MchM Bettung
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Marburg
Dienstag, 15. Mai 1906.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag' Joh. Äug. Koch, UniversitSts-Duchdruckerel 41. Jahrg.
Marburg, Markt 21. — Telephon ob.
Neueste Telegramme.
Köln, 13. Mai. Gestern Nachmittag verabschiedete sich Minister Vreitenbach in herzlicher Weise von den Beamten des Direktoriums und sprach ihnen allen die volle Anerkennung für ihre treue Mitarbeit aus. Der Minister hob die große Pflichttreue aller Beamten des Bezirks hervor. Er scheide in Wehmut von der liebgewonnenen Stätte der bisherigen Wirksamkeit im herrlichen Rheinlands. Der Minister reist heute nach Berlin und wird bereits am Montag im preußische» Landtag erscheinen.
, Essen, 14. Mai. Der Kaiserbesuch auf der Villa Hügel findet nicht statt, da die Familie Krupp eine Reise ins Ausland angetreten hat.
Rom, 13. Mai. Die sozialistische Fraktion erneuerte ihre Demission en mässe. Die Kammer widersetzte sich heute nicht mehr. Die Neuwahlen finden am 3. Juni statt. Voraussichtlich werden nicht alle 27 Abgeordnete wiedergewählt werden.
Rom, 12. Mai. Alle Arbeiter in Rom und Neapel haben die Arbeit wieder ausgenommen. Die Straßenbahnen sind wieder in vollem Betriebe. Das Straßenbild ist das gewöhnliche. Die Gemeindeverwaltung von Rom sprach der Armee und den Sicherheitsbeamten, die sich an der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung beteiligten, ihre Anerkennung aus.
Paris, 13. Mai. Senator d.Estournelles, der Vorsitzende der parlamentarischen Schiedsgerichtsgruppe, hat angekündigt, daß er beim Wiederzusammentritt des Senates den Marineminister über die Notwendigkeit einer internationalen Verständigung zur Einschränkung der Flottenausgnben interpellieren werde.
Stockholm, 12. Mai. Der Reichstag bewilligte 21744 000 Kronen für Kasernenbauten für das Heer für vier Jahre. Davon entfallen auf 1907: 4 400 000 Kronen.
Belgrad, 12. Mai. Aus dem.Gefechte bei Zelenikowa flüchteten sich die Ueberreste der bulgarischen Banden nach dem Dorfe Diwlje, wo sie von den Türken eingeholt, umzingelt und ausgerieben wurden. Das Dorf Diwlje brannte ab. In den Flammen sollen gegen 150 Bauern, Frauen und Kinder umgekommen sein.
Washington, 12. Mai. Das Staatsdepartement hat in Erfahrung gebracht, daß in Santo .Domingo eine neue Revolution mit Puertorico als Operationsbasis vorbereitet werde. Der Gouverneur von Puertorico ist angewiesen worden, die Gebote der Neutralität zu beachten, die die Vorbereitung und die Ausreise einer feindlichen Expedition nicht gestatten. Die bei Santo Domingo stationierten Kriegsschiffe der Vereinigten Staaten werden den Auftrag erhalten, die Landung feindlicher Streitkräfte zu verhindern.
Viebpreise und „Fleischnot."
Am Freitag letzter Woche wurde an dieser Stelle in einem Artikel über Vieh- und Fleischpreise darauf hingewiesen, daß gerade die linksliberalen und demokratischen Blätter, die am ineisten über die „Fleischnot" schrien, jetzt das starke Sinke» der Vieh preise mit wenigen Ausnahmen totschweigen oder nur kurz berühren, ohne aber die nötigen Folgerungen daraus zu ziehen. Kein Wunder, denn die demokratischen Rufer im Streite, die sich angeblich zum Wohle des Volks so angestrengt haben, müßten die ihnen peinliche Tatsache eingestehen, daß entgegen ihren Prophezeihungen am 1. März nach dem Inkrafttreten der höheren Zölle nicht nur nicht die Preise gestiegen sind, sondern vielmehr zurückgingen.
