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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

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Vierteljährlichir Bezugspreis; bet ver Expedition 2 ML, ba allen Postämtern 2,25 ML i.exel. Bestellgeld).

Ansertioniigebühr: die gespaltene Zeüe oder deren Raum 10 Ptz.

Reclamen: die Zeile 25 Pfg.

Marburg

Sonntag, 16. September 1906.

Erscheint wöchentlich fleben mal.

Druck und «erlag, -oh. «ug. «och, UmverfitätEuchdruckerei

Marburg, Markt 21. Telephon 55.

41. Jahrg.

Zweites Blatt

Seueftt Telegramme.

__ Karlsruhe, 14. Sept. Das Erbgroßherzogs- paar ist, von Badenweiler kommend, hier einge­troffen und wird während der Jubiläumstage hier bleiben.

Karlsruhe, 14. Sept. Hier sollen, nach einer Drahtmeldung desHann. C", zwei schon längst gesuchte Nihilisten verhaftet worden sein, die uf den Senior des russischen Kaiserhauses, den Großfürsten Michael, den Schwager des Eroß- herzogs von Baden und den Großvater der deutschen Kronprinzessin, ein Attentat geplant hatten. Der Großfürst wird zu den Jubelfeftlich- keiten am 20. September in Karlsruhe erwartet.

Karlsruhe, 14. Sept. Das Gerücht von der Verhaftung einer russischen Anarchistin wird Mit der Bemerkung dementiert, daß es sich bei der Verhaftung um eine Diebstahlsaffäre handelt.

Braunschweig, 14. Sept. Der braunschwei­gische Landtag wird erst Ende nächster Woche oder anfangs der darauffolgenden zusammen­treten.

* Athen, 14. Sept. Die durch dieN. Fr. P" gebrachte Nachricht, daß der griechische Gesandte fn Konstantinopel beauftragt gewesen sei, der Pforte eine gemeinschaftliche Offensivbewegung gegen Bulgarien in Vorschlag zu bringen, ist mit allen darüber verbreiteten Einzelheiten aus der Luft gegriffen und wird von der griechischen Re­gierung amtlich in Abrede gestellt.

Newyork, 14. Sept. DerNew York Herold" meldet aus Havanna, daß die Aufständischen in Pefolgung ihrer Politik, eine Einmischung der Vereinigten Staaten zu erzwingen, mehrere Ge­bäude auf zwei der größten in amerikanischem besitz stehenden Zuckerpflanzungen der Provinz Santa Elara verbrannt haben.

Havanna, 14. Sept. Hier wurden Matrosen »on dem nordamerikanischen KreuzerDenver" gelandet, später aber größtenteils wieder zurück­gezogen.

1 Havanna, 14. Sept. Eine Depesche aus Cien- Juegos meldet: Das amerikanische Kanonenboot Marietta" traf hier ein und landete eine Ab­teilung Marinemannschaften. Cienfuegos ist Non den Insurgenten belagert; mehrere Be­festigungswerke sind bereits beschädigt.

Tientsin, 14. Sept. Heute kamen die deut­schen, auf einer Studienreise nach Kiautschou be- findlichen Abgeordneten in Peking an. Aus die­sem Anlaß finden große Festlichkeiten statt und Die verbotene Stadt wird geöffnet.

Marburger Begebenheiten.

' Bo« 8. Müller.

Die Türkei in Marburg.

Den Stadtteil von der Neustadt Anfang ,bis Ende derselben nannte man früher die Türkei. Der Name kam von den dort wohnen­den Schuhmachern (man nannte sie die Türken), .deren in jedem Hause einer, mitunter auch zwei wohnten. Diese machten sog. Ladenarbeit, die besonders von den Landleuten gekauft wurde.

hatte ein Jeder vor seinem Fenster ein Brett und auf diesem Ladenbrette wurde die War» -um Verkauf ausgestellt. Heute ist der Name Llüriei verschwunden, ebenso die Schuhmacher, Die mandie Türken" nannte, aber ein Gedicht auf dieselben ist noch geblieben. Die Wirtschaf- «en, in denen sie hauptsächlich verkehrten, sind jnicht mehr da, es waren dieses Matthäi am Dreckloch, jetzt Nr. 17, Zeih in der Wettergasse Kr. 30 und Matthäi am Renthof, jetzt Nr. 43, »amtlich in der Wettergaffe und Bäckerwirt- «haften.

Das Türkenlied 1838.

Zu Marburg an der Lahn bekannt, In der Türkei da oben

Da wohnen Schuster allerhand, Die muß man wirklich loben.

