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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonntagsbeilage: Jllustrirtes SonutaaSLratt»
Marburg
Sonntag, 29. Juli 1906.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag; Joh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckerg 41. cY(l6t<L.
Marburg, Markt 21. - Telephon 55.
Vierteljährlicher Bezugspreis; bet ver EzMitio« 2 ML, tk/v bet allen Postämtern 2,25 Mk. <ejcl. Bestellgeld).
v*— *1« Znserttonsgebühr: die gespaltene Zelle oder deren Raum 10 Psg.
Reclamen: die Zeile 25 Pfg.
Zweites Blatt.
ReueAe Telegramme.
Berlin, 28. Juli. Den Regierungen der Einzelstarten ist, wie hiesige Blätter melden, vom Reichskanzler ein Entwurf zur reichsgesetzlichen Regelung des Apothekenwesens unterbreitet worden. Der Entwurf wurde im Reichsamt des Innern unter Teilnahme von Kommissaren des preußischen Kultusministeriums bearbeitet. Durch diesen Entwurf werde die .von Preußen und Bayern beabsichtigte landesgesetzliche Regelung jetzt entbehrlich werden.
Hagen i. SB., 28. Juli. Das amtliche Wahlergebnis lautet: Für Bürgermeister Cuno (fr. Vpt.) wurden 21593 Stimmen abgegeben, für den Arbeitsrsekretär König (Soz.) 18 717. Cuno ist somit gewählt.
Genf, 27. Juli. Heute fand eine Versammlung der Teilnehmer des 13. Weltkongresses des Jugendbundes für entschiedenes Christentum statt. Es werden ungefähr 1200 Delegierte aus allen Weltteilen erwartet. Pastor Clarke aus Boston ist Ehrenpräsident. Im Ehrenkomitee ist Deutschland vertreten durch F. Blecher aus Berlin.
London, 27. Juli. Der kommandierende Admiral der englischen Mittelmeerflotte Lord Charles Beresford beabsichtigt einer Meldung der „Tribüne" zufolge wegen unüberwindlicher grundsätzlicher Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und dem Chef der Admiralität Lord Cawdor von seinem Posten zurückzutreten und soll durch den Vizeadmiral Curzon Howe ersetzt werden. Lord Beresford gilt für einen der fähigsten britischen Admirale und ist bei weitem der volkstümlichste. Er steht im Alter von erst 60 Jahren. Admiral Curzon Howe ist etwas jünger und führt gegenwärtig den Oberbefehl über die Kanalflotte.
Deutschland
und Größer-Britannien.
Zum ersten Male werden amtliche Zahlen über die Wirkungen der britischen Vorzugszölle bekannt gegeben, die für den Handelsverkehr zwischen dem Mutterlands und einigen Kolonien in Geltung find. Im Unterhause erwiderte der Präsident des Handelsamts auf eine Anfrage aus dem Hause mit folgenden Angaben, die den Außenhandel der Kolonie Neuseeland betreffen. Diese Kolonie gewährt seit November 1903 Erzeugnissen des Mutterlandes gewisse Zollvergünstigungen gegenüber nichtbritischen Erzeugnissen. Trotz dieser Vorzugsbehandlung EE=gg== — Tu- 7 „ 7 jjg
WM.- ' (Nachdruck verboten.)
Aöendsonnenschein.
Skizze von H a n s A l b r e ch t (Cassel).
(Fortsetzung.)
. Erna Wegner benutzte den schönen Frühlings-Nachmittag in Ihrer Weise, indem sie sich mit einer Handarbeit in das sonnenbeschienene Gärtchen hinausgesetzt hatte. Hin und wieder warf das Mädchen einen Blick auf die wenig belebte Straße. Zur Abendessenszeit pflegte der Vater doch stets pünktlich zu Haus zu sein. Und endlich kam der Erwartete.
Schon von weitem fiel Erna seine schnellere Gangart, seine freudig lächelnde Miene auf. Angenehm überrascht erhob sich Erna und schritt dem Ankommenden bis zur Gartentür entgegen. Da schlang Gottlieb Wegner die Arme um die geliebte Tochter und bedeckte ihre Stirn mit heißen Küssen.
