mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirckbaiu
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Marburg
Sonntag, 15. Juli 1906.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag« Joh. Slug. Koch, UmvrrfitätS-vuchdruckerek 41.
Marburg, MarN 21. - Telephon 55.
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Erstes Blatt.
• Deutsch-Südwestafrika.
Der Bezirksrichter von Keetmanshoop hat an rin freisinniges Berliner Blatt einen Brief gerichtet, in dem er die Mahnung ausfprrcht, doch die Bahn von Kubub nach Keetmanshoop so bald als möglich zu bewilligen, zumal sie ja nicht end- giltig abgelehnt sei, sondern jedenfalls dem Reichstage unmittelbar nach seinem Zusammentritte wieder vorgelegt werden würde. In dem Briefe werden die jetzigen, ungemein großen Schwierigkeiten des durch die Bahn zu überwindenden Weges wie folgt geschildert:
„Das Land selbst produziert gegenwärtig, abgesehen von Fleisch, nichts, absolut nichts. Alles, was der Mensch braucht, muh von der Küste bezogen und den Vaiweg hinaufgeschafft werden. Man stelle sich den Baiweg nun aber nicht als Straße vor; er ist nichts mehr und nichts weniger als eine Anzahl ausgefahrener Wagengleise, die meistens durch tiefen Sand, teilweise über große Steine, hinweggehen und nur an wenigen Stellen, aus felsigem Boden, eine glatte Fläche bilden. Wasier und Weide gibt es nur an wenig Orten, und überall nur in beschränktem Maße; bei dem jetzigen enormen Verkehr mangelt is an Wasier sowohl wie an Weide so sehr, daß oft ganze Gespanne krepieren; das erste Wasier von Kubub nach Keetmanshoop zu ist 67 Kilo- ' meter von Kubub (!) entfernt. Man stelle sich doch einen Möbelwagen vor, der mit 6000 Pfd. beladen ist und 67 Kilometer durch tiefen Sand fahren soll, um ans Wasier zu kommen, und der in ähnlicher Weife dann noch beinahe 200 Kilometer fahren soll, ohne Futter für die Tiere. Dann kann man sich denken, daß hier in Keetmanshoop jetzt ein Zentner Kartoffeln 1200 Mk. und eine Flasche Bier 5 Mark kosten. Die Preise sind jetzt so hoch, weil nicht nur Wasiermangel herrscht, sondern das dürre, vereinzelt dastehende Gras auf mehrere Stunden von beiden Seiten des Baiweges entfernt abgefresien ist; von den Ochsen, von denen meist 24 Stück vor einem mit 6000 Pfund beladenen Wagen gespannt werden, krepieren denn auch sehr oft mehr als die Hälfte, und jeder Ochse kostet 450 Mark."
Der „Vorwärts" ist von der Möglichkeit, daß diese eindrucksvolle Schilderung selbst in freisinnigen Kreisen eine Umstimmung zu Gunsten des Bahnbaues bewirken könnte, wenig erbaut und läßt seinem Zorne in folgendem Ergüsse freien Üauf:
„Man sollte meinen, nur ein Irrsinniger könne zur Erschließung eine» solchen Landes einen kostspieligen Vahnbau bewilligen, nur ein Unzurechnungsfähiger könne um eine solche
BO ’ •'? (Nachdruck verboten.^
Die Kette.
I Roman von -ans Schulze.
■IV (Sortierung.)
Die Gräfin saß wie versteinert.
Eine lähmende Furcht beschlich sie vor dem Manne, der so kalt und unbarmherzig die innersten Tiefen ihrer Seele auseinanderlegte.
Ihr war's, als müsie sie aufspringen und es ihm ins Gesicht schreien:
„Es ist nicht wahr, was dieser Sterbende gesagt hat! Das nicht, das letzte nicht!"
Doch die Kehle war ihr wie zugeschnürt; vergebens rang sie nach einem Worte der Rechtfertigung, der Verteidigung.
! Und auf einmal deuchte es ihr, als flammten wieder die Züge der Schrift vor ihr auf, die sie einst in jener Todesnacht in feurigen Lettern über dem Vettchen ihres Kindes zu sehen geglaubt, als sie in Reue, Verzweiflung und Trotz mit sich selbst über ihren Anteil an dem Geschick ihres Gatten gehadert hatte.
