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Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck tmb Verlage Joh. Aug. Koch, UmverfitätS-Buchdruckerci 41. Jahrg.

Marburg, Markt 2L Telephon o5.

mit dem KeeisbLatt für die Kreise Marburg und Kirchham

Sonntagsbeilage: AllüftrtrieS Sanntaasblätt.

Marburg

Mittwoch, 11, Juli 1906.

Vierteljährlicher Bezugspreis: bet ver Expedition 2 Mk., der allen Postämtern 2,25 M. texet. Bestellgeld).

InserttonSgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Psg.

Reclamen: die Zeile 25 Pfg.

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Erstes Blatt.

Neueste Telegramme.

T9 Berlin, 10. Juli. Der König verlieh nach Abschluß der parlamentarischen Verhandlungen vber den Gesetzentwurf betreffend die Unterhal­tung der öffentlichen Volksschulen dem Kultus- fninister Dr. Studt den Schwarzen Adlerorden ßlnd dem NNnisterialdirektor Schwartzkopff den Kronenorden 2. Klasse mit Sternen und Bril­lanten.

Berlin, 10. Juli. Wie dieNorddeutsche All­gemeine Zeitung" hört, hat die italienische Re­gierung von dem Inhalt des zwischen Italien, England und Frankreich verhandelten Abkom­mens über Abessynien hier vertraulich Kenntnis 'gegeben.

Berlin, 10. Juli. Nach hier eingegangener telegraphischer Nachricht ist Oberst von Deim­ling am 6. d. M. in Swakopmund eingetroffen 'und hat sich nach Windhuk zur Besprechung mit dem Gouverneur von Lindequist begeben. Er beabsichtigt, demnächst über Luderitzbucht nach Keetmanstzoop zu gehen, wo er voraussichtlich Ende dieses Monats eintreffen wird.

Lübeck, 10. Juli. Dem Senat ist die Mittei­lung zugegangen, daß die englische Flotte bei ihrer Fahrt in der Ostsee, in Divisionen geteilt, in der Zeit vom 25. bis 30. August die deutschen, finnischen und russischen Häfen anlaufen werde.

London, 0. Juli. Nach einer Meldung des Daily-Telegraph" aus Tokio voni 8. Juli ist das britische Geschwader in Yokohama eingetrof­fen. Morgen wird Admiral Moore mit seinem Stabe vom Kaiser in Audienz empfangen wer­den. Am Mittwoch wird Admiral Togo ihm zu Ehren ein Festessen veranstalten.

London, 9. Juli. WieDaily Mail" aus Alexandria erfährt, find angesichts der Gefahr der panislamitischen Bewegung Befehle nach Malta und Gibraltar gegeben worden, um Truppen bereit zu halten zu möglichst sofortiger Beförderung nach Egypten. Die fortwährende Vermehrung der britischen Besatzung auf eine Stärke, die es mit jeder plötzlich ausbrechenden Kevolte aufnehmen könne, werde wahrscheinlich sobald als möglich stattfinden. Besondere Auf­merksamkeit solle auf die Artillerie des Okku­pationsheeres verwendet werden.

Washington, 9. Juli. William Bryan er- Märte sich in einem Schreiben an den früheren Präsidenten des demokratischen National- Komitees Jones bereit, seiner Wiederausstellung sals Kandidat für die Prästdentschastewahl zu- zustimmen.

i Tanger, 9. Juli. Wie von zuständiger Seite fiber die Mission des hiesigen italienischen Ee-

f - ^Nachdruck verhotett.jj

Die Kette.

Roman von Hans Schulz«.

> y.: (Fortsetzung.)'

* 7, Kapitel.

, Die mahnenden Stimmen der Sinderoder Glocken waren auch in Dombrowo nicht unge- ^ört verhallt.

< Dombrowo, das selbst keine eigene Kirche (besaß, gehörte mit anderen Gütern und kleine- "ren Dörfern der Umgegend zu dem Kirchspiel 'Sinderode, über dae dem Baron Sinderode das Patronat zustand.

; Gräfin Ruth war keine eifrige Kirchen- gängerin, schon aus Gründen, die sich aus dem feindlichen Verhältnis der beiden Nackbargüter tzanz natürlich ergaben; sie mied das Sinderode: Gebiet, obwohl die Gefahr einer Begegnung mit idem Schloßherrn so gut wie ausgeschlossen war, da sich dieser während seiner ganzen Regier- -ungszeit auch nicht ein einziges Mal im Dorfe hatte blicken lassen, sondern seine meist nächt­lichen Spaziergänge aus den Bereich seines (Parks und der nächsten Teile des angrenzenden Waldes beschränkte.

