt die französischen Kapitalisten.
Der Stand der russischen Finanzen sei nach dem vor wenigen Tagen veröffentlichten Bericht des Finanzministers besser, als er selbst zu hoffen gewagt hatte. Die letzten Ausländsanleihen hätten zur Deckung aller Kriegskoften dienen sollen, haben jedoch infolge des Rücktritts deutscher Banken nur 677 anstatt 850 Mill. Rubel ! ergeben. Daher komme in der Hauptsache das
Defizit. Witte legte dann die Anstrengungen des jetzigen Finanzministers zur Erhaltung der Coldvaluta dar und bestreitet die Möglichkeit . eines Sieges der Revolution, weil die Armee dem Kaiser treu bleiben werde; gegenwärtig hänge die Herstellung der Ordnung von der Hal-
Kein Tag in der deutschen Geschichte hat so dte Bedeutung eines Marksteins, wie der unglückselige Tag von Jena, der 14. Oktober. Richt nur wurden bei Jena und Auerstädt die vereinigten preußischen und sächsischen Armeen geschlagen und zersprengt und brach dort die Macht Preußens zusammen; sondern jene Schlachtfelder sind auch das Grab des alten römischen Reichs deutscher Nation geworden, dessen Krone der letzte Kaiser bereits vorher niedergelcgt hatte. Aus den traurigen Ruinen der dort zertrümmerten Herrlichkeit ist das neue deutsche Reich erwachsen, dessen wir uns freuen.
lieber die Bedeutung des Tages von Jena bat Fürst Bismarck in einer Rede, dort am 31. Juli 1892 gehalten, sich folgendermaßen ge- äußert: „Der Name Jena hat für mich als Sohn einer preußischen Militärfamilie einen schmerzlichen und niederdrückenden Klang. Es war das natürlich, und ich habe erst in reiferen Jahren einsehen gelernt, welchen Ring in der Kette der göttkichen Vorsehung für die Entwicklung unseres deutschen Vaterlandes die Schlecht von Jena gebildet hat. Man kann sich nicht darüber freuen; mein Verstand sagt mir aber, wenn Jena nicht gewesen wäre, wäre vielleicht auch Sedan nicht gewesen. Die fridrricianische preußische Monarchie war eine großartige, in sich einige Schöpfung; aber sie hatte ihre Zeit abgelebt, und ich glaube -nicht, wenn sie bei Jena siegreich gewesen wäre, daß wir einen gedeihlichen Weg nationaler deutscher Entwicklung geleitet sein würden. Ich weiß es nicht; aber die , Zertrümmerung des morschen Baues — morsch wie die Kapitulationen unserer ältesten und achtbarsten Generäle aus jener Zeit bewiesen haben — schuf einen freien Platz zum Neubau.
res Mal hinauf," sagt Graf Boyneburg, und Etith sekundiert ihm lebhaft: „Das wäre noch besser: dich hier allein zu lassen! Nein, Elisabeth, so leid mir dein Unfall tut — wenn dein« Schmerzen nachlassen, können wir auch hier froh und vergnügt sein."
„Du hattest dich so sehr auf die schöne Aussicht bei dem klaren Wetter gefreut, Etith. und darum muß ich meinen Unfall doppelt beklagen. Willst du mir wirklich nicht den Gefallen tun?“ Etith macht noch Einwendungen, da steht Dettingen plötzlich vor Elisabeth: „Wenn Frau Gräfin mit meiner Gesellschaft vorlieb nehmen wollen — ich hatte ohnehin nicht die Absicht, den beschwerlichen Weg zu machen."
„Gewiß, gern,“ erwidert sie schnell, froh, dadurch der Freundin ein Hindernis zu ihrem Vergnügen zu nehmen.
„Siehst du, Etith, nun bin ich nicht allein, und wenn du mir auch noch Werner hierläßt, s« ist reichlich für meine Unterhaltung gesorgt.“
Oettingen beißt sich bei den letzten Worten Elisabeths auf die Lippen, aber er schweigt, bis sich das Ehepaar entschlossen hat, zu gehen. Ta wendet er sich an den kleinen Werner.
„Nicht wahr, Werner geht viel lieber mit hinauf, mit Papa und Mama?"