Unter der großen Zahl der linksstehenden freihändlerischen Zeitungen ist der sozialdemokratische „Vorwärts" diesmal die einzig ehrliche — eine löblich und seltene Ausnahme — denn er gibt unumwunden zu, daß die Viehpreise allenthalben gesunken sind und namentlich die Schweinepreise schon wieder auf dem alten Stand vor dem Beginn der Teucr- ungsperiode im April vorigen Jahres angelangt sind. Sie sind sogar stellenweise noch niedriger als damals. Obgleich nun die Schweine um 15—20 % billiger geworden feien, hielten die Metzger, so sagt der „Vorwärts" sehr richtig, die Fleischpreise im allgemeinen noch auf derselben Höhe, die sie zur Zeit der höchsten Teuerung innehatten. Dann wendet sich das sozialdemokratische Hauptorgan gegen die Eroßschläch- ter und Metzger mit folgender Drohung:
„Als im vorigen Jahre die Schlachtviehpreise stiegen, waren die Schlächtermeister unter Berufung auf die Steigerung sofort bei der Hand, die Detailpreise hinaufzusetzen, mehrfach sogar in noch stärkerem Maße, als de in Aufstieg der Viehpreis e an den Schlachtmärkten entsprach; jetzt aber wieder die Preise herunterzusetzen, fällt ihnen nicht ein. Gegen hohe Profite an sich haben sie nichts einzuwenden, nur gegen hohe Profite der Viehzüchter und Viehhalter sträubt sich ihr Gewisien. Hohe Profite der Schlächtermeister erscheinen ihnen dagegen völlig gerechtfertigt.
Es wird nötig sein, daß sich die Innungen und Jnteresienverbände des Schlächtergewerbes ernstlich mit der Frage beschäftigen und auf ihre allzu profitgierigen Mitglieder einen nachhaltigen Druck ausüben; sonst bleibt der Arbeiterschaft und ihrer Presse nichts anderes übrig, als gegenüber den Praktiken der Herren Schlächtermeister zu denselben Agitationsmitteln zu greifen, wie gegenüber den Agrariern."
7 (Nachdruck verboten.),
Jolanda und Salomen.
Roman von Erich Friese«.
(Fortsetzung.)
III.
Seit Jahrhunderten gehört die Familie Bon- martino zu den beliebtesten und angesehensten in der ewigen Stadt. Ihre Ehrenhaftigkeit, die Lauterkeit ihrer Charaktere sind über jeden Zweifel erhaben.
..Auch das Bankgeschäft „Gebrüder Bon- martino" floriert. Das Geld strömt nur so daher. Man drängt sich förmlich dazu, um seine Ersparnisse, sein Vermögen dem wohlrenommierten Hause anzuvertrauen und betrachtet es als eine besondere Auszeichnung, wenn einer i>er beiden Inhaber, der Marchese Umberto oder sein Bruder Bernardo, sich zu einem Wink betreffs bester Anlegung von Kapitalien herbei- taßt
,, untei dem verstorbenen alten Marchese Roberto hatte das Bankhaus einen guten Namen. Seine beiden Söhne jedoch erst brachten es auf feine jetzige Höhe.
k Einmal freilich — kurz vor dem auf Madeira erfolgten Tode des alten Marchese Roberto — einmal munkelte man von einem grauen Gespenst, welche in den hohen Eewöl- pen des Palazzo Bonmartino herumhuschen sollte — von dem Gespenst „Sorge" und ihrem ganzen düsteren Gefolge. Ja, sogar von einem Möglichen Bankerott.
Doch vielleicht waren dies nur Verleumdungen in die Welt gesetzt von weniger erfolgreichen Konkurrenten.
■ Sicher ist, daß nie ein Bankerott stattfand, laß vielmehr das Bankgeschäft „Gebrüder Bon- ßlartino" nach dem Tode des alten Marchese Immer größeren Aufschwung nahm.
Das Glück der beiden Brüder wurde fast sprichwörtlich.
„Was Umberto und Bernardo Bonmartino in die Hand nehmen, das gelingt!"
So sprach der Volksmund.
Man wunderte sich deshalb auch durchaus nicht, als der jüngere und kräftigere der Brüder sich vor etwa zehn Jahren nach Rio de Janeiro begab, um dort eine Filiale des Bankhauses im großen Stil einzurichten.