„Wer eines anderen Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon int Herzen die Ehe gebrochen."
Sie wollte sich erheben und aus dem düsteren Saale entfliehen, depen Erabesluft ihr fast den Atem nahm, aber die Knies versagten ihr den Dienst, der strenge Blick des unerbittlichen Gesichts ihr gegenüber bannte sie wie mit magnetischer Gewalt in ihren Sesiel.
Eine dunkle Empfindung wand sich in ihr 'empor,, daß dieser Mann mit seiner Abrechnung noch nicht zu Ende war, daß er den vernichtenden Schlag bis zunt Schlüße aufgespart hätte, tznd mit einer schmerzlichen Regung wollüstiger Selbstqualerei wünschte sie auf einmal von jetber, den Kelch ihrer Verdammnis bis zur pceige zu leeren. Wie geistesabwesend starrte sie vor sich hin.
Wüste überhaupt Krieg führen! Aber der Freisinn donnert im Lande nur demagogisch gegen die „widersinnige" Kolonialpolitik, um dann im Reichstag diesen Widersinn durch Bewilligung aberwitzigster Forderungen nach Kräften zu unterstützen!"
Wenn der Freisinn in der Tat die Forderung des Bahnbaues bewilligen sollte, so würde der Irrsinn nicht auf seiner Seite sein. Daß der Süden des Landes gegenwärtig nur Fleisch erzeugt, macht ihn doch nicht wertlos. Er hat als Viehzuchtland eine große Zukunft. Daß aber zur Erreichung des Innern der unfruchtbare Strich durch die Bahn überwunden werden muß, ist doch selbstverständlich. Man denke sich einmal, Wir ständen als eindringende Kolonisten nicht Südwestafrika, sondern Deutschland gegenüber und hätten etwa die Kurische Nehrung bei Preil oder Perwalk als Eingangspunkt. Dann würde auch auf die Durststrecken dieser Dünen- wüste und auf die Sümpfe des hinter dem Haff liegenden Littauens hingewiesen werden müßen. Würde man deshalb den Plan, durch den Bau einer Eisenbahn das fruchtbare Hinterland zu erschließen, als „Irrsinn" bezeichnen wollen? Jedem Kenner Südafrikas leuchtet die Notwendigkeit des Vahnbaues ein. Dem „Vorwärts" nicht, weil er sich Gründen grundsätzlich entzieht. Wer nicht auf sein Parteidogma schwört, ist entweder ein Schuft, Lump, Rohheitsverbrecher und Kolonialmolch — Anbeter oder — irrsinnig. Der sittliche Wert der Sozialdemokratie kommt in dieser geistigen Verfassung treffend zum Ausdrucke.
Umschau.
Eine Lücke im Militärpensions- gesetz
findet ein Leser unseres Blattes. Er erzählt ein Beispiel, das wir für sich sprechen laßen wollen:
Ein Offizier, der drei Feldzüge mitgemacht hat, und 1870/71 zweimal schwer verwundet wurde, nahm nach lOjähriger Dienstzeit 1871 seinen Abschied. Er bezog bisher jährlich 429 JA Pension, 1350 JA Pensionserhöhung und 930 M Verstümmelungszulage (Verlust eines Armes), in Summa also 2709 JA. Nach dem neuen Pensionsgesetz bezieht derselbe jährlich 571 JA Pension, 1200 JA Kriegszulage und 900 JA Verstümmelungszulage, in Summa also 2671 JA. Da aber der zu zahlende Gesamtbetrag hinter den früheren Penstonsgebühren nicht zurückstehen darf, so wird ihm die Differenz (2709 — 2671 — 38 Jl) als besonderer Zuschuß gewährt. (§ 43.) Alle Offiziere, die unter diesen oder ähnlichen Verhältnißen wegen Dienstbeschädigung im Feldzug in ihrer Jugend schon den Abschied nehmen mußten, sind darnach von den Wohltaten
Schon lange sprach der Baron weiter, gemeßen, eindringlich, doch seine Worte, die wie brandende Stoßwellen gegen sie heranrollten, sie drangen nicht bis zu ihrer Seele, sie füllten nur ihr Hirn mit einem Druck dumpfer Betäubung.