Wenn sie also die Sinderoder Kirche nur an hohen Feiertagen in dem alten Stand der Herr­schaft Dombrowo sah, so gehörte die Gräfin doch zu den tatkräftigsten Mitgliedern der Eemeiude, die für wohltätige Zwecke stets eine offene Hand besaß und im geheimen viel Elend in den Jnst- unb Häuslerkaten auf Meilen im Umkreis« linderte.

Die Gräfin hatte sich, ihrer starkgeistigen Persönlichkeit entsprechend, im Laufe der Zeit eine eigene Religion geschaffen, in der sich aller­dings für starre Dogmengläubigkeit kein Platz befand, die aber doch in ihren Grundlinien auf den: ethischen Gehalt der Evangelien fußte und fich mit einer mutigen, aus dem Leben genom­menen Freiheit philosophische» Denkens paarte.

sandten Malmusi, der dem Sultan das Ergeb­nis der Konferenz in Algeciras zu überbringen hatte, und der jetzt hierher zurückgekehrt ist, ver­lautet, unterzeichnete der Sultan das Dokument, ohne eine Abänderung zu beantragen. (Dies be­stätigt die Ausführungen unseres gestrigen Leit­artikels). Der Sultan versteht vollkommen die Wichttgkeit der sofortigen Einführung der Re­formen, will jedoch, da er den Widerstand, den sie finden wird, kennt, diese erst nach und nach einführen. Die Verhandlungen mit dem Sultan seien ohne Zwischenfall verlaufen.

Die wirtschaftliche Lage im Handelskammerbezirk Cassel.

Die überreichlichen politischen Erregungen, Sensationen und Befürchtungen des Jahres 1905 haben, wie der uns soeben zugegangene Jahresbericht der Handelskammer für 1905 be­sagt, auf die Gestaltung von Handel und Ge­werbe reinen tiefer gehenden Einfluß auszu- Lben vermocht. Vielmehr ist das Jahr 1905 das erste, das die voraufgegangene Krisis als völlig überwunden erscheinen läßt, ja in ein­zelnen Betriebszweigen sogar bereits wieder die Merkmale der Hochkonjunktur zeigt.

Was nun die wirtschaftliche Lage von Han­del und Gewerbe im Bezirk der Handelskammer selber anbetrifft, so läßt sich auch über diese er­freulicherweise ein günstiger Bericht erstatten. Wenn aber bereits im vorigen Jahre betont worden ist, daß der Aufschwung weit mehr quantitativer als qualitativer Art war, so muß dasselbe auch für das verflossene Jahr wieder­holt werden. Die Ee w e r b e st e u e r der bei­den ersten Eewerbesteuerklassen belief sich im Kammerbezirk nach der Veranlagung für 1906/07 auf 177 206 'M gegenüber 162 834 M für 1905/06, die Erhöhung belief sich also auf 14 372 M oder 8,8 %. Die Erhöhung des Um­satzes und die verstärkte Nachfrage bedeuten also keineswegs in gleichem Maße eine Vergrößerung der Gewinnziffern. Aus den nachfolgenden Ein­zelberichten läßt sich als deren wesentlicher In­halt kurz das folgende zusammenfassen.

Die E r n t e im Kammerbezirk ist recht gün­stig ausgefallen, die Witterung war anfangs zu trocken, während teilweise später überreichliche Niederschläge sich einstellten; die Durchschnitts­erträge der hauptsächlichsten Fruchtarten blieben denn auch hinter dem Gesamtdurchschnitt der vorhergehenden fünf Jahre erheblich zurück. Wenn das Angebot hierdurch tatsächlich zurück- gehalten wurde, so geschah das Gleiche später in Erwartung der neuen höheren Zollsätze mit Absicht und daher schlugen die Eetreidepreise eine steigende Richtung ein. Der Handel mit Viehfutterstoffen war wegen des großen Bedarfs sehr lebhaft. Die M ü l l e.r e i hat ungünstiger als im Vorjahre abgeschlossen, es herrscht nach wie vor Ueberproduktion, die Spannung zwi-

Diese im strengkirchlichen Sinne nicht ganz einwandslose religiöse Unabhängigkeit hatte je­doch nicht verhindert, daß Ruth schon seit langen Jahren ein sehr inniges Verhältnis mit dem greisen Pastor Hesselbach der Sinderoder Ge­meinde verband.