Vielleicht trug auch der Umstand zu der Abreise des Marchese Bernardo bei, daß beide Brüder sich nie recht vertragen konnten. Richt etwa, daß sie sich zankten — o nein. Aber es mußte jedermann aus der näheren Umgebung der Brüder auffallen, wie sie ein häufiges Zusammensein mieden, wie besonders den Marchese Umberto eine gewisse Nervosität befiel, wenn sein Bruder Bernardo das Zimmer betrat oder gar längere Zeit in seiner unmittelbaren Nähe weilte.
Als Bernardo vor zehn Jahren nach Brasilien abdampfte, blieb sein älterer Bruder mit seinem damals kaum dreizehnjährigen Töchterchen als einziger Bewohner des Riesen-Palazzo am Corso Umberto zurück.
Wagen und Pferde, ein Troß von Dienern und Kammerzofen — alles stand der jungen Marchesina zur Verfügung. Sie brauchte nur zu befehlen.
Und nicht nur die Dienerschaft war stets des Winkes ihrer jungen Herrin gewärtig. Auch der Marchese Umberto selbst richtete sich in allem nacki ieiner Tochter.
Daß unter solchen Umständen die junge Mar- cheßna Yolanda nicht durch und durch verdorben wurde, sondern sich zu einem liebenswürdigen natürlichen, warmherzigen Geschöpf entwickelte, spricht für ihre außergewöhnlich guten Charakteranlagen.
An ihrem Vater hängt sie .mit schwärmerischer
Das ist deutlich und vor allem den wirklichen Verhältnissen entsprechend. Den Viehzüchtern wurden die höheren Preise für das Vieh nicht gegönnt, aber der hohe Profit wird weiter genommen, trotzdem das Vieh gar nicht mehr so teuer eingekauft wird, um die hohen Detailpreise des Fleisches rechtfertigen zu können. Ueberhaupt, auch als das Vieh schon sehr billig war, von niederen oder nur mäßigen Fleischpreisen war nie etwas zu merken, sie bewegen sich schon lange Jahre stets auf einer gewissen, streng eingehaltenen Höhe.
Noch schärfer geht der „Vorwärts" ins Gericht mit dem auch von uns so oft gekennzeichneten heuchlerischen Verhalten der linksliberalen und demokratischen Presse, der er folgende kräfti- gen Worte ins Stammbuch schreibt:
„Recht eigenartig ist das Verhalten der liberalen Presse. Als die Viehpreise stiegen, spielte sie den Anwalt der arbeitenden Bevölkerung und donnerte unter Berufung auf die Belastung des Lebensunterhalts der Arbeiter gegen die Agrarier. Jetzt gegen die Herren Schlächtermeister denselben Vorwurf zu erheben — davorscheutsiejedochängst- l i ch zurück, denn dann könnte den Liberalen deren Stimmen bei den Reichstags-, Landtags- und Kommunalwahlen verloren gehen, und die Herren Hofschlächter sind bei der Dreiklassenwahl vielfach Wähler erster Klasse."
Und dies Verhalten nennt sich dann freisinniger Mannesmut, der hier wieder in seiner ganzen einseitigen Kläglichkeit erscheint. Gegen „Junker", Agrarier" und „Klerikale" losdon- nern, das macht bei Urteilslosen Eindruck und ist vor allem ungefährlich, aber Verhältnisse erörtern, wobei man Gefahr läuft, sich unbeliebt zu machen und gegen gewisse Interessen zu verstoßen, davon hält man sich fein zurück. Was sagen aber die nicht urteilslosen, denkenden Leute zu diesem „öffentlichen Gewissen des Volkes", als das sich die linksliberale Presse in edler Bescheidenheit gewöhnlich aufzuspielen pflegt? Und ferner zu den falschen Prophezeihungen, daß nach dem 1. März die Preise noch höher würden? Für die gegenseitige Verhetzung einzelner Volksklassen ist eben jedes Mittel recht. —s.
Deutsches Reich.
Berlin, 14. Mai.
