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Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag' Iah. Aug. Koch, UmverfitatS-Buchdruckerei 41.

Marburg, Markt 21. - Telephon 55. 1 H

Marburg

Freitag. 13. Jutt 1906.

mit dem Kreisdlatt für die Krerse Marburg und Kirchtzain

Sonntagsbeilager Jlluftrtrtes SonntaasblqG

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Neueste Telegramme.

Berlin, 12. Juli. Eine Aenderung der neuen Verichtsvollzieherordnung ist vielfach von In­teressentenkreisen und auch in der letzten Session von Abgeordneten gefordert worden. Nach der ^Nat.-Ztg." hat nunmehr der Justizminister ein­gehende Feststellungen darüber angeordnet, in­wieweit die Klagen über die Wirkung der jetzi­gen Eerichtsvollzieherordnung durch die Erfah­rungen des täglichen Lebens bestätigt werden.

Essen (Ruhr), 11. Juli. Das endgiltige Er­gebnis der Reichstagsersatzstichwahl im Wahl­kreise Altena-Iserlohn ist folgendes: Haberland (Soz.) 15 884, Klocke (Zentr.) 14 068 Stimmen. Der erstere ist somit gewählt.

Wien, 12. Juli. Nach den neuesten Disposi­tionen wird König Eduard zwischen dem 5. und 7. September in Wien eintreffen und zwei Tage verweilen. Der Kaiser trifft zurückkehrend von den Tetschener Manövern am 4. September in Wien ein. Wahrscheinlich wird zu Ehren des Königs ein großes Galadiner mit Trinksprüchen stattfinden. Von Wien kehrt der König direkt nach London zurück.

Paris, 11. Juli. Der Kassationshof hat heute die Beratung über die Dreyfus-Angelegenheit fortgesetzt. Das Urteil wird, wie es heißt, nicht vor morgen oder übermorgen, vielleicht erst in den ersten Tagen der nächsten Woche gefällt werden.

London, 11. Juli. Der Kongreß der Handels­kammern des britischen Reiches, der zurzeit hier tagt, hat mit 107 gegen 35 Stimmen eine von den kanadischen Handelskammern vorgeschlagene Resolution angenommen, die sich dafür ausspricht daß den einzelnen Teilen des Reiches in kom­merzieller Beziehung eine Vorzugsbehandlung gegenüber dem Auslande zu gewähren sei.

London, 11. Juli. Die Zusammenkunft Kai­ser Wilhelms mit dem Zaren wird, derTri­büne" zufolge, im Laufe des August, und zwar wiederum auf der Höhe von Björkoe erfolgen. (Wieder eine englische Hehnachricht, um von einer Einmischung Deutschlands in die russischen Verhältnisse sprechen zu können).

Christiania, 11. Juli. Der deutsche Kaiser hat durch den hiesigen deutschen Gesandten seine außerordentliche Befriedigung aussprechen lassen über die ihm während seines Besuchs in Dront- heim von allen Seiten zuteil gewordenen Auf­merksamkeiten.

Deutschland und England.

# In derDeutschen Revue" erörterte kürz­lich ein offenbar praktisch veranlagter Staats­mann die Frage eines deutsch-englischen Einver­nehmens. Er hält es dabei zunächst für ange-

18 (Nachdruck verboten.).

Die Kette.

Roman von Hans Schulze.

(Fortsetzung.)

Es ist wunderschön und friedlich hier!,, sagte die Gräfin, sich auf das Geländer stützend. Wie in einem richtigen Märchen! Rur etwas wüst und verwachsen!"

Ulrike zuckte die Achseln.

Seit zehn Jahren ist kein Gärtner mehr in den Park hineingelassen worden! Alles grünt und blüht vollständig nach seiner Fasson! Auch das Haus verfällt ich glaube eines schönen Tages bricht uns der ganze Kasten einmal über dem Kopfe zusammen! .Doch jetzt komm, bitte, mit nach unseren Frauengemächern! Du kannst dort ablegen und dich noch ein wenig ausruhen, ehe du dich in die Höhle des Löwen begibst!"

