mit dem Kreisdlatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Marburg
Sonntag. 3. Juni 1906.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag. Iah. Aug. Koch, UmverfttätS-Buchbruckerrl
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
41. Jahrg.
Zweites Blatt.
Neueste Telegramme.
' Berlin, 2. Juni. Die Zentrumsfraktion hat geschlossen, daß jeder Abgeordnete von seinen Diäten 100 Mark an den Parteifonds zu bezahlen hat.
। Berlin, 2. Juni. Die „Neue Pst. Korr." behauptet, die Vorlage, betr. den Bau der Bahn hon Kubub nach Keetmanshoop, die der Reichs- itag vor wenigen Tagen ablehnte, werde „immer Wieder eingebracht" werden.
, Paris, 1. Juni. Die Bischofsversammlung hat heute ihre Arbeiten beendet. Man glaubt, daß 'sich die Mehrheit für Unterwerfung unter das kTrennungsgesetz und für Bildung von Kultus- mereinigungen entschieden hat.
Toulon, 1. Juni. An Bord des Torpedobootes 250 meuterte die Mannschaft. Sämtliche Matrosen verließen das Schiff während einer Uebungsfahrt bei Bonifacio an der Küste von Korfica und kehrten erst nach einer langwierigen Intervention des Schiffskommandanten an Bord zurück.
! Bukarest, 1. Juni. Aus Ealatz eintreffende Odessaer Meldungen besagen, daß dort eine große Panik herrscht. Alles streikt, auch sämtliche Matrosen der Handelsflotte. Die Polizei habe den Kopf verloren. Man betrachte den Ausbruch der Revolution als unvermeidlich. Die revolutionäre Partei beherrsche Odessa. Diese Wendung wird als die Folge der Furcht der Revolutionäre vor einer Diktatur Trepow erklärt.
(F. Z.)
Der Allgemeine Deutsche Schul- Verein zur Erhaltung des Deutschtums im Auslande.
Bor einem Jahre hat der österreichische deutsche Schulverein in Linz das erste Viertel- ijahrhundert seines Bestehens gefeiert. In diesen Tagen (4. bis 6. Juni) folgt ihm in Breslau sein jUm ein Jahr jüngerer reichsdeutscher Bruder, sdcr „Allgemeine Deutsche Schulverein zur Erhaltung des Deittschtums im Auslande". Ihm gelten heute unsere treuen Glück- und Segenswünsche.
Es ist eine stille und anspruchslose Arbeit, die der „Allg. Deutsche Schuloerein" in den 25 Jahren seines Bestehens geleistet hat, eine Arbeit, die es niemals vermocht hat mit ihren Leistungen zu prunken und die darum auch weniger, als sie ;es verdiente, die Aufmerksamkeit und das volle Interesse der Nation auf sich gezogen hat. Immerhin darf der Verein zufrieden sein, daß er wenigstens eine Gemeinde von 35 000 Elie-
Ms Liebesidyll im Mond.
Ein Märchen von Martha Frohwein.
ü: (Schluß.)
• Die zweite Abteilung brachte herrliche Wasserkünste, in Szene gesetzt von Herrn Regen, mit Hilfe der Brüder Sonnenstrahlen. War das ein Flimmern und Funkeln! Herr Regenbogen, ein Einsiedler, der sich sonst nur selten sehen ließ, ging heute, als Zauberer verkleidet, auf der jBühne umher und entlockte den grauen Felsen- steinen, die die Dekoration bildeten, mit seinem Zauberstab springende Quellen in den verschiedensten Farben unb Figuren. Leuchtkugeln stiessen dabei in die Luft, und es war ein Rauschen sUnd Klingen, wahrhaft betäubend fiir's Ohr. Herr Sturm sang hinter der Bühne ein Lied .von Farbenreiz, von Wassergewalt, von Feuers- wacht, aber alle mußten versinken vor Frau Sonne, der Allbezwingerin. Es klang groß- ,artig, wie er fang, aber es war doch gut, daß es -hinter der Bühne geschah denn sein Baß ist Nächtig, und ganz in der Nähe hört er sich nicht -so schön an, als wenn man im hübsch durchwärm- iten Raume unter fröhlichen Menschen seiner Stimme lauscht. Wieder lebhafter Beifall, dann -kam die dritte Abteilung. Der Vorhang öffnet ,sich; im Hintergrund sieht mau ein Schlößchen im Rokokostil, davor liegt ein Karten mit zier- flich geschnittenen Bosketts, das Ganze von Ro- fenguirlanden durchzogen. Jrn Vordergrund der Bühne stehen zwei Postamente und auf jedem derselben ein Rokokofigürchen in graziöser Stel- !ung; der kleine Herr in gepuderter Perrücke, den Dreispitz mit der rechten Hand aufs Herz gedrückt und knieend die Blicke auf das niedliche Dämchen gerichtet, das halb abgewendet, schel- iinisch hinter dem Fächer hervorlugt. Einige Sekunden stehen die beiden bewegungslos, dann schlägt langsam.eine Uhr zwölf Schläge — Mit-
dern sein eigen nennt und daß er sich immer noch in langsamem Steigen aufwärts bewegt.
