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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Sonntagsbeilage: AllrrttrirteS <8otmfAAÄl*T»ft.

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Vierteljährlicher Bezugspreise bet der Expedition 2 3RL, bet ollen Postämtern 2,25 Mk. <exel. Bestellgeld).

Jnsertionsgebühr: die gespaltene Zeile oder Deren Raum 10 Pfg.

Reclamen: die Zeile 25 Pfg.

Marburg

Sonnabend. 2 Juni 1906.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag- Joh. Lug. Koch, UnwersttätS-vuchdruckerek 41. Jübra. Marburg, Markt 21. - Telephon 55. M

Erstes Blatt.

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Neueste Telegramme.

' Berlin, 31. Mai. DerStaatsanzeiger" ver­öffentlicht die Verleihung des Ordens Pour le Sterile für Wissenschaften und Künste an den ftofessor der Universität Bonn, Geheimen Re- ierungsrat Franz Bücheler und den Professor er Universität Berlin, Geheimen Medizinalrat sobert Koch.

Berlin, 1. Juni. Die im Militäretat be- »villigten vier Sanitätsinspektionen wurden den Generalärzten mit dem Range eines General­majors Dr. Stricker, bisher beim Eardekorps, |iir die dritte Sanitätsinspektion Cassel, Dr. fcimann, bisher vierzehntes Korps, für die vierte ^anitätsinfpektion Straßburg (Elsaß), Dr. Prodführer, bisher viertes Korps, für die erste Danitätsinfpektion in Berlin, Dr. Villaret, bis­cher achtzehntes Korps, für die zweite Sanitäts- Inspektion in Posen übertragen.

, Bremen, 31. Mai. Der DampferNeckar" hes Norddeutschen Lloyd traf heute früh mit den Truppen der ostasiatischen Besatzungsbrigade, be­stehend aus 120 Offizieren und 1800 Mann hier rin. Generalleutnant v. Versen begrüßte die der Lloydhalle angetretenen Truppen mit ,'einer Ansprache, welche mit einem dreifachen Durra auf den Kaiser schloß. Heute Mittag 'wurden die Truppen mittels Extrazuges nach hem Lockstedter Lager gebracht.

Paris, 31. Mai. Die Versammlung der fran­zösischen Bischöfe kam heute Vormittag zur Be­sprechung der vom Erzbischof von Vesanxon gestern eingebrachten Vorschläge bezüglich der Kultusvereine. Man weiß nicht, welche und ob überhaupt eine Entscheidung getroffen worden ist, doch glauben die am besten unterrichteten kreise, daß die Versammlung schließlich eine mit dem kanonischen Recht vereinbare Lösung bezüg­lich des Wirkens der Kultusvereine finden wird. Mit Bestimmtheit wird behauptet, daß die Bischöfe itui in dem Falle sich an ihre Beschlüsse gebunden erachten werden, wenn der Vatikan dieselbe Entscheidung trifft.

; Madrid, 30. Mai. Der Unterzeichnung des »Ehekontraktes zwischen König Alfonso und der «Prinzessin Ena, die jetzt den bei ihrem Uebertritt !zur katholischen Kirche angenommenen Namen Mctoria führt, wohnten die Ritter vom Eolde- 9ten Vließ, die Eeneralkapitäns, die Mitglieder Der Regierung, das diplomatische Korps und die loderen Hofchargen bei. Zur Unterzeichnung be­diente sich das Paar der von den Journalisten ßum Geschenk dargebrachten goldenen Feder.

Die Arbeit des Reichstags.

