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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

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M 145

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Marburg

Sonntag, 24. Juni 1906.

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Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag' Joh.Aug.Koch, UnivcrsitätS-Buchdruckerei 41.

Marburg, Markt 2L - Telephon 65. M

Zweites Blatt.

Neueste Telegramme.

f Berlin, 23. Juni. Das Königliche Staats- 'ministerium trat gestern zu einer Sitzung zu- sainmen. Der Bundesrat wird heute wie- derunr zu einer Plenarsitzung zusammentreten. Dabei dürste, derKreuzztg." zufolge, die Ent­scheidung über Aenderung des Ortsportos und über das Ende der Zweipfennigpostkarten fallen."

Hannover, 22. Juni. Bei der Reichs- tagserfatzwahl wurden gezahlt für Brey (Soz.) 31 642, für Fink (natl.) 16 740, Dannen­berg (Welfe) 10 978, Erzberger (Ztr.) 2402, Holzgrefe (Bund der Landwirte) 192 und zer­splittert 150 Stimmen. Brey kann mit knapper Mehrheit als gewählt gelten.

Rachen, 22. Juni. Den heutigen Beratun­gen des Verbandes deutscher Berufsfeuerwehren ging eine Zusammenkunft der preußischen Teil­nehmer voraus. Von diesen wurde einstimmig die Einsetzung eines preußischen Feuerwehraus­schusses mit dem Sitze in Berlin beschlossen, zur Vertretung der Feuerwehren beim Ministerium.

Dresden, 22. Juni. Der Deutsche Landwirt­schaftsrat trat heute hier zu einer zweitägigen Sitzung zusammen. Minister Graf Hohenthal hieß den Landwirtschaftsrat namens der sächsi­schen Regierung herzlich willkommen.

Washington, 22. Juni. Der Senat nahm einen Beschlußantrag an, in dem erklärt wird: Das Volk der Vereinigten Staaten ist entsetzt über die Berichte der Metzeleien, die an den Juden Rußlands wegen ihrer Raffe und Reli­gion verübt worden seien. Alle diejenigen, die davon betroffen wurden, hätten die herzliche Sympathie des Volkes der Vereinigten Staaten.

Ein neuer Kolonialjkandal.

Die Angriffe, welche die freisinnige Preffe gegen den Gouverneur v. Puttkamer gerichtet hat, haben neuerdings zu einem Skandal höchst eigener Art geführt. DieFreisinnige Zeitung" war nämlich in der Lage, den Wortlaut eines amtlichen und vertraulichen Berichtes wiederzu­geben, den der Geh. Legationsrat Rose, der die Untersuchung in der Angelegenheit Puttkamer zu führen hat, dein Reichskanzler erstattete. Aus diesem Bericht wird folgende Stells veröffent­licht:

'Es ist bisher nicht nachgewiesen, daß Herr v. Puttkamer den Patz unrichtig ausgestellt hat, sondern gutgläubig. Rach einem Bericht des ^Gouverneurs ist Herrn v. Puttkamer ... ledig­lich ein Reisepatzformular mit dem Stempel des

Gouvernements zugestellt worden. Gegen von Puttkamer kann ein Disziplinarverfahren nicht eingeleitet werden, da es nicht im öffentlichen Jntereffe liegt und es Herr v. Puttkamer selbst nicht für erwünscht hält; indeffen mutz seine Hinaussendung unterbleiben, da er anscheinend die Effersche Gesellschaft zu sehr begünstigt hat. Es ist ihm nahegelegt worden, sein Entlaffungs- gesuch einzureichen. Dieses Gesuch ist eingegan­gen und soll ihm entsprochen werden unter Zu­billigung der Pension."

