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Marburg
Mttwoch, 27. Juni 1906.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck imd Verlag' Joh. Aug. Koch, UnivcrfitätS-Buchdruckerei Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
41. Jahrg.
Erstes Blatt.
ReueSe Telegramme.
Kiel, 25. Juni. Der Kaiser hat heute nachstehende Order an den Oberwerftdirektor der kaiserlichen Werft in Wilhelmshaven gerichtet: Am heutigen Tage, an welchem vor 50 Jahren die Werft zu Wilhelmshaven errichtet worden ist, entbiete ich den Offizieren, Beamten und Arbeitern dieser Werft meinen kaiserlichen Gruß. Ueberzeugt davon, daß reges Streben und emsiges Schaffen die Werft wie bisher auch stets auszeichnen wird, wünsche ich jedem Einzelnen in ihrem Dienste den vollen inneren wie äußeren Segen treuer Arbeit. Sie haben diese Order der Werft zu Wilhelmshaven bekannt zu geben. Kiel, an Bord des Dampfers „Hamburg", 25. Juni 1906. Wilhelm I. R.
Rom, 25. Juni. Ein großer Teil der ausländischen Presse brachte die Nachricht, ein Dr. Brown aus Philadelphia habe den Papst besucht und bei ihm Nephritis konstatiert. Die ganze Geschichte ist, wie die „Franks. Ztg." mitteilt, Schwindel. Der Leibarzt Lapponi erklärt, von Nephritis könne keine Rede sein, zumal durch die Untersuchungen im hygienischen Laboratorium durch Prof. Celli von der tönt. Universität festgestellt worden sei, daß der Papst diese Krankheit nicht habe.
Rom, 25. Juni. Der Polizeidirektor von Ancona wurde von der Regierung zu seiner wirksamen Jagd auf Anarchisten, welche den Besuch des Königs in Ancona zu tragischem Abschluß zu bringen gedachten, beglückwünscht. Die Bom- hen, welche in dem hart an der Bahn gelegenen Castel Ferretti entdeckt wurden, sind den vor einiger Zeit in Ancona gefundenen nicht gleich, sie hätten aber genügt, das Bahngleis zu sprengen, wenn es den Attentätern gelungen wäre, sie zu legen. Die Bevölkerung von Ancona zeigte sich, als sie von diesent neuen Anschlag erfuhr, überaus erbittert.
Paris, 26. Juni. Die „Agence Havas" meldet aus Canea (Kreta): Mehrere Mitglieder der Regierung, die für ihre Sicherheit fürchteten, wünschten, daß der Sitz der gesetzgebenden Versammlung nach Kandia verlegt würde. In diesem Falle würde die Opposition im Gebirge eine Cegenversammlung abhalten. Die internationalen Truppen in Canea sind vollkommen imstande, die Unabhängigkeit der gesetzgebenden Versammlung zu gewährleisten.
Chinon (Dep. Indre et Loire), 26. Juni. Kriegsminister Etienne hielt bei dem Turnerfeste eine Rede, worin er ausführte, er werde stets von dem Lande fordern, daß es auf der Höhe der Lage sei, er wolle ein starkes, wohldisziplinier-
2 (Nachdruck verboten.^
Die Kette.
Roman von Hans Schulze.
(Fortsetzung.)
Doch die Neugier der Baronin war in diesem Augenblicke durch die große Nachricht der unerwarteten Rückkehr Georgs von Stetten so stark in Anspruch genommen, daß alle anderen Interessen hinter diesem wichtigen Ereignis vollständig zurücktraten.
„Nun, sag doch bloß, trautstes Marjellchen", sagte sie in ihrem breitesten ostpreußischen Dialekt — in Momenten seelischer Erregung geriet sic aus dem feierlichen Hochdeutsch zum Teil im- iner wieder in ihr altgewohntes, heimatliches Idiom. „Was in aller Welt fällt denn dem Schorschchen ein, euch so unerwartet über den Hals zu kommen?"
„Wir haben alle keine Ahnung," war die Antwort. „Auch Papa und Mama nicht. Georg hat nur ganz kurz telegraphiert, daß er heute tiachmittag mit dem Marienburger Zuge einträfe, alles Nähere mündlich oder so, hieß es in der Depesche."
