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mit dem Krnsblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

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Vierteljährlicher Bezugspreis, da oer Expkdition 2 ML, bn allen Postämtern 2,25 Mr. <ejcL Bestellgeld).

ZnsertionSgebühr: die gespaltene Zelle oder deren Raum 10 Pfg.

Rcclamen: die Peile 25 Psg.

Marburg

Freitag. 8. Juni 1906.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag- Zoh. Avg. Koch, UntverfitätS-Buchdruckerei 41, ferthrfl. Marburg, Markt 21. — Telephon 55. M

Neueste Telegramme.

Berlin, 6. Juni. Eine Begegnung zwischen lern Kaiser und König Haakon melden nor­wegische Blätter als bevorstehend. Die „T. R." erfährt hierzu, daß allerdings die diesjährige Nordlandreise des Kaisers Gelegenheit zu dieser Begegnung bieten wird. Es ist die Einlösung einer Zusage, welche der Kaiser dem König Haakon bereits bei Gelegenheit ihres Zusam­mentreffens in Kopenhagen aus Anlatz der Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen König Christian gemacht hatte.

Berlin, 7. Juni. „Nur ein Wechsel in der Person des Reichskanzlers" würde — so hören die „Kieler N. N." — die Veranlassung zu einem etwaigen Rücktritt des Grafen Posadowsky von seiner Stellung abgeben. Weder seine Verteidi­gung des Obersten v. Deimling im Reichstage, noch die Gegnerschaft der Konservativen hätten die Stellung des Staatssekretärs in irgend einer Weise erchüttert. Im Gegenteil lege sowohl der Kaiser als auch der Reichskanzler den allergrötz- ten Wert darauf, die hervorragende Arbeits­kraft des Grafen dem Reichsdienst zu erhalten.

Berlin, 6. Juni. Die Abhaltung eines all­gemeinen deutschen Handwerkertages ist für den Sommer 1907 geplant. Die Tagung soll nach den Festsetzungen des Zentralausschusses des Jn- nungsverbandes im August mit der Tagung der Handelskammern in Mitteldeutschland statt­finden. Am gleichen Ort und zu derselben Zeit soll dann auch eine Generalversammlung der deutschen Mittelstandsveretnigung stattfinden, damit die Interessenten an allen drei Veran­staltungen teilnehmen können.

Berlin, 6. Juni. Der Philosoph Eduard von Hartmann ist heute nacht in Grotzlichterfelde im Älter von 64 Jahren gestorben.

Breslau, 6. Juni. Der Allgemeine deutsche Schulverein feierte gestern in der Aula der Uni­versität im Beisein der Spitzen der Behörden, zahlreicher Professoren und vieler Delegierten aus Deutschland und Oesterreich sein 25jähriges Bestehen durch eine Festsitzung. Als Jubiläums­spende wurden verteilt: 22 000 <.H für eine Echulgründung in Böhmen, 18 000 für eine solche in Mähren, 5000 für einen ungenann- len Zweck.

Bonn, 7. Juni. Bei der altkatholischen Bi­schofswahl entfielen von 117 Stimmen 108 auf ■teil bisherigen Eensralvikar .Pfarrer Demmel, der somit gewählt ist.

Jena, 6. Juni. Heute vormittag wurde der evangelisch-soziale Kongreh unter zahlreicher ] Beteiligung durch Prof. Dr. Harnack (Berlin) mit einer längeren Ansprache eröffnet. Die Rede schloß mit einem dreifachen Hoch auf den Kaiser und den Grohherzog von Sachsen.

Rom, 7. Juni. Das Königspaar beschloß 'trotz der Entdeckung der Bomben den Besuch in Ancona nicht zu unterlassen. — „Popolo Ro­mano", der kürzlich schon England angriff, das

6 (Nachdruck verboten.)

Jolanda und Salomea.

Roman von Erich Friesen.

lFortsctzung.)

Als Larlo Belloni spät abends aus seinem Atelier heimkehrt, in welchem er zur Fertigstel­lung von ein paar Kleinigkeiten an seinem gro- >tzen Bilde sogar bei Lampenlicht gearbeitet — da erzählt ihm Salomea von dem seltsamen, un­erwarteten Besuch, den sie inzwischen gehabt und wie der neu aufgetauchte Onkel jene Erbschafts- angelcnhent beurteile.

