Einzelbild herunterladen
 

MchiW Jalung

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

SonntagsbeUage: Allustrirtes Sonntaasblatt.

M 127

Vierteljährlicher Bezugspreis^ btt ver ExpLition 2, bet allen Postämtern 2,25 Mk. <t$cL Bestellgeld).

ZnsertionSgebiihr: die gespaltene Aeile oder deren Raum 10 Pfg.

Reelamen: bir Aeile 25 Pfa.

Marburg

Sonnabend, 2. Juni 1906.

Erscheint wöchentlich siebe« mal.

Druck und Verlag- Iah. «ug. Koch, UmverfitätS-Buchdruckerei

Marburg, Markt 21. Telephon 55.

41. Jahrg.

Zweites Blatt

Aus Schule und Kirche.

Die geistige Ueberbürdung der Kinder, von Prof. Ad. Czerny, bekannter Kinderarzt, In Breslau. (Deutsche med. Wochenschrift" Nr. 'n; 1906.)

Die geistige Ueberbürdung der Kinder wird zurzeit als Ursache später sich äußernder Neuro­pathien sehr gefürchtet. Sie wird fast allgemein pur auf jede Art von Schuluntericht bezogen. Man scheut sich deshalb, die Kinder in den ersten Lebensjahren Lieder oder Gedichte lernen zu lassen. Sodann wird versucht, den Beginn des Schulunterrichts nicht in das sechste, sondern in ein späteres Lebensjahr zu verlegen. Vielen Erscheint die Zahl der Schulstunden zu groß; man sucht nach Ausflüchten, um die Befreiung der Kinder von einer Anzahl Schulstunden zu Erlangen. Schließlich werden noch die Ferien für 'ungenügend lang gehalten und oft ohne trifti­gen Grund Verlängerungen derselben durchge- setzt. Es scheint geradezu modern zu sein, den Schulunterricht nur als eine Schädigung der Kinder aufzufaffen. Jeder, der sich in diesem Sinne äußert ist des Beifalls der Menge sicher. Wenn Ellen Key (Das Jahrhundert des Kindes. Berlin, S. Fischer, 1902.) vom Seelenmorde in den Schulen spricht, findet sie überall eine Zahl Anhänger, welche rasch bereit sind, einzelne, scheinbar dafür sprechende Erfahrungen anzu- fiihren.

Es wird vergeßen, daß alle Unterrichts- tnethoden eine Entwickelungsgeschichte habe«, «und daß große Erfahrungen die Pädagogen zur -Aufstellung der heute üblichen Schulsysteme ge­führt haben. Die Meinung einzelner Laien ist glücklicherweise nicht imstande, alle erprobten Einrichtungen umzustoßen. Ich halte es aber für notwendig und wichtig, gegen die Zunahme der Zahl der Unzufriedenen vorzugehen.

Die Schulen können nur der Leistungsfähig- ifcit körperlich und geistig normaler Kinder an- tzepaßt werden. Für hochgradig neuropathische iKinder müßen eigene Schulen geschaffen wer­den, in welchen der Unterricht, der größeren Er­regbarkeit und schnelleren Ermüdung der Kin­der entsprechend, modifiziert wird. Ich bin aber jüberzengt, daß das Bedürfnis nach solchen Schu­fen abnehmen wird, wenn die Ursache der Neu­ropathie nicht im Schulunterrichte, sondern rich­tiger in der häuslichen Erziehung gesucht werden wird.

> Die geistige Ueberbürdung macht sich am .meisten geltend in den ersten Jahren, in wel­chen die Kinder die Schule noch nicht besuchen. .Sobald ein Kind soweit sprechen gelernt hat, daß icü Fragen stellen kann, tut es dies so lange, als ts mit Erwachsenen zusammen ist. Mit jeder Antwort erfährt das Kind etwas Neues, jede Antwort ist also Belehrung und Unterricht Bei Dieser Inanspruchnahme des kindlichen Gehirns Lenkt niemand an die Zahl der Schulstunden. ;Ost beantworten Erwachsene den Kindern den sganzen Tag hindurch ihre unzähligen Fragen ni> haben dabei kein Bedenken, sondern nur die .Freude an der Wißbegierde der Kinder. Diese -lernen unter solchen Umständen nicht ihrem Al­ter und ihre Entwicklung entsprechend denken chnd sprechen, sondern überspringen leicht das Stadium der kindlichen Naivität. Als Folge dieser unzweckmäßigen Erziehung stellen sich oft .genug schon Zeichen von Neuropathie in den ersten Lebensjahren oder später in den Schul­jahren ein, deren Ursache dann meist in falscher Richtung gesucht wird.