Die Ehegatten wechselten einen raschen Blick.
„Und dein Vater hat auch keine Vermutung, was passiert sein könnte?" inquierierte die Tante weiter.
„Mir hat er's wenigstens nicht auf die Nase gebunden," versetzte die Kleine in ihrer noch etwas energischen Ausdrucksweise. „Georg hatte ja schon immer solch plötzliche Eiifälle."
Der Baron nickte.
„Das stimmt, bereits als Junge war er unberechenbar und dabei jähzornig bis zum Exzeß. Ich seh ihn noch, wie ihn mein alter Diener Franz — ich glaubte, der Bengel war damals höchstens zehn oder elf Jahre alt — an meinem Gewehrschrank ertappte. Schorschchen manipu- Nerte dort trotz meines strengsten Verbots wie-
tes Heer, das sich fern von der Politik halte, aber bereit sei, wenn nötig, Frankreich und die Republik zu verteidigen.
London, 25. Juni. „Daily Telegr." meldet aus Tokio vom 24. ds. M., es verlaute, der Vizekönig von Tschili, Juanschikai, sei zum chinesischen General-Gouverneur der Mandschurei ernannt worden. Dies laste darauf schließen, daß China eine neue und entschiedene Politik in der Mandschurei einzuschlagen beabsichtige. Juanschikai werde den Posten antreten, sobald die japanische Militärverwaltung zurückgezogen sei.
Schutz der Bauhandwerker.
Die Terrainspekulanten sind ein gar pfiffiges Völklein. Sie verstehen sich nicht allein auf die Kunst des mühelosen Gelderwerbs, sondern sind zur rechten Zeit auch in emsigem Fleiße bemüht, eine Störung ihrer Kreise durch die Gesetzgebung hintanzuhalten, und man weiß, wie die Eigenart der Verhältniste es gefügt hat, daß unlauteres Spekulantentum seinen Weizen bis auf den heutigen Tag in oft geradezu üppiger Blüte vorfindet. Seit der Delegiertentag des Jnnungs- verbandes deutscher Baugewerksmeister im September des Jahres 1888 zum ersten Male ein Gesetz zum Schutze der Bauhandwerker forderte, ist der Notschrei wackerer Handwerker niemals verstummt. Wohl fehlte es nicht an einer grellen Beleuchtung des hier vorliegenden Riesenelends; man wird sich der statistischen Ermittelungen entsinnen, nach denen in den Jahren 1891/93 allein in Berlin von 1126 Neubauten nicht weniger als 644 zur Zwangsversteigerung kamen und die Bauhandwerker bei 731 Berliner Grundstücken einen Verlust von über 75 Millionen Mark zu verzeichnen hatten. Aber trotz alledem war die Eesetzgebungsmaschine nur langsam in Bewegung zu bringen. Im Jahre 1894 erbat sich der preußische Justizminister näheres Material über die Verluste der Bauhandwerker, und als dann das Geschick für die Sache der schwer geschädigten Handwerker eine wirksame, aber grausige Propaganda machte durch die verzweifelte Tat eines Malermeisters, der mit Frau und Kindern in den Tod ging, nur weil er nicht betrügen wollte, wie er selbst betrogen worden war, veröffentlichte die preußische Justizkommission 5 Entwürfe, die freilich bei der mehr als zurückhaltenden Stellungnahme der Regierung — Entwürfe blieben. Dank gebührt den beiden Kammern des preußischen Landtags, die immer wieder den Finger in die Wunde legten und damit erreichten, daß Ende 1897 der Entwurf eines Reichsgesetzes zur Sicherung der Bauforderungen mit zugehörigem preußischen Ausführungsgesetz erschien. Aber nochmals konnten die Bauspekulanten frohlocken: schon 1899 wurde dieser Entwurf zurückgezogen. Als endlich im Herbst des
der einmal an meinen Büchsen herum und hatte sich gerade ein Tesching geladen, um Spatzen zu schießen. Als ihm da mein Franz einen freundschaftlichen Klaps versetzen will, gerät der Junge in eine so sinnlose Wut, daß er das Gewehr direkt auf den alten Mann anlegt und ihm sicher eins auf den Pelz gebrannt hätte,, wäre ich nicht zufällig dazu gekommen. Na, die Senge, die er damals bezogen hat, wird er sein Lebtag nicht vergesten. Ich glaube, seitdem sind wir so gute Freunde geworden."