Noch ehe Elisabeth, die seine Morte vernommen hatte, sie verstehen und begreifen konnte, erfolgt die schnelle Antwort des Kleinen: „Nein, Werner bleibt bei Tante Elisabeth.“
Elisabeth hätte den Jungen küssen mögen aus irgend einem dunklen Dankbarkeitsgefühl heraus. Sie begnügt sich aber damit, ihn, der
| tung der Gemäßigten ab, welche sich entschließe» I müßten, sich mit der Rechten zu vereinigen, gegen I die gemeinsamen Gegner auf der äußersten Linken. Stolypin verteidigt seine Politik unter
I Hinweis auf die bestehenden Gesetze und di« | Pflicht, unter allen Umständen die Ordnung und Ruhe herzustellen; alsdann werde die Regierung das von ihr versprochene Programm aussühren. Die Duma werde, wie versprochen, am 25. Febr.
I einberufen und die Parteien hätten von jetzt an | ihre Propaganda aufzunehmen. Das Datum der Wahlen hänge von lokalen Umständen ah, welDe in den verschiedenen Provinzen verschieden seien. Die Regierung habe keinen ehrlicheren Wunsch, als ein fruchtbares Reform-Werk in gux ter Harmonie mit der Duma durchzuführen.
Wie bekannt wird, werden die nicht früher als Mitte Januar stattfindenden Dumawahle» erst im Dezember ausgeschrieben. Um die Wahlen schneller zu beendigen und die Wahlagitation zu paralysieren, werden zwei nahe beieinander Ixe* genbe Termine angesetzt. Das Moskauer Stadthaupt, Nikolai Gutschkow, verwendet sich in eifern Memorandum bei Stolypin für ein Verbot, an den Wahltagen in den Wahllokalen usw. itge d- welche Wahlagitation auszuüben.
Sewastopol, 8. Okt. Hier wurde ein Bombev attentat auf den Chef der hiesigen Garnison, Generalmajor Dumbadse, verübt, als dieser in einer Equipage nach der Kaserne des VrestregimentL fuhr; der General, bet leicht verwundet wurde, schoß auf den davoneilenden Täter. Zwischen diesem und einem in der Nähe der Kasern« stehenden Soldaten entspann sich eine Schlägerei, jedoch gelang es dem Täter zu entkommen. Das an die Kasernen angrenzende Gelände wurde von Truppen umstellt: es finden Sausfuchunaen statt, da man annimmt, daß mehrere Personen an dem Anschlag beteiligt sind. Der Kutscher und zwei den General begleitende Soldaten wurden schwer verwundet.
langer Zeit die Luft erfüllt ist. In hiesigen Hos- kreisen gilt es als ausgeschlossen, daß die Zarin unter den obwaltenden Verhältnissen ihren Gemahl verlasse.
Amsterdam, 9. Ott. Wie das „Handelsblatt" meldet, ist eine starke Möglichkeit vorhanden, daß die zweite Friedenskonferenz im Haag doch noch mit Beginn des nächsten Sommers zu- fammenkommt; die Mitglieder der Konferenz werden dann noch der Grundsteinlegung zum Friedenspalast beiwohnen, lieber das Programm der Konferenz und die Beteiligung der einzelnen Mächte werden immer noch Wischen den Kabinetten Verhandlungen gefühtt. Irgendwelche Einwendungen gegen die Konferenz selbst wurden von keiner Macht geäußert.
schuf einen freien Platz zum Neubau, und das zerschlagene Eisen der-«altpreußischeu Monarchie wurde unter dem schweren und schmerzlichen Hammer zu dem Stahl geschmiedet, der 1813 die Fremdherrschaft mit scharfer Elastizität zurückschleuderte. Ohne Zusammenbruch der Vergangenheit wäre das Erwachen des deutschen nationalen Gefühls im preußischen Lande, welches aus der Zeit der tiefsten Schmach und Fremdherrschaft feine ersten Ursprünge zieht, nicht möglich gewesen."
Zum Tag von Jena
Man schreibt uns:
Deutsches Reich.
" Berlin, 9. Ott.