Der Allg. Deutsche Schulverein ist gegründet als die nationale Schutzwehr des Deutschtums im Auslande. Und was er versprochen hat, hat er treulich gehalten. Waren die Mittel bescheiden, die ihm zu Gebote standen, was er mit ihnen geleistet hat, war um so größer. Wer will sie denn heute aufzählen, alle die deutschen Siedlungen in fremder Umwelt, diesseits des Meeres wie jenseits, die dem deutschen Schulverein im Ringen um ihre nationale Existenz Hilfe und Unterstützung verdanken und in denen ohne diese Hilfe heute längst der letzte deutsche Laut verklungen wäre? Wer will die Summe jener Einzelposten ziehen, aus denen sich die unverdrossene Arbeit eines Vierteljahrhunderts zusammensetzt? Wer die nationalen Zinseszinsen berechnen, die sie bis heute getragen hat und Leben spendend weiter trägt? Und mehr als das: größer als seine Leistungen ist der Geist, den der Cchulver- ein in unserem Volke selbst gepflanzt und genährt hat. Vergessen wir es ihm nicht: er ist der älteste der idealgerichtetste und weitherzigste unserer nationalen Vereine. Er hat den Gedanken unserer nationalen Verantwortung für das Deutschtum im Auslande erst geprägt und er hält ihn in seiner reinsten und darum triebkräftigsten Form aufrecht. Sein Arbeitsfeld ist überall, wo auf der weiten Erde Deutsche siedeln. Und in seiner Arbeit liegt seine Zukunft wie die unsere. B.
-I
Der Mordanschlag auf das spöttische Königspair.
lieber das Madrider Bomben-Attentat werden noch folgende Einzelheiten berichtet: Der Attentäter mietet vor einigen Tagen in dem Hause Rr. 88 der Calle Mayor ein Zimmer um den Preis von 25 Pesetas täglich und gab an, Matteo Morales zu heißen. Die Polizei soll jedoch festgestellt haben, daß der Verbrecher ein Katalane sei, der in Wirklichkeit Manuel Duran heiße. Die Zahl der durch die Explosion Getöteten wird von einem Spezialberichterstatter mit etwa 20, die der Verwundeten mit etwa 50 angegeben. Unter den Getöteten befinden sich drei Offiziere. In dem Hause, aus dem die Bombe geworfen wurde, kamen acht Personen ums Leben. Darunter wurden auf dem Balkon der Wohnung des Herzogs von Ahumada die Marques« Tolosa und deren Tochter getötet. Ein Leichnam blieb im Balkongitter hängen und konnte nur mit großer Mühe freigemacht werden. Zahlreiche Personen, die Verwandte in dem Hause hatten, wollten diese besuchen, jedoch wurde niemand eingelassen, mit Ausnahme des Gatten der getöteten Marquesa Tolosa. Die unversehrt gebliebenen Hausbewohner verständigten sich mit Zeichen mit ihren auf der Straße anwesenden Verwandten und Angehörigen. Der Berichterstatter des „Eclair" meldet, daß eine »« .....
