GßechM Zeitung
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
SonntagsbeUaae: Alluktrtttes Sonntaa-bkst^
Jts. 116
Vierteljährlicher Bezugspreise bet bei ExrÄition 2 3)IL, bet allen Postämtern 2,25 Mr. <e$ck Bestellgeld).
JnserttonSgebühr: die gespaltene Zelle oder deren Raum 10 Pfg.
Reclamcn: die Zeile 25 Pfg.
Marburg
Sonnabend, 19. Mai 1906.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck uttb Verlag- Joh. Aug. Koch, Umversttätr-Buchdruckerei 41. Jllhlt!, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Neueste Telegramme.
Berlin, 17. Mai. Weil sie Beleidigungen einzelner Reichstagsabgeordneter enthält, hat das Bureau des Reichstages eine Eingabe des Aktionskomitees des Deutschen Castwirteverbandes nicht zur Verteilung gebracht und den Petenten wieder zugestellt.
Berlin, 17. Mai. Mitteilung des Kriegsministeriums über die Fahrt der Truppentrans- portschiffe: Dampfer „Neckar" mit der ostasiati- schen Besatzungsbrigade ist am 17. Mai wohlbehalten in Suez eingetroffen und am 17. Mai nach Portsaid weitergegangen.
Berlin, 17. Mai. Der Bundesrat stimmte in seiner heutigen Sitzung dem Gesetzentwurf betreffend die Aenderung der Artikel 28, 32 der Reichsverfassung, Gewährung einer Entschädigung an die Mitglieder des Reichstages, nach den Beschlüssen des Reichstages zu.
Madrid, 17. Mai. Die Blätter beschäftigen sich lebhaft mit den Erklärungen, die der frühere Ministerpräsident Montero Rios hinsichtlich der für Spanien auf der Konferenz von Algeciras erzielten Ergebnisse abgegeben hat. Diese gingen dahin, daß er, Montero Rios, persönlich schon vorher mit dem französischen Botschafter einen vorteilhafteren Vertrag abgeschlossen habe, denn nach demselben hätte die Marokkanische Bank ausschließlich mit spanischem Kapital begründet und die spanische Münze mit Zahlungskraft in den Verkehr gesetzt werden sollen. In der Polizeifrage hätte ein Vorteil für Spanien in dem Rechte bestanden, den Schmuggel zu Wasser und zu Lande zu verfolgen.
Petersburg, 17. Mai. Am Sonnabend, an dem Geburtstage des Zaren, soll die Amnestie verkündet werden. Rach dem hierfür vom Justizminister ausgearbeiteten Entwurf betrifft sie Nur jene politischen Inhaftierten, die keinen dktioen Anteil an der revolutionären Bewegung genommen, sie aber mit verschiedenen Mitteln gefördert haben.
London, 17. Mai. Der „Daily Telegraph" schreibt: Die Vertreter der deutschen Städte, die jetzt unsere geehrten, willkommenen Gäste sind, werden sicherlich die Aufrichtigkeit ihrer Begrüßung hier zu Hause berichten, sowie bezeugen, daß in London keine feindliche Stimmung gegen Deutschland herrscht. Wir sind bereit und mehr eis bereit, in eine Entente mit Deutschland einzutreten, auf denselben Grundlagen, mit denselben Zwecken, wie sie mit Frankreich abgeschlossen worden ist, wie wir sie mit Rußland jetzt ab- fchließen. In der Tat würde dies der leichteste von allen diesen Fällen sein, da zwischen Deutschland und uns keine schwebenden Schwierigkeiten äufzuklären sind. Wenn Deutschland unsere Freundschaft will, kann es sie jeden Augenblick haben, ohne Geld, ohne Preis.
.11 (Nachdruck verboten.),
Jolanda und Salomen.
Roman von Erich Friesen.
(Fortsetzung.)
Als er am Nachmittage zur festgesetzten Stunde in seinem Privatsalon seine Nichte erwartet, ist auch nicht eine Spur von Erregung niehr auf seinem Gesicht zu bemerken.
Er sitzt am Schreibtisch, den grauen Kopf in die Hand gestützt, anscheinend überaus vertieft in ein dickleibiges, wissenschaftliches Werk.