Der Reichstag, dem gleich bei Beginn seines diesmaligen Tagungsabschnittes eine Fülle von gesetzgeberischem Material zugestellt worden war, hat bis zu seiner Vertagung eine große Zahl von Vorlagen zur Erledigung gebracht. Dazu zäh­len in erster Reihe die Finanzentwürfe. Der Reichshaushaltsetat für 1906 ist, nachdem ein Etatsnotgesetz die Möglichkeit der Verabschie­dung bis Ende Mai erwirkt hatte, unter Dach und Fach gebracht, dazu nicht weniger als fünf Nachträge zum Etat für 1905 sowie ein Er- gänzungsetat für 1906. Mit dem Etat in engster Verbindung stand die ReichsfinanzreforM, für die die verschiedensten Steuerentwürfe genehmigt wurden. Außerdem waren in den Etat hinein­gearbeitet das Flottengesetz, die Novelle zum Ge­setz über die Naturalleistungen für die bewaff­nete Macht im Frieden, das Gesetz betreffend die Entlastung des Reichsinvalidenfonds, sowie die Novellen zum Wohnungsgeldzuschußgesetz und zum Servistarifgesetz. Auch alle diese Entwürfe sind Gesetze geworden. Eine recht beträchtliche finanzielle Wirkung üben die endlich angenom­menen Novellen zu dem Militärpensionsgesetz aus. Schließlich ist in diesem Zusammenhangs auch die Novelle zum Vörsensteuergesetz zu er­wähnen. Obschon in der Tagung von 1904/05 die hauptüchlichsten Handelsverträge erledigt waren, blieb für den diesmaligen Tagungsab­schnitt doch auf handelspolitischem Gebiete noch manches zu tun übrig. Ins Einzelne gehende Handelsverträge sind zustande gebracht mit Bul­garien, Aethiopien und Schweden. Der erste ist in Kraft getreten, der zweite tritt am 16. Juni in Geltung, die Ratifikation des schwedischen Vertrages steht nahe bevor. Von sehr großer Bedeutung war ferner die Regelung der Han­delsbeziehungen zu Großbritannien und den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Be­treffs beider find Provisorien vereinbart. Zu erwähnen sind schließlich noch in dieser Beziehung der Niederlasiungsvertrag mit den Niederlanden und der Vertrag mit der Schweiz über die Er­richtung deutscher Zollabfertigungsstellen auf den linksrheinischen Bahnhöfen in Basel. Zur Zoll­politik zählen das fertiggestellte Gesetz über die Wertbestimmung der Einfuhrscheine im Zollver­kehr sowie die Novelle zum Gesetz über die Sta­tistik des Warenverkehrs. Als kolonialpolitische Erfolge sind zu verzeichnen das Gesetz betreffs Uebernahme einer Garantie des Reichs inbezug auf eine Eisenbahn von Duala nach den Manen- gubabergen sowie das Gesetz über die militärische Strafrechtspflege int Kiautschougebiete. Im Geldwesen wurden zwei Vorlagen, die über die Reichsbanknoten zu 50 und 20 Mark und die über die Reichskaffenscheine zu 10 Mark sertig-

^2 (Nachdruck verboten.)

V Jolavda uvd Salomea.

Roman von Erich Friese«.

-r'3 (Fortsetzung.)

r-. Mit ihrer ganzen kindlichen Naivetät stützt Die Kleine sich plötzlich auf sein Knie und fragt: iWarum guckst du mich denn so an?"

! Der schelmische Blick ihrer Augen muß den iÄtann eigentümlich bewegen. Leise seufzt er auf. Dann hält er ihr, ohne die kindliche Frage szu beantworten, seine breite, behaarte Hand Hin, in die sie schüchtern ihr kleines weiches Händchen legt.

| Mit bei einem solchen Hünen merkwürdiger Zartheit zieht er das kleine Mädchen zu sich Heran.

!Was für einen komischen Bart du hast!" flacht es hell auf, indem die kleinen Finger an dem langen rotblonden, verwilderten Bart Mpfen.

>Du bist ungezogen!" rügt das Dienstmäd- itfjett streng.Du darfst den Herrn nicht quälen. «Was würde Mama sagen!"

f Eine abwehrende Handbewegung hält das Mädchen wieder zurück, welches sich gerade an- fchickte, den Kinderwagen fortzufahren.

Wie heißt du?" fragt er die Kleine.

(Angelina."

;So! Angelina!... Angelina Bonmar- tino! Nicht wahr?"

i Das Kind schüttelt den Kopf.

iNein. Angelina Belloni."

J Sofort schwindet das Jntereffe aus den Zii- stzen des Mannes.

> Fast rauh schiebt er die Kleine beiseite.

? , Doch Angelina nimmt diese Unfreundlichleit süicht übel. Sie hat einmal Zutrauen zu dem -komischen" Manne gefaßt und läßt sich nicht verblüffen.

£Warum soll ich denn nicht Angelina Belloni Heißen?" fragt sie mit einem reizenden Schmoll- Snündchen. . / j

Ja, in der Tat warum nicht! Der Fremde kann sich selbst keine Antwort darauf geben. Er fühlt nur, daß er verstimmt ist tief verstimmt.