Zu ihrer Verwunderung schüttelt Carlo nicht Mißbilligend den Kopf.

Im Gegenteil — er begleitet ihre Mitteilun­gen mit allen Zeichen lebhaftester Zustimmung. Auch er sei der festen Meinung, daß eine Testa- meiltunterschiebung stattgefunden hat.

1 Auf Salomeas erregte Frage, weshalb er seins Ansicht plötzlich geändert, erzählt er, datz diese Sinnesänderung nach und nach gekommen wäre.

Vor allem habe der Besuch des Marchese Ber­nardo Bonmartino dazu beigetragen, der ihm eine lange Geschichte, voll von Widersprüchen und Unwahrscheinlichkeiten vorpredigte, die ihm zu denken gegeben.

„Und das Kompromittierendste für ihn in der ganzen Sache ist" — fügt Carlo lebhaft hinzu — „er bot mir Geld an — ein „Unter­stützung", wie er es nannte."

. „Nun? Und du?" ruft Salomea mit blitzen­den Augen.

, „Ich sagte ihm, ich hätte in der Angelegen­heit kein Recht, zu entscheiden. Die Sache ginge ■pur meine Frau an. Bei ihrer Rückkehr würde «h sie ihr vorlegen."

durch eine falsche Auffassung von Freiheit den internationalen Kongretz zur Bekämpfung der Anarchisten an fruchtbringender Arbeit gehin­dert habe, fordert wiederum eine bessere Ueber- wachung der Anarchisten und internationale Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung.

London, 6. Juni. Wie die „Times" aus To­kio vom 5. ds. melden, beschloß die japanische Regierung, Korea mit zwei Divisionen, der 13. und 15., zu besetzen, von denen elftere mit dem Hauptquartier in Hoseung die Bewachung der Ostgrenze längs des Tumen übernehmen wird, während der letzteren, die zum Hauptquartier Pongsan erhalten wird, der westliche Teil der Grenze längs des Palu zur Bewachung zugeteilt werden soll. Ausschließlich Port Arthurs wer­den die Japaner die Mandschurei mit 20 000 Mann besetzt halten, die ihnen aufgrund der im Friedensvertrage bewilligten 15 Mann pro Kilometer zustehen.

Die Notwendt« kcit eines deutschen Kolonialheeres.

i.

Zur Frage einer deutschen Kolonialarmee ist schon viel geschrieben worden. Im ersten Sta­dium der chinesischen Wirren, als die Entsen­dung größerer Truppenmassen nach Ostasien not­wendig geworden war, hatten einzelne Stim­men bereits darauf hingewiesen, wie sehr unter diesen Umständen das Vorhandensein einer stän­digen Kolonialtruppe von Vorteil gewesen wäre. Diese Hinweise, die damals zum Teil von sehr kompetenter Seite ausgingen, erfuhren bei der Neuheit der Sache in Deutschland eine sehr verschiedene Beurteilung. Die Gegner unserer Kolonialpolitik wiesen die Vorschläge a limine zurück. In den gemäßigten Kreisen mangelte es an Interesse. Man begnügte sich, die Sache ohne eigentliche Widerlegung oder Abweisung als noch nicht spruchreif darzustellen und demgemäß im allgemeinen kühl zu behandeln.

Eine Reihe von Jahren verging. Dann kam unser erster großer Kolonialkrieg, der Aufstand in Südwestafrika. Mit Stolz blickte ganz Deutschland auf die braven Freiwilligen, die, dem Klima und zahllosen Entbehrungen trotzend, den Kleinkrieg mit den schönsten Er­folgen durchführten, sodaß allmählich Ruhe und Ordnung in die Kolonie zurückzukehren begin­nen. Die Notwendigkeit eines deutschen Kolo­nialheeres wird jetzt verneint im Hinblick auf die Schlagfertigkeit unserer Heimattruppen, aus denen, wie der Aufstand gezeigt habe, sofort das Material entnommen und formiert werden könne.

Im übrigen genüge die ständige, nunmehr vermehrte Schutztruppe.

Diese Begründung ist nun doch sehr einseitig, da ja nicht nur Eingeborenenaufstönde in den größeren Kolonien in den Kreis der Berechnung zu ziehen sind. Ein kriegerischer Konflikt mit

Salomea schweigt eine zeitlang. Die Mit­teilung kommt gar so unerwartet!

