mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain,
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Kierteljährlicher Bezugspreis: bet der Exp^ition 2 Mk, btt allm Postämtern 2,25 Mk. <q;cl. Bestellgeld).
JnfertronSgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Psg.
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Marburg
Sonntag, 7. Oktober 1906.
Erscheint wöchentlich sieben mal. ,
Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, UniversttätS-Buchdruckerei 41. Jahrg.
Marburg, Markt 2L — Telephon 55.
Erstes Blatt.
Löhne und Arbeitszeiten in England.
Eine von der Arbeitsabteilung des englischen Pandelsamtes herausgegebene Denkschrift gibt Auskunft über die Entwicklung der Löhne und per Arbeitszeiten in England während der VZeriode 1896 bis 1905, unter besonderer Berücksichtigung des letzten Jahres. Nach den von der genannten Behörde angestellten Erhebungen, soweit wirklich zulässige Angaben möglich und erhältlich waren, ist im Jahre 1905 bei rund £90 000 Arbeitnehmern ein Wechsel der Lohnbe- fiige eingetreten. Davon können 120 000 insofern außer Betracht bleiben, als die Schwankung rhres Berdienstes im Endergebnis darauf hin- mslief, daß der Ertrag ihrer Arbeit am Schluffe iss Berichtsjahres derselbe war wie am Anfang >es Jahres. Von den übrigen konnten 320 000 über Lohnsteigerungen berichten, die im wöchentlichen Durchschnitt den Betrag von 16 300 Pfd. lusmachten. 250 000 haben zu geringeren Lohnätzen gearbeitet, und zwar betrug die Reduktion^ des Arbeitsertrages rund 18 500 Pfd. im Wochendurchschnitt. Für die Gesamtheit derjenigen Arbeitnehmer, bei denen im Laufe des Jah- ires die Höhe des Verdienstes wechselte, ergibt mch demnach ein Ausfall von 2200 Pfd. im Wochsndurchschnitt, bei einer Arbsiterzahl von 670 000 Köpfen ein verschwindend kleiner Betrag. Lohnerhöhungen wurden zu teil 225 000 Arbeitern in der Textilindustrie, 37 000 Arbeitern in der Stahl- und Eisenindustrie, 14 000 tm Jngenieurwesen und Schiffsbau, 7600 im Eifenbergbau und rund 30 000 Angestellten öffentlicher Behörden. Die Lohnkürzungen tragen 94 000 Arbeiter im Kohlenbergbau, 14 000 |m Jngenieurwesen und Schiffsbau, 11000 im Wauwesen und 7000 in Steinbrüchen. Von den 020 000 Arbeitern, deren Verdienst trotz mannigfachen Wechsels im Endertrag unverändert jblieb, gehörten an 87 000 den Baumwollspinnereien in Lancashire und 23 000 den Eisen- «hüttenwerken in Midlands, Porkshire und Lancashire.
> Das Jahrzehnt 1896—1905 scheidet sich nach Massgabe der Lchnbezüge in zwei durchaus verschiedene Hälften. Die erste, das Jahr 1896 bis 1900 umfassend , brachte eine Steigerung der Löhne, das letzte 1901—1905, ein Sinken der Löhne. Allerdings war im Endergebnis die ftufsteigende Bewegung kräftiger als die rück- jläufige; das Fluktuieren innerhalb der zehn Jahre endete für die von Lohnschwankungen be- itroffsnen Arbeiter mit einer Zunahme von annähernd 209 000 Pfd. pro Woche. Es kommt hinzu, daß dis in den Jahren 1896—1900 rin- tzetretens Steigerung der Löhne sich auf alle Industrien erstreckte, während die fallenden Löhne in der folgenden Periode keineswegs eine einheitliche Erscheinung waren. Der Rückgang in der zweiten Hälfte der Berichtsperiode war in der Hauptsache veranlaßt durch die anhaltenden Deduktionen der in den Kohlengruben beschäftigten Bergarbeiter. Seit Anfang 1905 ist aber auch hier eine Befferung zu verzeichnen, gegen
87 (Nachdruck verboten.)
Zwei Frauen.
Roman von E. Borchart.
(Fortsetzung.)'
Dettingen bebte erschrocken zurück. Sein Gesicht ward blaß, und in seinen Augen loderte es sekundenlang düster, fast unheimlich auf. Er verbeugte sich vor Elisabeth steif und förmlich und wendete sich darauf mit einigen Worten an dir Gräfin Edith.