' Das wirksamste Mittel gegen den angeführ­ten Fehler ist, dafür zu sorgen, daß die Kinder, je jünger sie sind, um so mehr in Gesellschaft von Kindern aufwachsen und daß ihr Verkehr mit Erwachsenen auf ein Minimum reduziert wird. Dies ist leicht durchführbar und ergibt sich fast von selbst in Familien mit vielen, rasch ausein­ander folgenden Kindern. Schwierigkeiten ent­stehen dagegen dort, wo zwischen den einzelnen Kindern einer Familie große Altersunterschiede bestehen und in Familien mit einem einzigen Kinde. In letzteren Fällen hat meiner Ansicht nach der Arzt die Pflicht, auf die Wichtigkeit Les Verkehrs von annähernd gleichaltrigen Kin­dern untereinander aufmerksam zu machen. Nur durch diesen Verkehr ist es erreichbar, daß die Kinder geistig nicht überbürdet werden. Denn die vielen Fragen hören von selbst auf, wenn Kinder sich allein überlaßen werden. Aber noch Ändere Vorteile laßen sich dabei beobachten. 'Ein isoliertes Kind sucht immer nach Abwechse­lung in seiner Beschäftigung und bedarf eines großen Aufwandes an' Spielzeug, um nicht Langeweile zu empfinden. Fast regelmäßig .steht die Menge der Spielsacken im umgekehrten Verhältnisse zu der Zahl der Kinder einer Fa- Inilie. Beim gemeinsamen Spiel von Kindern ffst nickt nur das Bedürfnis nach Spielsachen

Abwechselung viel kleiner, sondern es er«

gibt sich dabei die Möglichkeit einer großen Reihe harmloser Spiele, welche für das einzelne Kind nicht inbetracht kommen.

Eine der wichtigsten Erziehungsmaßregeln ist die Ausbildung in der Beherrschung des Wil­lens. Isolierten Kindern fehlt dazu häufig die Gelegenheit. Der Verkehr von Kindern unter­einander bringt dieselbe mit sich, da sonst bei dem jedem Menschen angeborenen Egoismus ein gemeinsames Spiel nicht durchführbar wäre. Sensible Kinder werden beim Spiel rasch warm, ihre Wangen röten sich, im Gesicht und an den Händen tritt leicht Schweißbildung ein. Diese Erregung beim Spiele wird von ängstlichen El­tern gefürchtet. Wenn Kinder mit Erwachsenen zusammen sind, ist eine solche Erregung ausge­schloßen. Man beobachtet dabei nur als Er­müdungserscheinung ein Vlaßwerden der Kin­der. Dies ist aber das Symptom der zu fürchten­den geistigen Ueberbürdung. Die mit Rötung der Wangen einbergehende Erregung ist nie­mals von Nachteil.

Es wäre leicht, zahlreiche Lichtseiten des Verkehrs von Kindern untereinander und eben­soviel Schattenseiten des vorwiegenden oder ausschließlichen llmgangs von Kindern mit Er­wachsenen anzuführen. Mir kommt es hier nur darauf an, aufmerksam zu machen, daß die gei­stige Ueberbürdung zumeist durch fehlerhafte Er­ziehung bereits erreicht ist, ehe die Kinder in die Schule kommen.

Vielfach habe ich Eltern kennen gelernt, welche, von Vorurteilen beherrscht, ihre Kinder vor der Schule schützen wollen und deshalb ent­weder den Beginn des Schulunterrichts auf ein späteres als das sechste Lebensjahr verlegen oder nach Möglichkeit, wenigstens für die ersten Jahre, durch Privatunterricht die Kinder dem Schulbesuche zu entziehen suchen. Ein geistig normales Kind ist im Alter von sechs Jahren ohne Schule'nicht mehr leicht den ganzen Tag hindurch zweckmäßig zu beschäftigen. Im Som­mer, wenn die Kinder im Freien Zeitvertreib suchen können, gelingt dies noch befriedigend, im Winter aber erschöpfen sich selbst die Reize des schönsten Kinderzimmers sehr bald, und die Langeweile wird für geistig regeKinder zu einer Ursache der Neuropathie, die sicher mehr zu fürchten ist als die Schulanstrengung. Die Mahl­zeit, das Bad, die Stuhlentleerung usw., kurz die körperlichen Bedürfnisse erlangen unter den angegebenen Verhältnißen für die Kinder die Bedeutung wichtiger Ereignisse. Daß dies nicht zweckmäßig ist, beweist die Erfahrung, daß Symptome von Hysterie bei Kindern oft ihren Ausgang von einer oder der anderen, sehr be­achteten körperlichen Funktion nehmen.