. „Endlich ein Sonnenblick in unserm lichtleeren Dasein, mein Kind!" jubelte er. „Denke Dir, Kleine, das „Glück" ist angenommen — wird aufgeführt! — Ich werde wieder bekannt werden, berühmt — zurückversetzt in die Seligkeit früherer Erfolge — ach das „Glück", Erna, Unser Glück!"
’ Und während dieser hastig hervorgesprudel- .ten Worte standen ihm Helle Freudentränen im Auge. Als Vater und Tochter dann an der sauber gedeckten Abendtafel in der Laube des ELrt- wens saßen, steigerte sich noch Wegners harmlos fröhliche Stimmung.
„Wenn der klingende Erfolg nicht ausbleibt, Kleine " scherzte er, „so kannst Du Dich freuen! Dann sollst Du auch Deine Jugend genießen — so wenig der Freuden bisher gehabt — dann Du kennen lernen, was Lebe» Zeiht!"
ist nun der Export des Vereinigten Königreiches nach Neuseeland nur um 1 Prozent, nämlich von 6,36 Millionen Lstrl. im Jahre 1903 auf 6,42 Millionen Lstrl. im Jahre 1905, gestiegen. Eine Zunahme in diesem Umfange wäre vermutlich auch ohne die der britischen Einfuhr gewährten Erleichterungen erfolgt. Erheblich kräftiger, aber auch hier mit einem bemerkenswerten Unterschiede, hat sich der Geltung des Prcferential Trade Act der Außenhandel Neuseelands entwickelt. Im Vergleich zum Jahre 1903 brachte das Jahr 1905 eine Steigerung der Ausfuhr nach Plätzen innerhalb des britischen Reiches um 3y2 Prozent, dagegen nach den Märkten des nichtenglischen Auslandes eine Steigerung um nahezu 16 Prozent. Der Präsident des Handelsamts knüpfte an die Bekanntgabe dieser Zahlen den Vorbehalt, man dürfe, da , es sich um eine verhältnismäßige kurze Periode handle, die Beweiskraft dieser Zahlen nicht überschätzen. Dem ist beizupflichten. Immerhin aber dürfte schon jetzt die Folgerung berechtigt sein: die Einführung von Vorzugszöllen hat an der Tatsache nichts zu ändern vermocht, daß der Handel der britischen Kolonien mit anderen Nationen sich weit kräftiger entwickelte als der Verkehr mit dem Mutterlande und den anderen englischen Kolonien. Vermutlich würde die Handelsstatistik für Kanada diesen Erfahrungssatz gleichfalls bestätigen, aber der Präsident des Handelsamts glaubt, die zahlenmäßigen Belege hierüber noch vervollständigen zu müssen, ehe er sie der kritischen Untersuchung in der Oeffentlichkeit übergeben könne.
Die ganze Angelegenheit ist dem Ministerium augenscheinlich peinlich und wird in den Kolonien noch peinlicher berühren. Den Kennern der Verhältnisse wird aber keineswegs etwas Neues damit gesagt. Sowohl das liberale Kabinett Nipon (26. 6. 1895), als das ihm folgende konservative Kabinett Salisbury (Februar 1896) hatten es abgelehnt, auf die Pläne der Kolonien einzugehen und den deutschen und belgischen Handelsvertrag zu kündigen, „so lange nicht der Handel innerhalb des Reiches einen vollgiltigen Ersatz bilde für das Risiko, das aus der Kündigung der Handelsverträge entspringen würde und für die hieraus folgende schwere Störung des bestehenden britischen Handels mit fremden Ländern." Wenn gleichwohl 1897 beide Handelsverträge gekündigt wurden, um die Bahn für die Pläne der Imperial federation freizugeben, so geschah dies, weil man inzwischen in London die Schwäche der modernen deutschen Diplomatie und Volksvertretung kennen gelernt hatte. Im Auftrage des Fürsten Bismarck schrieben die „Hamburger Nachrichten" damals, die englische Regierung habe sich in schwere Verlegenheiten gestürzt. Deutschland brauche die englische Meistbegünstigung nicht, da diese bei Ausscheidung der Kolonien wertlos fei. England liber brauche die deutsche Meistbegünstigung sehr nötig, die deutsche Diplomatie müsse deshalb blind für die Schwäche ihres Partners sein.