„Wie lange war Georg eigentlich im ganzen von Hause fort?" wandte sich die Baronin jetzt mit einem leisen Zeichen der Ungeduld über die Unterbrechung des Gatten der Nichte wieder zu.
„Im Oktober wären es genau zwei Jahre gewesen! Papa hatte Georg diese große Reise durch das gesamte Südeuropa eigens als Abschluß seiner landwirtschaftlichen Studien bestimmt; sie sollte die Entschädigung dafür sein, daß er seinerzeit nicht Offizier werden durfte!"
„Ich weiß, ich weiß!" fiel der Baron eilt. „Das war damals ja eine schöne Aufregung vor fünf oder sechs Jahren! In Nacht und Nebel kam Georg zu mir herübergeritten und bettelte mich fast auf Knien, ich sollte bei dem Alten ein gutes Wort dafür einlegen, daß er ihn bei den 19. Ulanen eintreten ließe. Natürlich vergebens bei dem Starrkopf des Grafen Löhna! Hatte ja schließlich auch recht! Eure Güter brauchen einen Landwirt von Fach und nicht einen, der erst Soldat gespielt hat und dann zeitlebens vielleicht seinen Inspektoren ausgeliefert ist."
„Doch du verpaßt hier womöglich noch den Anschluß, meine Tochter," unterbrach er sich jetzt, seine Uhr ziehend. „Der Zug muß jeden Augenblick einlaufen. Geh nur schon immer allein zum Perron hinaus und laß dich von Schorschchen erst einmal ordentlich abküsten. Wir beide kommen später nach."
„Die Marjell wird mit jedem Tag niedlicher," meinte ex dann zu seiner^ Frau^ als die kleine
Vorjahres der neueste Entwurf erschien, erfreuten sich seine grundlegenden Bestimmungen der Zustimmung aller Handwerkerlichen Fachorgane; nur die den Terrainspekulanten nahestehende Presse hüllte sich in Schweigen, als sei ein neuer Verstoß zu Gunsten der Bauhandwerker überhaupt nicht unternommen.
Die Lage hat sich aber überraschend schnell gewandelt. Der neue Entwurf hat bereits die Zustimmung des Bundesrats gefunden, und da die Parteien des Reichstags von der Rechten bis zu den Nationalliberalen seine Einbringung immer energischer forderten, ist seine Besprechung im Wallotbau schon in der kommenden Session zu erwarten. Nun wissen plötzlich auch die Bauspekulanten, daß ein neuer Entwurf vorliegt, und flugs hat ihre minierende Tätigkeit wieder eingesetzt. Eine Zeitungskorrespondenz hat es sich zur Aufgabe gemacht, im Interesse der Bodenspekulanten an der weiteren Vernichtung der am Bauwesen beteiligten Mittelstandsexistenzen zu arbeiten. Sie versendet einen Artikel, der vor dem neuen Entwürfe in wortreichen Ausführungen warnt, dabei aber nur den Beweis führt, daß das Bodenspekulantentum noch immer nichts zugelernt hat. Da wird die Mär verbreitet, nach Annahme der Vorlage werde der Häuserbau das Vorrecht nur noch der allerreich- sten Bauunternehmer sein, und das Schreckgespenst des Bautrusts wird an die Wand gemalt, die sich, natürlich nur der Not gehorchend, eigene Ziegeleien, Eroßschlossereien, Holzbearbeitungs- fabriken usw. einrichtet und damit wohl oder übel zahlreiche mittlere und kleinere selbständige Existenzen ausschalten muß. Wer soll denn dieses Sorgen der Terrainspekulanten um die Erhaltung des selbständigen Mittelstandes für bare Münze halten? Eher könnte man daran glauben, daß der Fuchs ein überzeugendes Referat für die Richtigkeit vegetarischer Lebensweise hält. Die Negierung aber mag aus dieser Haltung der Terrainspekulanten die Gewißheit schöpfen, daß sie sich auf dem rechten Wege befindet, und die Bauhandwerker mögen sich gelassen des alten Wortes erinnern: Bange machen gilt nicht!