Der Langeweile und der übermäßigen Kon­zentration der Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper wird bei Kindern im Alter von sechs Jahren und darüber durch den Schulunterricht wesentlich abgeholfen.

Die größte Angst vor der Schule herrscht In neuropathischen Familien. Gerade bei diesen ist aber der Privatunterricht der Kinder nicht emp­fehlenswert. Letzterer hat den scheinbaren Vor­zug, daß er auf eine Stunde beschränkt werden kann. In dieser Stunde müßen aber die Kin­der mehr aufmerksam sein als in vier Schul­stunden. Nicht dies ist jedoch der größte Nach­teil des Privatunterrichtes, sondern vielmehr der Umstand, daß den Kindern ebenso wie jenen, welche gar keinen Unterricht erhalten, zu viel freie Zeit übrig bleibt, in welcher sie den oben­genannten Uebelständen und dem ungünstigen Einflüße der neuropathischen Umgebung ausge­setzt sind. Bestehen Gründe, Kinder nicht in die öffentliche Schule zu schicken, dann soll minde­stens dafür gesorgt werden, daß mehrere Kinder verschiedener Familien gleichzeitig Privatunter­richt erhalten, und die Unterrichtszeit mit Pau­sen mehrere Stunden beträgt.

Die Erfahrung lehrt, daß Kinder, welche in den ersten Jahren allein privat unterrichtet wurden, sich später schwer an die Anforderungen der Schule anpaßen. Es ist deshalb angezeigt, ärztlicherseits die Schulangst möglichst zu be­kämpfen und die Zustimmung zum Privatunter­richt eines einzelnen Kindes nur dann zu ertei­len. wenn der Bestand ernstlicher körperlicher Gebrechen dazu zwingt.

Ueber die Lehrfrequenz im höheren Schul­wesen Preußens veröffentlicht das neuesteKor­respondenzblatt für den akademisch gebildeten Lehrerstand" aufgrund des Kunze-Kalenders vom 1. Mai 1904 bis dahin 1905 eine längere Betrachtung, der folgendes Schlußergebnis ent­nommen ist:

Es scheint also, vorausgesetzt, daß der Zu­fluß von Lehrkräften aus dem Auslande und andern Schulen Preußens und von Theologen noch in der Höhe wie bisher fortdauert, und daß diese Lehrkräfte nicht in ihre Heimat zurückkeh- ren und die beschäftigten Theologen im Schul­dienste bleiben, und daß die andern Schulen nicht mehr akademisch gebildete Lehrkräfte be­anspruchen, der Notstand an den höheren Lehr­anstalten P^üßens zum Stillstände zu kommen. Dagegen ist zunächst, soweit H der Zuwachs <Ht

Lehramtsbewerbern für die folgenden Jahre übersehen läßt, noch keine Aussicht vorhanden, daß eine Rückbildung in den normalen Zustand, daß auch die vakanten Stellen und die Hilfs­lehrerstellen von ordnungsgemäß vorgebildeten Lehrkräften verwaltet werden können, eintritt. Zwar scheinen die folgenden Jahre ja eine um 60 bezw. 50 höhere Zahl Lehramtsbewerber zuzu­führen, aber dieses Ansteigen wird doch höchstens dem wachsenden Bedarfe der an Zahl wie an Klaßen zunehmenden höheren Schulen entspre­chen, aber kaum einen, wenn auch nur geringen Ueberschuß an übrig bleibenden Anstellungs­fähigen für die vakanten Oberlehrerstellen und dauernd nötigen Hilfslehrerstellen liefern. An den anderen Schulen, welche akademisch gebildete Lehrkräfte ebenso nötig haben wie die hier in Frage stehenden höheren Lehranstalten, mutz durch das starke Abströmen von Oberlehrern und die geringe Zahl von jüngeren Lehrkräften, die an dieselben übergehen, der Notstand aber um so größer werden. Wo sollen die Lehrkräfte Her­kommen für höhere Mädchenschulen, die jetzt den Knabenschulen ähnlich umgebildet werden sol­len? Das ist kaum auszudenken."

Hessen-Nassau und Nachbergebiete.

Oberode, 31. Mai. Beim Kahnfahren ertrank heute Nachmittag der Wärter W. Thormann aus Lenne. Sofort von zwei Aerzten abwechselnd angestellte Wiederbelebungsversuche waren ver­geblich.

