Sonntagsbeilage: ZllukLrirtes Sonntaasblatt.
Jls. 77
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Marburg
Sonntag, 1. April 1906.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck Md Verlag' Joh. Au g. Koch, UmversitätS-Buchdruckerei 41. Jahrg.
Marburg, Martt 21. — Telephon o5.
Zweites Blatt.
Unsere Truppen in Afrika.
1 Man schreibt uns:
1 In Nr. 73 L’otn 28. März brachte die hiesige ^Hessische LandcSzertung" einen Artikel unter obiger peberschrist, den der ehemalige Oberst Gädke im ^Berliner Tageblatt" beröffentlicht hat. Man sollte W3 nicht für möglich halten, daß ein früherer Offizier Derartiges über unsere tapferen Truppen schreibt. fDie „Hessische Landesztg.", die erst kürzlich einen gehässigen Angriff gegen die Tätigkeit des „Deutschen FlottenbcrcinS" gebracht hat. dem, Wohl zur Freude 'cHcü Nationalgcsinnten, in einem „Eingesandt" in dieser Zeitung kräftig cntgcgengetrctcii loorden ist. hat sich durch die Wiedergabe des Gädkesckcn Artikels mitschuldig gemacht an der Herabsetzung unserer Truppen, tmd damit innerhalb weniger Wochen zum zweitenmal verraten, daß ihre nationale Haltung eitel Spiegelfechterei ist. Es sei hier die Abfertigung mit- geteilt, die dem Herrn Gädke int „Hann. Cour." zuteil toird und die auch die „Hess. Landesztg." sich merken möge:
Oberst Gädke hat im „Berliner Tageblatt" einen Artikel über „Unsere Truppen in Afrika" veröffentlicht, der die Leistuttgcn unserer seit zwei Jahren mit beispiellosem Opfermut in Südwestafrika kämpfenden Landcskindcr und die ihnen dafür vom obersten Kriegsherrn und dem gesamten deutschen Volke ge- tvordene wohlverdiente hohe Anerkennung hcrabsetzt. Haltlos wie der schwere Vorwurf, daß die Truppen int Gefecht meist zu spät zum Bajonettangriff geschritten und dadurch der praktischen materiellen Erfolge — Wegnahme der Viehherden usw. — verlustig gegangen wären, ist auch seine absprechcndc Kritik der Führung. Er legt en sic den Maßstab seiner mit europäischen Verhältnissen rcchncn.den Kathcderwcis- bcit. Aber in Afrika werfen — abgesehen von der Schwierigkeit des Muuitionscrsatzcs, der Verpflegung und der Wasserversorgung, von der Leben und Tod abhängt, abgesehen von den unzulänglichen, oft völlig unbrauchbaren Karten, die nur ein Tasten ins Ungewisse gestatten — elementare Naturereignisse die sorgfältigst vorbereiteten Operationen urplötzlich über denHauscn. Binnen einer halbenStundc kann das bischer trockene, zunt Teil bewachsene Flussbett in einen reissenden Strom verwandelt fein, der auf Tage und Wochen dem Vormarsch ein unüberwindliches Hinder- Ais cntgegenstellt, zur gemeinsamen Operation be- fiimmte Abteilungen trennend. Nur ein Glückssall wollte c3. daß s. Z. nicht auch der glänzende Siegeszug des HauptmattneS Franke zum Entsatz von Okahandsa und Omarum durch ein solches, außer jeder Berechnung liegendes Naturereignis, das plötzliche Abkommen des SwakopfluffcS, zum Scheitern gebracht wurde.
Der Vergleich unserer tapferen Afrikaner,die alle freiwillig hinauszogen, ttm Gefahr und harte Entbehrung auf sich zu nehmen, mit den beklagenswerten Bergleuten von Eourriöres, die ans der tückischen Falle unter der Erde einfach nicht herauskonnten, ist mehr wie matt! Glänzende Taten von Tapferkeit und Pflichttreue wie die des Richtkanoniers der 5. Batterie am Anob, der sich, durch beide Unterschenkel geschossen, vom sicheren Verbandplätze aus, als er erfuhr, daß sein Geschütz nicht mehr feuern könne, weil die Bedien-
11 lNachdruck verboten.)