tornacht! — Die Figürchen werden lebendig, springen von den Postamenten, und nun geht's an ein Suchen und Haschen, an ein Sichfinden unb schließlich an den reizend altväterischen Tanz mit vielen Verbeugungen und zierlichen Schritten. Alles nach dem Takt einer einschmeichelnden Musik, — aber wie sie im schönsten Tanzen und Komplimentieren sind, schlägt's plötzlich eins, und mit einem Sprung stehen die zwei kleinen Gestalten wieder auf ihren Postamenten in genau derselben Stellung wie zuerst. Die Geisterstunde ist vorbei, die zwei Rokokofigürchen sind wieder zu bewegungslosen Steingebilden geworden, und nun fällt der Vorhang. Das Entzücken war grenzenlos, die Gäste jauchzten, klatschten und riefen Beifall, und Tanz- meister Mondschein, der die Tanzstunde im Mondhof leitete, hatte sich schon wiederholt, an der rechten Hand Silberhärchen, an der linken Sonnenstrahl, verbeugt, doch das genügte dem jubelnden Publikum nichts die Szene sollte auf allgemelnes Verlangen noch einmal dargestellt werden. Aber nun geschah etwas Unerwartetes — atemlos kam Frau Holle, auf deren Erscheinen kein Mensch mehr gerechnet hatte, die Haube schief auf dem Kopf, in ein verblichenes Seidenkleid aus längst vergangenen Tagen gekleidet, eine große Hornbrille vor den erregt blickenden Augen. So stand sie plötzlich vor den erstaunt blickenden Zuschauern. Den Pensionärinnen schickte sie einen vernichtenden Blick zu: mit denen stand sie auf schlechtem Fuß, seitdem eine die Aeußerung getan hatte, Frau Holle sei eine alte Plaudertasche, die täglich in Kaffeegesellschaften, aber recht selten einmal zu Hause zu sehen sei. Deshalb käme sie auch erst im Winter dazu, ihre Betten zu klopfen, eine Zeit, die dazu ganz ungeeignet, denn von rechiswegen tue man das doch im Sommer, wenn der Boden warm und trocken sei. Wer das Frau Holle wiedererzählt hatte, weiß ich nicht — genug, sie
Bombe vom vierten Stockwerke und eine Bombe vom ersten Stockwerke geschleudert worden sind. Beide explodierten gleichzeitig mit einem furchtbaren Knalle und einer mächtigen Feuer- und Rauchsäule. Die Panik war eine entsetzliche. Der Vorderteil der königlichen Karosse ist zertrümmert,' einem Pferde wurde der Bauch aufgerissen und ein Vorderreiter getötet.
Wie der „Frkf. Ztg." aus Madrid gemeldet wird, wollen Augenzeugen gesehen haben, daß die Bombe in einen Blumenstrauß verborgen war, doch ist alles nur Vermutung. In der heillosen Panik mußten alle bestimmten Eindrücke untergehen. Ein Schrei des Entsetzens erfüllte die Luft und hinein mischten sich die Jammerrufe der Getroffenen. Außer denen, die verwundet oder tot auf den Boden sanken, fielen viele in Ohnmacht. Die Pferde der Kavallerie und der berittenen Gendarmerie scheuten und rannten in das Publikum, das entsetzt flüchtete. Als der erste Schreck sich löste, stand der junge König aufrecht im Wagen und zeigte, daß er unverletzt fei und mahnte läut zur Ruhe. Die Königin war leichenblaß; auch sie ist unversehrt. Der Bock der Karosse ist aber stark beschädigt und die Fenster an der rechten Seite zertrümmert. Einem Pferd des Gespanns wurde der Leib aufgerissen, ein anderes verwundet. Der Page, der rechts von dem getöteten Pferde ging, wurde schrecklich verstümmelt und die Leiche ringsumher verstreut. Tote und verwundete Soldaten, Männer, Frauen und Kinder lagen in einer großen Lache von Blut, in der Reste von Kleidern und abgerissenen Gliedern schwammen. Ein dunkler Fleck bezeichnete die Stelle, wo die Bombe platzte. Ein Eisenstück der Bombe, das gefunden wurde, ist von großer Härte. Am Unglückshaus war der Balkon mit Teppichen behangen. Das Haus erlitt nur in der zweiten Etage leichte Beschädigungen. Im ganzen wurden bis heute früh gezählt: 18 Tote unb 75 Verwundete. Davon sind viele schwer verletzt. Die genaue Zahl ist immer noch nicht festge- stellt. Der Täter ist offenbar entkommen. Zahllose Personen wurden verhaftet.
