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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Sonntagsbeilage Alluftrirt«. MriMIM

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Vierteljährlicher Bezugspreis: bet der Erjl^>itio« 2, btt allm Postämtern 2,25 Mk. (excl. Bestellgeld).

InsertionSgebühr: die gespaltene Zelle oder deren Raum 10 Psg, Reklamen: die Zeile 25 Pfg.

Marburg

Sonntag, 22. Juli 1906.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag: Joh. Ang. Koch, UmverfitätS-Buchdruckerei 41. Jahrg.

Marburg, Markt 21. Telephon o5.

Erstes Blatt

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Dann aber siegte wieder auf kurze Zeit das angeborene Anstandsgefühl seines ritterlichen Charakters und jene unwillkürliche Scheu, die jedem vornehm denkenden Menschen das Liebes­leben der eigenen Eltern als ein geheiligtes Mysterium, als ein noli me tangere der Pietät erscheinen läßt.

Doch der weiße Bogen, durch dessen Rückseite er die klare, energische Handschrift des Stief­vaters deutlich hindurchschimmern sah, zog ihn immer von neuem wie mit magischer Gewalt an.

Umschatt.

Dem deutschen Bürgertum schreibt dieStraßburger Post" folgende Wahr­heiten ins Stammbuch: Sämtlichen Reichstags- Nachwahlen feit 1903 war, bis auf die letzte, das eine gemeinsam, daß sie der Sozialdemokratie eine Enttäuschung nach der anderen brachten. Hatte damals, als in den allgemeinen Wahlen die Sozialdemokratie zur Dreimillionenpartei geworden, der Vorwärts darin eine neue Wel-

(Nachdruck verboten.))

Die Kette.

Roman von Hans Schulze,

Verbilligung der Güterbeförderung.

Die für unser ganzes Wirtschaftsleben so wichtige Frage der Verbilligung der Güterbeför­derung auf den Eisenbahnen durch Einführung von Wagen hoher Tragfähigkeit und Selbstent­ladung hat eine sehr wertvolle Anregung erhal­ten durch das kürzlich erschienene WerkNord­amerikanische Eisenbahnen. Ihre Verwaltung und Wirtschaftsgebarung von M. Hoff, Een. Oberregierungsrat, und F. Schwabach, Geh. Regierungsrat." Die Verfasser dieses bedeut­samen Werkes, welche im Auftrage des inzwi­schen verstorbenen Eisenbahnministers von Budde gelegentlich der Ausstellung in St. Louis die Eisenbahnen von New-Pork bis San Fran­zisko und zurück bereisten und daher Gelegen- heit hatten, das amerikanische Eisenbahnwesen näher kennen zu lernen, denen man auch eine Voreingenommenheit für die amerikanischen Eisenbahnen nicht zum Vorwurf machen kann, sprechen sich über ihre Wahrnehmungen in fol­gender Weise aus:

Bei der Eisenbahnfahrt durch Nordamerika zeigt sich überall, wohin menschliche Siedlungen schon gelangt sind, das Bestreben, Menschenkräfte durch mechanische Einrichtungen zu ersparen. Auch auf den kleinsten Bahnhöfen gewahrt man Rampen-(Pfeiler) bahnen zum Abstürzen der Frachten (insbesondere Kohlen) aus den Wagen, die in großer Anzahl mit Bodenklappen ver­sehen find,' an anderen finnnreichen Verlade­einrichtungen fehlt es ebenfalls nicht.

Die Tragfähigkeit der amerikanischen Güter­wagen ist erheblich größer als bei uns. Wäh- rend die preußisch-hessischen Staatsbahnen Ende September 1905 117 778 offene Güterwagen mit einer Tragfähigkeit unter 15 Tonnen, 162 034 Wagen von 15 T. und 5682 Wagen von 20 T. besaßen, hatte der aus 1650 615 Güterwagen bestehende Wagenpark der amerikanischen Bah­nen nur 59 744 Wagen von 13.5 T. und darun­ter, während die Tragfähigkeit, aller übrigen Wagen sich zwischen 18 und 49.5 T. bewegt und in letzter Zeit die 27- und 36-T.-Wagen immer mehr als Normalwagen beschafft werden.