„Carlo" — sagt sie endlich, und ihre tiefe Stimme klingt seltsam weich und verschleiert — „lieber Carlo, darf ich ganz nach meinem Ge­fühl entscheiden?"

„Aber gewiß, Liebste. Ich habe vollstes Ver­trauen in deine Einsicht."

„Bist du glücklich, mein geliebter Gatte?"

„Sehr glücklich. Wer ein Weib besitzt, wie du eines bist —"

„Und Kinder — süße, liebe Kinder, wie die unserigen, nicht wahr?" fällt sie lebhaft ein.

„Ja, Salomea — liebe Kinderchen, wie die unserigen!"

„Der muß glücklich sein — gewiß! Und wer hat uns dieses Glück befestigt? Jolanda Bon­martino, indem sie uns unfern teuren Jungen am Leben erhielt. Carlo, mein lieber guter Carlo, hör mir genau zu! Angenommen, es hat damals eine Testamentsfälschung stattgefunden. Mein Onkel Paolo will den vernichtenden Schlag gegen die Brüder Bonmartino führen, der uns Geld, viel Geld bringen soll. Ich aber will dies nicht, denn an ihm würde das Unglück des Wesens hängen, das ich liebe, das rein und unschuldig ist und nichts gemein hat mit der niedrigen Handlungseise ihres Vaters und Onkels. Mein Carlo! In den drei stillen Wo­chen am Meeresstrand habe ich viel, viel nachge­dacht und bin zu dem Entschluß gekommen, das Geheimnis, das über jenem Testament schwebt, ruhen zu lassen. Jolanda Bonmartino ist ver­lobt. Sie wird einst Kinderchen haben — liebe kleine Kinderchen, wie wir. Mein Carlo! Jo­landa bat unserem Rinaldo das Leben gerettet. Soll ich es ihr dadurch vergelten, daß ich ihren Kindern einen befleckten Namen in die Wiege lege? Nein, nein — niemals!"

einer feemächtigen Nation liegt heute nicht außer dem Bereich der Möglichkeit. Die räum­liche Ausdehnung unserer Schutzgebiete und die Entfernung vom Mutterlands ist so groß, daß eine Verteidigung durch Heimattruppen im Kriegsfälle so gut wie unmöglich ist. Ein Trup­pentransport über See bedarf eines starken Kon­vois von Kriegsschiffen, deren Detachierung un­sere Flotte nicht vertragen könnte. Unsere Schutzgebiete, die als leichte und billige Beute geradezu anlocken, sind mit den verhältnismäßig kleinen Kontingenten — das südwestafrikanische Expeditionskorps kommt ja wieder nach Haufe — nicht imstande, einen nachdrücklichen Angriff einer Landungsflotte auszuhalten und ohne Verstärkung aus dem Mutterlande einen von irgendwoher eindringenden Feind auf die Dauer erfolgreich abzuwehren.

Nicht allein das Interesse an der Erhaltung der Kolonien im Kriegsfälle spricht für die Bil­dung eines ^deutschen Kolonialheeres. Die Summe der ^geschichtlichen Erfahrungen aller Zeiten und aller Völker gipfelt in dem Satze: große überseeische Erwerbungen und Aktionen, Handels- und Weltpolitik im modernen Sinne sind ohne besondere Kolonialtruppen nicht mög­lich. Auch Deutschland wird, um die angefan­gene Bahn mit Erfolg weiter beschreiten zu kön­nen, hierin keine Ausnahme machen dürfen. Hätten wir für die Feldzüge in China und Süd- westafrika bereits einige taufend tropentüchtige Leute gebabt, so wären unzweifelhaft die Ver­luste durch Krankheiten, die damals in erster Linie standen, bedeutend geringer gewesen, und an Kosten für Nachschub und Hospitalschiffe, die fast nur Typhus- und Ruhrkranke beherbergten, hätte, um auch die finanzielle Seite nicht außer acht zu lassen, nicht wenig gespart werden kön­nen. Wir haben die allgemeine Wehrpflicht, aber m. E. scheint es sehr unpraktisch, unter Be­rufung auf diese Pflicht, junge Männer in dem kritischen Alter von 20—23 Jahren über See in ein ungewohntes Klima zu senden, wo sie einer erhöhten Sterblichkeit ausgesetzt sind und nach kurzer Verweilungszeit wieder abgelöst werden müssen, dann vielleicht für den Nest des Lebens höheren Anforderungen nicht mehr zu genügen vermögen. Nachteile für die Bevölkerung sind dis Folge und auch die materielle Belastung würde unverhältnismäßig hoch. Keine Kolo­nialmacht hat dieses System dauernd durchfüh­ren können. D—B.