Sie hing mit außerordentlicher Verehrung an dem alten Herrn, der sich wegen seines ein­fach schlichten Wesens und seiner wahrhaft kind­lichen Frömmigkeit weit über die Grenzen seines Bezirks hinaus allseitiger Beliebtheit und Hoch­achtung erfreute.

Der feinsinnig gebildete Theologe war mit seiner liebenswürdigen Gattin ein häufiger Sonntagsgast in Dombrowo; diese angeregten Nachmittagsplaudereien, in denen manch kluges Wort über Kunst und Literatur gewechselt wurde, bildeten für die Gräfin wahre Stunden der Erbauung in der Einsamkeit ihrer isolierten Existenz, in die außer durch die tägliche Zeitung und die regelmäßigen Borstellschen Büchersend­ungen mit den neuesten Erscheinungen der Wis­senschaft und Belletristik nur selten ein Ton aus der großen Welt herüberdrang.

Am heuttgen Sonntagmorgen führte die Gräfin eine besondere Absicht nach der Sinde­roder Kirche.

Sie hatte am Abend zuvor von Tante Ulrike erfahren, daß diese mit Käthe den Frühgottes­dienst besuchen würde, und war sofort entschlos­sen gewesen, eine so günstige Gelegenheit, das junge Mädchen, dem sie persönlich seit mehreren Jahren nicht mehr begegnet war, zu sehen, nicht ungenützt vorbeigehen zu lassen.

Aus diesem Grunde hatte sie auch Hertas und des Gatten Begleitung, der seine Frau in letzter Zeit nur ungern sich selbst überließ, abgeleynt und war ganz allein im offenen Jagdwagen durch den Wald nach Sinderode hinübergefah- ren.-- ....... .

Von allen Seiten strömte die Sinderoder Gemeinde bereits dem alten, schlichten Gottes- Hause zu, als das leichte Gefährt der Gräfin jetzt *

schen Getreide- und Mehlpreisen vermindert sich immer mehr und eingebürgerte Mißbräuche im Mehlhandel, wozu namentlich langfristige Lie­ferungsverträge zu rechnen sind, wirken auf die Cesamtlage nachteilig ein. Die Besserung in der Lage der Zuckerindustrie, von der im Vorjahre berichtet werden konnte, hat sich leider wieder in ihr Gegenteil verkehrt. Die Preise sind im Laufe des Jahres wiederum auf einen verlustbringenden Stand gesunken, die Rüben­ernte fiel nicht günstig aus, da der Zuckergehalt geringer war und den Rüben viel Schmutz an- haftete, die Ausfuhrverhältnisse sind immer miß­licher geworden. Dem Brauereigewerbe kam zwar ein zufriedenstellender Bierabsatz zu­statten, die hohen Nebenleistungen, zu denen sich das Gewerbe gegenüber der Kundschaft verstehen muß, beeinträchtigen aber die Verkaufspreise erheblich. Im Weinhandel war der Ge­schäftsgang gegenüber den beiden letzten Jahren schwerfällig und das Ergebnis wenig lohnend; die Erfolge der Mäßigkeitsbewegung machen sich immerhin fühlbar und das Gleiche gilt von den Bestrebungen der Winzervereine zur Ausschal­tung des Handels. In dieser Hinsicht hat der Weinhandel unter den gleichen Nachteilen zu leiden, an denen bereits seit Jahren der Kolo­nialwarenhandel krankt. Die Geschäftslage der Tabak- und Zigarren-Jndustrie war im allgemeinen zufriedenstellend.

Nach Braunkohlen und Braunkohlenbriketts bestand eine sehr rege Nachfrage, der Absatz an Rohkohlen hat sich gegenüber dem Vorjahre um 16 % vergrößert, dabei zeigte sich aber ein Preisrückgang, der auf einen scharfen Wettbe­werb zurückzuführen war. Der Handel mit Steinkohlen hatte mit mehrfachen Schwie­rigkeiten zu kämpfen, zu denen besonders der Bergarbeiterstreik zu Anfang und der Wagen­mangel zu Ende des Jahres zu zählen sind; im übrigen war die Nachfrage groß und der Absatz erhöhte sich. Auf dem Jnlandsmartte herrschte aber eine verschärfte Konkurrenz und höhere Preise als im Vorjahre waren daher nicht durch­zusetzen, während die Rohmaterialien fich er­heblich verteuerten. Die Lage der Eisen­gießereien und Maschinenfabriken war allgemein günstiger als im Vorjahre, die Nachfrage hat sich wesentlich gesteigert. In der Federstahlindustrie waren Geschäfts­gang und Umsatz im allgemeinen normal, das Ergebnis blieb aber etwas hinter dem des Vor­jahres zurück, weil in einem Hauptzweige, der Fabrikation von Korsettfedern, der Preisdruck nach wie vor anhielt. Die Fabrikation von Emaillewaren war gut beschäftigt.

