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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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vierteljährlicher Bezugspreis: btt der Expedition 2 Mk., bet allen Postämtern 2,25 Mk, (excl. Bestellgeld).
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Marburg
Donnerstag, 4. Oktober 1906.
■ Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck md Verlag' Joh. Ang. Koch, UmversttätS-Buchdruckerei 41.
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Erstes Blatt.
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. Neueste TeltMmme.
Berlin, 3. Okt. Der Kaiser hat nach der „R. P. K." noch keine Entscheidung über die nächsten Kaisermanöver getroffen.. Die Meldung, daß die Manöver in der Nähe von Zabern vom 13., 14. und 15. Korps abgehalten werden sollen, sei daher unzutreffend.
Berlin, 3. Okt. Im Kultusministerium tritt am, 11. Oktober d:r Ausschuß der Apothekenkammern zu einer Ti jung zusammen, die sich besonders mit dem Mangel an Apothekergehilfen und der damit in Zusammenhang stehenden Lage der Apothekenbesitzer beschäftigen wird.
Berlin, 2. Okt. Der Gouverneur von Deutsch- Ostafrika meldet telegraphisch, daß der Kriegszustand und die vorläufige Sperrung der Bezirke Kilwa, Lindi, Ssongea, Langenburg, Jringa, Wahengme und Muanza bis auf zwei kleine Gebiete im Westen und Norden von Ssc "- gea aufgehoben worden ist.
Berlin, 3. Okt. Vom Eerichtsschreiber zum Regierungsrat avanciert ist nach dem gestrigen „Reichsanzeiger" der Bezirksamtmann in Jap ^Karolinen) Senfst. Herr Senfft war, ehe er feine jetzige Stellung erhielt, längere Zeit Sekretär des Landeshauptmanns der Marschall- inseln. Er hat sich überall als sehr tüchtige Kraft bewährt.
Münster i. W., 2. Okt. Der Zentrumsführer Frhr. v. Hertling hielt hier heute eine Rede, in der er über die Kolonialpolitik sprach, v. Hert- ting bekannte sich persönlich für die Selbständigkeit des Kolonialamtes und nahm den Erbprinzen von Hohenlohe in Schutz, den er als einen fleißigen und vornehmen Mann bezeichnete. Weiter führte der Redner aus, man könne nicht sagen, daß Dernburg von vornherein Größeres Vettrauen als sein Vorgänger ver- iene, man müsse erst Taten abwarten. Ein gutes Zeichen für den Wert der Kolonien fei, haß Dernburg, ein gc vi.gtrr Kaufmann, den Dosten übernommen l, ..be.
Köln, 2. Okt. Die „Köln. Ztg." meldet aus Bonn, daß der kommandierende General des 8. Ilrmeekorps, General der Kavallerie v. Deines, Pom Kaiser a la suite des Königs-Husaren-Re- tziments gestellt worden sei.
Posen, 2. Okt. Das Posener Polizeipräsidium beschlagnahmte bei dem polnischen Fabrikbesitzer Wrzesinski zehntausend polnischer Aus- pife, die zum allgemeinen Schulboykott am 17. Oktober in der ganzen Provinz wegen des Religionsunterrichtes auffordern.
Belgrad, 2. Okt. Das Blatt „Politika" konstatiert, daß Deutschland seit der Konferenz von • Algeciras die Politik Oesterreich-Ungarns ge-
84 (Nachdruck verboten.^
■ Zwei Frauen.
Roman votr E. Borchart.
(Fortzehung.)
- Bleich und kraftlos sank Beate in ihren Stuhl zurück.
So findet sie Elisabeth, als sie, zehn Minuten päter, das Zimmer betritt. Noch atemlos vom chnellen Laufen, irren ihre Augen umher. Sie reht, daß Herbert nicht da ist, und darüber entgeht ihr das auffallend erregte Wesen Beates.
„Wo ist Herbert?"
Beate sieht sie erst eine Weile verständnislos an, ehe sie die Frage erfaßt hat.
„Er.ging dich suchen," antwortet sie mit matter, tonloser Stimme.