— Seine Majestät der Kaiser unternahm am vorgestrigen Samstag, wie aus Straßburg gemeldet wird, eine längere Spazierfahrt im Automobil, von der er um liy2 Uhr zurückkehrte. Um 1 Uhr wurde das Frühstück bei dem Gouverneur v. Moßner eingenommen. Um 3*4 Uhr erfolgte die Abreise nach Metz. Wie von dort berichtet wird, traf der Kaiser abends 6 Uhr 10 Minuten auf dem Bahnhofe Kürzel ein. Zum Empfang war erschienen Eeneralfeldmarschall
Verehrung. In ihm sieht sie das Urbild der Ritterlichkeit und aller männlichen Tugenden und Ehrenhaftigkeit.
Vor etwa einem Jahre lernte Jolanda Bon- marttno den jungen Staatsanwalt Vittorio Graziano kennen.
Er war der erste Mann, dem sie begegnete, der ihr nicht schmeichelte, auf den ihr Titel, ihr Reichtum keinen Eindruck zu machen schien.
Sßas Wunder, daß die junge Marchesina sich in Gedanken mehr und mehr mit dem Manne beschäftigte und bald seine wirklich tüchtigen Eigenschaften herausfand.
Und auch Vittorio Graziano fing an, sich für die schöne Jolanda Bonmartino zu interessieren — um ihrer selbst willen, nicht wegen der glänzenden Fassung, welche die edle Mädchenperle umgab.
Ohne daß es zu einer leidenschaftlichen Liebeserklärung gekommen wäre, fühlten die beiden jungen Menschenskinder. daß sie einander liebten, daß sie zusammengehörten — und eines Morgens überraschte Jolanda den Vater mit der Mitteilung, der junge Staatsanwalt Dr. Vittorio Graziano werde im Laufe des Tages bei ihm um ihre Hand anhalten.
Zuerst war der alte Marchese nicht übermäßig erbaut von diesem bürgerlichen Bewerber. Ihm dünkte kein Freier zu hoch für seine Tochter. Ein Herzog mußte es mindestens sein. Oder gar ein Fürst.
Als Jolanda jedoch glückstrahlend bei ihm eintrat, gefolgt auf dem Fuß von einem hohen, kräftigen, blonden Manne; als sie die Hand des Geliebten ergriff, ihn vor den Vater führte und weich sagte: „Sieh, Vater — das ist der Mann, den deine Tochter sich fürs Leben erwählt! Gib uns deinen Segen!"; als Vittorio Graziano ernst und doch mit offenem, heiterm Freimut hinzufügte: „Ich führe einen einfachen Namen, ich besitze auch kein Vermögen — aber ich liebe
Graf Häseler, welcher für die Zeit des Aufenthaltes des Kaisers in Urville und Metz als East geladen ist, ferner der kommandierende General des 16. Armeekorps, v. Prittwitz und Gaffron, der Bezirkspräsident Graf v. Zeppelin und Kreis- direttor Graf v. Villers. Kriegervereine und. Schulkinder bildeten Spalier. Zwei kleine Mädchen überreichten Blumensträuße. Der Kaiser begab sich mit dem Grafen Häseler im Wagen nach Schloß Urville, wo Abendtafel stattfand.
Gestern Sonntag Vormittag wohnte der Kaiser dem Gottesdienste in Kürzel bei und besichtigte später das Wilhelm-Viktoria- und das Augusta - Viktoria - Stift. Nachmittags unternahm der Kaiser mit Gefolge eine Ausfahrt in Automobilen über die Außenforts von Metz. .
— Die Königliche Familie ist von einem bedauerlichen Trauerfall betroffen worden. Prinzessin Friedrich Karl von Preußen ist Freitag Abend in Friedrichsroda am Herzschlag gestorben.