„Vater, Du weißt, daß ich wenig Verlangen trage nach dem Jubel und Trubel der Welt da daußen."
„Ach, laß nur, Erna! Ich Alter brauche wenig für mein eigen Wohl. Nur Eines, mein Kind, beanspruche ich für immer: Deine Liebe, Deine treue Kindesliebe, mit der Du mir einsamen, verlassenem Manne das Dasein ertragen halfst" — Seine Stimme erstickte.
„Du sollst nicht so reden, lieber Vater! Die Freude hat Dich allzu sehr erregt! Und denkst Du auch daran, daß der Arzt Dir riet, jede Aufregung zu vermeiden?" — Besorgt forschte sie in seinen leuchtenden Augen und zuckenden Mienen.
„Du willst mich gar bevormunden, Kleine? Das darfst Du nicht, heute nicht! Geh und hole uns eine Flasche Wein herbei, und wenn's die letzte im Keller ist — sie sei der Zukunft geweiht!"
Und nachdem Erna seinen Wunsch erfüllt, saßen sie noch lange plaudernd beisammen.
„Wie der Frühling wiederkehrte, so sollen auch in unser Heim bessere Tage einziehen. Bringt mir der Lenz die Schaffenskraft, den Erfolg vergangener Zeiten zurück, so gehe ich einst heim im Frieden, im Abendsonnenschein. Stoß an, Erna! — Das „Glück" will gefeiert sein!" — Hell klangen die Gläser. — „Es lebe das „Glück"!"--- ..v S
Am anderen Morgen klagte Wegner über Unwohlsein. Vielleicht trug die vorangegangene Erregung, vielleicht auch seine Krankheit die i Schuld; auf Erna's dringenden Wunsch verließ er sein Lager nicht, und obwohl er versuchte, über seinen Zustand zu scherzen, so schickte das Mädchen doch eilig zum Hausarzt. W4-*
93on Erna über die vorangegängene Eemüts- erregung unterrichtet, trat am Moigen der alte
wenn sie die Gunst der zu unserem Vorteil von England geschaffenen handelspolitischen Lage nicht voll ausnutzen und England nicht zu Gegenleistungen zwingen würde. Diese Mahnung des Fürsten Bismarck besteht, wie die bevorstehenden Zahlen beweisen, auch noch für die Gegenwart. Und sollten bei der definitiven Regelung unseres Handelsvertrags-Verhältnisses entscheidend sein. Wir haben gar keine Veranlassung, einen Handelsvertrag mit dem freihändlerischen Mutterlands zu schließen, von dem die schutzzöllnerischen Kolonien ausgenommen werden.
Zur Lage in Rußland.
Die Auflösung der Duma,
Aladjin, der Führer der revolutionären Partei in der Duma, äußerte sich, wie aus London geschrieben wird, vor seiner Abreise einem Vertreter der Presse gegenüber in der folgenden Weise über die in Rußland entstandene Lage:
„Die Auflösung der Duma ist eine Verletzung der der Nation verliehenen konstitutionellen Rechte und kann nicht verfehlen, das Volk und die Armee zur Ergreifung furchtbarer Schritte zu führen. Die Armee wird die Welt nicht lange darüber in Zweifel lassen, was sie zu tun gedenkt. Vor einigen Jahren gehörte ich selbst noch der Armee als Offizier an und feit meinem Austritte bin ich in enger Fühlung mit ihr geblieben. Ich weiß vielleicht mehr über den revolutionären Geist der Truppen, als die meisten meiner Kollegen. Die Soldaten, größtenteils Bauernsöhne, sind von demselben Vertrauen zu uns erfüllt, wie ihre Väter und Brüder in den Dörfern, die uns für die Duma gewählt haben. Viele der kommandierenden Offiziere haben uns ihr Ehrenwort gegeben, daß sie mit den unter