Mit diesen Worten winkte sie dem ehrer­bietig im Hintergründe verharrrenden Diener, die Tür zu öffnen, und die beiden Damen traten in die große Eingangshalle des Schlosses, die, geräumig, wie das Refektorium einer Abtei, den Mittelpunkt bildete, um den sich die ganze in­nere Anlage des riesigen Baues gruppierte.

Eine prächtige Sammlung von Hirschgeweihen und ausgestopfter gefiederter Jagdbeute bedeckte die weiten Wandflächen, deren kräftig geglie­derte Rippen an ' der hochgewölbten Decks in einem reichen Stuckmuster mit wunderlich ge­formten Arabesken zusammenliefen.

Uralter Hausrat stand herum, prachtvoll ge­schnitzte Schränke und Truhen; ein Winkel neben dem ungeheuren Kachelofen war mit per­sischen Diwans und Raubtierfellen zu einem be- tsuemen Ruhesitz umgestaltet.

Rechts und links führten schwere eichene Kreppen zum ersten Stoawerk empor, dann ging es durch ein Labyrinth von Korridoren und Sälen, in denen die kalte, unwirtliche Luft nie bewohnter und geheizter Räume hing, ____|

I zeigt, den Austausch von Freundlichkeiten, der seit Dezember zwischen Deutschland und England in Nachtischreden und bei anderen Anlässen statt­findet, auf seinen wahren Wert zurückzuführen. Die schönsten Versicherungen englischer Minister, selbst in deutscher Sprache, über den freundschast- I lichen Charakter, den die deutsch-englischen Be- I Ziehungen hätten oder haben müßten, blieben I wertlos der Tatsache gegenüber, daß eine einzige I falsche Nachricht über die angeblichen Absichten I Deutschlands, irgendwo an dem Wege nach Ost- I asien ein Kohlendepot zu errichten, die öffentliche I Meinung in England beunruhige und die bri- I tische Presse zu allerlei Invektiven gegen Deutsch- I land hinreisie.

Ein wirklich und dauernd gutes Einverneh- I men der beiden Völker, wie wir es aufrichtig I wünschten und jederzeit zu vertreten bereit- I ren, habe zur Voraussetzung, daß beide Mächte I über ihre Interessen auf den einzelnen Welt- I meeren und den sie verbindenden Handelsstraßen I sich verständigten. Bei Englands Verträgen liege I jedoch, wie das Abkommen mit Frankreich vom I 8. April 1904 abermals bestätige, der Löwenan- I teil auf englischer Seite. Es sei daher fraglich, I ob es für Deutschland irgendwelchen Nutzen hätte I sich England gegenüber vertragsmäßig zu bin- I den. Es entspräche wohl mehr dem deutschen In­teresse, wenn die Verhandlung von Fall zu Fall versucht werde, zumal die Gelegenheiten, bei de­nen England ein Entgegenkommen von deutscher Seite gern annehme, keineswegs selten seien. Die Möglichkeit einer Verständigung mit Eng­land für bestimmte Zwecke habe ja auch bereits zu verschiedenen Abmachungen Anlaß gegeben, die freilich teilweise nicht sehr glücklicher Natur gewesen wären. So sei es z. B. immerhin denk­bar, daß wir in Kompensation mit den englischen Eisenbahnwünschen in Afrika ein die Bagdad­bahn sicherndes Einvernehmen schlössen.

Einen Vertrag, der die Erhaltung des euro- I päischen Status quo zum Gegenstände habe und damit sehr feste Bürgschaften für die Erhaltung des Friedens in sich schließe, könne Deutschland mit kontinentalen Großmächten stets eingehen; ob England zu einem solchen Vertrage bereit wäre, sei eine schwer zu beantwortende Frage. Beispielsweise könne das englische Interesse am Status quo des Frankfurter Friedens sehr ver­schieden ausgelegt werden. Unter den Staats­männern Englands gebe es eine Richtung, die ein starkes, aber friedliches Deutschland als Not­wendigkeit für das Gedeihen des Weltteils be­trachtete. Eine zweite Richtung jedoch vertrete die Auffassung, daß ein wieder in den Besitz sei­ner alten Einfallstore nach Deutschland einge­setztes Frankreich seinen Schwerpunkt mehr nach Europa verlegen (?) und seine expansive Politik in Asien und Afrika weniger pflegen werde (?).