„Mich suchen? — Ach, wahrscheinlich vermutete er mich am Landegger Sce und ging die Buchenallee hinauf. Und ich mußte nun gerade heute den anderen Weg wählen, sonst hätten wir uns ja treffen müssen. War er beunruhigt über mein Ausbleiben? Ich will ihm schnell nach!"
„Aber so iß doch erst etwas, Elisabeth," sagte Beate, sich ermannend.
„Nein, danke, vielleicht treffe ich ihn noch, Adieu, Beate."
Sie ist schon hinausgestürmt, und Beate versinkt wieder in ihr Grübeln.
Nach einer Weile tritt der Diener ein, um abzuräumen.
Beate hat es nicht gesehen. Mechanisch erhebt sie sich und geht ihren Pflichten nach.
j. 13. K a p i t e l.
! In ernste Gedanken versunken wanderte Elisabeth den weiten Weg nach dem Landegger See noch einmal zurück. Es drängte sie nach einer Aussprache mit dem Gatten. Sie mußte tont von Nora Stein erzählen, sie mußte erarün-
genüber Serbien unterstützt habe. Es sei einer Erweiterung des deutsch-serbischen Handelsvertrags abgeneigt und laufe dadurch Gefahr, den kräftigen serbischen Markt, ebenso wie Oesterreich-Ungarn, an Frankreich und England zu verlieren.
Jsla de Cuba.
„Die schönste Insel, die Menschenaugen geschaut haben," nannte Christoph Columbus einst Cuba — kein Wunder, daß die Verein. Staaten von Amerika, nachdem seit 1898 die cubanische Frage ihre Aufmerksamkeit ständig in Anspruch genommen hat, jetzt endlich die Zeit für gekommen erachten, diese „Perle der Antillen" für ihren Staatsschutz hinzu zu „erwerben". Als unter der Präsidentschaft McKinleys die Amerikaner begannen, die alte Monroedottrin „Amerika den Amerikanern" praktisch zu betätigen und die imperialistische Politik über die bisher beobachtete Zurückhaltung den Sieg davongetragen hatte, da lenkte sich ihr Blick > naturgemäß zuerst auf die letzten spanischen Be- t sitzungen in Mittelamerika.
Cubas jüngste Geschichte ist noch allgemein in Erinnerung. Der Aufstand der eingeborenen Cubaner gegen die spanische Herrschaft führte zur Einmischung der benachbarten großen Republik, der Krieg folgte, und im Frieden vom 12. August 1898 mußte Spanien auf Cuba verzichten. Die Insel erhielt ein Verfassung nach amerikanischem Muster; an der Spitze der Regierung steht ein Präsident und ein Vizepräsident, die Volksvertretung gliedert sich in Senat und Abgeordnetenhaus. Es dürfte auch bekannt fein, daß, als die cubanische Verfassung dem Kongreß der Vereinigten Staaten zur Genehmigung unterbreitet war, auf Antrag des Senators Platt noch eine Bestimmung des Sinnes eingefügt wurde: „Die Regierung von Cuba gibt ihre Zustimmung dazu, daß die Vereinigten Staaten das Recht der Intervention ausüben können zur Erhaltung der Unabhängigkeit von Cuba, zur Aufrechterhaltung einer Regierung, welche zum Schuh von Leben, Eigentum und persönlicher Freiheit ausreicht, und zur Erfüllung von Verpflichtungen Cubas, welche durch den Vsttrag von Paris den Vereinigten Staaten auferlegt sind und welche die Regierung von Cuba jetzt übernimmt."
Dieses Recht zur Intervention, das den Vereinigten Staaten gesetzlich zuerkannt ist, wird von ihnen jetzt ausgeübt. Unter dem — teilweise berechtigten — Vorwande, Leben, Eigentum und persönliche Freiheit wirksamer schützen zu müssen, als es der cubanischen Regierung möglich ist, haben die Amerikaner die Leitung des Inselstaates in die Hände genommen, und es kann kein Zweifel obwalten, daß Cuba über
den, ob er ihr noch den alten Haß bewahrt, oder ob er sich willig zeigt ihren Lieblingswunsch zu erfüllen. Er soll ihr dann von seiner ersten Ehe erzählen. Es kann und wird nichts Schlechtes sein; sie kennt ihren Gatten zu gut: et würde niemals unbegründet etwas Nachteiliges sprechen über jemand, der ihm einst nahe gestanden hat.