Erstens wegen ihrem Kleitz, Zweitens wegen Trinken, Wahrhaftig, der Matthäi und Zeiß, Können nicht genug einschenken.

Zwar find sie alle grad nicht bös. Auch alle tuns nicht trinken, Zum Beispiel der Rehns Anderes, .

Ißt lieber ein Stück Schinken,

Der Deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag,

der kürzlich in Nürnberg seine siebente Tagung abhielt, hat sehr anerkennenswerte praktische Ar­beit geleistet, die dem gesamten Handwerke zu­gute kommen wird. Besonders in der ersten, einstimmig angenommenen Resolution hat der Kammertag Richtlinien aufgestellt, die fortan für die Selbsthlfe des Handwerks maßgebend sein sollen und die zweifellos die Billigung aller Handwerkskreise und deren Förderer finden wer­den. Die Resolution lautet:

1. Nachdem die vorbereitenden Organtsations- arbeiten in der Hauptsache in die Wege ge­leitet sind, muß es die wichtigste Aufgabe der Handwerks- und Eewerbekammern sein, das Handwerk wirtschaftlich zu fördern.

2. Als wirtschaftliche Förderung des selbstän­digen Handwerks kommt in erster Linie die Vermittlung von Maschinen, Motoren, Werkzeugen, Ersatzteilen, außerdem Prüf­ung und Beschaffung von Vetriebsmateria- lien, Werkstätteneinrichtungen, Bauplänen, Rentabilitätsberechnungen usw. inbetracht. Je nach dem hervortretenden Bedürfnis empfiehlt es sich, den Vermittlungsstellun­gen Ausstellungen von Musterwerkstätteij und Vorführungen von Maschinen anzu­gliedern.

3. Die bisherigen Erfahrungen lasten es als . richtig erscheinen, Eewerbebeförderungsstel- len im Sinne dieser Leitsätze für möglichst große Verwaltungsbezirke etwa nach Pro­vinzen oder Bundesstaaten zu errichten und zu ihrer Leitung technisch gebildete mit dem Handwerk vertraute Persönlichkeiten haupt­amtlich anzustellen, denen fachmännische Kommistionen zur Seite treten.

4. Zu den Leistungen des organisierten Hand­werks muß, wie es anderen Berufsorgani­sationen gegenüber geschieht, Beihilfe aus öffentlichen Mitteln in entsprechendem Um­fange treten.

Es find dies in der Hauptsache Forderungen, die von konservativer Seite seit langem vertre­ten werden und deren Erfüllung jedenfalls eine bedeutsame Hebung des Handwerks herbeiführen wird. Wenn die Handwerker nach dieser Richt­schnur den Weg der Selbsthilfe beschreiten, so wird ihnen schließlich auch die Beihilfe aus öf­fentlichen Mitteln nicht versagt werden können.

In Bezug auf den Befähigungsnachweis hat der Nürnberger Kammertag folgendermaßen resolviett:

Der Gesetzentwurf betreffend die Beseitig­ung von Mißständen im Baugewerbe entspricht nicht den Forderungen des deutschen Bauhand­werks, wie sie in den Veschlüffen des Kölner Kammertages niedergelegt sind. Der Nürn­

Doch einen weiß ich ganz gewiß, Der fühlt sich jetzt betroffen, Das ist der Sultan Crambulist,*) Denn der ist stets besoffen.

Des Morgens, wenn er früh aufsteht, So tut er räffonieren

Und wenn er abends schlafen geht Noch immer krambulieren.

So ist der Schreis Hannes nicht, Wie diese sind sie rar, Wenn ihm der Draht auch dreimal bricht, Macht er des Tags zwei Paar?)

Und auch den Schuster Emmerich, Den hätt' ich bald vergesten, Der arbeit's ganze Jahr bei Licht, Nimmt sich kaum Zeit zum Esten.

Der Hermann, Echebb und Kieselbach Das sind zwei ächte Brenner, Und die Gebrüder Philipp, Paul, Die besten Branntweinkenner,

Der Ammenvater wäre gut, Hätt' er nicht immer Durst, Ob feine Frau stark salzen tut. Auch ißt er gerne Wurst.

Die Hofmeister, ein Brüderpaar,

Die waren grad nicht bös, Sie tranken Schnaps das ganze Jahr Zu trocken Brot und Käs.

Stoßt an! es lebe die Türkei,

Der SultanPascha" auch dabei, Die ganze Schuster-Klerisei, Sie lebe frank und frei!