— Ueber die Dispositionen des Abgeordnetenhauses für diese Woche und bis zur Vertagung läßt sich folgendes mitteilen: Am Montag soll die dritte Beratung des Einkommensteuergesetzes stattfinden. Am Dienstag sollen Anträge und Petitionen beraten werden. Für Mittwoch wird die zweite Beratung der Hercyniavorlage und für Donnerstag die zweite Beratung des Knappschaftsgesetzes in Aussicht genommen. Am Freitag und Sonnabend sollten die Plenarsitzungen ausfallen. In der Himmelfahrtswoche wird die zweite Beratung des Schulunterhaltungsgesetzes beginnen, die bis Pfingsten zu Ende zu führen sein wird. Die dritte Beratung wird nach de» kurzen Psingstferien stattfinden, und dann der Rest der noch vorliegenden Arbeiten erledigt werden. Alsdann wird etwa um Mitte Juni eine Vertagung durch königliche Verordnung bis zum Herbst eintreten.
— Ueber die Stellung der Reichsregierung zur Diätenoorlage, wie sie sich nach den Kommissionsbeschlüssen in zweiter Lesung gestaltet hat, erfährt die „Tägl. Rundsch.": Von den drei Abänderungen der Regierungsvorlage, welche die Kommission beschlossen hat, wird die Beseitigung der Herabsetzung der Beschlußfähigkeitsziffer von der Regierung angenommen werden. Ebenso bildet die Verminderung der Abzugsrate von 30 auf 20 M bei Nichtanwesenheit kein Hindernis zu der Verständigung, obwohl diese Aenderung immerhin eine wesentliche Abschwächung des Gesetzes bedeutet. Denn nach dem zwölfjährigen Durchschnitt entfallen auf eine Tagung 100 Sitzungen, für welche eine Pauschalsumme von 3000 M gezaht wird. Falls nun ein Abgeordneter an keiner einzigen Sitzung teil® nimmt, so fällt bei jedem Abzüge von 30 <M pro Sitzung die Pauschalsumme völlig fort, was der Bedeutung von Anwesenheitsgeldern auch durchaus entspricht. Bei einem Abzüge von nur 20 cll würden von den 3000 -ll bei 100 Sitzungen 2000 fortfallen, der Abgeordnete würde also für sein unentwegtes Schwänzen noch eine Ent-
Jbre Tochter von ganzem Herzen, Herr Marchese!" --da schlich ein Lächeln über die wel
ken Züge des alten Mannes und er nickte stumme Gewährung.
Da« war vor etwa einem halben ^zahr.
Seitdem geht der junge Bräutigam täglich im Palazzo Bonmartino aus und ein, und der alte Marchese ist nicht weniger zufrieden, als das Brautpaar selbst.
Die innigen Gefühle ihrem Verlobten gegenüber haben Jolandas Liebe zum Vater durchaus nicht verringert. Im Gegenteil. Erst jetzt da sonnigstes Herzensglück ihr Dasein verklart, empfindet sie so recht, wie einsam ihr teurer Vater im Leben dasteht trotz seines Reichtums, da ihm schon nach kurzer Ehe die heißgeliebt« Gattin durch len Tod entrissen wurde.
Jolanda entsinnt sich ihrer Mutter kaum. Nur wie ein Traum aus fernsten Kinderjahren grüßt ein stolzes, hohes Frauenbild zu ihr her- über Aber der Vater muß sie leidenschaftlich, namenlos geliebt haben. Roch jetzt sieht sie ihn vor ihrem Bilde stehen mit starren Augen und fahlen Wangen. Ja, einmal hörte sie ihn tief aufseufzen und schmerzlich flüstern:
„O, meine Claudia! Wenn du wüßtest? Wenn du wüßtest, was ich für dich getan?"
Armer Vater? Was muß er gelitten haben?
Und mit doppelter Liebe umfängt sie den alten Mann, um ihm wenigstens etwas di« frühverstorbene Mutter zu ersetzen
So vergeht unter Frohsinn und hellstem Sonnenschein ein Tag nach dem andern in dem Qeben der Marchesina — bis zu der Stunde, da jene seltsam ernste Frau, jene Salomea Belloni, ihren Weg kreuzte.
Ihr ist, als ob sich seitdem eine Wolke auf den heiteren Himmel ihres Glücks herabsenkte. Nicht kann sie die flammenden, schwarzen Auge» vergessen, nicht die feierlichen ernsten Worte:
„Ich will Ihre Ruhe nicht stören!" (Forts, f.J