Sie hörte nicht, sie sah nicht, sie wartete nur auf das eine Wort, das kommen mußte, das ihr Endurteil barg.
„Georg — das Kind!"
Wie von einem Peitschenschlage getroffen, fuhr sie in die Höhe.
Jetzt war es geschehen, jetzt enthüllte sich das letzte.
Und plötzlich stellte sich auch die Klarheit ihrer Sinne in aller Schärfe wieder her, formten sich die Worte des furchtbaren Anklägers wieder zu einem Besitztum ihres Denkens.
„Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr!" klang es in der düsteren biblischen Rhetorik des Barons, „llnerforfchlich sind die Wege des Allmächtigen! Viele Jahre hat er Sie dahin gehen laßen im Glück Ihrer sündigen Gemeinschaft, weil er wußte, daß Sie seinem Arm doch nicht würden entgehen können! Denn er hatte Ihre Augen verblendet, daß Sie sich selbst einen Rächer Ihrer Schuld heranzogen. Sie achteten damals nicht der Wiege, die Ihnen hätte Halt gebieten müßen! Auf Ihre erste Sünde häuften Sie die zweite! Sie vergaßen die einfachste Pflicht gegen Ihr Kind, als Sie dem Manne, der ihm den Vater geraubt, die Hand zum Ehebunde reichten!
Dies Kind steht jetzt in Dombrowo zwischen ^zhnen wie ein Gespenst! Ich weiß es, ohne daß Sie es mir bestätigen! Ich sehe es an Ihrem Gesicht, an Ihren Augen. Der Tote nimmt durch seinen Sohn an Ihnen Rache!"
.Mit einem ächzenden Laut sank der Baron zurück — es war so still, daß Ruth meinte, ihren eigenen Herzschlag hören zu können,
des Gesetzes von vornherein ausgeschloßen. Die Erhöhung der eigentlichen Pension von 429 JA auf 571 JA. also um 142 JA, bringt, da die Pension als solche steuerpflichtig ist, die Erhöhung des steuerpflichtigen Einkommens überhaupt, und genügt im vorliegenden Falle gerade zur Versetzung in eine höhere Steuerstufe. Die Staatssteuer beträgt darnach mehr 30 JA, die Gemeinde- und Kirchensteuer ca. 70 M. Der Pensionär ist also geschädigt um rund 100 JA. Vielen Pensionären wird es nicht beßer gehen, alle aber werden wirklich Schaden haben, wenn sie als Beamte im Zivildienst pensioniert werden. Früher konnten sie nur die eigentliche Pension, in dem vorliegenden Falle also 429 JA, verlieren, behielten dagegen die Pensionserhöhung mit 1350 M und die Verstümmelungszulage mit 930 JA, zusammen 2280 JL. Jetzt wird ihnen nur belaßen 1200 cM. Kriegszulage und 900 JA Verstümmelungszulage, zusammen 2100 JA-, sie erleiden also gerade im Alter, wo sie es am besten gebrauchen können, einen Ausfall von 180 JA p. a.
Es kann unmöglich die Absicht der Gesetzgeber gewesen sein, gerade die Offiziere, welche am schwersten in ihrer Gesundheit geschädigt sind, schlechter zu stellen, als vorher, und es würde nur ein Akt der Gerechtigkeit sein, allen Offizieren dieser Kategorie die Wohltaten des § 13 des neuen Gesetzes zuzuwenden und ihre Eesamt- gebührniße auf 3000 JA zu erhöhen.
Kanäle in Deutschland und Frankreich.