Zur Lage in Rußland.
Petersburg» 25. Juni. Sonnabend ging dem Leibgarde-Preobraschenski-Regiment, in dessen Reihen der Zar gedient hat, der Befehl zu, nach dem Zapfenstreich nach Peterhof abzumarschieren und die Bewachung des Hofes zu verstärken. Als nach dem Zapfenstreich der Befehl zum Abmarsch erfolgte, erklärte das ganze Regiment, daß es unter keinen Umständen nach Peterhof marschieren werde. Des Kommandeurs Eadon und aller Offiziere bemächtigte sich bei dieser Gehorsamsverweigerung große Aufregung. Großfürst Nikolai Nikolajewitsch wurde schleunigst benachrich-
Komteste, froh, dem kritischen Blick der Tante entgehen zu können, von der Erlaubnis des Urlaubt mit sichtlicher Hast Gebrauch gemacht hatte.
„Ich finde, Ruth läßt ihr zu viel Freiheit! Herta kann ja in Dombrowo tun und treiben, was sie will. Mit Georg haben Löhnas es ganz ähnlich gehen lassen und sich bei diesem Prinzip der Zügellosigkeit einen schönen Wirbelkopf herangezüchtet. Ich bleibe dabei, Herta müßte zum Herbst unbedingt noch in ein Pensionat!"
„Nun laß doch in diesem Augenblick wenigstens einmal dein leidges Thema!" fuhr der Baron ärgerlich auf. „Löhnas haben gegenwärtig wirklich andere Sorgen als Hertas Pen- sionsfrage! Ich ängstige mich so, daß der Junge irgend eins Dummheit begangen, oder ein Esel aus der Verwandtschaft den Mund nicht hat halten können."
„Früher oder später wird Georg die Sache ja doch einmal erfahren," war die Antwort. „Ich kann mir schon jetzt nicht mehr recht denken, daß er wirklich so unwissend sein sollte, wie er erscheint."
Der Baron zuckte die Achseln.
„Sehr häufig ahnen gerade die am nächsten Beteiligten nicht, was manchmal längst öffentliches Geheimnis ist. Löhna macht sich jedenfalls schwere Sorgen; ich habe gestern lang und breit mit ihm darüber gesprochen und mich sogar erboten, Georg in schonender Weise über die Antezedentien und Schicksal seines Vaters auf« zuklären, ehe ihm ein Zufall die Wahrheit einmal brutal ins Gesicht schleudert. Aber davon wollte der Graf wieder nichts wissen; er hat nicht den Mut der Tat. Meiner Ansicht nach ist es jedoch besser, das Vertuschungssystem wird aufgegeben."
„Es ist zu schrecklich!" stimmte die Gattin bei. „Die arme Ruth! Wie ein Gespenst geht die Angst um die Zukunft in Dombrowo um! Ruth findet manchmal Nächte lang keine Ruhe
tigt, er traf kurz darauf ein und befragte bS' Soldaten, warum sie den Gehorsam verweigerten, worauf er in allen Bataillonen die gleich« lautende Antwort erhielt, daß das Regiment be- schlossen habe, nicht nach Peterhof zu gehen, weil es genau wisse, daß es dazu bestimmt sei, die Duma auseinanderzutreiben und hierauf unter keiner Bedingung eingehen werde. Schließlich marschierte das Regiment Sonntag Nachmittag nach Peterhof ab, nachdem es das feste Ver« sprechen erhalten hatte, nur für den Sicherheitsdienst des Zaren verwandt zu werden. Im Hin. blick auf die Wichtigkeit des ganzen Vorfalles find alle Maßnahmen getroffen worden, um die Sache zu vertuschen.