Ninella, welche die ganze Szene mit neu­gierigen Augen beobachtet hat, hält es für an­gezeigt, sich ins Gespräch zu mischen. Sie ist be­wandert " in der Hintertreppen-Literatur und deshalb jederzeit bereit, ein aufregendes Er­eignis zu erleben. Wer weiß, was wtebfer hin­ter diesem rothaarigen Riesen steckt! Ob er sich nicht als Prinz entpuppt! Oder als Zauberer! Oder als wer weiß was!

Mein Herr" beginnt sie mit großer Wichtigkeit,Sie nannten vorhin den Namen Bonmartino". Frau Belloni ist eine geborene Bonmartino. Salomea Bonmartino!"

Also doch!"

Seltsam rauh ringt es sich aus der Brust des fremden Mannes. Es ist, als ob ihm etwas die Kehle zuschnüre.

Dann aber bricht der Jubel bei ihm los.

Natürlich, das Gesicht konnte niemand an­ders angehören, als einer aus der Nachkommen­schaft Salomeas!" ruft er exaltiert.Zug für Zug dasselbe Gesicht!"

Und er faßt Angelina bei beiden Händen, bebt sie zu sich aufs Knie und preßt sein bärtiges Gesicht fest auf ihre rosige Wange so fest, daß die Kleine auffchreit vor Schmerz.

Trotzdem sie verlangt nicht fort aus der stürmischen Umarmung. Im Gegenteil. Ganz zutraulich schlingt sie beide Aermchen um den Nacken 1*3 hünenhaften Mannes und wühlt das Köpfchen hinein in den struppigen Bart.

Jetzt üt es*Ninella vollkommen klar, daß mit diesemOnkel" das Glück in das Haus ihrer Herrschaft einzieht.

So erzählt sie unaufgefordert, Frau Belloni sei mit ihrem Sohn, der sehr krank war, zur Er­holung an der See. Hebermotgen nachmittag käme sie aber wieder, llnd sie wohnteit draußen vor der Porta del Povolo Via Flaminia Nr. 85, fünf Trevpen hoch.... .

gestellt. Werden noch das Diätengesetz, sowie die kleineren Vorlagen über die Aenderung meh­rerer Reichstagswahlkreise, die Novelle zum Ge­setze über die Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit und das Gesetz betreffs Ueber- leitung von Hypotheken des früheren Rechts er­wähnt, so ist der Kreis derjenigen Entwürfe ge­schloffen, die vom Reichstage verabschiedet find. Man wird mit der Anerkennung nicht zurück­halten können, daß abgesehen natürlich von der Ablehnung der kolonialen Vorlagen in den letzten Tagen die mit positiven Ergebnissen ge­krönte Reichstagsarbeit diesmal besonders um­fangreich gewesen ist.

Eine große Reihe von Entwürfen wird in den nächsten Tagungsabschnitt hinübergenom­men werden. In erster Lesung sind erledigt: das Automobil-, das Vogelschutzgesetz, die Novelle zum Schutztruppengesetz, das Hilfskaffengesetz, die Novelle zum Unterstützungswohnsitzgesetz, der Be­fähigungsnachweis im Baugewerbe, die Maß- und Eewichtsordnung, das Gesetz über das Ur­heberrecht an Werken der bildenden Kunst und Photographie sowie über den Versicherungsver­trag. Der Reichstag wird im Herbst also ein recht umfangreiches Arbeitsmaterial vorfinden und zwar umsomehr, als ihm die vom Bundes­rat fertiggestellten Entwürfe über die Rechts­fähigkeit der Berufsvereine, über die Sicherung der Forderungen der Bauhandwerker sowie die Börsengesetznovelle dann recht bald zugehen dürften.