Wenn man jetzt sieht, wie viele Kanäle Frankreich (za. 4620 Kilometer) und wie wenig Deutschland (za. 2554 Kilometer) hat, so könnte man leicht zu der Ansicht kommen, Frankreich habe viel eher mit Kanalbauten begonnen als Deutschland. Diese Annahme wäre aber falsch. In Deutschland wie in Frankreich begann man mit den ersten größeren systematischen Kanalbauten im 17. Jahrhundert. 1668 bis 1684 wurde der brühmte große Kanal in Frankreich gebaut, der die MittelmeexflLße mit der Garonne verbindende Kanal von Languedoc, und um das Jahr 1800 hatte Frankreich erst ein Kanalnetz von za. 1000 Kilometer Länge. In Deutschland baute der Große Kurfürst 1662 bis 1668 die ersten großen Kanäle von der oberen Oder zur unteren Elbe, die Friedrich der Große dann ausbaute und erweiterte. Freilich war Deutschland auch damals schon im Kanalbau hinter Frankreich zurück, aber so auffallend wie im 19. Jahrhundert doch nicht. Frankreich erlebte seit der Zeit Napoleons einen ungeheuren Aufschwung des Kanalbaues, in den Jahrzehnten von 1800 bis 1868 stieg Jbie Kilometerzahl seiner Kanäle von za. 1000 auf 4550 Kilometer, während man in Deutschland arg zurückblieb. Einmal hatte man bei uns infolge der Freiheitskriege kein
In Fiebereile jagten sich ihre Gedanken.
Ihr war, als müße sie sich mit ihrer letzten Kraft dem Schicksal cntgegenstemmen, kämpfen für sich und die Ihren bis zum äußersten.
Doch vergebens.
Enger und enger zog die Vergangenheit, die dieser Mann in so mitleidloser Härte vor tyr hatte erstehen laßen, ihre furchtbaren Kreise und umschnürte ihr Herz gleich eisernen Klammern.
Wie der Schrei eines verwundeten Tieres
• rang es sich endlich schwer aus der gequälten
Brust:
„Warum martern Sie mich so? Kennen Sie denn kein Erbarmen? Was Sie mir sagen, das weiß ich längst, das hat ja vom ersten Tage meiner neuen Ehe an mein Leben vergiftet! Es ist doch aber einmal geschehen! Ich kann es doch nicht ändern, nicht rückgängig machen!"
Mit einem flehenden Blick scheuen Jammers sah sie zu ihm auf.
Ein lautloses Schluchzen erschütterte ihren schlanken- Körper.
Ohne Regung saß sie da, nur die Tränen liefen ihr in schmalen, schimmernden Rinnen üoer das blaße Gesicht.
Eine müde Erschlaffung überkam sie, wie aus weiter Ferne schienen ihr die Worte ves Barons herüberzuklingen, als er jetzt abermals mit feierlichem Pathos zur Antwort anhob:
„Rückgängig läßt sich nichts machen von dem, was Sie verbrochen haben! Darin haben Sie recht! Was ich verlange und verlangen muß. ..r etwas anderes. Sie sind hierhergekommen, um meine Tochter für Ihren Sohn zu werben. Ich bin verantwortlich für mein Kind und damit verpflichtet, in allererster Linie auf klare Ver- hältniße seiner Zukunft zu dringen!"
Eine entsetzliche Angst dämmerte in der Gräfin auf, mit zitternden Händen klammerte sie sich an die Lehne ihres Sessels..
(Selb zu Kanalbauten und dann auch kamen iri den 30—50er Jahren die Eisenbahnen. Man glaubte, neben diesen würde sich die Vinnen- schiffahrt kaum halten können — und so wollt« man nichts von Kanalbauten in Deutschland wissen. Sogar die gelehrten und einsichtigen Männer bekämpften z. V. heftig Ludwigs I. von Bayern Plan, Donau und Main durch Kanäft zu verbinden. Und gegen die öffentliche Mein- ung wurde das Donau-Main-Kanalprojett durchgesetzt. Ein Umschwung zugunsten der Kanäle trat erst um 1875 in Deutschland ein. Und seit dieser Zeit erst hat dann der Kanalbau bei uns wieder großartige Fortschritte gemacht. Daß man aber in 25 Jahren noch nicht nachholen konnte, was in zwei bis drei Menschenaltern versäumt wurde, ist erklärlich.
Ausland.