Hanau, 31. Mai. Gegen 8 Uhr tobte hier ein starkes Gewitter mit heftigem Sturm. In den Anlagen der Stadt wurden große Bäume nieder- gebrochen. Auch die Kornfelder sollen durch das Unwetter gelitten haben.

Aßlar, 31. Mai. Am Mittwoch ging hier ein Ballon mit 4 Insassen nieder. Der Ballon war in Bonn aufgelaßen worden und hatte die 170 Kilometer lange Strecke in 2y2 Stunden zurück­gelegt.

Grotz-Eerau, 31. Mai. Heute früh 6y2 Uhr wurde auf der Strecke Nauheim-Eroßgerau der Streckenarbeiter Heinrich Köth, als er dem von Mainz kommenden Schnellzuge ausweichen wollte, von einem Güterzuge überfahren. Es wurde ihm das linke Bein abgefahren; außerdem erlitt er schwere Schädelverletzungen. An seinem Aufkommen wird gezweifelt.

Darmstadt, 31. Mai. Heute Nacht um 1 Uhr brach in der Barracke 39 des Truppenübungs­platzes Darmstadt, die mit Pferden des Hanauer Ulanen-Regiments belegt ist, Großfeuer aus. Das Feuer griff so schnell um sich, daß 26 von den im Stall befindlichen 32 Pferden verbrannten. Das Feuer soll durch einen spät abends zurück- kehrenden Krümperfuhrmann entstanden sein. Der Mann wurde verhaftet, ebenso die 3 Mann der Stallwache, die geschlafen haben sollen. Der entstandene Schaden beläuft sich auf 25 000 Mk.

Mainz, 31. Mai. Gustav Groll aus Eltville überfuhr heute mit seinem Automobil hier vor dem Binger Tor das 7jährige Mädchen eines Bahnsteigschaffners. Das Kind erlitt einen Schädelbruch und wurde lebensgefährlich verletzt ins Hospital verbracht. Der Gutsbesitzer leitete selbst das Automobil. Er behauptet, das Kind sei in das Fahrzeug hineingelaufen, während von Paßanten erklärt wird, Eröll sei zu scharf um die Ecke gefahren.

Eisenach, 31. Mai. In der Trunkenheit nach vorangegangenem Streit schlug der städtische Ar­beiter Oskar Holzheim mit einem Hammer auf seine 40jährige Ehefrau ein, daß diese bewußtlos zusammenbrach. Dann stieß er sich ein Dolch­messer von hinten in den Hals und verletzte sich die Halsschlagader so, daß er nach kurzer Zeit verblutete. Die Ehefrau ist schwer, jedoch nicht lebensgefährlich verletzt. Aus einem vorgefun­denen Zettel geht hervor, daß Holzheim die Tat mit Ueberlegung ausgeführt hat.

Eisenach, 31. Mai. Das Elektrizitätswerk Eisenach verteilt eine Dividende von 8 Prozent wie im Vorjahre.

Vermischtes.

Demokratische Cerechtlgkeit. Die Begnadi­gung Linda Murris erregt, wie der römische Vertreter derDeutschen Zeitung" schreibt, in Italien allgemeines Schütteln des Kopfes. Linda Murri oder eigentlich Gräfin Bonmartini ist bekanntlich jenes Weib, das vor zwei Jahren den eigenen Gatten aus der Welt schaffen half. Diese Begnadigung ist ein Werk des Justiz- ministers Sacchi. Blätter aber, die zwar von der äußersten Rechten,Popolo romano", bis zumMessagaero , der ähnlich wie derBer­liner Lokal-Anzeiger" am meisten auf die Sen­timentalitäten der Volksseele Rücksicht nimmt, Men indes eine keineswegs erbauliche Kritik Ott