Petersburg, 25. Juni. In Beantwortung einer Interpellation über die Hungersnot führt der Minister des Innern aus, zur Befriedigung der dringlichsten Bedürfnisse seien 10 Millionen Rubel erforderlich. Die Regierung werde der Duma einen Gesetzentwurf betr. Unterstützung der Bevölkerung vorlegen, sie habe für diesen Zweck bereits über 80 Millionen Rubel verausgabt. Die Regierung erwarte die Mithilfe des Publikums in ihren Bestrebungen. Mehrere Redner, insbesondere Aladin und Roditschew, greifen die Regierung aufs heftigste an. Der Minister Stolypin erwidert, er sei bereit, die Reden der Dumamitglieder anzuhören, um sich über ihre Angaben zu unterrichten, aber den Rednern der Linken wolle er nicht anworten. Die Bemerkung wird mit Geschrei ausgenommen: „Gehen Sie hinaus, demissionieren Sie, wagen Sie nicht, die Duma zu beleidigen!" Der Minister verlaßt hierauf die Tribüne und den Saal unter großem Lärm des Hauses.
Der Pariser „Temps" beurteilt die Lage in Rußland wie folgt: „Rußland ist lahmgelegt. Jede Bewegung ist ihm unmöglich, weil die Glieder dem Nervenzentrum nicht mehr gehorchen. Alles was die Hofkreise an nutzloser Tätigkeit gegen die Duma vergeuden, sollten sie gegen die eigene Partei, ihre Beamten und Agenten verwenden. Denn die erste Bedingung für eine Regierung, um den oft maßlosen Forderungen einer Volksvertretung zu widerstehen, ist, daß sie ihrer Beamten sicher ist, und daß Mißbräuche nicht ihr zur Last gelegt werden können. Ist niemand da, der den Zaren dies Grundgesetz der Politik verstehen lehrt, ihm zeigt, daß jede Macht, die sich ihm nicht unterwirft, zum Selbstmord schreitet, und ihn daran zu erinnern, daß man, was man der Reform gibt, der Revolution nimmt?"
Deutsches Reich.
Berlin, 26. Juni.
Seine Majestät der Kaiser nahm gestern Montag Vormittag, wie aus Kiel gemeldet wird, Besichtigungen auf der kaiserlichen Werft
in dent Gedanken an ihren Sohn. Ulrike Sinderode hätte sie int Frühjahr nur ruhig mit auf die Reise nehmen sollen. Ruth hat eine gründliche Auffrischung nötig! Uebrigens sagtest du nicht vorhin, Georgs Telegramm fet aus Baden-Baden gekommen. Dort halten sich meines Wissens augenblicklich doch auch Sinderodes auf."
„Ganz recht! Ulrike schrieb ja neulich noch von da eine.: kreuzunglücklichen Brief, daß ihre schöne Freiheit nun bald ein Ende habe und sie nächstens mit Käthe wieder in den alten pietistischen Bau von Sinderode zurückmüßte. Der Bruder wird wirklich mit jedem Tage schrullenhafter. Ich halte ihn für komplett verrückt!"
„Die arme Käthe!"
„Ja, das arme Mädel kann einem wirklich leid tun! Wächst da so mutterlos neben dem Lbergeschnappten Vater auf! Ein Glück nut, daß die Tante Ulrike wenigstens ein verständiges und resolutes Frauenzimmer ist und dem Bruder ab und zu einmal ordentlich die Met- nung sagt über Jugenderziehung und was fo ein verlassenes junges Ding vom Leben beanspruchen kann?"
Unterdeß war Komteß Herta, der glühende» Nachmittagshitze nicht achtend, auf dem Bahnsteig unablässig auf und ab gelaufen, den Bltck in steigender Ungeduld auf die alte Bahnhossuhr geheftet, als ob sie mit dem Wunsche ihrer Augen den schneckenhaften Gang der trägen Zeiger z» beschleunigen vermöchte.
Seit der Ankunft des Telegramms am vergangenen Tage war sie vor freudiger Erregung und Erwartung kaum mehr zur Ruhe gekommen.
Herta hing mit zärtlicher Liebe an dem um fast sieben Jahre älteren Stiefbruder, dessen Ferienzeiten als Gymnasiast und auch als Student die schönsten Erinnerungen ihres junge» Lebens darstellten.
Da waren die beiden Geschwister vom frühe» Morgen bis zum späten Abend einträchtig in de»