Alle Welt nahm zunächst an, daß hier eine grobe Täuschung vorliege und daß der Wortlaut unmöglich echt sein könne. Andererseits wurde in eingeweihten Kreisen doch davon gesprochen, daß dieFreisinnige Zeitung" etwas läuten ge­hört habe und nur nicht wiffe, wo die Glocken hingen. Um so empörter mutzte man sein, als dieHamburger Nachrichten" am Mittwoch abend in einer telegraphisch aus Berlin ihnen übermittelten Zuschrift den Beweis lieferten, datz es sich hier tatsächlich um die V e r ö f f e n t- lichung des echten Wortlauts eines vertraulichen Berichts handelt, die nur durch einen ganz unentschuldbaren Bruch der Amtsverschwiegenheit möglich geworden sein kann. Das Telegramm derHamburger Nach­richten lautet:

Der Bericht ist tatsächlich ergangen, sein Inhalt ist, wie in hiesigen kolonialen Kreisen verlautet, mit einer in Deutschland kaum er­hörten Verletzung der Amtspflicht und des Amtsgeheimnisses auszugsweise entwendet und zum Zwecke der Veeinfluffung der öffentlichen Meinung der Preffe übergeben worden. Das Vorkommnis ist im höchsten Grade auffällig und peinlich. Im Jntereffe der Aufrechterhaltung der Integrität unseres Beamtentums ist drin­gend zu wünschen, datz die Schuldigen festgestellt und von der ganzen Schwere des Gesetzes getrof­fen werden. Ueber den Bericht selbst wird be­kannt, datz dieser nicht die Frage, ob ein for- ntelles Disziplinarverfahren gegen v. Putt­kamer einzuleiten ist oder nicht, behandelt, son­dern eine Zusammenfaffung derjenigen Mo­mente darstellt, die für oder gegen eine aber­malige Entsendung des Gouverneurs sprechen. Der Bericht kommt zu dem Ergebnis, datz eine abermalige Entsendung sich nicht empfiehlt und zwar, wie sich aus dem Auszug ergibt, aus Gründen, die mit der Affäre Eckardtstein und den sonst an der öffentlichen Kampagne gegen v- Puttkamer verwendeten Moments nichts zu tun haben. Der Bericht ist, wie erwähnt, ein streng vertrauliches und nur zur persönlichen Orientierung des Reichskanzlers bestimmtes Aktenstück und demgemäß redigiert. Dem Ver­fasser ist dabei an einer Stelle ein wenig glück­licher Ausdruck unterlaufen, der in der demo­

kratischen Preffe vollständig falsch gedeutet wird, von dem Empfänger des Berichts aber sofort verstanden werden mußte. Es wird nämlich an­gedeutet, daß zur Einleitung eines formellen Verfahrens sich eine Veranlaffung aus Gründen öffentlichen Jntereffes nicht ergeben habe und datz seitens des Gouverneurs das Verfahren, das zu beantragen er berechtigt wäre, nichtge­wünscht" würde. Ein prägnanter Ausdruck wäre hiernicht beantragt" gewesen. Die Be­zugnahme auf die angebliche Begünstigung der Efferschen Gesellschaften behandelt lediglich und streng vertraulich Opportunitütsfragen, wie sie bei jeder geschäftlichen Nachweisung auch im privaten und im Erwerbsleben zu erheben sind, die ganz naturgemäß aber nur unter der Vor­aussetzung erörtert werden können, datz die Er­örterungen Geheimnis der Beteiligten bleiben. In der Erwähnung der entsprechenden Ausfüh­rungen des Geheimniffes zeigt sich die ganze Nichtswürdigkeit seiner Preisgabe."

Man steht hier geradezu entsetzt vor der Ent­hüllung einer Korruption, die bisher denn doch kein Mensch in Deutschland für möglich gehalten hätte. Es steht kaum noch anzunehmen, so sehr man sich auch an diese Hoffnung klammern mag, daß der Bericht von einer untergeordneten Per­sönlichkeit gestohlen ist. Die größte Wahrschein­lichkeit spricht vielmehr dafür, datz es im Kolo­nialamte Beamte gibt, die unter Bruch ihres Diensteides der oppositionellen Preffe einen streng vertraulichen Bericht ausgeliefert haben. Wenn man bedenkt, datz auch an dem Falle Puttkamer gewisse Persönlichkeiten ein unleug­bares wirtschaftliches Interesse hatten, so er­öffnet der nicht von der Hand zu weisende Ver­dacht einer Zuträgerei von amtlichen Stellen einen Ausblick von erschreckender Bedeutung und die Notwendigkeit einer Reform des Ko­lonialamtes an Haupt und Gliedern findet hier einen geradezu niederschmetternden Beleg.

Zur Lage in Rußland.

