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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Marburg
Sonnabend 9. Juni 1906.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag« Joh. Aug. Koch, Umversitäts-Buchdruckerci 41. Jahrg. «Marburg, Markt 21. — Telephon o5.
Neueste Telegramme.
Brelin, 7. Juni. Die Ausführungsbestimmungen für die Erhebung der Fahrkartensteuer sollen, wie das „B. T." hört, in einigen Tagen peröffentlicht werden.
Königsberg, 7. Juni. Anläßlich der hier vom 1, bis 9. Juni tagenden Hauptversammlung der Deutschen Kolonialgesellschaft veranstalteten gestern die Abteilung Königsberg und der ostpreußische Eauverband einen Begrüßungsabend. In Vertretung des Oberpräsidenten v. Moltke überbrachte Regierungspräsident \ Werder die besten Wünsche der königlichen Staatsregierung. Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg brachte ein Hurra auf die Provinz Ostpreußen, den Gauverband und die Abteilung ! Königsberg aus.
Bremen, 7. Juni. Für die vom 11. bis 15. ■ Juni stattfindende europäische Fahrplankon- - ferenz für den Winterdienst 1906 sind bis jetzt 208 Verhandlungsgegenstände angemeldet. Die Geschäftsführung liegt in der Hand der königl. ■ Eisenbahndirektion Hannover. Für die Vera- i hingen sind täglich 8 Stunden in Aussicht ge- • nommen.
Dresden, 7. Juni. Auf der Jahresverfamm- ? hing des Vereins für Schulgesundheitspflege 11 wurde heute die Errichtung von Lehrstühlen für Schulhygiene und starke Beschränkung der s Hausaufgaben verlangt. Damit wurde der ■ Kongreß geschloffen. Der nächste findet in Karlsruhe statt.
Wien, 7. Juni. Die Programmrede des L Minsterpräsidenten Baron Beck im Reichsrate fiel durch ihre scharfe und entschiedene, ja drohende Sprache gegen Ungarn auf. Beck erklärte, i die österreichische Regierung halte daran fest, ■ daß die Vorlagen des Ausgleiches auch in Ungarn als gemeinsame, nicht selbständige Abmachungen Rechtskraft erlangen muffen. Dis | Regierung werde noch einen Versuch mit Ver- i Handlungen machen, dann aber werde Oesterreich sein Haus selbst bestellen müffen.
Paris, 8. Juni. Hundert Delegierte der 21 protestantischen Synoden Frankreichs traten in der protestantischen Kirche von Montpellier zu- i sammen, um die durch das Separationsgesetz bedingten Veschlüffe zu faffen und auch Elaubens- i fragen zu diskutieren. Es handelt sich um die beantragte Revision der Synodalbeschlüffe von V 1872.
Die NoLwendiokeit eines deutschen Kolonialheeres.
I: II.
Es handelt sich jetzt darum, in welcher Weise die Schaffung eines deutschen Kolonialheeres | ^anzufangen wäre. Zunächst erscheint die Ver-
36 (Nachdruck verboten.)
Jolanda und Salomea.
Roman von Erich Friese«.
(Fortsetzung.)
XII.
Eine stille Hochzeit im St. Petersdom. So wünscht es Jolanda. Keine großen Festlichkeiten, kein Jubel und kein Trubel. Rur im engsten Familienkreis.
Sie fürchtet dis Aufregung für ihren Vater.
Ueberhaupt — je näher dieser Wichtigeste Tag ihres Lebens heranrückt, umso stiller wird Jolanda.
Ist das die bevorstehende Trennung von dem Vater, welche sie so ernst macht? . . Oder druckt sonst etwas ihr ehedem so frohgemutes Herzchen? . . .
Heute traf ihr Brautkleid ein — das reine Wunder an edler, einfacher Schönheit. Die Zofe Assunta hat es auf zwei Stühlen weit ausgebreitet. In mattem, keuschem Glanz erschimmert es vor den entzückten Augen der jungen Braut....