Die Bautätigkeit war allgemein leb­haft. Demnach waren die Ziegeleien, Chamotte- und Verblendsteinfabriken gut beschäftigt, eben­so wurde das Baugeschäft, der Baumaterialien- handel und in Cassel das Geschäft mit Im­mobilien und Hypotheken dadurch günstig beein­flußt.

Der Versand an Croßalmeroder Ton, an ge­branntem sowohl wie an rohem, hat eine Zu-

die abschüssige Dorfstraße herunterrasseue; Oie Männer in langschößigen Cehröcken, ehrwürdige Zylinder von vorweltlicher Form und Größe auf den Köpfen, die Frauen in ihrem prächtigen Sonntagsstaat, der mit dem auffallend feinen und weißen Hemd dem bunten Mieder und dem weiten, hundertfach gefälteten Rock an die nahe Nachbarschaft Litauens gemahnte.

Ringsum in den spärlichen Cärtchen der Jnstleute reckten sich schon die gelben Köpfe hoch­stämmiger Sonnenblumen, und die leuchtenden Blüten der Kresse schauten vorwitzig durch die leeren Bohnenspaliere. Aus den baufälligen Schornsteinen wirbelte weißer Rauch und zog seine leuchtenden Streifen durch den blauen Grund der weiten Himmelsdecke.

Alter Gewohnheit gemäß ließ die Gräfin das Fuhrwerk auf dem Pfarrhofe einstellen und wandte sich dann durch den Pfarrgarten der klei­nen Kirche zu, aus deren hohen Bogenfenstern bereits unbestimmter Orgelklang feierlich in den stillen Sonntagfrieden hinausdrang.

Der Weg führte zwischen den efeuumsponne- nen Grabhügeln des geräumigen Kirchhofs hin­durch, in dessen geheiligtem Bezirk feit Jahr­hunderten schon die Generationen der Sinde­roder den letzten ewigen Schlummer schliefen.

Als Ruth die Sakristei betrat, fand sie diese leer, der Pfarrer hatte bereits die Kanzel be­stiegen.

Mit leisen Schritten ging sie über den kni­sternden Steinboden nach dem Platze der Dom- brower Herrschaft, der zur Rechten des Altars gerade dem Sinderoder gegenüber gelegen und durch eine hohe, eichengeschnitzte Lehne von uer hinteren Reihe getrennt war.

Ein rascher Blick umfaßte die beiden weib­lichen Gestalten im Sinderoder Cestühl; dann neigte sie den Kopf zu einem kurzen Gebet und setzte sich.

Sie war beruhigt; ihr scharfes Auge hatte sofort Tante Ulrike und Käthe erkannt,

nähme erfahren. Das Exportgeschäft in Hafen­ton besserte sich wieder, da in Rußland und in den Vereinigten Staaten wieder ein stärkerer Bedarf auftrat. Die Lage der Tonschmelztiegel- Jndustrie ist im allgemeinen noch wenig günstig, immerhin aber besser als im Vorjahre. Die Eraphitschmelztiegel-Fabriken waren befriedi­gend beschäftigt, allerdings bei wenig auskömm­lichen Verkaufspreisen.