Nach einer Petersburger Meldung der Schief. Ztg." meutert auch in Kraßnojarsk die Garnison. Der angetrunkene Hauptmann Schu­rin hatte einen Soldaten eines Kraßnojarsker Regiments mißhandelt. Schurin erhielt darauf drei schwere Wunden von der Mannschaft. Ge­gen das Regiment rückte der Stabskapitän Kos­min mit einem Schützenbataillon aus, wurde aber zurückgeschlagen und getötet. Augenblicklich ist die Lage sehr ernst. In der ganzen Garnison ist die Manneszucht aufgelöst.

Im Warschauer zehnten Sappeurbataillon im Powonzki-Lager ist eine Meuterei ausgebro­chen. Zwischen zwei Infanterie-Offizieren und

zwei Sappeur-Unteroffizieren war es zu einem Zwischenfall gekommen. Die Sappeure verwei«. gelten die Ausfolgung der meuternden Genos­sen sowohl dem Bataillons- wie Brigade-Offi­zier gegenüber. Dem Obersten wurde ein Zie­gelstein an den Kopf geworfen, wodurch er zr Fall kam. Der Vrigadekommandeur fordert« nun abermals die Ausfolgung der Schuldigen. Die Sappeure lehnten dieses Verlangen erneut ab, und als die Militärbehörde nun zur Ent­waffnung schreiten wollte, stellten sie Wachen aus und ließen niemand in das Lager hinein. Zu gleicher Zeit einigten sie sich über ökono­mische und politische Forderungen.

Moskau, 22. Juni. Mit Rücksicht auf di« Möglichkeit eines nahe bevorstehenden General­streiks der Eisenbahnen wurde auf allen hiesigen Bahnhöfen die militärische Bewachung erheblich verstärkt. Größere Truppenteile wurden nach den wichtigsten benachbarten Bahnstationen ent­sendet. In einem Vorort fand ein Meeting bet streikenden Schuhmacher statt, welches von 500 Personen besucht war. Auf die wiederholte Auf­forderung der Polizei, auseinanderzugehen, er­folgten seitens der Menge Steinwürfe und Rs- volverschüffe. Das Militär feuerte. Von den Arbeitern wurde einer getötet, zwei verwundet

Kattowitz, 22. Juni. In Kielce würd' ge> stern lt.Frkf. Ztg." bei einer Prozession ein Gendarm von zwei jungen Leuten erschaffen, btt später von einem Offizier abgefaßt wurden. Die Täter beabsichtigten, Judenkrawalle zu pro­vozieren. In Sosnowice, wo man gestern Ju­denkrawalle befürchtete, ist alles ruhig. D's Huldschinski-Werke ruhen noch. Auf allen Wer ken fehlt es an Arbeit.

Baku, 22. Juni. Auf den Raphtawerken in Bibi-Aibat und Balachany ist ein Teil der Ar­beiter ausständig.

Petersburg, 23. Juni. Die Stellung Eore- mykins soll angeblich erschüttert sein. Ebenso soll Trepow nicht mehr unbeschränttes Ver­trauen genießen. Dagegen gewinnt Pobje- donoszew, der häufig in Peterhof weilt, Ein­fluß. In gewiffen Kreisen wird Wittes Rück­kehr ans Ruder ventiliert.

Paris, 22. Juni. Die revolutionären Duma- Mitglieder haben gestern an die sozialdemo­kratische Partei des französischen Parlamentes ein Telegramm gerichtet, worin sie sich bitter beklagen, datz es in der Pariser Kammer noch zu keiner Protestmanifestation gegen die ruffisch« Regierung wegen der Vorgänge in Bjelostok ge­kommen ist. Diese Depesche wurde noch nicht be­antwortet, und das französische Parlament dürfte auch die geforderte Kundgebung nicht veranstalten.

Ans unruhigen Zelten.