ihrem Befehle stehenden Truppen gemeinsame Sache machen werden, für die Nation und nicht gegen diese. Der Kampf ,in den wir eintreten, ist ein Kampf auf Leben und Tod. Wir wenden uns an die ganze Nation mitsamt der Armee und der Flotte und sobald unsere Stimme zu ihnen gedrungen ist, fühlen wir uns zuversichtlich, daß sie unserem Rufe Folge leisten werden. Dann schlägt die Eeburtsstunde des neuen Rußland, das unsere Partei und die Nation als Republik sehen will und wir werden nicht ruhen, ehe dieses Ziel erreicht ist. Die Mitglieder der Duma haben aufgehört einer verfassungsmäßigen Körperschaft anzugehören und sie werden jetzt zum Revolutionsausschuß." — Auf die Frage des Interviewers, ob er nicht besondere Gefahr laufe, nach Rußland zurückzukehren, da er schon früher einmal verbannt war, erwiderte Herr Aladjin: „Mein Leben ist deswegen nicht mehr gefährdet als es früher war. Es ist möglich, daß ich erschossen werde,
Sanitätsrat, ein Jugendfreund des Dichters, an | Wegners Bett. Nachdem er eine Untersuchung I vorgenommen, ein Rezept geschrieben und sonstige Anordnungen getroffen hatte, wechselte Dr. Nedig nach seiner Gewohnheit noch einige freundliche Worte mit dem Patienten und ! wandte sich dann zum Gehen. ■ ■■■■•<
Da faßte Wegner seinen Arm. ‘
„Wir find allein, Dottor", flüsterte er, „lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich selbst wenig Hoffnung auf ein noch langes Leben hege. Aber . . . wenn es in Ihrer Macht steht ... so erhalten Sie mich noch einige Zeit dieser Wett! Nur jetzt nicht sterben . . . noch nicht, ehe ... ich habe. , “ Ein Hustenanfall unterdrückte seine Worte.
„Ich hörte schon von Ihrem Erfolge, mein I Freund", erwiderte der Sanitätsrat, „und ich I gratuliere von Herzen. Doch nun still davon! I Vor allem ist Ihnen jetzt Ruhe nötig, strengste I Ruhe. Dann wird sich's hoffentlich schon wieder I machen. Gott befohlen!" — I
Kaum hatte die Tür des Krankenzimmers sich I hinter dem Sanitätsrat geschlossen, so wich der I in seinem klugen Gesicht bisher festgehaltene, er- I mutigende Ausdruck vor tiefer Niedergeschlagen- I heit und Besorgnis. I
„Sagen Sie die Wahrheit, Herr Sanitäts- I rat", flehte Erna. „Es steht nicht gut, es ist — I aber nein, es ist noch Rettung möglich —" |
„Mein liebes Fräulein", sagte Dr. Redig be- I ruhigend, „Sie wissen so gut wie ich, daß nichts I unversucht gelassen wird, die Wiederherstellung I zu bewirken. Aber die Erkrankung ist ernst. . . I ein schlimmes, veraltetes Brustleiden . . . wird I jedenfalls lange dauern und ... ich halte es für I Pflicht, das zu sagen . . . wenn dem Kranken | nicht seine gute Natur zu Hilfe kommt ., |
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toenn ich mich aber fern halten würde, sc him terginge ich die Wähler, die mich ins Parla-c ment gewählt haben. Ich muß da sagen," schloß Herr Aladjin bitter, „daß die französische Natton zum großen Teile für die drohenden Gewitterwolken verantwortlich ist, die sich über Rußland zusammengezogen haben. Wenn sie ihre Taschen verschlossen gehalten hätte, so wär, Rußland wohl jetzt schon frr." Hoffentlich erfüllen sich die Hoffnungen des revolutionären Abgeordneten nicht.