Kaum wendet er den Kopf bei Jolandas Eintritt. Erst als sie etwas befremdet über feine anscheinende Gleichgiltigkeit dicht neben ihn tritt, blickt er auf.
,.AH, liebe Nichte. . . . Richtig — ich hatte beinahe vergessen ... du wolltest mich ja sprechen. . . . Verzeihe!"
Mit vollendeter Eleganz bietet er ihr einen Stuhl in der Nähe des Fensters an, während er selbst im Schatten bleibt.
. »Nun, liebe Nichte, ich bin ganz Ohr. Schütte detn Herzchen aus!"
And Yolanda schüttet ihr Herz aus. Alles, u'as Salomea Belloni ihr heute früh mitgeteilt, erzählt sie dem strll dasttzendett Onkel, der den Kopf in die hohle Hand gestützt, ein sarkastisches Lächeln um die schmalen Lippen, schweigend zuhört.
Jetzt hat sie geendet. Voll Erwattung blik- ken die schönen Augen, aus denen eine stumme Angst spricht, auf den Onkel. Was wird er sagen? Wie sich entschuldigen?... Oder wird er gar das Ganze als Hirngespinst einer erregten Phantasie brandmarken?...
, Marchese Bernardo rühtt sich nicht. Nur in feinen Augen zuckt es wie Spott auf.
„Nun, Onkel Bernardo?" >
- »Nun, Nichte Jolande?" . <•:-
Südwestasrika.
Wie aus Berlin gemeldet wird, steht die Genehmigung des vom Generalleutnant v. Trotha eingereichten Abschiedsgesuchs bevor. Oberst v. Deimling erhält dann das Kommando über die Schutztruppe. Mit der Vertretung des er- krantten Oberst Ohnesorg bei dem Oberkommando der Schutztruppen ist Major Quade vom Eeneralstab beauftragt worden. In ihm hat man auch den wahrscheinlichen Nachfolger von Oberst Ohnesorg zu sehen, falls dieser die Geschäfte nicht wieder aufnehmen kann. Zusammen mit dem Gouverneur v. Lindequist sind also die höchsten Zivil- und Militärstellen mit erprobten Männern besetzt, die eine günstige Entwicklung der Kolonie gewährleisten.
Was aus Deutsch-Südwestafrika gemacht werden kann, eröttert der frühere Gouverneur Generalmajor Leutwein im Maihefte der Deutschen Revue. Leutwein behandelt sehr ausführlich die drei in Frage kommenden wirtschaftlichen Fattoren, auf denen die Zukunft der Kolonie aufgebaut werden muß: den Bergbau, die Viehzucht und die Arbeitskraft des Eingeborenen. Den Nachdruck legt Leutwein auf den zuletzt genannten Faktor, um im Zusammenhangs damit die gesamte Eingeborenenpolitik, die nach seiner Ueberzeugung befolgt werden muß, darzulegen. Davon ausgehend, daß der Eingeborene sich lieber schlecht von seiner eigenen Obrigkeit als gut von der weißen behandeln lasse, und daß die weißen Beamten sich nicht um jeden Zant der Eingeborenen untereinander kümmern, deren Personenstand nicht kontrollieren könnten, gelangt Leutwein zu der Forderung: die Masse mit Hilfe der eingeborenen Obrigkeit unter Mitwirkung der Mission zu beherrschen. Selbstverständlich dürften die künftigen Werst-Oberhäupter nicht mehr Kapitäne im alten Sinne sein, sondern nur von der Regierung eingesetzte und bezahlte Beamte. Sonst aber müsse unser Wahlspruch sein: für die politische Entrechtung der Eingeborenen um so mehr Schutz dem einzelnen Individuum zu gewähren, dessen Zufriedenheit und Arbeitskraft wir uns erhalten müßten. Ein sanfter Zwang zur Arbeit werde nicht schaden. Auch hierzu und zum Austausch der Arbeitskräfte mit den weißen Arbeitgebern bedürften wir einer eingeborenen Obrigkeit. Wollten wir diese Politik der Versöhnung nicht treiben, so müßten wir entweder die beiden Rassen räumlich streng trennen oder sie nach englischem Vorbilde einander gleichstellen. Andernfalls kämen wir nicht zur Ruhe, höchstens zu der des Kirchhofs. — Betreffs der Viehzucht, des zweiten wirtschaftlichen Faktors, dessen Aussichten Leutwein ungemein günstig beurteilt, empfiehlt er gleich dem Ansiedlungskommissar Dr. Rohrbach die Einführung von Zuchtvieh im großen Stile.