Sie schreitet weiter und weiter, aber von dem Gatten ist keine Spur zu entdecken. Cie ist schon ganz erschöpft und müde als endlich der See zwischen den Bäumen durchschimmert. Nun nimmt sie ihre letzte Kraft zusammen und eilt die kleine Strecke bis zum Busgang des Waldes. Von hier aus kann sie die ganze diesseitige Umgebung des Sees überschauen, und ihre Augen bleiben wie gebannt an der Stelle haften, wo die kleine Bank steht, wo sie vor einer Stunde noch in Nora Steins Armen gelegen und ein seltsames, und dock beglückendes Wiedersehen gefeiert hat. Jetzt lehnt an der Bank ein Mann in müder, gebrochener Haltung, die Augen starr auf ein Blatt Papier tn seiner Hand gerichtet. Sollte das wirklich Herbert sein, oder täuschen sie ihre Augen? Die kraftvolle, hochaufgerichtete Gestalt ihres Gatten und dieser gebeugte, in sich versunkene Mann?
„Herbert!" ruft sie, näher kommend.
Jetzt hebt er den Kopf, und ein trüber, glanzloser Blick trifft sie.
„Du bist es, Elisabeth?"
„Ja, ich bin dir nachgegangen, doch was ist geschehen?"
..Nichts — Gehört dir dieses Blatt?"
Mit zitternden Händen, von instinkttver Ahnung gepackt, nimmt Elisabeth das Papier, das ihr hingereicht, und ein einziger Blick darauf genügt, sie in maßlosen Schrecken zu versetzen.
Ein banger Quallaut entringt sich ihrer Brust. „Hast du das gelssen?" Wie flehend hängen ihre Blicke an seinen Zügen.
kurz oder lang zur Provinz bezw. zum Gliedstaat der Union gemacht werden wird. An Wünschen, daß die Insel sofott annektiert werden soll, hat es nicht gefehlt. Vor allem in den amerikanischen Zeitungen machen sich diese Stimmen geltend. Es ist deshalb auch nicht auffällig, daß schon feit Beginn der gegenwärtigen Unruhen die Behauptung laut geworden ist, die cubanischen Insurgenten arbeiteten mit amerikanischem Gelds. Verschiedene „Trusts" interessieren sich sehr für die politische Gestaltung Cubas, z. B. der einflußreiche Tabaktrust, der gern die zollfreie Einfuhr des cubanischen Tabaks haben möchte, ferner der Zuckertrust, der die völlige Zollfreiheit der Zuckereinfuhr begreiflicherweise den jetzt geltenden wenn auch ermäßigten Zollsätzen vorziehen würde. Auch die Industrie hätte natürlich bedeutend größeren Vorteil, wenn Cuba amerikanisches Staatsgebiet würde. Von Hamburg und Bremen allein geht ein jährlicher Import für etwa 20 Millionen Mark nach Cuba! In nichtamerikanischen kaufmännischen Kreisen betrachtet man daher die Annexion der Insel als gleichbedeutend mit dem Ende des europäischen Handels, wie dies auch bei der Insel Puerto Rico nach deren Einverleibung der Fall gewesen ist.
Die Intervention auf Cuba wird die Amerikaner teuer zu stehen kommen. Auf Grund einer nur vorläufigen Berechnung wird die Landung und Erhaltung von 10 000 Mann amerikanischer Truppen während zweier Monate und ihre Rückkehr 50 Millionen Dollars, also über 200 Millionen Mark, kosten. Nun werden aber mehr Truppen als 10 000 Mann nötig sein, dazu die Kriegsschiffe, kurz, weniger wie 100 Millionen Dollars wird die Intervention auf keinen Fall erfordern, eher mehr, selbst wenn keine Schwierigkeiten eintreten. Daß die Amerikaner diese hohe Summe allein für die schönen Augen der Guyanerinnen ausgeben, glaubt niemand. Die Einverleibung der Insel ist daher nur eine Frage der Zeit.
—s.
Zur Laqe in Rußland.
Aus den balttschen Provinzen.