Seine Majestät der Kaiser besichtigte am Sonntag in (Sabinen, nachbem er mit bet Kaiserin bem Eottesbienst beigewohnt hatte, di« Majolikawerkstätte. Wegen des schlechten Wetters verbrachten die Majestäten den Tag im Schloß. Am gestrigen Montag ließ sich der Kaiser vorn Landrat von Etzdorf Vortrag halte» über den Stand der Cadiner Eutsverwaltunz. und nahm dann einige Zuchtstuten in Augenschein. Später hörte der Kaiser noch die Vorträge des Oberforstmeisters über Cadiner Forstkultu- ren und des Deichinspektors über Cadiner Wiesenmeliorationen. Die Kaiserin unternahm einen Wagenausflug auf Cadiner Gebiet.
Um 1 Uhr 50 reifte der Kaiser über Marienburg, wo das Ordensschloß besichtigt wurde, nach
sich zärtlich an ihre Knie geschmiegt hat, zu strei- i cheln. Das Kind kommt ihr wir ein Schutzengel » gegen-jedwede Gefahr vor; dabei weiß sie nicht einmal, wovor sie sich eigentlich durch ihn schütze» will, , /
Mortfetzuns fülatl .
! „Natürlich, wenns nur nicht zu lange I dauert."
Beate ist aber nirgends zu finden, und so läßt Elisabeth die Bestellung für sie dem Diener zurück. Gleich darauf rollt der Wagen mit den beiden Damen fort.
An der bezeichneten Stelle werden sie schon vom Grafen, Dettingen und dem kleinen Werner, der jauchzend herzuspringt, empfangen. Der Graf hilft galant beim Aussteigen. Ob nun Elisabeth einen Fehltritt getan hat, oder ob ihr Fuß vom Trittbrett geglitten ist, sie wird plötzlich blaß und beißt dis Zähne vor Schmerz zusammen.
„Was fehlt dir, Elisabeth?" fragt Edith besorgt, und auch der Graf und Dettingen nähern sich mit teilnehmenden Fragen.
»Ich glaube, ich habe mir soeben den Fuß verstaucht," erwiderte Elisabeth, nur mit Mühe den heftigen Schmerz unterdrückend.
Graf Boyneburg bietet ihr den Arm.
Vielleicht ist es Ihnen möglich, bis zu jener Rasenbank zu geben. Wollen wir es versuchen?"
Elisabeth nickt nur und läßt sich von ihm führen; bei jedem Schritt möchte sie am liebsten aufschreien vor Schmerz, aber sie hält sich tapfer, 6is das Ziel erreicht ist, und läßt sich schwer auf bie Bank nieder. Bei der vollständigen Ruhe mildert sich der Schmerz, und sie weist alle Beratungen und Erwägungen, ob man nicht am besten täte. Heimzufahren und den Arzt zu bestellen, entschieden ab.
„Nein, nein, es ist nicht so schlimm. Zwar werde ich meinen Fuß schonen und heute auf den Aufstieg nach der Ruine verzichten müssen, aber j ich bitte Sie, sich nicht stören zu lassen, ich bleibe gern hier zurück und erwarte Ihre Rückkunft."
»Oho, glauben Sie, liebe Eröffn, daß wir Sie etwa schnöde verlassen werden? Wir bleiben selbstverständlich alle hier und steigen «in ande- I
I , Für unser deutsches Volk ist es ein Verhäng- ™5> daß es so wenig in seiner eigenen Geschichte
I kebt. Würde unserem Geschlecht das Gedächtnis an das grenzenlose Elend und die tiefe Erniedrigung Deutschlands im Anfang des vorigen Jahrhunderts lebendiger vor Augen stehen-, wir würden dankbarer für alle Gnaden und Wohltaten fein, welche Gott uns in dem geeinten neuen deutschen Kaiserreich verliehen hat, und fröhlicher und glaubensvoller an der Ileberwin- dnng der Schwierigkeiten mitarbeiten, welch» unsere Zeit zu tragen hat. Deshalb wäre es ein Vergehen an bem deutschen Volk, wenn das Ee- dächtuis bes Tages von Jena und bet traurigen Jahre, welche ihm vorhergingen und nachfolgten, nicht treulich gepflegt würde. Unsere nationale Presse wird, davon sind wir überzeugt, zum Besten Deutschlands ihre Pflicht tun; aber das genügt nicht; alle Kreise, welche mit Hand an» legen können, müssen eintreten.