„Was sagst du zu meiner Geschichte?"
„Was soll ich dazu sagen?"
Unmutig wendet Jolanda den Kopf.
„Sie ist wahr, meine Geschichte? Du gibst sie also zu, Onkel Bernardo?"
„Teilweise — ja!"
Ein leiser Seufzer hebt Jolandas Brust. Jetzt erst fühlt sie, wie sie im tiefsten Innern immer noch gehofft habe, er werde ihre Zweifel ohne weiteres zerstreuen.
„Teilweise — ja?" wiederholte sie leise. „Inwiefern — teilweise?"
Bernardo räuspert sich ein wenig. Dann nimmt er eine Zigarette aus seinem Etui und sucht nach Streichhölzern.
„Du erlaubst doch, liebe Richte?"
Schweigend nickt sie Gewährung. Wie bekommt der Onkel es nur fertig, so ruhig zu fein?
„Siehst du, Nichte Jolanda —“ beginnt Bernardo gemütlich, indem er die Zigarette zwi- schen den Fingern hin und her dreht —' „es ist schon richtig, daß mein Vater, also dein Großvater, zum zweitenmal heiratete."
„Nun — und ---"
„Es ist auch möglich, daß die zweite Fra« gestorben ist, aber —"
‘ „Weiter! Weiter!"
„Aber — es ist nicht wahrscheinlich, daß die junge Person, die dir die Rührgeschichte erzählt hat, die Tochter aus dieser Ehe ist."
Jolanda ist sehr bleich geworden. Jetzt sprrngt sie lebhaft empor.
„Doch, Onkel, doch. Wenn du Frau Salomea Belloni gesehen hättest, wie ich sie sah — jeder Zug ihres Gesichts bekräftigte ihre Erzählung, jedes Wort atmete lautere Wahrheit!"
„Hm —“ macht der Mann, indem er die Zigarette zwischen die Lippen steckt und flott darauflos zu paffen beginnt.
Jolandas Unruhe wächst
m „Wenn du wußtest, daß ich eine solch nahe Verwandte besah — warum hast du nie zu mir
In Bezug auf den dritten wirtschaftlichen Faktor, den Bergbau, der für Kupfer, Diamanten und Marmor abbauwürdig sei, betonte Leutwein die Notwendigkeit der Veseittgung des Mangels an Verkehrsmitteln. Denn Eisenbahnen und nichts als Eisenbahnen vermögen das Schutzgebiet rentabel zu machen, aber auf der anderen Seite auch unsere Herrschaft dauernd zu sichern. In diesem Puntte stimmen wir vollständig zu, denn der Knauserwirtschaft des Reichstags ist es mitzuzuschreiben, daß der Aufstand in Südwest diesen Umfang angenommen hat. Im übrigen glauben wir jedoch, daß Generalmajor Leutwein die Tätigkeit der Missionen überschätzt.
„National"- Soziale und Reaktionäre.
Der Kampf der vereinigten Linksliberalen und „National"-Sozialen gilt nach ihrer Erklärung der „Reaktion", d. h. den Konservativen, Nationalliberalen und dem Zentrum. In Darm- stadt-Eroßgerau haben sie dem sozialdemokratt- schen Kandidaten zum Siege verhalfen über den Nationalliberalen und auch in Zukunft gedenken sie, nachdem endlich die Maske gelüftet ist, so zu handeln und ihr ganzes Spiel auf die sozialdemokratische Karte zu wagen. Das kann 1908 jedoch ein übles Ende nehmen. Von den zehn Reichstagsmandaten, welche die freisinnige (nationalsoziale) Vereinigung überhaupt besitzt, hat sie fünf nur der Unterstützung der „reaktionären" Parteien zu verdanken!