Morgen, morgen um diese Zeit — da fährt sie zum Petersdom... Der Priester legt ihre Hand in die des geliebten Mannes.... er segnet ihren Bund.... sie ist nicht mehr die Marchesina Jolanda Bonmartino; sie heißt fortan Jolanda Graziano — ihm angehörend, dem Manne ihrer Wahl, „bis daß der Tod euch scheidet".
Feucht steigt es ihr in die Augen. Wie immer, wenn sie so recht von Herzen glücklich ist, denkt sie an all die armen Menschenkinder, die, weniger vom Schicksal begünstigt als sie selbst, des Lebens nie recht froh werden....
So auch jetzt.
„ Was Wunder, daß ihre Gedanken» zu jener 6rau hinfliegen, die durch verwandtschastliche Bande ihr nahesteht und die sie doch nicht offen und frei als Verwandte anerkennen darf.
Wendung eines Teiles des südwestafrikanischen Expeditionskorps nebst den anderenFormationen der Schutztruppen in West- und Ostafrika als Rahmen eines heranzubildenden Kolonialheeres als der natürlichste, beste und sicherste Weg. Es werden sich gewiß viele Leute finden, die im Hinblick auf die beffere Besoldung und auf eine höhere Prämienzahlung am Schluffe der Dienstzeit gern zum Kapitulieren bereit sind. Hiermit ist aber auch das manchem vielleicht fürchterlich Klingende gesagt: das zu gründende deutsche Kolonialheer kann nur einSöldnerkorps sein, durch und durch ein bezahltes Berufsheer, das sich aus Deutschen (nur erstklassigen Leuten) rekrutiert, die sich für 5—10 Jahre, etwa vom 24.—35„ zum Dienst in den Kolonien verpflichten müffen. Auf andere Art (denn das Fremdenlegion-System wollen wir nicht) läßt sich eine ordentliche Truppe wohl nicht zusammenbringen. Leute, die ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel setzen, Offiziere wie Gemeine, dürfen auch den Anspruch auf besondere Vergünstigung machen, deren der Soldat in der Heimat nicht benötigt. Die Stellung als bezahlter Berufssoldat kann gewiß nichts Minderwertiges an sich haben, wie zarte Seelen vielleicht denken, denen das Wiederaufleben eines Landsknechtstums vor Augen steht. Wer arbeitet heute ohne die Absicht des Geldverdienens? Soll der Soldat in den Kolonien weniger wert fein als feine Kameraden zu Hause, weil er auf längere Zeit dient, soll et tiefer stehen, weil er um Geld dient, was jeder Beamter, überhaupt jeder Mensch tut? Derartige übertriebene ethische Bedenken dürften wohl der letzte Einwand gegen die Schaffung eines Kolonialheeres sein.
Die Befürchtung, daß die nötige Zahl von Leuten nicht aufzutreiben sei, ist hinfällig. Im Gegenteil, wenn ein gutes Handgeld, eine anständige Prämie nach tadelloser Dienstzeit, sowie Anstellung im Zivildienst der Kolonien oder des Mutterlandes gewährleistet werden, wirdlleber- fluß an Bewerbern eintreten. Unter diesen können dann die körperlich und moralisch Tüchtigsten ausgesucht werden. Außerdem gibt es bei einer Bevölkerung von über 60 Millionen stets Elemente, die, ohne gleich schlechte Instinkte oder moralische Defekte zu haben, für ruhige bürgerliche Berufe wenig Neigung besitzen. Für diese eröffnet sich im überseeischen Heeresdienste die Möglichkeit einer gern geübten Tätigkeit. Unter dem zweiten Kaiserreich in Frankreich z. B. meldeten sich jährlich an 50 000 Stellvertreter für ausgeloste Heerespflichtige. Unter diesen Freiwilligen befanden sich stets viele tüchtige Arbeiter und Bauern. Sehr viele hatten aber nur Neigung zum Soldatenberuf, und solchen Elementen, die gar nicht die schlechtesten sind, bietet ein Kolonialheer mehr Reiz als der immerhin einförmige Garnisondienst im Mutterlande.
Diese Betrachtung macht keinen Anspruch darauf ein besonderes Programm zu bilden. Ich verhehle mir auch nicht, daß diese Ausführungen von gewiffen politischen Richtungen lebhaften Widerspruch erfahren werden, denen derGedanke
Und wieder, wie schon einmal vor ein paar Wochen, zieht es sie mächtig hin zu Salomea. Ihr ist, als ob sie am Tage vor ihrer Hochzeit mit dieser Frau noch sprechen müffe.