I Hohenstein. I Schuhe,

berger Kammertag erneuert den Kölner Be­schluß, nach welchem den erheblichen Mißständen im Baugewerbe nur durch Einführung des Be­fähigungsnachweises nutzbringend gesteuett wer­den kann. Der Handwerks- und Eewerbekam- mertag erkennt aber in dem Entwurf einen dankenswerten Versuch der verbündeten Regier­ungen, den vorhandenen Mißständen auf andere Weise abzuhelfen. Der Handwerks- und Ge­werbekammertag hält daher die Annahme des Entwurfs in der durch die 11. Reichstagskom- mistion gegebenen Form, die wesentliche Verbes­serungen in sich schließt, für wünschenswert. Der von derselben Kommiffion angenommenen Re­solution, welche die schleunige Einführung des sogenannten kleinen Befähigungsnachweises für das deutsche Handwerk fordert, stimmt der Kam­mertag zu, in der bestimmten Erwartung, daß die verbündeten Regierungen schon in der näch­sten Tagung dem Reichstage einen entsprechen­den Entwurf vorlegen werden."

'Auf die Frage an die anwesenden Regier­ungsvertreter, wie sich die Reichsregierung zu der Einführung des kleinen Befähigungsnach­weises der Vesttmmung, daß nur geprüfte Handwerksmeister die Befugnis haben sollen, Lehrlinge anzuleiten stellen würde, antwor­tete der Vertreter des Reichsamts des Innern, Geh. Reg.-Rat Dr. Spielhagen, daß Staats­sekretär Graf v. Posadowsky sich für die Ein­führung des kleinen Befähigungsnachweises aus­gesprochen, und in diesem Sinne mit den ver­bündeten Regierungen sich ins Einvernehmen ge­setzt habe, so daß zweifellos in der nächsten Reichstagssestion eine hierauf bezügliche Vor­lage zu erwarten sei. Die Versammlung nahm diese Ankündigung begreiflicherweise mit stür­mischem hoffentlich auch durch die zu erwar­tenden Taten gerechtfertigten Beifall ent­gegen, und das deutsche Handwerk wird nun hoffen dürfen, daß eine seiner wichttgsten und dringendsten Forderungen der ungesäumten Er­füllung entgegengeführt wird.

Prinz Heinrich von Preußen, Chef der Schlachtflotte.

Durch kaiserliche Kabinettsorder find fol­gende Stellenbesetzungen in der Marine verfügt worden: v. Köster, Großadmiral, Eeneralinspek- teur der Marine und Chef der aktiven Schlacht- flotte, von letztgenannter Stellung enthoben; er tritt bis auf weiteres zur Verfügung des Kai­sers. Heinrich, Prinz von Preußen, Admiral, Chef der Marinestation der Ostsee, zum Chef der aktiven Schlachtflott« ernannt, v. Prittwitz und Eaffron, Vizeadmiral, zur Verfügung des Chefs der Marinestation der Ostsee, zum Chef dieser Station ernannt; Graf v. Baudistin, Vize­admiral, Chef des 1. Geschwaders, und Schmidt,

Die Biernot in Marburg im Jahre 1856.

Ein Gegenstück der Bierverteuerung vom Jahre 1906 war in Marburg vor fünfzig Jahren. Um diese Zeit waren die Bierbrauereien noch nicht auf der Höhe wie heute, denn bereits Ende April, höchstens Mai, hörte das Brauen von Lagerbier auf und dieses Vier war gewöhnlich Ende Juni verbraucht. Später gab es einfaches oder Jungbier. Die Bierbrauer, Bäcker und Metzger standen unter der Polizeitaxe, die von der Marttkommiffion festgesetzt wurde. Das Lagerbier kostete damals 9 Heller oder unge­fähr 7 Pfennig nach unserem jetzigen Geld und das einfache Bier kostete 4 Heller. Die Brau­ereien hatten den Preis damals von 9 auf 10 Heller erhöht, was fich die Polizei und das bier­trinkende Publikum nicht gefallen lassen wollte, als man zum allgemeinen Schrecken erfahren mußte, daß das Lagerbiera l l e" war.

Am größten war der damalige WirtHöhne" in der Boppfchen Wirtschaft in Verlegenheit; er war ein Berliner und ließ sich nun von außer­halb Vier kommen. Hierauf bezieht fich das folgende Gedicht:

Marburg, die alte Musenstadt, Viel Unglück einst erfahren hat, Da gar der große Brauer Bopp War ganz mit seinem Biere hopp.

Ich selber würd' es Bopp verdenken, Wenn er fich würde lassen lenken Durch immerwährend Volksgeschrei And gar noch durch die Polizei.

Der Brauer Bopp, der reiche Mann, Kann mehr als jeber andre kann. Die Polizei mag immerhin,

Herr Bopp verfährt nach seinem Sinn.