So schnell sich auch dieser Vorgang abgespielt hatte, so war doch Elisabeth das auffallende, seltsam abstoßende Wesen des Gastes ihrer Freundin nicht entgangen. Sie vermochte es sich nicht zu erklären, aber noch viel weniger, daß er jetzt, ihre Anwesenheit vollständig außer acht lastend, mit Gräfin Edith plauderte, als wäre sie selber überhaupt nicht vorhanden.
Sie empfand das Verletzende dieser Nichtachtung als Taktlosigkeit und fühlte sich davon peinlich berührt.
Edith, welche die Launen ihres Gastes kannte, und wenn sie dieselben auch nicht billigte, doch immer geneigt war, zu entschuldigen, bot alles auf, um den üblen Eindruck zu ver- «oischen, den sein Benehmen machen mußte. Ce- flistentlich suchte sie Elisabeth ins Gespräch zu ziehen und diese, viel zu stolz, um ihr Eekränkt- sein merken zu lassen, ging bereitwilligft darauf ein.
Da schwieg Dettingen aber ganz. Seine Augen suchten den Boden, während er, so gut es ging, mit den beiden Damen Schritt zu halten sich bemühte.
Einige weitere Versuche von Ediths Seite, ihn zugänglicher zu machen, scheiterten, und so
Ende des Jahres machte sich eine steigende Tendenz bemerkbar, und in der ersten Hälfte des laufenden Jahres waren die Bergarbeiterlohne entschieden in der Aufbefferung begriffen.
Eine Veränderung der Arbeitszeiten und zwar ganz überwiegend zugunsten der Arbeitnehmer konnte bei nahezu 96 000 Personen festgestellt werden. Davon hatten rund 92 000 über eine Verkürzung der Arbeitzeit zu berichten, die bei den beteiligten Arbeiterschaften die wöchentliche Arbeitsdauer um 65 265 Stunden ermäßigte.
Das Jahr 1906 läßt sich hinsichtlich der Lohnentwicklung recht gut an. Von 843 325 der Arbeiter haben 832 500 beffere Verdienste erzielt und zwar in Höhe von 27100 Pfd. im Wochendurchschnitt. Einem Lohnausfall in Höhe von 9800 Pfd. pro Woche in der ersten Hälfte des Jahres 1905 steht, nach Abzug der Reduktionen, von denen besonders Bauarbeiter betroffen wurden, in dem entsprechenden Zeitabschnitts des laufenden Jahres Lohnsteigerungen von rund 26 600 Pfd. pro Woche gegenüber. Daran waren beteiligt 315 000 Arbeiter der Baumwollindustrie, 300 000 Crubenleute in South Wales, Monmoutshire, Durham und Northumberland, .3000 Werftarbeiter, 30 000 Flachsspinner usw. Die Verkürzung der Arbeitszeit hat weiter angehalten. Nahezu 26 000 haben zeitlich geringere, dagegen nur 74 zeitlich größere Arbeitsleistungen aufzuweisen.
Paul Gerhardt-Feier 1907.
-n- Auf dem diesjährigen deutsch-evangelischen Kirchengesangvereinstag in Schleswig hielt Superintendent D. Nelle aus Hamm einen Vortrag über „Paul Gerhardt-Feiern im Paul Gerhardt-Jahre 1907“. Dieser Vortrag gipfelte in nachfolgenden Leitsätzen, die wir gern zur Kenntnis unserer Leser bringen, da sie von anregender Bedeutung für Geistliche, Lehrer, Kantoren und auch für Laien find.
Der Vortrag behandelte die drei Fragen: Wie rüsten wir uns aufs Paul Gerhardt-Jahr? Wie feiern wir das Gedächtnis zur dreihundertjährigen Wiederkehr seines Geburtstages? Wie machen wir die Feiern fruchtbar für Kirchengesang und Eemeindeleben?
I. 1. Wie das Jahr 1883 uns als Lutherjahr in leuchtender Erinnerung steht, so geht die evangelische Kirche dem herannahenden Jahre 1907 als dem Paul Gerhardt-Jahre entgegen. 2. Denn Paul Gerhardt ist — wie Luther — in einzigartiger Weise unserem evangelischen Christenvolke ans Herz gewachsen. 3. Es gibt keinen anderen Dichter, der, und fast zu allen Zeiten des Kirchenjahres und auf allen Gebieten des christlichen Lebens, die Gemeinde in ihrer gottesdienstlichen Feier durch seine Lieder so in lebendige und freudige Tätigkeit setzt, so zur Mitwirkung im Gottesdienste aufruft und beflügelt wie Paul Gerhardt. 4. Die Gesangsbuch- erneuerung des letzten Jahrhunderts, namentlich des letzten Menschenalters, hat seine Lieder wieder durchweg in ihrer ursprünglichen Gestalt und in einer ihrer Bedeutung entsprechenden Auswahl zum Eemeindegut und damit zum Gemeingut unseres Volkes gemacht.