Von L. Müller.

z"5 * (Fortsetzung.), ' -

!* Auf der Südseite erblickt man Weidenhausen, einst eine eigene Gemeinde, jetzt ein durch die Lahn abgesonderter Teil der Stadt. Wenn man .sich der Brücke naht, sieht man links auf düsteren Mauern das Unioersttätsgebäude mit der refor­mierten Kirche, rechts den sog. Grün. Bei dem Eingänge der Brücke wurden einst die Hexen in die stillen Wellen der Lahn versenkt. Der Prozeß über diese Maitreffen des Satans war kurz, ein paar Zeilen Anklage, ein sodann er­folgtes Geständnis, das der Torturapparat gut appliziert, im Nu bewirkte, und zwei Zeilen Urteil, dem sodann die Exekution auf dem Fuß nachfolgte. Das waren glückliche Zeiten für die Richter! Die Tortur, dieses herrliche Institut des nicht genug zu lobenden Mittelalters, machte ,das Jngutrieren leicht, zu einer bloßen Hand­arbeit und zu einem ergötzlichen Schauspiel. Es war keine Anstrengung und Verstand dazu nötig, .die Henkersknechte und Schergen waren das Triebwerk das die Jnquisitionsgeschichte in Be­wegung setzte und jeden einigermaßen mürben -Jnquisiten, den man der Maschinerie anver­traute, sicher zu einem geständigen Verbrecher verarbeitete.

Von der Nordseite des Schlosses sieht man unten die Ketzerbach, ein Teil der Stadt, der sich in das romantische Tal der Marbach hin- dehnt, die majestätische Elisabethkirche, ein Mo- unment der Kunst und Frömmigkeit, Kraft und Ausdauer der Vorzeit, die Zierde der Stadt und ein beißendes Pasquill auf das jetzige Geschlecht, die Kirchspitze und der Weinberg.

Hiitter der Kirche erhebt sich die ehemalige deutsche Ordens-Ballei, das deutsche Haus ge- .nannt. Das Haus der Ordensherren diente in der restaurierten kurhessischen Zeit als landes­herrliches Palais, nachher mutzte es das minera­

logische, zoologische unb physikalische Kabinett, das chemische Laboratorium, die Entbindungs­anstalt und die Carnisonsmenage aufnehmen. Inzwischen wurde das mineralogische Kabinett entfernt um die Entbindungsanstalt und Heb­ammenanstalt zu erweitern; der Flügel, in wel­chem sich die Menage befand, wurde dem kurfürst­lichen Landgericht eingeräumt. In den Hallen, wo einst die keuschen Ordensritter, eine der vie­len Zierden des gepriesenen Mittelalters, hausten, üben jetzt angehende Aerzte an kreißen­den leichtfertigen Dirnen die Entbindungskunst ein, werden physikalische und chemische Experi­mente gemacht, Tierskelette vorgezeigt, Käufe abgeschloffen und Rechtshändel geschlichtet.

Auf der anderen Seite von der Kirche be­findet sich jetzt das ärztliche und chirurgische Kli­nikum mit dem Landkrankenhause. Links von der Kirche sieht man die deutsche Hausmühle, an deren Kanal im Sommer Zelte für Badende errichtet werden, während man in dem neu­erbauten Hause neben der Mühle auch warme Bäder haben kann und zwar zu jeder Jahres­zeit. Der Garten ist eine Binneninsel, die einst den Ordensherren zur Belustigung diente, sie ist nur durch die Brücke in zwei Teile getrennt. Auf der gegenüberliegenden Insel war die Fa­sanerie. Jenseits der Lahn steht ein einfaches Haus mit einem Garten, es ist eine im Sommer viel besuchte Schenke, welcher das sinnreiche Pub­likum den bedeutungsvollen NamenD e r kalte Frosch" gegeben hat. Ich wage zwar nicht, den Sinn, der Bedeutung zu enträtseln, aber das wage ich dreist zu behaupten, daß es rn, den Gemütern derer, welche in demselben in geielligem Kieste beisammen sitzen, oft nordisch kalt und ihr Gespräch oft ebenso geistreich ist als das Gequäke der Frösche und daß ein kalter Fr^lch 1Qte Menschen wenigstens an Harm­losigkeit und Unschädlichkeit übertrifft. Ich darf und will die Vergleichung des gewöhnlichen Schlages von Menschen unserer Zeit mit den Fröschen doch weiter nicht fortsetzeir, .