In Rußland wird zur Zeit ein Aufruf zum Selbstschutz verbreitet, der für die im Lande herrschenden Perhältnisse bezeichnend ist. Es wird darin u. a. gesagt:
„Deutsche Jugend unserer baltischen Heimat! Ihr alle, ob Ihr nun zu Hause oder im Auslande weilt, wißt, was bei uns geschehen ist, und was noch geschieht. Räuberbanden, von der internationalen Sozialdemokratie dirigiert, durchziehen sengend, raubend und mordend unser Land. Bar jedes Gewissens, verfolgen sie schonungslos alle, die im Lande für Recht und Ordnung eintreten. Wie zahllose ruchlose
„Ja, ich las, verzeih, ich fand das Blatt hier. Du hattest es jedenfalls vorhin verloren, und nun lebe wohl, ich will noch hinüber zu meinem Förster."
„Herbert," ruft sie dem bereits Fortgehenden nach in heißer Angst, „bleibe noch, laß mich dir erklären--"
Er wendet sich um:
„Es bedarf keiner Erklärung, Elisabeth. Ich war ein verblendeter Tor, dem nun die Augen geöffnet sind, weiter nichts."
Er zieht grüßend den Hut und geht weiter.
Sekundenlang starrt Elisabeth ihm nach. Wie gelähmt sind ihr Glieder und Zunge. Als et aber im Dunkel des Waldes verschwunden ist, bricht sie zusammen. Wie ohnmächtig finkt sie auf die Knie vor der Bank und legt ihren Kopf darauf. Ein banges Weh erschüttert ihren Körper. „Mein Gott, warum auch das noch?" schluchzt sie händeringend. ___
Endlich hebt sie den Kopf und ihre Augen richten sich auf das Papier, das sie noch immer krampfhaft umspannt hält. Ein Blatt aus ihrem Tagebuche ist es, das sie auf irgend eine Weise daraus verloren hat. Wie mit Flammenschrift geschrieben, leuchten ihr die Worte entgegen: „Ich liebe den Grafen Landegg nicht, ich bringe ein Opfer für die Meinigen, die er vom sicheren Untergang gerettet hat."
Eie will nichts weiter lesen, es ist übergenug. Sie zerknüllt das Papier und steckt es in die Tasche.
Daß er es gerade finden mußte! Wie verfolgt sie doch das Verhängnis und erschwert ihr das Opfer, das sie sich in kindischem Unverstand so leicht vorgestellt hat.
Nun kennt er ihr Geheimnis, nun weiß er, welche Gründe sie zu der Heirat mit ihm veranlaßten. Muß er sie nicht verachten? Wie dieser Gedanke sie schmerzt, wie bitter wehe es ihr tut, zu wissen, daß er nun ko über sie dentt! Und wie
Morde beweisen, schonen sie weder Greise, noch Frauen, noch Kinder. Sie sind aufs beste organisiert und vorzüglich bewaffnet.
Vergebens haben sich Militär und Polizei bemüht, des Uebels Herr zu werden. Es ist, wie jede baltische Zeitung lehrt, von Tag zu Taz schlimmer geworden. Schon nahen die dunklen Herbst- und Winternächte, und damit wächst die Gefahr für alle ordnungsliebenden Elemente. Es ist nicht mehr daran zu zweifeln, daß unser Feind uns ausrotten oder wenigstens von Haus und Hof vertreiben will.
Deutsche Volksgenossen, die Ihr in der Blüte der Jahre steht und einen wehrhaften Arm habt, sollen wir, diesem Abschaum der Menschheit weichend, das Land unserer Väter verlassen oder uns wehrlos hinmorden lassen?
Wir wenden uns an Euch mit dem Ruf: Kommt und helft uns! Wir wollen und können die Heimaterde, für die unsere Väter ihr Blut und ihren Schweiß vergossen, nicht aufgeben. Kommt und schützt Eltern und Geschwister, Volksgenossen und alle diejenigen, die für Gesetz und Ordnung in unserem Lande stehen! Es handelt sich allein um Schutz und Abwehr, und dazu sind wir nicht nur berechtigt, sondern auch berufen ; hat doch Seine Majestät der Kaiser Allerhöchst selbst in seinem letzten Manifest einen Appell an die friedliebende und für die staatliche Ordnung eintretende Bevölkerung des Reiches gerichtet. Ihr folgt deshalb auch seinem Ruf, wenn Ihr kommt,
Es ist alles vorbereitet, die Mittel sind beschafft; es fehlt nur noch der ausführende Arm. Wir warten auf Euch.