Eine halbe Stunde später schon hält ihr Wagen vor dem Hause Via Flaminia Nr. 85.
Droben im fünften Stock wird sie mit herzlicher Freude empfangen. Die Kinder lachen und jubeln bei ihrem Anblick, und auch Salomea begrüßt sie aufs wärmste.
Es ist das erste Mal, daß die beiden Frauen einander freundschaftlich gegenüberstehen.
Nicht so weit erscheint die Kluft zwischen ihnen, wie damals, als Salomea, mit feindlichen Gefühlen im Herzen, kalt und streng der anmutigen, eleganten Marchesina sich nahte.
Heute ist Jolanda die unruhigere von beiden. Die Erregung, welche eine jede Braut am Tage vor ihrer Hochzeit befällt, hat ihr sonst so rosiges Antlitz mit einer zarten Bläffe überhaucht. Sa- lorneas schmale Wangen dagegen färbt warme Rote, welche sie jünger, voller erscheinen läßt — aus wirklicher Freude über den seltenen Besuch.
„Wie froh bin ich, daß Sie gekommen sind, Fräulein Bonmartino!"
Mit Wärme ergreift Jolanda Salomeas Hand.
„Bitte, nennen Sie mich Jolanda! Sir wiffen nicht, wie nah Sie meinem Herzen stehen, liebe Salomea.,.
Frau Belloni lächelt.
„Auch mir geht es so, liebe Jolanda. Seit Sie meinem Kinde dort —" sie deutet auf Rinaldo, der mit Angelina artig am Kindertischchen fitzt und nur ab und zu einen bewundernden Blick auf die schone „Cousine" wirft — „die Gesundheit Wiedergaben, empfinde ich für Sie wie für eine Schwester."
„Ich fühlte Sympathe für Sie vom ersten Augenblick an,“ bemerkte Jolanda lebhaft.
eines besonderen Kolonialheeres ein Gräuel ist. Es sollte hier nur gezeigt werden, daß die Schaffung eines Kolonialheeres unter den jetzigen Verhältnissen nicht unmöglich oder unvorteilhaft erscheint, daß sie ferner einen notwendigen Schritt auf dem Wege unserer kolonialen Entwicklung bedeutet. D—B.
Kaiser Wilhelm in Oesterreich.
Wien, 7. Juni. Beim gestrigen Tee bei dem Fürsten Fürstenberg unterhielt sich Kaiser Wilhelm in lebhaftester Weise etwa eine Stunde mit der Fürstin Metternich hauptsächlich über Theater und Kunst, aber auch politische Themen wurden berührt. Wie verlautet, ist in den Gesprächen zwischen den beiden Kaisern, sowie zwischen Eoluchowski und Tschirschky die innere Situation Rußlands berührt worden, da man es nicht für ausgeschloffen hält, daß die Entwicklung der Dinge in Rußland auf die internationale Lage in unerwünschter Weise einwirken -könnte.
Wien, 7. Juni. Kaiser Wilhelm begab sich mit Gefolge unter strömendem Regen nach dem dem Grafen Wilczek gehörigen Schloß Kreuzenstein. Er reifte nach 10 Uhr von der Stadtbahn- ftation Hietzing mit der Nordwestbahn zu der zwischen Kronenburg und Spillern improvisierten Haltestelle, wo er nach einstündiger Fahrt eintraf. Von dort fuhr man in Viererzügen ins Schloß. Hier sand festlicher Empfang, eingehende Besichtigung und ein Dejeuner statt.
Wien, 7. Juni. Kaiser Wilhelm ist gestern %6 Uhr von Kreuzenstein nach Schönbrunn zurückgekehrt, wo ein Galadiner zu 100 Gedecken stattfand. Toaste wurden nicht ausgebracht. Infolge des regnerischen Wetters wurde die Serenade des Wiener Männergesangvereins im Freien abgesagt. Der Männergesangverein brachte in der kleinen Galerie einige Lieder zum Vortrag.