! Die Benutzung der Wagen großer Tragfähig­keit erleichtert das Ladeaeschäft namentlich in dem Kohlen- und Rohstoffverkehr, außerordent­lich. Wer den leistungsfähigen amerikanischen Güterwagen steht, und wer an der Grube, am Hafenentladungsplatze, am Freiladegeleise und <tm Güterschuppen di» ungeheuren Wagen be­frachtet, die täglich zwischen denselben Orten zu bewegen find, muß volles Verständnis dafür ge­winnen, daß man mit allen Mitteln dahin strebt, diese Eütermaffen mit wenig Personal zu behandeln und mit möglichst wenig Wagen zu befördern, und daß durch die schnelle Be- und I Entladung, sowohl durch örtliche Ladeeinrrty-

! Als er flüchtig darin zu blättern versuchte, Hafteten ganze Partien von Seiten mit den ^überstehenden Blattern aneinander; offenbar 'hatte seit langen Jahren niemand tnehr einen iBlick hineingeworfen.

- Georg klappte das Buch zusammen und schob es wieder in seine Jackettasche.

Da streifte er mit dem Fuße an ein zusam­mengefaltetes Briefblatt, das vor ihm auf dem Teppich lag, und das anscheinend soeben aus dem Lenaubande herausgefallen war.

t- Er bückte sich, um es aufzuheben und wieder 'tu das Buch zurückzulegen, als sein Auge zu­fällig auf die lleberschrift fiel:

. .Mebste Ruth!"

4 Georg hatte sich wieder auf seinem Erker­platz niedergelafien und wog das Blatt un- schlÜssig auf der Hand; er hatte auf den ersten Blick die Schriftzüge des Stiefvaters erkannt.

Eine brennende Neugier überkam ihn plötz­lich nach dem Inhalt des Briefes, der feiner gan­zen Beschaffenheit nach schon viele Jahre alt fein mußte.

tungen, als auch die Bauart der Wagen der Wagenumlauf erheblich beschleunigt wird.

Dazu bemerkt imTag" Geh. Regierungsrat Schwabe: Man kann genannten Berichterstat­tern die Anerkennung nicht versagen, die mit der Benutzung der Wagen hoher Tragfähigkeit und Selbstentladung verbundener Vorteile: die Beschleunigung des Wagenumlaufs und der Er­sparnis an Zeit und Arbeitskraft richtig be­urteilt zu haben.

Es ist richtig, daß die Förderung des Stein- und Braunkohlenbergbaues in Preußen im Jahre 1905 nur betrug rund 113 Millionen Tonnen, während in den Vereinigten Staaten an Hart- und Weichkohle im ganzen 373 Mil­lionen Tonnen befördert wurden, aber es darf nicht übersehen werden, daß sich in Preußen allein die Steinkohlenbeförderung in den 15 Jahren 1875 bis 1890 von 16.7 Millionen Ton­nen aus 35.5 Millionen Tonnen erhöht, also ver­doppelt, und in den 15 Jahren 1890 bis 1905 von 35.5 Millionen Tonnen auf 113 Millionen Tonnen erhöht, also mehr als verdreifacht hat. Es ist daher zu erwarten, daß auch bei uns in Bezug auf den Umfang des Masienverkehrs nach und nach amerikanische Verkehrsverhältnisse ein­treten werden und daher nur als Gebot weiser Vorsicht anzusehen, schon jetzt Vorkehrungen zu treffen, durch Bewältigung des Massenverkehrs mit Wagen von 20 Tonnen Tragfähigkeit und Selbstentladung an Arbeitskraft zu sparen, die Betriebskosten zu ermäßigen, sowie die Leist­ungsfähigkeit der Bahnen zu erhöhen.

Es ist auch für die Landwirtschaft, besonders während der Rübenkampagne größter Wert da­rauf zu legen, daß durch Einführung der Selbst­entladung an Arbeitskräften gespart, sowie der Wagenumlauf beschleunigt und dadurch der Wa­genumlauf vermindert wird.

Wird endlich berücksichtigt, daß mit Einfüh­rung der Wagen von 20 T. Tragfähigkeit und Selbstentladung die Betriebskosten wesentlich vermindert werden, daher die Eisenbahnver­waltung tn der Lage ist, einen Teil dieser Er­sparnis zu Tarifermäßigunaen zu verwenden und dadurch in erster Reihe die Inhaber der Anschlußgeleise für Abänderung ihrer Be- und Entladevorrichtungen zu entschädigen, so ist nicht daran zu zweifeln, daß diese Reform, außer der erhöhten Leistungsfähigkeit der Eisen­bahnen, von großem Vorteil für diese wie für die Frachtinteressenten sein wird.