Kaiser Wilhelm in Oesterreich.

Wie aus Wien gemeldet wird, traf Kaiser Wilhelm am gestrigen Mittwoch Vormittag 8 Uhr 45 Min. auf dem Nordbahnhofe ein, wo er vom Kaiser Franz Josef in preußischer Marschallsuniform erwartet wurde. Kaiser Wilhelm, der österreichische Feldmarschallsuni-

Salomea ist aufgesprungen. Als sähe sie ein Gespenst vor sich, streckt sie beide Arme ab­wehrend aus. Ihr ganzes Gesicht erstrahlt vom Feuer reinster, edelster Menschenliebe.

Carlo schweigt erschüttert. Zwar begreift fein weniger tief angelegtes, mehr am Oberfläch­lichen haftendes Gemüt den Eedankengang dieser seltenen Frau nicht vollständig: aber unbewußt beugt er sich vor ihrer Seelengrötze.

„Ich kann auch nicht die „Unterstützung" an- nehmen, die der Marchese Bernardo dir anbot", fährt Salomea nach einer Weile ruhig fort. „Sie kommt mir vor, wie ein — Schweigegeld.... Alles oder — nichts! Ich sagte es schon früher einmal. Noch vor kurzem sehnte ich mich danach, „alles" zu besitzen. Jetzt bin ich mit „nichts" zufrieden. Wir sind gesund, wir sind glücklich. Ueberlassen wir jene beiden Männer, meine — Stiefbrüder, ihrem Gewissen und einem höheren Richter. Ich mag nichts mit der Sache zu tun haben!"

Roch nie wohl haben der arme Maler Carlo Belloni und seine edle Gattin sich so wahrhaftig glücklich gefühlt, wie heute Abend, als sie Hand in Hand an die Bettchen ihrer Lieblinge treten und mit Freudentränen in den Augen auf die holden Kindergesichtchen niederblicken.

„Liebe Mama!" flüstert soeben Rinaldo im Schlaf. „Wann kommt unsere schöne Cousine? unsere gute Fee, die so herrliche Sachen brachte? Ich hab' sie lieb, die Cousine!"

Tief gerührt beugt Salomea sich nieder und drückt einen Kuß auf die Stirn ihres genesenden Lieblings — einen Kuß, der für sie ein Schwur ist.

Am nächsten Tage schon trifft im Palazzo Bonmartino ein Schreiben folgenden Inhalts ein: ... _

I form trug, stieg aus und eilte auf Kaiser Franz I ®u" Kaiser reichten einander bte I Hande und hielten sich mit warmem Druck fest. I wahrend sie einander dreimal küßten. Nach einem Aufenthalt von 4 Minuten fuhren beide Kaiser im preußischen Hofsanderzug über die Verbindungsbahn nach Penzig. Dort erfolgt«

I die Ankunft der beiden Kaiser um 9y2 Uhr. I Auf dem streng abgesperrten Bahnhof hatten sich vier Erzherzöge, die Mitglieder der deutsche»

I Kolonie, der österreichisch-ungarische Botschafter I in Berlin v. Szoegyenyi, der Statthalter von Niederöfterreich, Oberbürgermeister Lueger und

I andere eingefunden. Kaiser Wilhelm, sehr I Irisch und elastisch, begrüßte zuerst die Herzöge I und küßte unter ihnen den greifen Erzherzog I Rainer, nahm von der Gräfin Wedel, mit der I er sich später sehr angeregt unterhielt, ein gro« I ßes Nelkenboukett entgegen und schritt dann die I Ehrenkompagnie ab, während die Kapelle das I „Heil dir im Siegerkranz" intonierte. Kaiser I Franz Josef in deutscher Eeneralsuniform, ob« I wohl gebeugt, schritt doch rüstig an seiner Seite. I Trotz leichten Regens fuhren die Kaiser in I offenen Equipagen ins Schönbrunner Schloß, I In den prächtig geschmückten Sttaßen war die I Wiener Garnison ausgestellt, und eine vieltau» | sendköpsige Menschenmenge begrüßte beide Kai« I fer mit Jubel. Im Schönbrunner Schlosse em­pfing der deutsche Kaiser die Minister Eolu«

I chowski, Pitreich, Beck und Wekerle.