Baronin Ulrike trippelte immer eifrig voran, hier ein verstaubtes altes Gemälde erläuternd, dort auf eine besonders kunstvolle Schnitzerei an den aus den verschiedensten Jahrhunderten stam­menden Möbeln aufmerksam machend; der ganze Umfang des Schlosses enthüllte sich recht eigent­lich erst auf diesem abendlichen Rundgang.

Hier kommt oft jahrelang außer dem Haus­verwalter kein Mensch her!" bemerkte die Baronin.Nur weil du mir heute deinen ersten feierlichen Besuch machst, führe ich dich einmal in den Staatszimmern herum. Sie liegen ge­wissermaßen wie eine neutrale Zone zwischen dem Flügel meines Bruders und unserem eige­nen Reich, das jetzt seinen Anfang nimmt!"

Damit öffnete sie die Tür zu einem reizend eingerichteten kleinen Boudoir.

Hellblaue Stofftapeten bekleideten die Wände; überall niedrige Fauteuils, bequem, zum Träumen einladend.

Ein schwerer, türkischer Teppich deckte, jeden Laut eines Schrittes verschlingend, den parket­tierten Fußboden; der zierliche Schreibtisch ver­schwand fast unter einer Unzahl von Meißener Porzellanfigürchen, die in kosenden Stellungen alle Etageren bevölkerten, dazwischen die Ama­zone von Kiß mit geschwungenem Speer.

Ein feiner Duft von Peau d'Espagne schwebte über dem üppigen Raum.

In den breiten Spitzenstores der Fenster ver­glühte der letzte Scheidegruß der sinkenden Sonne, dunkelgoldige Arabesken auf die Wände malend.---

Hier leb' ich, hier wohn' ich; nebenan be­ginnt Käthes Gebiet! Und nun du endlich ein­mal auf meinem Grund und Boden stehst, liebste Ruth, laß dich nochmals herzlich begrüßen! Mögen diesem ersten Besuch, den du mir in den zwölf Jahren unseres nachbarlichen Zusammen­lebens machst, noch viele, viele andere folgen und sich von jeüt ab aus ihm ein recht harmoni­sches Verhältnis zwischen unseren beiden Häu­sern entwickeln!"

Gelange auch letztere Richtung nicht in den Vor­dergrund, weil das britische Volk eine Störung der Hauptkunden Englands, nämlich Deutsch­lands und Frankreichs, nicht wolle, so gehe doch aus allem hervor, daß ein deutsch-englisches Ein­vernehmen über den einzelnen Fall hinaus kaum denkbar sei.

Wir müßten eben warten, bis in England die Erkenntnis durchdringe, daß die wirtschaft­liche Entwicklung Deutschlands im Orient und in den überseeischen Ländern keinen Gegensatz zu britischen Interessen bedeute, denen mit dem Ge­deihen eines guten Kunden nur gedient werde. Nichts weiter als das Ausgeben der Scheelsucht und als die für uns nötige Ellbogenfreiheit zur Entfaltung unserer Kräfte auf der See begehrten wir von England. Unsere friedliche Waffe der wirtschaftlichen Tüchtigkeit vermöge England nicht zu überwinden. Sobald diese Erkenntnis in Großbritannien allgemein geworden sei, werde auch das herzliche Einvernehmen beider Länder gegeben und von Dauer sein.

Zur Lage in Rußland.

Das bisher stets zuverlässige Semenowsche Leibgarde-Regiment ist ebenfalls in Gärung. Unlängst übermittelte die 8. Kompagnie dem Regimentskommandeur, General Min, der wäh­rend der Moskauer Revolutionstage die Straf­expedition dort leitete, einen Brief, worin sie die Geldbelohnung verlangt, die ihr seinerzeit der Moskauer Eeneralgouverneur Dubassow ange­wiesen hatte, die bisher aber noch unausbezahlt geblieben ist. General Min versammelte das Regiment um sich und teilte ihm mit, daß er bereits längst den Bataillons-Kommandeuren die Summe zur Auszahlung an die Mannschaf­ten angewiesen habe; er würde sofort dafür sor­gen, daß sein Befehl endlich ausgeführt werde. Außerdem forderte er die Mannschaften auf, den Aufwieglern keinen Glauben zu schenken. Die Moskauer Tätigkeit des Regiments werde ein Verrat am Volk genannt; tatsächlich sei es aber der Retter des Volkes gewesen. General Min teilte ferner mit, er habe einen Drohbrief be­kommen, daß er, wenn er sich nicht spätestens bis zum 24. Juli aus dem Leben befördere, getötet werden würde. Er glaube nicht daran; doch sollte er tatsächlich ermordet werden, so sollten die Sol­daten weiter eidestreu verbleiben.