(Fortsetzung.)'

Mit einem leisen Seufzer erhob sich Georg und an den Bücherschrank der Mutter, um sich !für den Abend noch irgend ein Buch nach seinem 'Zimmer mit hinauf zu nehmen.

1 Gedankenlos überflog er die goldverzierten Rücken der Klassikerreihe und wählte schließ­lich einen Band Lenauscher Gedichte; die sehn- süchttgen Schilflieder dieses schwermütiger

Barg dieses Vriefblatt vielleicht einen Schlüs- Wgen Sch>l,l!-d-, di-,-- schw-rm-iig-n I SiÄ Ä ulSXS.Ä Ält *" -"Est"d°n

" - ------- I Endlich vermochte er sich nicht länger zu be­

zwingen.

Mit unsicheren Fingern, wie ein Verbrecher oorstchttg nach allen Seiten Umschau haltend, faltete et den Brief auseinander.

Nur wenige Zeilen, doch diese Zeilen durch­pulst von einer glühenden Leidenschaft, das Be­kenntnis einer verzehrenden, alles überwinden­den Liebe, daß es dem einsamen Leser wie eine heiße Lohe daraus entgegenzuschlagen schien.

In scheuer Hast wollte er den Brief, der ihm die Gestalt der Mutter in einem ganz neuen, gleichsam entkleidenden, entweihenden Lichte zeigte, in tausend Stücke zerreißen, um das späte Dokument dieses einstigen Wildfeuers der Liebs für alle Zeiten zu vernichten, da streifte fein Blick noch im letzten Moment das Datum, das in kaum erkennbaren Ziffern auf dem schmalen, schon etwas brüchig gewordenen Rande der ersten Seite verzeichnet stand.

Den 20. März 1876!

Wie ein Blitzstrahl zuckte es auf einmal jäh vor ihm nieder.

tenwende erblickt und triumphierend ausgerufen »Unser die Welt, unser der Sieg!", so las mans späterhin ganz anders, und es drang allmählich die Ueberzeugung in die bürgerlichen Kreise, daß die Sozialdemokratie ihren Höhepunkt er­reicht und nunmehr den absteigenden Ast ihrer Entwicklung betteten habe. DenGenossen" selbst waren ihre Mißerfolge ungemein erstaun­lich; wie konnte es kommen, daß dieverrotte­ten" bürgerlichen Parteien an Werbekraft wuch­sen, während die Anziehungsfähigkeit der So­zialdemokratie offenkundig nachließ? Die Tat­sache lag auf der Hand, ihre Gründe blieben im Dunkeln. In dem Bemühen, sie aufzudecken, gerieten sich die Radikalen und die Revisionisten wieder einmal in die Haare. Wir brauchen eine radikale, mitreißende Aktion, sagten die einen, sonst bleiben uns die Tausende bisheriger Mit­läufer fern; die anderen dagegen fanden, daß gerade durch die seit 1903 hervorgetretene radi­kale Strömung die Mitläufer verscheucht wur­den. DerVorwärts" aber goß Oel auf die Wogen, indem er, nach dersauren Trauben- Theorie", also redete: Laßt sie laufen, die Mit­läufer; wir haben guten Ersatz für sie, so und soviel tausend Mitglieder aus der Arbeiterklasse sind uns neu gewonnen und haben unsere Orga­nisationen gestärkt! Dieser Zuwachs, der jedoch bisher in Wählerstimmen nicht umgesetzt wor­den ist, mag wirklich vorhanden fein; aber es fragt sich sehr, ob et die langsame, aber allem Anschein nach sichere und stetig rückläufige Be­wegung der sozialdemokratischen Partei zum Stehen bringen kann. Jedenfalls, welche Be­deutung man ihm auch beilegen mag, ist dieser Zuwachs minder bedenklich, als die Verwirrung im bürgerlichen Lager, aus der das Mitläufer- tum in solch gefährlichem Umfang hervorgehen konnte. Diese Verwirrung ist mehr und mehr der Einsicht gewichen, daß die sozialdemokratische Lehre und Praxis für den allgemeinen Fort­schritt hoffnungslos unfruchtbar bleibt, oder, so­weit sie klar sind, durchaus nicht erstrebenswer­ten Zukunftsverheißungen diesem Fortschritt nur hinderlich sind, wozu noch kommt, daß sich der Charakter der Partei in sachlichen Zwistig­keiten und persönlichen Kämpfen als vielfach brüchig erwiesen hat. Der falsche Zauber ist von ihr abgefallen, in dem die Partei vielen Ideali­sten als ein Kulturfaktor erschien, von dem eine Höherbildung des Menschengeschlechts zu er­hoffen wäre. Es ist zu wünschen, daß die politi­schen Zeitläufte diese Wandlung fördern und be­festigen, denn das Bürgertum ist dessen im In­teresse einer friedlichen inneren Entwicklung dringend bedürftig. Dann werden auch solche Erörterungen gegenstandslos, wie sie in den jüngsten Tagen wieder in einigen Blättern über die vermeintliche Notwendigkeit einer Wahl­rechtsänderung gepflogen worden find. Aber das Bürgertum"muß dieser Wandlung auch entgegen­kommen und sie zu nutzen wissen. Wenn es nicht imstande ist, die konfessionelle Scheidung aus der Politik auszuschalten und sie im privaten Leben durch Duldsamkeit zu überbrücken; wenn es nicht den kleinlichen Parteigeist, der noch angepasts