I Wien, 6. Juni (nachmittags). Beide Kaiser I frühstückten heute laut „Franks. Zig." um 1 Uhr I bei dem deutschen Botschafter, der auch die Her« I ren des deutschen Gefolges, zahlreiche Diplo* I malen, den Grafen Eoluchowski, die österreichi« I fchen und ungarischen Minister, mehrere Damen, I darunter die Fürstin Metternich, geladen hatte. I Man blieb bis gegen 3 Uhr in animierter Un« I terhaltung beisammen. Auch Kaiser Franz Jo- I fef, der vormittags wortkarg schien, nahm wohl« I gelaunt an der Unterhaltung teil. Kaiser Wil« I Helm zog den Grafen Eoluchowski, den öfter« I reichischen und den ungarischen Ministerpräsident ten, in längere Gespräche. Eoluchowski ist oudf vormittags vom Kaiser Wilhelm schon ix Audienz empfangen worden. Gleichwohl ver« harren auch die deutschen diplomatischen Kreis« dabei, daß dem Besuche jeder spezielle politisch« Zweck fehle, was natürlich eine Verständigung zwischen zwei befreundeten und verbündeten Monarchen über Fragen der aktuellen Politik nicht ausschließt.

Wien, 6. Juni. Der Staatssekretär des Aus« wärtigen Amtes v. Tschirschky-Bögendorff be­suchte den Minister des Aeußern, Grafen Eolu­chowski und die beiden Ministerpräsidenten.

I Wien, 6. Juni. Kaiser Wilhelm nahm beim Fürsten Max Egon von Fürstenberg in intimem Kreise den Tee ein. Es waren etwa 40 Gaste geladen, darunter der deutsche Botschafter Graf Wedel mit Gemahlin und der Minister des „Herrn Marchese Bernardo Bonmartino.

Sehr geehrter Herr! Gestern ist meine Frau zurückgekehrt. Sie beauftragt mich, Ihnen mit­zuteilen, datz sie auf Ihre Unterstützung ver­zichtet. Aus welchen Gründen, ist wohl gleich« i gültig. Mit vorzüglicher Hochachtung '

Carl Belloni."

Der Brief entfällt Bernardos Hand. Sein« Lippen öffnen sich ein wenig, als könne er ba< soeben Gelesene nicht fassen.

Träumt er? . . . Diese bettelarme Frau weist sein „großmütiges" Anerbieten zurück? Etwa aus Stolz? . . . Oder steckt irgend etwas anders dahinter?

Ein feistes, gutmütiges Gesicht taucht vor seinem geistigen Auge auf und ein langer strup­pig-roter Bart und eine vierschrötige Hühnen« gestalt....

Bei dieser Vision wird dem braven Mar­chese plötzlich unbehaglich. Seine Gedanken schweifen viele, viele Jahre zurück, da er in Venedig Gelegenheit hatte, den Mut und den Jähzorn Paolo Rosso's kennen zu lernen. Da­mals hatte beides seinem Vater, dem alten Marchese fast das Leben gekostet. Wer weiß, wozu der Mensch jetzt fähig ist! . . .

Feige, wie die meisten Verbrecher sind, wenn es gilt, mutig einem herannahenden Ungemach ins Auge zu schauen, ist Bernardo nicht imstande, heute Abend ruhig dem Bruder und dessen Toch­ter, besonders aber ihrem Bräutigam, dem „Staatsanwalt" gegenüberzutreten.

Er läßt sich mit Unwohlsein entschuldigen und bleibt in seinen Zimmern — auch während des Abendessens. s

Vittorio Graziano, der in letzter Zeit alles, was im Palazzo Bonmartino vorgeht, mit miß« ‘ trauerischen Augen anzusehen beginnt, erblickt - auch in diesem Fernbleiben des ihm ohnehin ]