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wendete sich diese mit unmutig gefalteten Brauen ganz Elisabeth zu. Sie ärgerte sich, daß diese von einem ihrer Gäste ein» schlechte Meinung hegen mußte, und nahm sich vor, Dettingen nachher ordentlich ins Gebet zu nehmen.
Jetzt begnügte sie sich damit, ihn nun ebenfalls durch Nichtachtung zu strafen, und tat, als ob sie mit Elisabeth allein wäre. Ihr Lachen und Plaudern löste denn auch bald den Bann und nahm der Lage das Peinliche. Rur Dettingen ging wortkarg neben ihnen.
„Wie geht es deinem Gatten, Elisabeth?" fragte da Edith plötzlich.
Ein leichtes Rot flog über Gräfin Landeggs Antlitz.
„Herbert ist verreist," gab sie mit leicht schwankender Stimme zur Antwort.
„Verreist? So plötzlich?" rief Edith, erstaunt die Hände zusammenschlagend.
Dettingen wurde jetzt aufmerksam und blickte auf; sie bemerkten es beide nicht, die eine in ihrer Verlegenheit, die andere in ihrem gerechtfertigten Erstaunen.
„Ja," erwiderte Elisabeth leise, „besondere Umstände zwangen ihn, eines seiner Güter im Salzburgischen zu besuchen."
„Und wird er lange fortbleiben?"
„Es können vierzehn Tage bis drei Wochen vergehen, ehe er wiederkommt."
„Arme, kleine verlaffene Frau," bedauerte Edith scherzhaft. „Da wird es wohl auf Landegg recht einsam sein."
„Beate ist ja da," entgegnete Elisabeth.
„Ach, Beate, verzeih, Herz, aber die ist doch keine paffende Gesellschaft für dich, mit ihrer ernsten Miene. Rein, du mußt ost zu uns nach Boyneburg kommen. Versprich es mir.",
II. 5. Dennoch haben wir an Paul Gerhardt eine mannigfache Schuld abzutragen. 6. Nicht wenige seiner Lieder, darunter bedeutende und herrliche, find unseren Gemeinden nach Wort und Weise fremd geworden oder geblieben. 7. Schwerer wiegt, daß wir unserem Dichter in der eigentlich liturgischen Verwertung seiner Lieder noch nicht gerecht worden sind, nicht zu seinen Lebzeiten, nicht nachher. 8. In der Zeit Gerhardts war das gesamte liturgische Leben mit Liedern von fast kanonischem Ansehen so fest besetzt, daß in den Gottesdienst neue Lieder, also auch die seinen, nur schwer Eingang fanden. 9. Auch hinderte die — wahrlich nicht zu tadelnde — Länge der meisten und bedeutendsten Lieder Gerhardts, daß man sie liturgisch dem Gottesdienste in der Weise eingliederte, wie das z. B. bei Luthers Liedern von Anfang an geschehen ist. 10. In der auf Gerhardt folgenden Zeit war das liturgische Jntereffe weniger der Verwertung eines Liedes als Ganzes, als vielmehr der Heraushebung einzelner Strophen zugewandt, wie das z. B. bei E. Neumeisters Kantatendichtungen und die Kantaten und Passionen S. Bachs, gerade auch in Bezug auf Gerhardts Lieder, beweisen. 11. Pietismus und Aufklärung sind vollends nicht imstande gewesen, die liturgische Erschließung der Lyrik Gerhardts zu fördern. 12. Aber auch im 19. Jahrhundert hat man an diese Aufgabe keine Hand angelegt, vielmehr ist eine alte Klage, daß von den Gerhardt-Liedern in der Regel eine Anzahl Strophen des Anfangs und hernach eine oder einige Schlußstrophen gesungen werden, die mittleren Strophen aber, und vor allem der bei nicht wenigen seiner Lieder so wundervolle Bau des Ganzen, der Gemeinde wenigstens bei der gottesdienstlichen Darbietung völlig verborgen bleibt.