Drei Tage darnach war der Todestag seines Vaters!

Wie lange Georg noch im Zimmer der Mut­ter gesessen, er wußte es nicht.

Unbeweglich, den Blick starr auf das verhäng­nisvolle Blatt geheftet, hockte er in seiner ver­lassenen Ecke, in der langsam Stunde auf Stunde verrann und die Schatten der Nacht schwarz und schwer aus den düsteren Gründen des Parks auf­wuchsen.

Es war bereits vollständig dunkel geworden, als er endlich zur Tür auf den Korridor hinaus­tappte und dann leise die Treppe zu seinem Schlafzimmer hinaufschlich.

Er fürchtete sich heute, irgend einem Menschen zu begegnen, aus Scham, daß man ihm, dem Sohne, die Schande der Mutter vom Gesicht ab­lösen könne.

Die Schande der Mutter!

So war es, so stand es ihm plötzlich vor der Seele.

Der Mutter, die er bisher als das Höchste, das Reinste auf der ganzen Welt verehrt hatte!

Wie Feuer schien ihm der verhängnisvolle "tief mit einem Male auf der Brust zu brennen.

Er riß beide Fensterflügel weit auf und legte sich beinahe mit dem ganzen Oberkörper übet das Fensterbrett hinaus.

Nur Luft, nur Freiheit zum Atmen!

Die Größe seiner Entdeckung drückte ihn so zu Boden, daß er fast darunter zu vergehen glaubte; ihm war, als sei damit alles Denken und Empfinden plötzlich in ihm tot und erstorben, als habe diese ganze Welt um ihn her, die sich so sehnsüchttg, so geheimnisvoll in dem blassen Mondesschimmer dehnte, wie mit einem Zauber- schlage all ihren Glanz und Duft für ihn ver­loren.

Die Schmach, die jene beiden dem Vater zu­gefügt, sie ttaf auch den Sohn, sie blieb iym gleichfalls als Erbe, als ein bisher ungekanntes Vermächtnis der Vergangenheit.

des Feindes den häuslichen Streit nicht zur Ruhe kommen läßt, zu beherrschen vermag; wenn nach Altena-Iserlohn derselbe Faden in Hagen- Schwelm und weiterhin fortgesponnen wird dann hat der große Moment ein kleines Ge­schlecht gefunden!

Strafprvzetzrefor«.

Die Vorschläge, welche die durch das Reichs­justizamt einberufene Kommission zur Reform des Strafprozesses gemacht hat, haben nunmchr in einem auf Veranlassung der Internationalen Kriminalistischen Vereinigung, Gruppe Deut­sches Reich, von Landgerichtsdirettor Dr. Asch- rott herausgegebenen Sammelwerke eine um­fassende kritische Besprechung gefunden.