Kaiser Wilhelm hat gestern abend um 9,35 Uhr vom Penzinger Bahnhofe aus seine Rückreise angetreten. Vor dem (Eintreffen der beiden Monarchen hatten sich dort die Herren der deutschen Botschaft, der österreichische Botschafter in Berlin v. Szogyenyi-Marich und der deutsche Generalkonsul in Budapest Graf v. Wedel eingefunden. Etwa 5 Minuten vor der Abfahrtszeit trafen die beiden Monarchen auf dem Bahnhöfe ein, mit ihnen der deutsche Botschafter und der Ehrendienst. Kaiser Wilhelm, der die Uniform seines österreichischen Husaren-Re- giments (Nr. 7) trug, unterhielt sich einige Zeit mit dem Botschafter Grafen v. Wedel und dem Militärattachee v. Bülow, wendete sich auch zu dem Botschafter o. Szögyenyi und verabschiedete sich von jedem einzelnen der Herren vom Ehrendienst. Kaiser Franz Josef, der die Uniform seines preußischen Husaren-Regiments (Nr. 16)
Salomea antwortet nicht sogleich. Tief und forschend ruhen ihre Augen auf dem zarten Antlitz vor ihr.
„Das war bei mir nicht der Fall," entgegnet sie mit der ihr eigenen Offenheit. „Mein Herz war noch bis vor kurzem mit Abneigung gegen Sie erfüllt — nicht gegen Ihre Person, aber gegen Sie als Kind des Mannes, der meiner Mutter so furchtbar wehe getan; des Mannes, der mich — seine Schwester, ruhig hätte im Elend verkommen lassen.... Fahren Sie nicht auf, liebe Jolanda! Ich sage nichts weiter gegen Ihren Vater! All diese unedlen Empfindungen bei mir sind vorbei. Ich liebe in Ihnen das gute, reine, unschuldige Geschöpf, das nichts von Unrecht weiß."
Jolanda ist sehr bleich geworden. Nur mit Aufbietung all ihrer Selbstbeherrschung zwingt sie sich zur Ruhe.
Und doch zittert es wie verhaltene (Empörung in ihrer Stimme nach, als sie rasch, hastig entgegnet:
„Als Sie mir damals Ihre traurige Lebensgeschichte erzählten, sprachen Sie gleichzeitig einen Verdacht aus, der mich aufs tiefste verletzen mußte; denn er berührte die Ehrenhaftigkeit meines Vaters. Ich wies Ihnen nicht die Tür, wie ich es wohl hätte tun sollen; ich horte Ihnen geduldig bis zu Ende zu; ich schied sogar von Ihnen als Freundin. Weshalb, ich weiß es nicht. Mir war, als stunde ich unter einer geheimnisvollen Gewalt, die mich in ihren Bann gezogen, dem ich nicht mehr entfliehen konnte. Ich hätte Sie Haffen, sie verabscheuen sollen. Aber — ich glaubte Ihren Worten, ich bedauerte Sie, ich — liebte Sie. Bevor ich Sie kennen lernte, hatte nie eine trübe Stunde mein sonnenheiteres Leben verdüstert. S i e haben mich zweifeln gelernt. Es gab Tage, an denen es mich drängte, meinem Vater alles zu sagen, damit er sich verteidige, sich reinige von dem furchtbaren Verdacht, den Sie im Herzen gegen
trug, geleitete Kaiser Wilhelm zum Waggon. Die Monarchen reichten sich dann die Hände und küßten sich dreimal. Als Kaiser Wilhelm den Wagen bestiegen hatte, trat et ans Fenster und sprach mit Kaiser Franz Josef, bis der Zug int Rollen kam. Dann blieb er salutierend stehen, bis die (Entfernung sich vergrößert hatte. Kaiser Franz Josef reichte dem Botschafter Grafen von Wedel die Hand, verabschiedete sich von den übrigen Herren und fuhr nach Schönbrunn zu« rück.
Wien. 8. Juni. Der Verlauf der Kaiser- tegegnung hat hier seht befriedigt. Auch die auf Anregung Kaiser Wilhelms abgesandte Depesche an den König von Italien entspricht durchaus der hier herrschenden Stimmung.