III. 13. So wird es zu einer der hervorragendsten Aufgaben des Paul Gerhardt-Jahres, die liturgischen Schätze in der Lyrik Gerhardts zu heben, und vor allem Sorge zu tragen, daß sie durch entsprechende Auswahl und Darbietung der Strophen eines Liedes als Ganzes der Gemeinde an heiliger Stätte eindrücklich und unvergeßlich werden. 14. Diese Aufgabe wird um so anziehender, als bei Gerhardt — wie bei keinem anderen Dichter unserer Kirche — die Möglichkeit vorliegt, zu einer ganzen Reihe von Feiern des Kirchenjahres die reichliche Liederausstattung ausschließlich aus seinem Schatze zu bestreiten. 15. Solche Feiern ausschließlich mit Gerhardtliedern bieten sich schier für das ganze Jahr von Neujahr bis Sylvester dar. Zu Neujahr, im Anfang der Passion, am Karfreitag, zu Ostern und zu Pfingsten, zum Erntefest, zum Totenfest, im Advent, in der Weihnachtszeit und zu Sylvester — zu diesen zehn Festtagen oder Festzeiten haben wir herrliches Eerhardtgut, das einen reichlichen und festlichen Wechsel der Lieder nach Inhalt, Bau und Ton für je einen Festgottesdienst in diesen Festzeiten ermöglicht. 16. Voraussetzung dabei ist, daß die Gemeinde an bestimmten Stellen der Lieder im Wechsel mit einem Kirchenchore oder einem Ktnderchore oder im Wechsel von Männer und Frauen singt, ebenso, daß zu den einzelnen Feiern besondere Eottesdienstordnungen für die Hand der Gemeinde gedruckt werden. 17. Aber wo ein solcher Wechselgesang nicht zu ermöglichen wäre, sollte
Elisabeth wurde einer Antwort überhoben, denn mitten in Ediths Worte tönte plötzlichen Ruf vom Schlöffe her, laut und energisch:
„Edith! — Edith!"
„Hugo ruft," sagte diese, leicht zusammenschreckend. „Er war ausgeritten und weiß nicht, daß ich fortgehen wollte. Ein Glück, daß ich hier bin. — Sie verzeihen einen Augenblick, ich bin gleich wieder da."
Damit eilte sie leichtfüßigen Schrittes fort. Sie dachte nicht daran, wie peinlich es für Elisabeth sein mußte, mit dem Manne, der ihr bisher so offenbar Nichtachtung gezeigt hatte, allein zu bleiben; sie hatte nur Gedanken für den Gatten und deffen Wünsche.
Elisabeth fühlte sich durch Ediths Fortgehen in der Tat sehr unangenehm berührt, und ihr erster Gedanke war, der Freundin ohne weiteres nachzugehen. Schon hatte sie einige Schritte gemacht, als Dettingen sich ihr plötzlich in den Weg stellte.
„Gnädigste Gräfin?"
Es lag etwas so Zwingendes, Gebieterisches in seinem Ton, daß Elisabeth unwillkürlich den Schritt hemmte. Aber das Blut stieg ihr vor Empörung über diese Herrschaft heiß in die Wangen.
„Sie wünschen?" fragte sie hochmütig herablassend.
Klaus Dettingen biß sich auf die Lippen, aber er meisterte seinen leicht erregbaren Zorn.
„Ich wollte Sie--um Vergebung bitten,"
sagte er mit weichem Ton, seinen Blick unausgesetzt auf der jungen Gräfin ruhrn lüffend.
„Ich habe Ihnen nichts zu vergeben," gab Elisabeth zur Antwort.
Er lächelte: »Sie sind stolz, Gräfin," ~ j
man an den genannten Festen im Paul Cer hardt-Jahre je einen Gottesdienst durch ausschließliche Verwendung von Gerhardt-Liedern auszeichnen. 18. So wird das Gedächtnis Ger-' Hardts auf eine einzigartige, dazu auf die allein seiner Bedeutung entsprechende Weise gottesdienstlich gefeiert. 1
IV. 22. Sollen die Feiern im Jahre 1907 in einer würdigen und erhebenden Weise begangen werden, so gilt es, unverzüglich mit den Vorarbeiten dazu zu beginnen. Geistliche, Lehrer, Organisten, Chorleiter, Leiter der Kindergottes- dienste und der christlichen Vereine und Anstalten in der Gemeinde müffen dabei zusammenwirken. 23. Sämtliche Eerhardtlieder des Gesangbuches müffen der Gemeinde vertraut werden; ein wesentliches Mittel dazu ist, daß sie reichlich gesungen und fleißig auswendig gelernt werden, und das nicht bloß von der Jugend. 24. Eine wichtige und fröhliche Arbeit wird es fein, nicht nur in der Schule, sondern überall in der Gemeinde die sämtlichen Melodien der Eerhardtlieder des Gesangbuches sich zu festem und festlichem Besitze zu machen. 25. Di« Eottesdienstordnungen sind so bald wie möglich aufzustellen, damit die Kirchenchöre ihre bedeutsame, schwere und verheißungsvolle Aufgabe in Angriff nehmen können.