In dem ablaufenden Tagungsabschnitt hat sich der Reichstag auch mit Interpellationen und Initiativanträgen beschäftigt. Zu den ersteren zählenbie über die Zollabfertigung deutscher Ausfuhrgüter an der russischen Grenze, über die Ausweisung russischer Staatsangehöriger, über den Brand auf der Zeche Borussia, über die Duelle, über die Beichtsprache katholischer Mann­schaften und über die Fleischpreise. An Anträgen wurden erörtert der Entwurf über die Freiheit bet Religionsübung, über ben Schutz bei Ver­sammlungsfreiheit, über bie Herabminderung der Zuckersteuer, über die Beseitigung der lan­desrechtlichen Beschränkungen des Vereinsrechts für Frauen, über die Aenderung des § 130 des Strafgesetzbuchs, über die Gehaltszahlung der Angestellten, die Verhältniffe der technischen Be­amten, die Gehaltszahlung in Krankheitsfällen, die Gewährung von Beihilfen an Kriegsteil­nehmer, über die Volksvertretung in den Bun­desstaaten und in Elsaß-LoIhringen. Rechnet man dazu bie Kommissionsberichte und Wahl­prüfungen, über die beraten ist, so wird man sagen muffen, daß der Reichstag in dem ablau- fenben Tagungsabschnitte geradezu eine Fülle von Beratungsstoff bewältigt hat.

Fünf Treppen hoch? Nicht in einem Pa­lazzo?" fragt bet Fremde verwundert.

Ninella reißt die Augen weit auf. In einem Palazzo! Der Mann muß verrückt fein!

Wo lebt jetzt die Mutter der Frau Belloni, die Marchese Salomea Bonmartino?" fährt er erregt fort, da auf seine erste Frage keine Ant­wort erfolgt.

Marchesa Bonmartino?" wiederholt Ni­nella lachend, das erste Wort besonders betonend.

Ich weiß nichts von einer Marchesa. Bon­martino ja. Aber Marchesa? Nee, das gewiß nich. Außerdem, die Mutter von Frau Belloni is lange tot. "Ich hörte mal davon reden."

Tot! Tot!!"

Wieder legt sich ein Schatten auf das feiste, gesundheitstrotzende Gesicht des Mannes. Eine Träne glänzt in feinem Auge.

Das ist zu viel für Angelinas weiches Herz­chen. Schmeichelnd patkcht sie mit ihren dicken Händchen auf dem Gesicht des Mannes hemm.

Nicht weinen! Nicht weinen, Onkel! Mama wird dich sehr lieb haben! Und Angelina auch! Und Rinaldo! Und wir alle!"

Wie aus einem Traum erwachend, fährt der Mann sich über die Stirn.

Noch einen herzhaften Kuß drückt er auf An­gelinas ihm willig dargereichtes Kirschenmünd- chen.

Tann läßt er mit den kurzen Worten:Ueber- morgen Abend komme ich zu euch!" ein blankes Goldstück in Ninellas braune Hand gleiten und ist gleich darauf, ohne auch nur einen Blick auf das schwarzäugige Baby im Kinderwagen ge­worfen zu haben, im Menschengewühl ver­schwunden.

Noch niemals in ihrem ganzen Leben sind Ninella bie Tage so langsam bahingeschlichen, wie jetzt bis zur Rückkehr ihrer Herrin. Sie, die sonst von einer peinlichen Gewissenhaftig­keit sie läßt jetzt die Milch überkochen, bie Maccarvni anbrennen, das Feuer ausgehen.

Die Vermählung des Königs von Spanien.

Madrid, 31. Mai. (W. B.) Die Prinzesst« Ena traf um 8 Uhr früh, vorn Schlöffe El Pardo kommend, hier ein und stieg zunächst im Marine- Ministerium ab. Das Wetter ist prächtig, aber sehr heiß. Die Stadt ist reich beflaggt, der Zu­strom von auswärts gewaltig; alle Züge brin­gen Waffen Menschen herbei. In der Menge bemertt man zahlreiche Leute in malerischen Kostümen aller Provinzen Spaniens. Die Truppen bilden Spalier in der Feststtaße. Aus allen Städten und Ortschaften treffen Tele­gramme der Behörden und der Mitteilung ein, daß die dortigen Einwohner gleichfalls Feste veranstalten, daß überall Gottesdienste abge­halten, Illuminationen veranstaltet und Al­mosen verteilt werden. Der König wurde vom Schloß aus, bie Prinzessin Ena vom Marine- Ministerium aus in glänzendem Zuge zur Kirche Jeronimo geleitet, bejubelt von der riesigen Volksmenge. Der König erwartete die Prin­zessin am Eingang der Kirche. Die Trauung wurde vorgenommen vom Kardinal Sancha, Erzbischof von Toledo und Primas von Spanien. Als Diakon fungierte derBifchof von Nottigham.