Weil nun, soweit ich es habe verfolgen können, bisher keine Bestimmungen über eine Begehung des Trauertages von Jena erlassen find und die Zeit drängt, wage ich als deutscher Mann, der fein Volk lieb hat, an die Geistlichen aller Konfessionen die herzliche Bitte um eine angemessene Gedächtnisfeier jenes Tages in den Gottesdiensten zu richten. In gleicher Weise bitte ich dis Vorstände der Kriegervereine, die Lehrer der höheren und niederen Schulen, die Vorstände von Männer- und Jünglings-, von Frauen- und Jungfrauen-, von Gemeinde- und Volksvereinen das 100jährige Gedächtnis der Schlacht bei Jena zum Nutzen und Besten des deutschen Volkes zu begehen. Die Zeitungen aber, welchen dieser Aufruf nicht dirett zugehen sollte, bitte ich, denselben dennoch zum Abdruck zu bringen.
Gott segne das deutsche Volk und unser teures Vaterland, daß ihm die Erinnerung an den Trauertag von Jena zum bleibenden Segen werde! I
Cassel, Oktober 1906. ' I
Dr. theol. Sarbemann, I
Pastor bes Hessischen Diakonissenhauses. I
Auf Landegg war es jetzt gar zu öde. Beate hatte I hatte in ihrer Wirtschaft zu tun. Die einsamen Spaziergänge nach bem fianbegger See hatten feit jenem letzten Zusammentreffen mit Herbert ihren Reiz für sie verloren. Sie saß meist auf ihrem Zimmer ober auf ber Terrasse unb langweilte sich unb sehnte sich nach etwas Unbestimmtem.
14. K a p i t e l.
Acht volle Tage sinb so oerganaen, ba fährt nachmittags ber Wagen von Boyneburg vor bie I Rampe von Schloß ßanbegg, Gräfin Edith steigt aus und läßt sich von dem Diener in Elisabeths Zimmer führen.
„Edith, wie lieb von dir, daß du mich in meiner Einsamkeit aufsuchst," empfängt diese die in eine duftige Sommertoilette gekleidete Freundin. "fr
„Das ist durchaus nicht meine Absicht," erwidert Edith in scherzhaft bösem Ton, „das verdienst du gar nicht, nachdem du uns über eine Woche lang gemieden hast. Aber entführen will ich dich deinem Strohwitwensitz, ünd wenn nicht anders, dann mit Gewalt."
Elisabeth lachte freudig: „Vielleicht lasse ich mich in diesem Falle sehr gern entführen. Wohin soll es denn gehen?"
„Nach der Ruine Lauenburg. Hugo, Oettingen und Werner sind im kleinen Jagdwagen schon vorausgekqhren---wir wollen uns
am Fuß des Berges bei der kleinen Waldschenke treffen und dann langsam — du weißt, Oettin- gens wegen — aufsteigen. Und nun, wie prächtig, du brauchst nicht einmal Toilette zu machen, dein weißes Kleid steht dir ausgezeichnet. Du kommst doch gleich mit, Herz?"
„Gewiß, ich bin sofort bereit; ich möchte nur noch Beate sagen, daß sie mich nicht zum Abend- eiien erwartet. Kommst du mit, sie zu begrüßen?“
Neueste Telegramme.
£ Berlin, 8. Oktober. Die Prager Bohemia meldet: Kaiser Wilhelm habe an den Prinzen Hohenlohe nach Schloß Podjebrad eine Depesche gerichtet des Inhalts, daß er von den in ®en Journalen gemachten Veröffentlichungen, weldje. fein Verhältnis zum Fürsten Bismarck und die Gründe von dessen Entlassung betreffen, Kenntnis erhalten habe. Der Kaiser bezeichnet es als eine grobe Taktlosigkeit, daß ohne seine vorherige Erlaubnis Angelegenheiten, die seine Person betreffen und die unabsehbare Konse- huenzen nach sich ziehen könnten, veröffentlicht werden. Der Kaiser spricht aus diesem Anlaß dem Pmnzen den schärfsten Tadel aus.
.. P^ng- O. Ott. Wie Fürst Philipp Hohenlohe drs „Bohemia' mitzuteilen ermächtigt, hat er an Kaiser Wilhelm eine Depesche gerichtet, in der er erklärt, daß er von der Art der Veröffentlichung der Memoiren seines Vaters nichts gewußt habe. Die Memoiren feien Eigentum feines Bruders Alexander. Er hatte von dem Inhalt keine Kenntnis und habe auf die Veröffentlichung kei- nen Einfluß genommen. Wie Fürst Philipp der „Bohemia" ferner mitteilt, war die Veröffentlichung erst für später in Aussicht genommen.