Geht man über die Brücke, welche zur Re­sidenzstadt führt, um rechts über die Fluren des ehemaligen deutschen Ordens zu gelangen, so kommt man zum sogenanntenStudenten- p f a d". Dieser Pfad heißt bei Sage nach so, weil einst ein Stubent von dem Berge auf dem­selben herabritt, mit dem Pferde stürzte und tot auf dem Platze blieb. Noch jetzt zeigt man einen Stein, in welchen drei Kreuze eingehauen sind und welcher in der Mitte dieses Pfades liegt als Denkzeichen dieses unglücklichen Stur­zes. Dieser Pfad windet sich bis zur Hochebene eines Buchenwaldes hinauf. Ehe man zu der Anhöhe gelangt, sieht man unterhalb des Pfa­des ein spärliches Quellchcn hervorsprudeln, das den Wanderer zur Labung einladet. Die Stätte auf dem Berg hieß einstKöhlersruh", weil sie einem Herrn Köhler zur täglichen Ruhestätte biente. Der Platz war damals noch öde, bis ein Herr von Spiegel, welcher sich um 1820 in Marburg aufhielt, mit großem Kostenaufwand verschiedene Zugänge machte, einen Fahrweg anlegen und den Platz lichten ließ. Einen Tempel verschönte er mit Grotten und Gruppen und stellte Tische und Bänke auf. Von da an nannte man den BergSpiegelslust"^

Der Anblick der Stadt gewährt von diesem Punkte aus einen besonderen Reiz, die sonder­bare Gestalt, in der sie sich um den Berg und an diesem hinaufwindet, und die zugleich Winke über ihre Entstehung gibt, die bewußten Holz­bauten bald Zwerg-, bald riesenmäßig hoch, aber schmal und mit gebeugten Rücken und Häuptern, die, besonders am Steinweg hinauf und die Wettergaffe durch, dem Auge die Hinterteile zu- kehren, bald in einem gräulichen, rötlichen unb weißen Gewände, dazwischen Häuser nach neu­erem Geschmack und Stil gebaut.

Rings um diese altertümliche Stadt die üppigile Vegetation in den unzähligen Gärten und auf Wiesen unb Feldern, unten im Tale die herrliche Elisabeth-Kirche und das maje­stätische Schloß auf der Spitze des Berges, ,;

Mein Gastzimmer, um zu diesem zurückzu­kehren, im Gasthof zum Landgrafen Philipp dem Großmütigen, ist Nr. 12.*) Es befindet sich an der Südseite des Schlaffes im dritten Stockwerk, wohin vom inneren Schloßhofe aus eine steinerne Wendeltreppe von 70 Stufen führt und bildet einen oval vorstehenden Erker mit zwei Fenstern. Von dem einem sieht man im späten Herbste unb Wintex die Sonne auf« und von dem anderen untergehen.

Man kann von diesem Zimmer aus die Stabt vom Markte an westlich, Weidenhausen, Cießertal, den Dammel - und Rotenberg über­schauen, wahrlich die reizendste Aussicht, die sick der Naturfreund wünschen kann. Der Bober des Erkers ist mit Steinen belegt, die noch vor der Zeit seiner Erbauung herrühren.

Von dem Erker steigt man eine Stufe hinab in den mit Dielen belegten Fußboden der übrigen Zimmerraumes, der ungefähr 9 Futz lang unb 14 Fuß breit ist. Die Höhe des Zim­mers beträgt 20 Fuß. Die Frontseite besteht aus bei ursprünglichen festen Schloßmauei, di« Seitenwände dagegen aus Vieitern gefertigt und doppelt, so daß in dem Zwischenräume die Mäuse i.;re Kolonien anlegen und von da Be­suche in meinem Zimmer abstatten. Auf dem Gange der dritten Etage sind noch 4 Gastzimmer, Nr. 9, 10, 11, 13, und hinter diesem letzten De­partement befindet sich in einer Art von Erker, derjenige Thron,'den einst Blumauer in seiner eigenen Manier besungen hat, auf dem man nicht drückende Sorgen übernimmt, sondern sich .von den lästigen irdischen Sorgen befreit und denn auch der eifrige Republikaner gerne be­steigt. Diese Zimmer sind augenblicklich nicht vermietet unb ohne Gäste, nur Nr. 10 ist mit meinem Gefolge besetzt, das bloß aus einem, vom Gastwirte mir zur Bedienung beigegebenen Polizeisergeanten besteht. Wir sind demnach eftt

*) Jordans Gefängnis war bas Türmchen am Südbau. v _ ...z . ..