Konteradmiral, Befehlshaber der Ausklärungs- schiffe, unter Enthebung von diesen Stellungen zur Verfügung des Chefs der Marinestatton der Ostsee gestellt. Hebet die Verabschiedung de» Großadmirals v. Köster von den Offizieren de? Manöverflotte wird ferner aus Brunsbüttelkooi gemeldet: Nach der Freitag mittag auf der) FlottenflaggschiffKaiser Wilhelm II. abg» haltenen Schlußkritik über die beendigten die» jährigen Herbstmanöver der Flotte verabschied dete fich der Flottenchef Großadmiral v. Köster von dem Offizierkorps der Flotte und verlas dabei das nachstehende kaiserliche Handschreiben: Indem ich Sie hiermit Ihrem Wunsche gemäß von der Stellung als Chef der akttven Schlacht­flotte enthebe, drängt es mich, Ihnen mein von Herzen kommendes Bedauern darüber auszu­drücken, daß Ihr vorgeschrittenes Lebensalter und die Folgen Ihrer langjährigen körperliches und seelischen Anstrengungen als Flottenfüh" mich zwingen, auf Ihre weiteren Dienste . dieser Stellung zu verzichten. Sie wissen, wie hoch ich Ihr persönliches Wirken in der Flotte stets eingeschätzt habe, und wenn Sie demnächst Ihre Flagge niederholen, so können Sie es mit dem stolzen Bewußtsein tun, daß Sie diese Flagge immer der Marine zu Nutzen und Ihrem Kriegsherrn zu Dank geführt haben. Sie haben diese Order der attiven Schlachtflotte bekannt zu geben. Wilhelm I." Prinz Heinrich sprach dar­auf im Namen des Seeoffizierkorps und bracht« drei Hurras auf den Flottenchef aus.

Zum Tode des Prinz-Regenten von Braunschweig.

Schloß Kamenz, 14. Sept. Kaiser Wilhelm ist heute mittag 11 Ahr 45 Min. mit kleinem Gefolge im Automobil hier eingetroffen. Der Kaiser weilte kurze Zeit am Sterbelager des. Prinzen Albrecht und traf die ersten Dispo­sitionen über die Beisetzung. Von allen regie­renden und andern deutschen und außerdeutsche» Fürstlichkeiten sind im Laufe des gestrigen und heutigen Tages Beileidstelegramme und präch­tige Blumenspenden hier eingetroffen, darunter besonders prächtige von den Königen von Schwe­den und von Spanien. Da die Räume de» Schlosses zur Aufnahme der zur Beisetzung er­warteten zahlreichen Gäste nicht ausreichen, ff werden am Montag Extrazüge zwischen Breslatz und Kamenz eingelegt werden.

Der Regentschaftsrat führt nach 8 4 des Ge­setzes vom 20. Februar 1879 die Regierung mit allen Rechten und Pflichten einer Regierungs­vormundschaft oder Regierungsverwesung übi jedoch 1) das Recht der verfassungsmäßigen Ge­setzgebung mit der Beschränkung, daß Verfas­sungsänderungen während der Dauer der provi­sorischen Regierung nicht statffinden sollen.

Ist Bopp der Mann, der tanzen soll, Wie andre, die nur ränkevoll Nach dieser oder jener Pfeife Tanzt, lieber gehet alles schleifen.

Die Polizei, die braucht Gewalt, Und rief dem reichen Brauer Halt! Zchn Heller darf das Bier nur kosten Und sollst, Du Geizhals, ganz verrosten.

Der Bopp war aber viel zu klug, Die Nachricht ging gleich einem Flug Und jeder hört nun ganz betroffen, Das all sein Bier war gesoffen!

Mein Gott, der arme .Höhne'") nun. Weiß vor Verzweiflung nichts zu tun, Er sinnet hin und sinnet her, Doch findet Rat er nimmermehr.

Auf einmal geht ein Licht ihm auf. Vielleicht macht er noch guten Kauf! Er reißt nach Frankfurt an dem Mcttch, Besucht dort Brauer groß und klein.

Mein Gott! mein Gott! ich armer Mann,* Vor Aengsten er's kaum sagen kann, Ihr lieben Herrn, um Gotteswillen, Tut mir doch meinen Wunsch erfüllen!"

Die Bierbrauer der freien Stadt, Des Wirtes Not geruhret hat, Sie gaben ihm viel Bier in Tonn^ Höhn' wär beinah' vor Freud umkommcn.

Darüber gab's in Marburg Jubel, Gelaufen kam ein großer Trubel, Als man vernahm die Freudenmär, Daß wieder Bier vorhanden wär.

*) Wirt bei Bopp,