Der gesamte Stoff in 13 Themata aufgeteilt; die meisten Themata werden von einem, die wichtigeren und grundlegenden von mehreren Sachkenneren behandelt. Unter den 24 Mitarbei­tern sind alle juristischen Berufszweige, Theore­tiker wie Praktiker, vertreten. Von betau -en Namen seien angeführt: die Professors u Lilienthal, Mittermaier, Rosenfeld, Wachenfeld Graf Dohna; die Landgerichtsdirektoren Karsten Schubert, Weingart; die Oberlandesgerichtsräte Cornelius, Oehlert, v. Spindler; die Staats­anwälte Goebel und Schmidt-Er--"" --Jen: die Rechtsanwälte Fuld, Heinemann, Thiersch. Auf Grund der Einzelabhandlung-... wird bis im September in Frankfurt a. M. stattfindende Landesversammlung der I. K. V. zu den Vor­schlägen über die Reform des Strafprozesses Stellung nehmen. Zur Vorbereitung hierfür Hai Afchrott ein Eeneralreferat verfaßt, welches dem Werk vorgedruckt ist: in diesem führt er in knap­pen Umrissen und unter Hinweis auf die Einzel- abhandlungen diejenige Gestaltung des Straf­verfahrens vor, die er für die richtige hält. Das Referat, das auch separat bei Euttentag in Ber­lin erschienen ist, umfaßt nach einer Einleitung vier Abschnitte: 1) Die Beteiligung des Laien- elemente an der Strafrechtspflege und die Be­rufung, 2) das Legalitätsprinzip und die Stel­lung der Staatsanwaltschaft, sowie ihrer Hilfs­organe im Strafverfahren, 3) das Verfahren bis zur Hauptverhandlung, 4) die Hauptverband- lung. Besonders eingehend sind dabei die Fra­gen der Organisation von Gericht und Staats­anwaltschaft behandelt, bezüglich deren Aschrott vielfache Reformvorschläge macht, die sich in ihrer Tendenz mit den kürzlich vom Oberbürger­meister Adickes im Herrenhause vorgetragenen Ideen nahe berühren.

Leider mehren sich jetzt die Nachrichten, wo­nach es mit der Verwirklichung der Reform noch gute Wege hat. Namentlich, so heißt es, mache der preußische Finanzminister Schwierigkeiten wegen der erhöhten Kosten, die die Reform zur Folge haben würde. Bessere Aussichten sollen die Anfänge einer Reform der Zivilprozeßord­nung haben.

Ein heißes Verlangen nach Rache, nach Ver­geltung flammte auf einmal in seinem Herzen auf, jetzt nach fünfundzwanzig Jahren noch dem Toten Genugtuung zu geben für das, was ihm einst angetan worden war.

Und dann wieder senkte es sich wie eine Bergeslast auf ihn herab.

Es war ja seine Mutter, gegen die et An­klage erheben wollte, seine Mutter! . . .

Die Empfindung einer ungeheuren Leere, einer unnennbaren Verzweiflung quoll lähmend in ihm empor; er fühlte, daß er in diesem Augen­blicke fähig gewesen wäre, fein Leben wie ein wertloses Nichts von sich zu werfen.

Wie im Traume taumelte er endlich zu sei­nem Bett und riß die Kleider ab.

Nur schlafen, nur schlafen, am liebsten über­haupt nie wieder erwachen!

11. Kapitel.

Als Georg am anderen Morgen erwachte, fühlte er sich am ganzen Körper wie zerschlagen.

Er hatte sich noch die halbe Nacht, eine Beute der widerstreitendsten Empfindungen, ruhelos umhergeworfen und war erst mit dem Morgen­grauen eines kurzen, vielfälttg unterbrochenen Schlummers teilhaftig geworden.

Ein dumpfer Druck im Kopfe lähmte geraume Zeit fein gesamtes Vorstellungsleben betört, daß er sich fast ohne Gedanken, gleichsam automatisch aus dem Bette erhob und anzukleiden begann.

Erst als et ir den Spiegel blickte und ihm fein übernächtiges Gesicht bleich und verstört daraus entgegen sah, stand plötzlich die Erinne­rung des vergangenen Tages mit einem Schlage wieder vor feiner Seele, wie jemand, den des Abends zuvor ein schwerer Verlust betroffen, am anderen Morgen zunächst nur mit einet dunklen, quälenden Allgemeinerinnerung er­wacht, bis ihn dann das volle Bewußtsein seines Unglücks auf einmal jnit verdoppelter Schwere überkommt.

(Fortsetzung folgt.)