Rußland. Es ist eine wahre Freude zu be-« obachten, wie trotz des schweren Druckes der Zeit oder, vielleicht richtiger gesagt, infolge desselben das Deutschbewußtsein unter den deutschen Kolonisten Südrußlands eine immer kräftigere Ausprägung erhält. Hierin geht zumal das Kolonistendeutschtum der Odeßaer Gegend, dem es bekanntlich auch gelungen ist, in den Abgeordneten Widmer und Münnich zwei zuverlässige nationalgesinnte Vertreter in die Reichsduma zu entsenden, führend voran. Die deutsch- nationale Bewegung dort ist in zwei Vereinen organisiert: im „Südrussischen deutschen Verband" und im „Verein zur Förderung der geistigen Entwicklung unter den beutWen Kolonisten Rußlands". Letzterer schreibt die Hebung des Schulwesens, Verbreitung der Aufklärung durch Wort und Schrift und Gründung neuer Schulen auf seine Fahne, und ersterer, dessen Programm etwas weiter gefaßt ist, bebt in seinen Satzungen die Wahrung und Hebung oer Muttersprache in Wort und Schrift zur Erhaltung des nationalen Bewußtseins, die Förderung und Stärkung der geistigen und kulturellen Güter des Deutschtums, den Zusammenschluß aller Deutschen russischer Staatsangehörigkeit im Süden des Reiches ohne Unterschied des' Glaubens und des Standes zur Abwehr drohender Gefahren, zur Unterstützung der wirtschaftlich Schwachen und die Stellungnahme zu politischen Tagesfragen hervor. „So regt sich," sagt die „Od. Ztg." dazu, „überall neues, frisches Leben, der lange, lange durch eine Eiskruste gefesselte Strom zerbricht feine Bande und schießt dahin ,einer unbekannten, aber frohen Zukunft entgegen." — Ein Paragraph des Satzungsentwurfs des zweitgenannten Verbandes betont ausdrücklich, daß drei Mitglieder des Vorstandes den drei Glaubensbekenntnissen — lutherisch, katholisch, mennonitisch — angehören müssen. Im übrigen ist es gleich, ob Kolonist oder Balte, ob evangelisch oder katholisch. Juden sind ausgeschlossen. Nur deutsch wollen die Mitglieder
„Was haben Sie im Sinne?" stammelte sie mühsam. „Was verlangen Sie?" —
„Ich fordere Sühne! Sühne an demselben, an dem Sie gesündigt haben : an Ihrem Kinde! Faßt Sie nicht selbst ein Grauen davor, wie Sie sich an Ihrem eigenen Fleisch und Blut vergangen haben? Sie haben Ihr Kind gezwungen, fünfundzwanzig Jahre mit dem Mörder seines Vaters unter einem Dach zu leben, Sie haben es Liebe und Verehrung für den Mann gelehrt dessen Todfeind er sein sollte! Aus Egoismus, aus brutalem Egoismus, weil Sie es nicht erwarten konnten, sich Ihrem blutbefleckten Mitschuldigen an den Hals zu werfen!"
In wachsender Erregung hatte sich der alte Mann langsam zu seiner ganzen Höhe emporgerichtet.
„Das muß erst herunter, die Maske, di« Lüge! Nackt und bloß müssen Sie vor Ihrem Sohne stehen, dessen Liebe- Sie sich erschliche« haben! Der einzige auf der Welt, der Ihne« Verzeihung gewähren kann, ist dieser Sohn! Z« ihm sollen Sie gehen und Ihre Schuld bekennen, das ist die Forderung, die ich an Sie richte? Und wenn er Ihnen vergeben hat, dann mögen Sie wiederkommen, dann können wir weiterreden r*
Wie ein zürnender Richter des alten Bunde« stand er vor der unglücklichen Frau.
Sie wollte antworten, doch ihre Laute orie- ben ein tonloses Gestammel.
In irrender Suche schweiften ihre Blicke a« den Wänden umher, es hämmerte ihr in bett Schläfen, ein schwarzer Nebel wallte ihr plötzlich vor bett Augen. .
Ein letztes, gequältes Aechzen, ein Keuchett. der Angst aus erstickenber Kehle.
Dann schwanden ihr die Sinne. ' j Ohnmächtig glitt sie aus der Rundung b«?i Sessels auf den Fußboden hinab.---
(Fortsetzung folgt.)' .