Die folgende Aufstellung zeigt, daß die Freisinnigen 1903 jämmerlich den „Genossen" unterlegen wären und bereits damals in einer Droschke in den Reichstag hätten fahren können, wenn nicht die „Reaktionäre" zu ihren Gunsten gestimmt hätten:
1. Hoeck (Dithmarschen) erhielt im ersten Wahlgang 5964 Stimmen gegen 10 901 sozialdemokratische, 5880 der Reichspartei, 3220 der Nationalsozialen, in der Stichwahl mit 15 372 gegen 12 480 sozialdemokratische Stimmen gewählt.
2. Mommsen (Danzig) erster Wahlgang 7672 gegen 6070 sozialdemokratische, 3522 Zentrums-, 3257 konservative und 440 polnische Stimmen; im zweiten Wahlgange mit 11993 gegen 7417 sozialdemokratische Stimmen gewählt.
3. Pachnicke (Parchim-Ludwigslust) erster Wahlgang 5720 gegen 6905 sozialdemokratische, 5218 konservative Stimmen; in der Stichwahl mit 9838 gegen 6864 sozialdemokratische Stimmen gewählt.
4. Riff (Straßburg) erster Wahlgang 10 001 gegen 12110 sozialdemokratische und 4319 Zen-
von ihr gesprochen?" fragt sie mit einem Anflug von Bitterkeit.
Wieder huscht jenes fatale, sarkastische Lächeln über Bernardos hagere Züge.
„Du bist wie alle Frauen —" spöttelte er — „übereilt und unlogisch. Ziehst sofott Schlüsse, ohne Gründe gehört zu haben.... Freue mich übrigens, eine kleine Schwäche bei dir zu finden. Vollkommene Frauen sind langweilig."
Abwehrend hebt Jolanda die Hand. Ihre Brauen sind finster zusammengezogen.
„Bitte, keine Scherze, Onkel! Mir ist gar nicht spaßhaft zu Mute. Wenn du meine Frage nicht ernst und sachgemäß beantworten willst, werde ich mit meinem Vater sprechen. Er —"
„Um Gotteswillen — nein!“ fällt Bernardo hastig ein. Er ist aufgesprungen und hält Jolanda, die sich bereits zum Gehen wandte, am Arm zurück. „Wie schrecklich ernsthaft du alles nimmst. Komm, setz dich wieder! Du sollst alles erfahren."
Schweigend tritt Jolanda zum Fenster und zieht die schweren, grünseidenen Vorhänge auseinander, sodaß die letzten Strahlen des heim- gehenden Eonnenballs auf Bernardos scharfe, jetzt etwas gespannte Züge fallen.
„So, Onkel! Das Dämmerlicht beängstigte mich. Nun, bitte, laß die „Gründe" hören!"
Und ruhig, ja mit einer gewissen Nonchalance, hie und da blaue Ringelwölkchen in die Luft blasend, erzählt Bernardo, wie er nicht leugnen wolle, daß er und sein Bruder über die späte Heirat ihres Vaters äußerst aufgebracht waren, besonders, da die zweite Frau, eine ganz einfache Person, sich als Nachfolgerin ihrer stolzen, vornehmen Mutter absolut nicht eignete; wie der Vater gesagt habe, die Söhne mögen ihm doch sein Vergnügen lassen, pekuniär sollten sie durch diese zweite Heirat keinen Eentestmo verlieren; rote es dennoch zu Zank und Sireit zwischen ihnen gekommen fei; wie die Söhne plötzlich an das Sterbelager des Vaters berufen
trumsstimmen; im zweiten Wahlgang mit 13746 gegen 13 067 sozialdemokratische Stimmen gewählt.
5. Schrader (Dessau) erster Wahlgang 11083 gegen 12 715 sozialdemokratische und 3494 konservative Stimmen; die Stichwahl ergab seinen Sieg mit 14 456 gegen 13 048 sozialdemokratische Stimmen.
Für 1908 empfiehlt sich, da den Freisinnigen doch sicher nichts daran gelegen sein kann, fernerhin von den „Reaktionären" irgendwelche Wahlhilfe anzunehmen, diese Wahlkreise, falls sie nicht von den rechtsstehenden Parteien erobert werden können, der Sozialdemokratie zu überlassen. Zumal zwischen verkappt „nationalen" Demokraten und offenen Sozialdemokraten kein Unterschied besteht und letztere vorzuziehen sind. Der Freisinn kann dann 1908 mit vier Mann in einer Droschke zum Reichstag fahren. —s.