Den „Central News" zufolge war das Komplott gegen den König von Spanien in London geplant, als der König auf der Insel Wight und in London war. Vier der besten Detektive überwachten mehrere bekannte Anarchisten beständig, doch erhielt die spanische Polizei die Versicherung von London, es sei nichts Ernstes zu befürchten. Die Londoner Polizei war irregeführt. Die Anarchisten, die wußten, daß sie überwacht werden, hielten Zusammenkünfte an ungewohnter Stelle am frühen Morgen auf der Heide von Hamstead ab. Vier Desperados wurden ausgewählt und mit Geldmitteln auf verschiedenen Wegen zum Kontinent geschickt. Die spanische Polizei telegraphierte nun nach London, die betreffenden englischen Detektive mochten nach Madrid kommen, um ein ober zwei der zahlreichen dort Verhafteten zu identifizneren. Die Detektivs sind heute dorthin abgereist.
wußte es, unb seitdem lebte sie auf dem Kriegsfuß mit all den niedlichen Backfischchen aus dem Mondhof. Heute aber, heute konnte sie endlich Rache nehmen für die Verleumdung, die sie von dort betroffen, und so nahm sie sich denn kaum die Zeit, die Geladenen zu begrüßen, zog aus ihrem umfangreichen Pompadur einige Nummern einer irdischen Zeitung und sagte in spitzem Ton zu Frau Luna: „Da können Sie.s einmal lesen, wie die Welt über Ihren Haushalt urteilt — hier haben Sie's schwarz auf weiß." Frau Holle war die einzige Himmelbewohnerin, die eine Erdenzeitung hielt, — da unten passierte entschieden mehr als hier oben in ihrer Heimat, und Klatschbasen interessieren sich bekanntlich auch für Leute und Sachen, die sie von Haut und Haar nichts angehen. Sprachlos und zitternd nahm Frau Luna die Blätter entgegen, und nun- las sie mit entsetzten Blicken die verschiedenen Artikel und Gedichte, die alle von der Unmoralität des Mondhofs handelten. Was alles wollten die bösen Menschen in klaren Voll- rnondnächten entdeckt haben! Spöttisch und unbarmherzig zog man den guten Ruf Mondhofs in den Schmutz, und selbst der fleißige Mond- mann wurde nicht geschont und ihm die haarsträubendsten Beschuldigungen hohnlachend entgegengeschleudert. Er habe sich wohl eine zweite Frau zugelegt, Frau Luna sei ihm anscheinend eine zu kalte Gattin, denn ganz deutlich könne man in Mondscheinnächten eine Frauengestalt aus einem Fenster schauen sehen. Hierauf folgte die genaue Beschreibung eines sich küssenden Pärchens, das man deutlich, gleichfalls bei Vollmond, beobachtet haben wollte. Frau Luna war sprachlos. Die „zweite grau" freilich machte ihr wenig Kummer (sie war ihres guten Mannes sicher); das konnte leicht Fräulein Mondsee gewesen sein, die gerne in ihren Muse- stunden zur Erde hinunterlugte — aber stets allein, das wollte die PensionsMtter zur Not
Madrid, 1. Juni. (W. B.) Das Königs- paar erhielt Elückwunschdepeschen aus allen Teilen der Welt. Das Festprogramm erfuhr feine Abänderung. Die Beisetzung der Opfer wird nach Beendigung der Festlichkeiten erfolgen und Anlaß zu großen Feierlichkeiten geben. Da, Brautkleid der Königin, das mit Blut befpriw worden ist, wird wahrscheinlich in derAlmude. kirche, die dem Orte, wo die Bombe explodierte, gegenüberliegt, aufbewahrt werden.
Madrid, 1. Juni. (W. V.) Ein Engländer namens Robert Hamilton wurde heute unter dem Verdachte verhaftet, ein Mitschuldiger Matteo Morales' zu sein, mit dem er auf dem Balkon in dem Augenblicke stand, als die Bombe auf den königlichen Wagen geschleudert wurde. Ein Gendarm, der sich in einem gegenüberliegenden Hause befand, erkannte Morales, den er in Barcelona als verdächtig verhaftete und lenfte dann seine ganze Aufmerksamkeit auf Hamilton. Die Menge, die bei seiner Verhaftung zugegen war, wollte Hamilton lynchen. Die Polizei war deshalb gezwungen, ihn in das Gebäude der Staatsschulden zu bringen. Der Gendarm, bet Hamilton verhaftete, behauptet, der wahre Urheber des Anschlages fei Matteo Morales. Robert Hamilton trug ein Messer und 75 Pesetas bet sich. Auskunft, wie er die Zeit gestern Vormittag verbrachte, konnte er nicht geben.