Madrid, 31. Mai. (W. B.) Auf den könig- lichen Hochzeitszug wurde in der Nähe des Wa­gens des Königs in der Mayorstraße bei der Rückfahrt zum Schlöffe eine Bombe geschleudert.

Madrid, 31. Mai. (W. B.) Der Bomben­anschlag gegen den königlichen Hochzeitszug ge­schah, als der Wagen, in dem der König und die Königin saßen, einen Moment vor dem Hause Nr. 88 in der Calle Mayor anhielt. In diesem Augenblicke schleuderte jemand aus einem der oberen Stockwerke dieses Hauses eine Bombe, die an der Seite des Wagens zwischen dem hinter­sten Paar Pferde und den Vorderrädern des Wagens niebeifiel und explodierte. Ein Reit­knecht wurde getötet, ebenso zwei Pferde. Der Herzog von Sotowayor, der rechts neben de» Wagen ritt, wurde leicht verletzt. Vier Sol­daten vom Truppenspalier wurde« auf der Stelle getötet, ein Leutnant, der eben den Dege« präsentierte, wurde tödlich verletzt. Eine« Polizeihornist wurde der Hals aufgeriffen. Auch zwei Frauen, die in der Nähe standen, käme» ums Leben. Zahlreich sind die Verletzte«, dar­unter sind einige, die sich auf den Balkons des zweiten Stockwerkes des Hauses befanden, von dem aus die Bombe geworfen wurde. Sofott nach der Explosion sprang der Herzog von Cor- nachuelos an den Wagenschlag, öffnete ihn und war dem König und der Königin beim Ausstei- gen behilflich. Beide waren auf das Tiefste be­wegt. Als das Königspaar die Treppe zum Schloß emporgestiegen war, brachten die fremde« Fürstlichkeiten, die sich um sie drängten, ihnen die wärmsten Glückwünsche zu ihrer Errettung dar, und gaben ihrem tiefsten Bedauern über den Anschlag Ausdruck.

Das Geheimnis, das große Geheimnis, von dem sie als sicher annimmt, daß es das Glück ihrer Herrschaft ausmacht es drückt ihr fast das Herz ab.

Zwar könnte sie schon Carlo Belloni von ihrer Neuigkeit in Kenntnis setzen; aber der Maler benutzt die Abwesenheit seiner Frau, um sein großes Gemälde fertigzustellen, und kommt immer erst abends nach Dunkelwerden aus dem Atelier nach Hause.

Außerdem in Ninellas Augen geht die ganze Geschichte ihrenHerrn" gar nichts an, nut ihreFrau", und so schweigt sie, so schwer es ihr auch wird.

Ja, mehr noch. Sie hat Angelina befohlen, nichts dem Papa zu sagen. Wenn bie Mama zurückgekehrt sei, werde der gute Onkel sich schon melden.

Bis dahin beäugelt Ninella jede Viertel- stunde ihr Goldstück, das sie sorgfältig in ein Leinwandsäckchen eingenäht hat und an einem Band um den Hals trägt. Das brave Mädchen hat noch kaum je ein Goldstück zu Gesicht be­kommen. Um wieviel weniger eines befeffen.

In ihren Augen ist der rotbärtige Fremde ein Märchenprinz, der sie alle demnächst holen wird in sein Zauberreich.

Endlich, endlich ist bie Stunde da, in der Frau Belloni erwartet wird.

Mit hochroten Wangen und fliegende« Pulsen macht Ninella den Teetisch zurecht. Sie legt bie beste Decke auf bie einzige noch nicht ge­stopfte und ausgefranste, tut eine Prise Tee mehr als sonst in den porzellänernen Teetopf, und arrangiert Taffen, Milchkanne, Brotkorb und Butterbebälter so zierlich, wi^ es nur irgend geht. Sogar ein Wasserglas mit Petersilie und Kresse, die in einem Holzkasten am Küchenfenster zum Hausbedarf gezogen werden, prangt in der Mitte der festlichen Tafel in Ermangelung eines würdigeren Blumenschmuckes.

Alle zwei Minuten springt sie ans Fenster, um auf die Straße hinunterzuspähen.

(Fortsetzung folgt.)