Der „außerordentliche Schutz", der statt des „verstärkten Schutzes" über die russische Hauptstadt Petersburg verhängt worden ist, gibt nach der „Petersb. Ptg." der zum Oberkommandierenden ernannten Person folgende Vollmachten: 1) alle Rechte eines Generalgouverneurs; 2) das Recht, alle Amtspersonen zu ernennen; 3) nicht nur einzelne Verbrecher, sondern ganze Kategorien dem Kriegsgericht zu übergeben; 4) Eigentum und Sequester zu belegen; 5) für Nichterfüllung seiner Befehle oder bekanntgemachte allgemeine Vergehen Strafen bis 3 Monate Zuchthaus und 3000 Rubel Strafzahlung zu verhängen; 6) Beamte aller Ressorts (auch Gewählte) von ihrem Amt zu entfernen; 7) über alle städtischen, Landschaftsund andere öffentliche Institute zu verfügen; 8) Zeitungen zu schließen und ebenso Schulen auf die Dauer von 1 Monat.
Rationale Organisation in Livland.
Vor einigen Tagen hat in Riga die erste Delegiertenversammlung des schon im Mai provisorisch gegründeten deutschen Schul- und Hilfsvereins stattgefunden. Dieselbe war von 62 Delegierten besucht. Es sind bereits 14 Ortsgruppen gegründet und zwar in Riga, Dorpat, Arensburg, Fellin, Pernau? Lemfal, Walk, Wenden, Wolmar, Werro, Rufen, Schlock, Fennern und Seßwegen. Der von der Rigaschen Gruppe ausgearbeitete Satzungsentwurf wurde nach zweitägiger Durchberatung mit unwesentlichen Aenderungen angenommen. Die Versammlung beschloß dem Verein den umfassenderen Namen „Deutscher Verein in Livland" zu geben, um dadurch den nationalen Charatter desselben scharf hervorzuheben. Der Verein ist kein deutsch baltischer, sondern soll alle deutschen Elemente des Landes sammeln; seinem Vorstande gehören daher auch Reichsdeutsche an. (Diese Sammlung aller deutschen Kräfte ohne Unterschied der Staatsangehörigkeit ist besonders freudig zu begrüßen! D. Red.) Der Verein will deutsche Schulen gründen, unterstützen und hierbei besonders für die kleinen deutschen Leute sorgen, die der Gefahr der Verleitung schon mangels deutscher Volksschulen am meisten ausgesetzt waren. Er will neben der geistigen aber auch die wirtschaftliche Stellung des Deutschtums durch Stellenvermittlung, Kreditschaffung usw. wahren und stärken. Das Lettentum sucht seinerseits das Gleiche anzustreben. Der lettische Duma-Abge-
Achselzuckend wandte er sich ab. Hinter den dicken Gläsern seiner Brille schimmerte es feucht. Er hat viel Leid miterlebt/ der alte Doktor, doch dieser Schmerz des Kindes vor ihm trifft ihn bis ins Herz. — ---
Die Zeit verging. Langsam, aber stetig verschlimmerte sich Wegners Leiden, aller Bemühungen des Arztes spottend. Eines Morgens begehrte der Kranke aufzustehen.
„Du solltest es nicht tun, lieber Vater, Deine Kraft ist zu schwach." >
„Es geht schon, stütze mich nur recht fest! So — jetzt einige kurze Schritte ... der morsch« Körper hat noch Willenskraft. Da, siehst Du wohl ... das Ziel ist erreicht."
Schwer aufatmend ließ sich Gottlieb Wegner in dem Lehnstuhl am offenen Fenster nieder. In wenigen Wochen war eine große Veränderung mit dem Greise vorgegangen. Die Lippen waren welk, die Wangen eingefallen und bleich, die tief in ihren Höhlen liegenden Augen flacketten in Fieberglut. Mit dankbarem Blick lächelte er matt auf die Tochter hernieder, die ihn sorgsam itz warme Decken hüllte. Die ganze Pracht eine« sonnigen Junitages lag draußen in der Natur: ausgebreitet — rings freudiges Leben, strahlendes Licht. Es war ein Sonntagmorgen. Do» der nahen Kirche hallten ernste Elockenkläng^ zum Gottesdienst rufend, herüber und schwebte« mit der warmen Sommerlust in die dumpfe Schwüle des Zimmers,
Erna hatte sich zu Füßen des Vaters ntefctt gekauert, seine schmalen, abgezehrten Hände hieff sie umfaßt.
«Schluß fokgt.1