Deutsches Reich.
Berlin, 18 Mai.
— Seine Majestät der Kaiser machte gestern, wie aus U r v i l l e gemeldet wird, einen Spazierritt und hörte dann die Vorträge des Chefs des Zivikabinetts, Geh. Rat v. Lucanus, und des stellvertretenden Chefs des Marinekabinetts, Kontreadmiral v. Müller. Heute Freitag Vormittag begibt sich der Kaiser von Urville über Ueckingen nach Diedenhofen und von dort nachmittags nach Potsdam zurück, woselbst die Ankunft Samstag Morgen 8 Uhr erfolgen wird.
— Die verwitwete Landgräfin Friedrich Wilhelm von Hessen-Eassel, geb. Prinzessin Prinzessin Anna von Preußen, hat gestern das 70. Lebensjahr vollendet. — Prinzessin Maria Anna Friederike ist eine Tochter des Prinzen Karl von Preußen und der Prinzessin Karl, geb. Prinzess' ! Marie von Sacbsen-Weimar- Eisenach, also Schwester des Prinzen Friedrich Karl und Schwägerin der soeben verstorbenen Witwe des letztgenannten. Am 26. Mai 1853 vermählte sie sich zu Charlottenburg mit dem Prinzen, späteren Landgrafen Friedrich Wilhelm von Hessen. Der Ehe sind fünf Kinder entsprossen, von denen der zweite Sohn, Landgraf Alexander Friedrich, seit 1888 Senior des Zweiges ist. Sein jüngerer Bruder, Prinz Friedrich Karl, ist seit 1893 mit der jüngsten Schwester des Kaisers, Prinzessin Margarete von Preußen, vermählt. Die verwitwete Landgräfin lebt zu Frankfurt a. M.
— Von den Zentrumsorganen zeichnet sich die „Köln. Volkszeitung" durch besondere Polen- frsundlichkeit aus. Sie beurteilt dieBeziehungen zu den Polen in Ostdeutschland nicht vom nationalen, sondern vom universal-kirchlichkatholischen Standpunkte aus. Zu der Reichstagsersatzwahl in Beuthen-Tarnowitz, die am 12. Juni stattfindet, hatte dementsprechend die „Köln. Volksztg." dafür plädiert, daß im Falle
wurden und dort die ganze Liebe des Alten für feine Söhne wieder zum Durchbruch gekommen wäre; wie er dann starb mit seiner erkalteten Hand in der seines ältesten Sohnes, während die junge Frau abseits stand; wie es sich bei der Testamentseröffnung herausstellte, daß diese beiden Söhne aus erster Ehe zu Universalerben eingesetzt waren; wie sie trotzdem aus reinem, großmütigem Mitleiden der Witwe jene namhafte Summe ausgesetzt — unter der Bedingung, daß sie sich von ihren vornehmen Verwandten fürderhin vollkommen fern halte_____
In immer steigender Errötung hört Jolanda zu. So ist also alles wahr, was Salomea Bel- loni erzählte — alles! Nicht nur die Hartherzigkeit des alten Marchese Roberto, der sein junges, krankes Weib mittellos in dieser grausamen Welt zurückließ — nein, auch die Mitleidslosigkeit ihres eigenen Vaters, der sich mit dem ungerechten Testament einverstanden erklärte.
„Wie konnte mein Vater —“ hauchte sie schmerzlich.
„Dein Vater lebte nur seiner Familie. Deine Mutter — du erinnerst dich ihrer wohl kaum, Jolanda? — war aus fürstlichem Geblüt und überaus stolz. Niemals würde sie die niedrig geborene zweite Frau ihres Schwiegervaters anerkannt, mit ihr verkehrt haben. War es nicht das beste so, die Person abzufinden? Ich kann deinen Vater deshalb nicht tadeln."
„Und ich will ihn nicht tadeln!" erwidert Jolanda leidenschaftlich. „Was mein Vater tat, wird das Rechte gewesen fein. Und doch —“
Sie stockt und blickt zum Fenster hinaus. Langsam füllen sich ihre großen Augen mit Tränen.
Dem Marchese Bernardo wird unbehaglich. Blödsinnige Gefühlsduselei? O, diese Weiberk Diese Weiber! -
(Fortsetzung folgt.)