Berlin, 8. Ott. Die „Nordd. Allgem. Ztg." meldet: Wie wir hören, wird sich der Staatsse- kEr bes Reichsschamtes Frhr. v. Stengel in ben nächsten Tagen zum Vortrage bei dem Reichskanzler nach Homburg begeben. Der Besprechung, bei der es sich in erster Linie darum handeln wird, wie der nächste Neichshaushalts- etat unter notwendiger Berücksichtigung der mi- nturlschen Erfordernisse am zweckmäßigsten zu geftatten ist, wird voraussichtlich auch Kriegs- mintiter v. Einem beiwohnen. I
.4 ©taubem 8. Ott. Nach bem Jahresbericht I »es Evangelischen Bundes, ber die heutige Mtt- I gttederversammlung beschäftigte, zählt ber Bund I gegenwärtig 1506 Zweigvereine mit 300 000 I Mitgliedern. Die Zahl der ersteren hat seit dem I vorigen Jahre um nahezu 400, die der Mitglie- I der um über 40 000 zugenommen. Der Direktor I des Evangelischen Bundes Everling eröffnete die | Mitgliederversammlung mit einer Ansprache, in I welcher auf bie Friedensversicherungen der Ka- I thslrkenversammlung in Essen Bezug genommen I würbe.* Man habe dort einen Frieden auf Kiin- I digung proklamiert, mit dem Unterschied zwi- I Mn politischer und dogmatischer Toleranz. Für I eiaen solchen Frieden danke der Evangelische I Punb. Ein wirklicher Friebe sei nur möglich, I wenn von ben Katholiken erklärt werde: Der | Protestantismus ist eine berechtigte Erscheinung I bes Christentums. Ohne biefe Anerkennung ist I ein dauernder Friede nicht möglich. I
Darmstadt, 9. Okt. Die unter aller Reserve wtebergegebenc Nachricht eines hiesigen Blattes I daß demnächst die Zarin mit ihren Kindern in Heltigenberg zum Besuch eintreffen werde stützt I sich auf vage Gerüchte, von denen schon seit I
Zwei Frauen.
Roman von E. Borchart.
(Forlletzung.)
- Elisabeth war totenblaß geworden, sie zitterte am ganzen Körper unb sah sich hilfesuchend nach Edith um, die von ben leisen Worten Oet- tigens am anberen Enbe ber Terrasse nichts ge- gehört hatte. Jetzt näherte sie sich ihren Gästen wieder, und auch ber Graf kam zurück.
Sobald es tunlich war, bat Elisabeth um ben versprochenen Wagen, unb Graf Boyneburg selber fuhr sie nach ßanbegg zurück. Unterwegs staub ihr Ottingens schönes, zuletzt aber entstelltes Antlitz vor Augen. Was mußte er gelitten haben um feine Kunst, unb wie bitter schien er ben- reuigen zu hassen, ber ihn zwang, sie aufzuheben. „Mörder!" Das tönte ihr noch immer schneidend in den Ohren, obgleich es mit leiser Stimme gesprochen war.
Sie schauerte leise zusammen und begrüßte die heimatliche Schwelle wie einen Zufluchtsort gegen alle trüben, aufregenden Gedanken.
In der Nacht träumte sie von blutigen Duellen und von den blitzenden Augen Oettin- gens. Dann wieder führte Dettingen sie an den Rand eines Abgrundes, aber gerade, als er ihre Hand faßte, um sie hinabzufchleubern, stieß sie einen Schrei aus und wachte, in Angstschweiß gebadet, aus.
Trotz Ediths Bitte, recht bald wieder nach Boyneburg zu kommen, konnte sie sich doch nicht ?u einem Besuch entschließen, eine kaum erklärliche Scheu hielt sie zurück. Dabei ertappte sie sich oft bei bem Wunsche, wieder mit Dettingen plaudern zu können, sich wieder durch sein wechselvolles Wesen, das bald abstoßend, bald an- jiehend wirkte, fesseln und zerstreuen zu lassen.