Zunächst soll dieser Schutz geschaffen werden für Kurland. Unser Ruf wendet sich daher zunächst an jeden Kurländer. Aber auch jeder andere Balte soll uns freudigst willkommen sein. Gilt es doch, in Kurland ein Stück der gesamten baltischen Erde zu verteidigen."
Der Entschluß zur Abwehr des revolutio- nären Mordgesindels kommt zwar spät, aber hoffentlich nicht zu spät. Wenn die deutschen Balten Zusammenhalten, wird der Erfolg nicht fehlen.
Riga, 1. Okt. Zwei der Personen, die auf einen Straßenbahnwagen Bomben geworfen hatten, zwei Polen namens Adamus und D«- balsky wurden nach dem Spruche des Feldgerichts erschossen. Adamus war erst 21 Jahre alt: er gehörte zu einer angesehenen Familie. Einer seiner Brüder ist Marineoffizier, der andereJn- fanterieleutnant. — Auch im bis jetzt ruhigen Esthland beginnen aufs neue revolutionäre Unruhen. Verschiedene Güter sind eingeäschert worden. Die Pastorenbedrohungen beginnen aufs neue. Es wird geklagt, daß der militärische Schuh in Esthland namentlich, durchaus unzureichend ist. Wie gefürchtet die rächende Hand der Revolutionäre ist, das geht schon daraus hervor, daß beispielsweise das Jakobstädter delegierte Bezirksgericht, das in einer Waffenraubsache verhandelte, sich weigerte, den Angeklagten eine Kopie der Zeugenaussagen zuzustellen.
tief muß seine Verachtung fein, daß er ihr nicht einmal ein einziges Wort der Rechtfertigung gestattet hat. „Es bedarf keiner Erklärung."
Für ihn nicht, nein, aber für sie. Sie hatte ihm sagen wollen: „Wohl hat die Lage der Meinen mich zu meiner Handlung bestimmt, aber sei gewiß, nur einem Manne, den ich wie dich hochachten und verehren konnte, hätte ich meine Hand gereicht. Ich mache mir nichts aus Reichtum und Genuß. — Hättest du anders gehandelt, wenn du die deinigen der Schande, dem Elend preisgegeben sähest, und hättest es in der Hand gehabt, sie zu retten?" Dem gemeinsten Verbrecher gönnt man ein Wort zu seiner Verteidigung; er hat es versagt und ist fortgegangen.
Wenn er nun auch ihren heißgeliebten Vater verachtete? Er hatte ihm das Versvrechen abgenommen, seiner Tochter nichts von seiner Hilfe zu verraten, damit es keinen Einfluß auf ihre Entscheidung haben sollte. Wird er nun nicht denken, daß der Vater es dennoch getan habe, um sich selbst zu retten, daß er sein Ehrenwort gebrochen habe? „Mein Gott, laß nur dies nicht zu!" fleht sie in ihrem Innern. „Mag et mich denn verachten, aber der Vater muß hochstehen in seinen Äugen, so hoch, wie er in meinem Herzen steht. Noch heute will ich meinen Stolz verleugnen, noch heute will ich ihm den Hergang erzählen. „Verachte mich, wenn du willst und kannst," will ich rufen, „nur ihm, meinem Vater, traue keine Unehrenhaftigkeit zu."
Mit wie frohen Zukunftsbildern hatte heute der Tag angefangen, welche neue schöne Aufgabe hatte sie sich gestellt!. Und nun.ist alles das mit einem Schlage vorbei!
„Ach, Nora," denkt sie, „wärst du bei mir. könntest du mir raten und helfen! Niemand kann mir hier beistehen. Alle Schuld rächt sich auf Erden; ich habe gegen die Liebe gesündigt und, muß die Strafe tragen. Aber was soll nu» werden — was soll werden?" —■ (Frts. f.)