V. 26. Ist solches gottesdienstliche Schaffen wahrlich eine Tat, da es ja die Freude an unserer Kirche, ihren Liedern und ihren Feiern mächtig hebt — und damit auch die Freude an dem Herrn der Kirche, der solche Güter uns gab und gibt — so wird die evangelische Gemeinde sich daran doch nicht genügen laffen. Sie wird sich dadurch vielmehr wecken lassen zu Taten der Liebe. In Paul Gerhardts Liedern quillt mehr Trost, mehr echter, ewiger, seliger Trost, als in den Liedern aller Dichter der Welt. Deshalb wird fein Geburtstag gewiß hin und her in evangelischen Landen Stiftungen ins Leben rufen, durch die Trauernde getröstet werden. Freibetten in Krankenhäusern, Freistellen in Erziehungshäusern, das sind Denkmale, wie sie recht dem Sinne und Geiste Gerhardts entsprechen. Denkmäler in Stein und Erz bedarf es neben dem, das in Lübben errichtet ist, nicht. 28. Wenn der Kirchenchor einer Gemeinde zu einer solchen Stiftung mitwirken kann, indem er den Ertrag eines Paul Gerhardt-Konzerts zur Verfügung stellt, so liegt das durchaus in der Richtung, die unsere Kirchenchöre von jeher verfolgt haben. 29. Auch an Stiftungen für die liebe Jugend in Schule und Kindergottesdienst, nämlich an Paul Gerhardt-Büchlein,*) die den Kindern den Tag und den Mann unvergeßlich machen helfen, darf es nicht fehlen.
VI. 30. Für die sichtlich im Fluffe befindliche Eesangsbuchbewegung dürfen wir vom Paul Gerhardt-Jahre reichliche Förderung erhoffen. Zwar die Schaffung neuer, guter Gesangbücher ist in den meisten Provinzial- und Landeskirchen vollbracht. Aber vielen, ja den meisten dieser Gesangbücher fehlt es noch an einem Anhänge geistlicher Volkslieder, an Ausgaben mit Noten, an Drucken in abgesetzten Verszeilen, an rnustcr-
*) Zu empfehlen: Nelle, „Unsere Kirchcn- liederdichter." Paul Gerhardt, 10 H. Für Kinder und Erwachsene sehr geeignet.
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„Und wenn ich das wäre?" fragte sie zurück, wider Willen noch immer in seiner Nähe fest gehalten.
„So bedeutet das in diesem Falle eine Grausamkeit," erwiderte er langsam.
„Ich verstehe Sie nicht."
„Nicht? Ist es nicht grausam, mich für ein Vergehen, das nichts weiter als eine vorüber- gehende Laune war, so hart zu strafen, Gräfin?"
„Ich Sie strafen? Ich denke nicht daran."
„Doch, wozu denn dieser Ton, diese stolze, abweisende Miene? Glauben Sie, ich empfände cs nicht deutlich genug, was Sie von mir denken, und wofür Sie mich halten? Für einen taktlosen Menschen, der sich unberechtigt in Ihre Kreise gedrängt hat, nicht so?"
„Nein, gewiß nicht," beteuerte Elisabeth mit Wärme. Es lag etwas in seiner Art und seinem Wesen, was sie wider Willen anzog und fesselte. Sie fühlte, wie ihr Groll gegen ihn mehr und mehr schwand.
„Aber Sie tragen mir doch die kleine Unart von vorhin nach," fuhr er fort; „ich gestehe, Sie haben ein Recht dazu, da Sie nicht wiffen können, wie blitzschnell mich manchmal Gedanken und Erinnerungen packen und die Außenwelt vergessen machen können. Unverschuldetes Unglück macht oft schroff und bitter, und das sollten Sie bedenken, Gräfin, und nicht mit mir reasten wie mit anderen Sterblichen." _
Elisabeth schwieg. Sie mußte daran denren. was Edith ihr vorher von diesem Manne er- zählt hatte, und ein lebhaftes Mitleid mit sei« nem Geschick quoll in ihr auf. Nein, wahrlich, man durfte nicht mit ihm rechten, wie mit gewöhnlichen Menschenkindern.
(Fortsetzung folgt.)