Moskau, 11. Juli. Durch einen geheimen Runderlaß untersagte der Heilige Synod unter Androhung schwerer Strafen das Drucken politi­scher Broschüren und Aufrufe in den Kloster­druckereien. Anlaß zu diesem Einschreiten der Kirchenbehörde gab unter anderem der Umstand, daß in der Kathedrale zur Himmelfahrt in Kiew In einem unterirdischen Raume eine Druck-

Die kleine Baronin hatte sich der Cousine an den Hals geworfen und küßte sie enthu­siastisch.

Die Gräfin ließ sie lächelnd gewähren, auch daß Ulrike sie zu einem Sopha geleitete und Wein und ein paar kleine Erfrischungen heran­schleppte.

Die kurze Rast tat ihren Nerven wohl. Die rasche Folge der neuen Eindrücke hatte sie doch etwas angegriffen, und sie meinte, ihrer vollen Kraft für die bevorstehenden Erörterungen zu bedürfen.

Unwillkürlich kam sie mit Ulrike wieder in ein längeres Geplauder, so daß sie fast er­schrocken auffuhr, als der feine, silberne Schlag einer Rokokouhr den Ablauf der achten Stunde anzeigte.

Mein Gott, ich versäume ja noch den ganzen Zweck meines Besuches!" sagte sie, sich hastig er­hebend.Ich bitte dich, Ulrike, mich nun endlich zu deinem Bruder hinüberzuführen! Es wird sonst späte Nacht, ehe ich wieder nach Dombrowo zurückkomme!"

Kannst du nicht bis zum Morgen hier blei­ben?" wandte die Baronin ein.Ein Bett ist doch schnell hergerichtet! Denk dir einmal Käthes Ueberraschung, wenn sie bei der Heimkehr von Hesselbachs dich hier plötzlich vorfindet!"

Nein, nein, das ist ganz unmöglich!" wehrte die Gräfin entschieden ab.Ich darf auf keinen Fall über Nacht von Dombrowo fort sein: mein Mann würde sich ja zu Tode ängstigen! Er kann so wie so schon, denke ich mir, den Moment meiner Rückkunft kaum erwarten?"

Ulrike widersprach nicht länger.

Sie verließ mit Ruth das Boudoir und führte sie dann durch einen endlos langen Korridor nach dem Westflügel des Schlosses hinüber.

Die Dämmerung war indessen allmählich mehr und mehr hereingebrochen.

Als die Damen jetzt in einen kleinen Vorsaal eintraten, der anscheinend als Bibliothek benutzt wurde, waren die Gesichter der alten Familien­

maschine gefunden wurde, auf der aufhetzerische Proklamationen, Aufrufe zu Pogroms verviel­fältigt worden sind.

Warschau, 11. Juli. Seit heute früh wurden hier vier staatliche Spiritusläden überfallen und beraubt, ein Verkäufer tödtlich verwundet. In Lodz wurde gestern Abend in der Nawrotstraßs ein Kosak durch Unbekannte entwaffnet und er­schossen. Darauf kam es um Mitternacht im Zen­trum der Stadt zu blutigen Zusammenstößen zwischen entwaffneten Genossen der Kampfpartei und Kosaken. Mehrere Personen wurden er­schossen. Die telephonische Verbindung mit Lodz ist seit heute morgen unterbrochen. Dort streiken bereits 10 600 Arbeiter; die Mehrzahl von ihnen verlangt 30 v. H. Lohnzu'lage.

Sewastopol, 11. Juli. Heute mittag um 1 Uhr wurde ein Attentat gegen den Kommandie­renden des Schwarzmeer-Eeschwaders, Admiral Tschuchnin verübt. Tschuchnin wurde verwundet und mußte ins Hospital gebracht werden.