Der Mordanschlag auf das spanische Königspaar.
Der Madrider Korrespondent des „Daily Telegraph" schickt seinem Blatte eine Darstellung der Vorgänge beim Attentat auf König Alfons, wie dieser selbst sie Mitgliedern des Hofes geschildert hat. Danach verdankt die Königin ihre Rettung dem Umstande, daß sie sich zur linken Seite des Wagens hinauslehnte, um Begrüßungen der Damen auf der großen Tribüne zu erwidern. Bis dahin hatte sie auf der rechten Seite gefeffen und mit der Hand zum rechten Fenster hinausgewinkt. Hätte sie nicht ihren Platz gewechselt, so wäre zweifellos ihre rechte Hand zerschmettett worden.
Madrid, 7. Juni. Großes Aufsehen erregt die Verhaftung des alten Republikaners Rakens, des Chefredakteurs des Blattes „El Motin". Er hat vor dem Richter erklärt, sofort nach dem Attentat habe sich Morral bei ihm eingefunden und gesagt, er habe soeben eine Bombe gegen den König geschleudert; er bäte^ ihn zu verbergen. Nakens verweigerte dies, empfahl ihn aber an einen Anarchisten, der in der Vorstadt Eundalera wohnte. Auch dieser ist verhaftet worden. Er verhalf Morral zu weiterer Flucht.
Madrid, 6. Juni. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde heute der Republikaner Nakens, der Herausgeber des Blattes „El Motin", verhaftet, der beschuldigt wird, Mates Morral nach dem Bombenanschläge die Flucht aus Madrid erleichtert zu haben. In einem Schreiben, das er vor seiner Verhaftung an die „Correspondencia de Espana" richtete, nimmt Nakens die Verantwortlichkeit dafür, daß et Morral Hilfe geleistet habe, auf sich. Vor dem Untersuchungsrichter sagte ein gewisser Daza aus, der mit ihm befreundete Straßenbahninspektor Harra habe ihn am vorigen Donnerstag in der Nacht gebeten, er möge einen aus dem Gefängnis entwichenen italienischen Jour-
ihn hegen. Aber ein Blick auf seine edlen, leidenden Züge, auf seine zitternden Hände, auf feinen ganzen gebrechlichen Körper — und ich unterließ es. Denn Salomea — mein Vater ist krank, sehr krank, und jede Aufregung kann ihm schaden. In meinem tiefsten Innern aber - da regt sich immer noch — kein Zweifel, nein, der wäre ein Vrbrechen an meinem edlen Vater — aber eine leise Verstimmung, ein — ich weiß selbst nicht was, das mich nicht so recht von Herzen froh werden läßt — so froh, wie ich es früher war."
Mit keiner Silbe hat Salomea das tief erregte Mädchen unterbrochen. Nur ihr beredtes Minenspiel drückt ihre ganze tiefe Anteilnahme aus.
„Salomea?" schließt Jolanda heftig, beinahe leidenschaftlich. „Morgen ist mein Hochzeitstag und ich habe die Empfindung, daß ich in diesen wichtigsten Abschnitt meines Lebens nicht eintreten kann, ohne eine für meine Gemütsruhe wichtige Frage an Sie gestellt zu haben. Deshalb bin ich heute zu Ihnen gekommen. Sie find Gattin, Mutter — Sie werden meine Empfindungen gewiß verstehen. Sagen Sie mir offen und ehrlich: hegen Sie noch immer irgend einen Verdacht —"
Heftiges Ziehen an der Glocke läßt pe inne= halten.
Beide Frauen lauschen....
„Es kommt jemand," flüstert Jolanda. „Wir werden nicht mehr allein sein. Bitte, nur ein Wort: hegen Sie noch immer jenen Verdacht? Ja oder — nein!"
Draußen polternde Schritte und eine aufgeregte Stimme:
„Wo ist meine Nichte? Muß sie sofott sprechen!"
Salomea springt auf. Sie erkennt bestimme ihres Onkels. Mein Gott, wenn bU beiden sich hier treffen? Der Onkel ist so formlos, so wenig rücksichtsvoll? (Frist folgt.) J