In der Textil-Jndustrie hatten die sämtlichen verschiedenen Betriebszweige mehr oder weniger unter den Nachteilen starker Kon­junkturschwankungen der einzelnen von ihnen benötigten Rohstoffe zu leiden. Rohbaumwolle stieg im Laufe des Jahres erheblich im Preise, da der Ertrag der amerikanischen Ernte hinter dem des Vorjahres zurückblieb. Auf dem Flachs­markte machte sich die Folge der russischen Wir­ren, die einen verminderten Anbau verursacht hatten, in starkem Aufschläge bemerkbar. Die Wollpreise erfuhren eine weitere Erhöhung. Die Preissteigerung der Rohjute war trotz der reich­lichen Ernte so erheblich wie noch nie zuvor, namentlich infolge des starken Aufschwunges indischen Jute-Industrie. Die Qualität der Jute war unbefriedigend. Im allgemeinen wa­ren die einzelnen verschiedenen Betriebe in der; Textil-Jndustrie gut beschäftigt. Das gilt namentlich für die mechanischen Segeltuch- Webereien in Cassel, die Tuchfabriken in Hers­feld uckd Melsungen und die Jute-Spinnerei und Weberei in Cassel, bei der letzteren abgesehen von den durch das Kartell herbeigeführten Be-' triebseinschränkungen. Durch das Jutekartell wurde die Möglichkeit geboten, die Warenpreise den gestiegenen Rohstoffpreisen anzunähern; in der Tuchindustrie aber konnten die Fabrikat­preise erst im letzten Drittel des Jahres einiger­maßen mit den Wollpreisen in Einklang gebracht werden und auch in der mechanischen Weberei Cassels ließ die Preisgestaltung der Fabrikats noch recht zu wünschen übrig. Der Geschäftsgang in den übrigen Zweigen der Textilindustrie (Baumwoll- und Wollfabrikation in Eschwege, Blaudruckfabrikation in Cassel) bietet im we­sentlichen das gleiche Bild: zwar befriedigende Veschäfigung, aber Schwierigkeiten wegen der schwankenden Konjunktur der Rohmaterialien' und unzureichende Fabrikatpreise. Verhältnis-; mäßig am ungünstigsten schlossen die Roßhaar- fpinnerei und die Fabrikation mechanischer Seilerwaren in Hersfeld ab. Hier waren die Rohmaterialien-Konjunkturen am schwierigsten' auszugleichen. Besser gelang das in der Wachs­tuchfabrikation (Eschwege) und Kunstwollfabri­kation (Eitra). Für den Manufaktur- warenhandel bestanden natürlich die Kon­junkturschwierigkeiten in gleicher Weise, der Ceschäftsgang war aber befriedigend und na­mentlich zeigte fich eine regere Nachfrage nach besseren Qualitäten, eine Tatsache, die auch für die Blaudruckfabrikation hervorgehoben wird, i

Die Lage der Gerberei und der auf Ver­arbeitung von Leder angewiesenen Industrie stand unter dem Einfluß der starken Preisstei-

Die Liturgie ging zu Ende, auch die Epistel verrann. j

Vollstimmig und kräftig setzte ein alter Choral ein, dessen rhythmisch feste Melodie, von der Or­gel sicher getragen, zu der einsamen Frau wi« der aufgeregte Wogengang des Meeres heran, rauschte. j

Unbeweglich, fast als wären es Steinbilder, faßen Männer und Frauen in ihren Bänken, den Blick fest auf die Bücher geheftet, aus denen sie die Worte zu ihrem Cefang entnahmen. i

Zuweilen wagten ein paar Frauenstimmen ein jubilierendes Aufjauchzen, und sie wirbelten und trillernden in einer erstaunlichen Hoye, dann wieder übernahm der Männerchor die Führung der Melodie, und die Sopranstimmen umrankten und umspielten sie mit Figuren und seltsamen Triolen.

Gräfin Ruth lehnte sich müde in ihren Stuhl zurück und träumte vor sich hin.

Der niedrige Raum, der mit seiner von höl­zernen Ständern getragenen, nur ganz mäßig gewölbten Decke an eine große Landsckmlstube erinnerte, und die Gemeinde dieser einfachen Menschen mit den gefurchten Gesichtern und ar­beitsharten Händen hatten für sie immer wie­der etwas Rührendes.

Sie fühlte es unwillkührlich, daß diese Leute in ihrer naiven Frömmigkeit und ihrem in­brünstigen Gottoertrauen einen Schatz besaßen, der ihrer geistigen Freiheit unzugänglich war, nach dem sie sich doch aber gerade in der letzten Zeit so oft als nach einem Trost und Halt in der Zwiespältigkeit und Zerrissenheit ihres In­neren gesehnt hatte.

So schweiften ihre Gedanken immer wieder auf eigenen Wegen, wie sehr sie sich auch be­mühte, den Worten des Pfarrers zu folgen, der in schlichter und zu Herzen gehender Weise ein dem Verständnis seiner Zuhörerschaft ange­paßtes Crnt-tthema behandelte.

(Fortsetzung folgt.)