Madrid, 1. Juni. (W. B.) Zwei gestern bei dem Bombenanschlag Verwundete sind heute Nachmittag gestorben. Nach Ansicht der Polizei bestand die geschleuderte Bombe aus zwei Teilen. Die eine Hälfte fiel auf den unteren Balkon, wo die Marchesa Tolosa und ihre Tochter getötet wurden und explodierte sodann nach oben. In einem Salon des oberen Stockwerkes wurden drei Persone getötet. Die Zahl der Toten soll 25, die der Verwundeten weit über 60 betragen. Die Polizeibehörde erklärt, daß der Attentäter zu den sogenannten reichen Anarchisten gehört. Man fand in seinem Zimmer 500 Francs und sehr elegante in London gefertigte Kleiber. Er dürfte sich bei der Ausführung des Attentats leicht verwundet haben. In seinem Zimmer lag ein blutbeflecktes Taschentuch. — Im ganzen wurden bisher 40 Personen verhaftet, darunter ein englischer Anarchist, in dem Augenblick, al, er einen Eisenbahnwagen besteigen wollte. Bisher konnte keinerlei Beweis erbracht werden, daß die Verhafteten irgendwie an dem Attentat beteiligt feien. Die französische Sicherheitsbehörde gab den Polizeibeamten an der spanisch- französtschenErenze den Befehl, alle aus Madrid kommenden Eisenbahnzüge besonders streng z» überwachen.
Madrid, 1. Juni. (W. B.) Die gesamte Presse spricht sich mißbilligend über das Attentat aus. Die Arbeiterkreise stellen in Abrede, daß das Attentat das Werk der Anhänger der Anarchistenkreise sei; denn der König sei beim Volke beliebt. Auch brachte seine Heirat, die eher eine Liebesheirat als eine politische Heirat sei, einen günstigen Eindruck bei dem Volke hervor.
beschwören. Fräulein Fee hatte außerdem ein Gelübde getan, eine Jungfrau zu bleiben ihr Leben lang, und für eine richtige Fee, die nebenbei Musikstunden gibt, gehört sich das auch so. — Also eine ihrer Pensionärinnen, denen es ftreng untersagt war, aus einem der Fenster zu sehen! Und noch dazu mit einem jungen Mann! Um den guten Ruf ihres Instituts war’s geschehen! Sie wußte nichts Besseres zu tun, als in eine tiefe Ohnmacht zu fallen, aus der sie endlich mit großer Fassung erwachte, sich mit hoheitsvoller Miene zu ihren Zöglingen wandte und mit er- bobener Stimme sagte: „Ich hoffe fest, daß die Sünderin sich auf der Stelle meldet; andernfalls würden sämtliche Mädchen exemplarisch bestraft, und ich denke, so viel Ehre wird sie noch besitzen, ihre unschuldigen Gefährtinnen nicht mitieiben zu lassen!" Eine allgemeine Still« folgte ihren Worten. Alle schauten erwartungsvoll auf die junge, blasse Mädchenschar, die mit ängstlichen Augen einander anschaute. Da trat mit schweren, langsamen Schritten, die so wenig den vorhin getanzten glichen, das niedliche Rokokofigürchen von der Bühne herunter, ging mit purpurübergossenem, schuldbewußten Gesichtchen auf Frau Luna zu und sagte mit tränenerstickter Stimme: „Ich bin die Schuldige und die einzige, die Strafe verdient." Frau Luna kämpfte mit einem neuerlichen Ohnmachtsanfall. Diese, die erste, beste Schülerin, der Liebreiz der ganzen Pension, gerade diese also war die Sünderin! Doch ehe sie sich zu einer Entgegnung aufgerafft, war mit, festem Schritt der kleine Rokoko err zu seiner Dame getreten und sagte, Frau Luna mit furchtlosen Augen ins Gesicht sehend:. „Bitte, qnühigs Frau, strafen Sie SüLsrhärchen nicht, sie ist ganz unschuldig. Wir hatten Tanzstunde in Ihrem werten Hause, und Silberhärchen hatte so schreckliches Heimweh, daß sie gar nicht tanzen mochte und sich in das Nebenzimmer des! Tanzsaales zurückgezogen hatte. Ich folgte ihr.