Madrid, 11. Juli. Vor einigen Tagen mel­deten hiesige Blätter, auf dem vor Vigo liegen­den russischen KreuzerTerek" fei eine Meuterei ausgebrochen. Die Nachricht wurde sofort amt­lich bestritten. Heute kommt eine Meldung, wodurch das Vorkommnis bestätigt wird. Da­nach wurden die meuternden Marinesoldaten desTerek" an Land gesetzt. Sie verlangten vom russischen Konsulat in Vigo freie Rückbeför­derung in die Heimat und erzählten, man hätte ihnen während der Fahrt verdorbene Nahrungs­mittel gegeben. Sie seien von den Offizieren schlechter behandelt worden als Sklaven. Sie wollten lieber im japanischen Heer dienen als unter russischem Befehl. DerTerek" wird Vigo nicht eher verlassen, bis ein anderes russisches Kriegsschiff Ersatz für die meuternde Mann­schaft bringt.

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Juli.

Seine Majestät der Kaiser ist gestern Abend 8% Uhr auf derHamburg" in Tromsö angekommen. Eine große Menschenmenge er­wartete die Schiffe und brachte dem Kaiser leb­hafte Huldigungen dar.

Das Befinden der Kronprinzessin und des jungen Prinzen ist andauernd befriedigend. Die Taufe wird keinesfalls vor dem 20. August statt- finden. Auch über die Patenschaft verlautet noch nichts bestimmtes. Vermutlich werden darüber erst vom Kaiser nach seiner Rückkehr von del Nordlandreise Bestimmungen getroffen werden.

Der Ausfall der Reichstagsersatzwahl in Altena-Iserlohn, wo der Zentrums­kandidat, wie jetzt feststeht, dem Sozialdemo­kraten unterlegen ist, hat nicht geringe Ueber­raschung hervorgerufen. Nach der Paroleaus­gabe der Nationalliberalen und freisinnigen Partei, für das Zentrum einzutreten, war zu erwarten, daß dessen Kandidat, Regierungsrat

bildnisse, die hier und da zwischen den hohen Bücherregalen eingeschaltet hingen, nur noch in verschwommenen Umrissen erkennbar. I

Laß dir ein paar Augenblicke von diese« erlauchten Herrschaften die Zeit vertreiben/ sagte Ulrike, auf die Gemälde weisend.Es sind einige interessante Sinderoder Typen darunter! Ich bin im Moment wieder hier! Ich will nut meinem Bruder deinen Besuch anmelden!"

Damit verschwand sie im anstoßenden Zim­mer, während Ruth sich wartend auf einen Eck­diwan niederlieb.

In wenigen Sekunden schon sollte sie dem Manne gegenüberstehen, der seit so langen Jahren in diesem unerbittlichen Haß gegen das Haus Lohn« lebte.

Unwillkürlich suchte sie in ihrem Gedächtnis die verblaßten Erinnerungen an den einstigen Leutnant Sinderode zusammen.

Ein stiller, ernster Mensch taucht da vor ihrem geistigen Auge auf, ein Mensch, aus einem anderen Holze geschnitten als die groß« Masse der jungen Offiziere, über deren Herzen sie einst als unumschränkte Königin geherrscht hatte.

Als ihr naher Verwandter war er im Haus« ihres ersten Gatten wie ein Familienmitglied ein und aus gegangen, er und sein Jugend- und Busenfreund Lohn«, die man einst im Regiment die Unzertrennlichen genannt hatte, obwohl einem jeden, der sie näher gekannt, dies enge1 Verhältnis zweier so entgegengearteter Naturen! stets unerklärlich erschienen war. 1

Lohna ein liebenswürdig-offener Charakter von einer sieghaften Lebensfreude, Sinderode dagegen ein in sich gekehrter, verschlossener Ein­siedler, mißtrauisch und reizbar und in hohen Grade launenhaften Verstimmungen untet warfen. . . .

Jetzt erschien die Cousine wieder auf d« Türschwelle und wintte Ruth, ihr zu folgen.

(Fortsetzung folgt).