der Begnadigung einer Frau, deren Gesundheit leidend sein mag, was sie mit zahllosen min­der schwer als sie belasteten Gefangenen teilt, die von den Sachverständigen für durchaus zurechnungsfähig erklärt worden ist und von der feststeht, daß sie ihren Gatten aus Liebe hei­ratete und ihn liebte, bis der längst vergeßene Jugendgeliebte, Prof. Dr. med. Secchi, ver­hängnisvollerweise in ihrem Gesichtsfelde wie­der auftauchte, und ferner, daß ihr Gatte in allzu großer Resignation, selbst furchtbar unter seiner Lage leidend, den erotischen Freiheits­gelüsten Lindas allen erforderlichen Spielraum ließ. Dazu kommt, daß die Liebe Lindas z» Secchi gar nichts von dem Zauber einer poeft» scheu Idealität an sich trug, die unter Umstan­den ein Verhältnis über die Grenzen der bür« gerlichen Moral in den Augen vieler wenig­stens hinaustragen mag. Das Verhältnis basierte also ausschließlich auf sexuellen Beweg« dründen und Stimmungen, wie es solcher Ver- hältniße zu vielen Tausenden überall gibt. Da» Ungewöhnliche des Falles liegt vielmehr darin, daß es zum Kapitalverbrechen kam und daß es sich hier um sehr bekannte Namen, sowie um mächtige, für das Rechtsleben des neuen König­reiches Italien charakteristische Einflüße han­delt. Graf Vonmartini, der Ermordete, gehörte zur klerikalen Partei Bolognas, zu seiner Ehrenrettung trat die klerikale Preße des gan­zen Landes in die Schranken, während die Fa­milie Murri, als deren Haupt in ganz Italien der berühmte bolognesische Kliniker Augusto Murri verehrt wird, liberal und materialistisch ist, Professor Murri zugleich einflußreichstes Mitglied der Loge. Vielleicht erinnern sich die Leser noch, daß der Großmeister der italienischen Logen, Ernesto Nathan, beschuldigt worden war, Tullio Murri zur Flucht verholfen zu habe«. In so hohen Sphären ließ sich freilich eine ge­nauere Untersuchung nicht vornehmen. Bezeich­nenderweise waren es sozialistische Abgeornete, die als Hauptverteidiger der Murris vor Gericht wirkten. Diese Abgeordneten haben Bücher ge­schrieben, um Propaganda für die Begnadigung namentlich Linda Murris zu machen. Aber es bedurfte eines radikalen Just!Ministers, um das Werk mit Erfolg zu krönen. Dieser Erfolg liegt jetzt vor, er ist die Illustration zur Nutz­anwendung des urdemokrartischen Grundsatzes vom gleichen Recht für alle durch die erwählten Führer der Demokratie in Italien! Richter, Staatsanwalt, Geschworene, Negierung, alle haben sie sich vereinigt, um der millionenreichen Tochter des millionenreichen materialistische« Freimaurers Professor Murri die Freiheit zu verschaffen, die Möglichkeit, ihre Kinder wieder­zusehen, deren unschuldvolle Augen die Mutter vorher nicht abhielten, das schwerste aller Ver­brechen zu begehen. Ihre Begnadigung besteht in der Verbannung, das heißt, Linda Murri mutz einige Zeit in einer mindestens 60 Kilo­meter vom Ort und den Mitschuldigen des Ver­brechens entfernten, ihr vom Gericht anzuwei­senden Gegend Aufenthalt nehmen. Und das Gericht hat ihr die prächtige Villa angewie­sen, welche Professor Murrt am Adriattsche« Meere besitzt. Rosa Bonetti aber, die geistes­kranke, als halbverantwortlich erachtete Zofe der Verbrecherin, ein erblich schwer belastetes un­glückseliges Geschöpf, wird nicht begnadigt. Wie man sieht: Italien ist das Land fortgeschritten­ster Demokratie.

S ch u l h u m o r. In der Naturgeschichte wer­den die Haustiere durchgenommen. Am Schluffe seines Vortrages fragt der Lehrer:Also Fritz-> chen, welches unter den Tieren ist der treueste Begleiter des Menschen?" worauf Fritzchen die prompte Antwort gibt:Der Floh". (Jugend).!

Vergnügungs-Anzeiger

«epertoir-Sntwurf der Frankfurter' Stadttheater.: -v'

Schauspielhaus. ~l.

Sonntag, 3. Juni, nachm. 3 llhr:Der Ver­schwender." Abends 7 Uhr:Mamsell Nitouche." i

Montag, 4 Juni, nachm, 3y2 Uhr:Mamsell Nitouche. Abends 7 Uhr:Charleys Tante."

Dienstag, 5. Juni:Mamsell Nitouche." Opernhaus.

Sonntag, 3. Juni:Undine."

Montag, 4. Juni:Tannhäuser."

Dienstag, 5. Juni:Der Prophet."

Königliches Theater zu Kassel.

Sonntag, 3. Juni:Faust."

Montag, 4. Juni:Die Meistersinger von

Nürnberg."

Dienstag, 5. Juni:Renaissance."

Mittwoch, 6. Juni:Bibliothekar." ' X|

Donnerstag, 7. Juni:Don Juan."

Freitag, 8. Juni:Ein kritischer Tag."

Sonnabend, 9. Juni:Der Zigeunerbaron,*

Sonntag, 10. Jimi:Die Zauberflöte,"^H