An der dänischen Grenze.
[r .. Roman von Dietrich T h e d e n.
s (Fortsetzung aus dem 1. Bl art.)
1 »Lieber Vater —*
,..«m —! Tu heuchelst Liebe? Ich nicht. Ich leb' — ohne Dich. Geh' zu Tosohr, der einer von bett Seinen ist — oder zu dem Neuen auf -ein Hoverhof--Du wirst ja schon Unterkom
men. Dem Stürlwf bist Du. fremd geworden — da ist kein Pscitz für Dich —"
Er gab sich einen Ruck.
„Hinaus!" schrie er hart.
Ocko rührte sich nicht. Er war bloß.geworden und c5 lag ihm schwer in allen Gliedern.
„Du weifest — mich fort?" fragte er. stockend.
„Seine Wahrheit, Deinen Unfrieden!" keuchte her Bauer.
In einer Minute Peinvollen Schweigens fielen die Kuckucksrufe einer Wanduhr.
Ocko Stür holte tief Atem, richtete sich auf Imd schlug mecksauifch die Hacken zusammen, als stände er vor einem Vorgesetzten.
„Adieu, Vater!"
• Er wandte sich schtvankend um und starrte auf Itc Schwester, die plötzlich in dop geöffneten Tur ^tand.
„Vater!" schrie das Mädchen, „er ist Dein Sohn, er ist mein Bruder!"
Der Stürhofer fuhr erbittert auf.
! „Willst Du auch mit?" rief er drohend.
Er schritt an dem Mädchen vorbei über den ßorf.'nr, riß die klingelnde Haustür aus und schrie außer sich zurück:
ungsmannschaficn abgeschosscn, wieder in die Fencr- linie tragen liess, und so, auf der Erde sitzend, von brennendem Tuest und Wundfieber gepeinigt, noch fünf Stunden fein Geschütz weiter bediente, bis ihn eine tödliche Kugel in den Kopf niederstreckte, ein Heroismus, tote ihn der Fcldpredigcr Schmidt als Augenzeuge so ergreifend schildert — die scheinen dem Verfasser jenes Artikels wohl auch nur „selbstverständliche Erfüllung der Berufspflicht" und ihr Lob eine „Redensart" zu sein.
Die Sympathien, die dem Obersten Gädke vielleicht noch geblieben waren, hak er sich durch diesen Artikel — uni) wohl nicht bloß bei seinen Kameraden — verscherzt. -r.
Deutsche Kslsmen.
Südtvkstasrika. Im preußischen Kultnsmiui- sterium taub am 3. Mär; eine Konferenz von höheren Verlvaltungsbeamten, Aerzteu uttb Kolo- ttialfrcunben statt, in der bis Ansiebelung leicht lungenkranker Arbeiter in der Kolonie Südwest- afrika erörtert würbe. Nach einem Referat vonDr. mcb. Katz-Berlitt, der auf bie für ßungcnleibenbc überaus günftigeu klimatischen Verhältnisse der Kolonie hinwies, stimmten bie Anwesenben bau Vorschläge zu, eine Anzahl geeigneter Patienten für einige Zeit in bie Kolonie zu senden, tun auf biese Weise bie Heilwirkungen b:s Klimas Praktisch festzustellen. Gegenüber beu Bedenken, baß möglicherweise in ber Kolonie ein Infektionsherd geschaffen werden könnte, toitrbe von den Professoren Robert Koch. Senator und Kraus darauf hingewiesen, daß dies bei geeigneter Auswahl der Kranken als ausgeschlossen bezeichnet werden könnte. Zur weiteren Förderung der Angelegenheit bildete sich ein Komitee, dessen Vorsitz der stellvertretende Kolonialbirektor Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg übernommen hat und dem bie Herren Ministerialdirektor Dr. Förster, Legi- tationsrat Dr. Golinelli, Geb. Ober-Medizinalrat Prof. Dr. Kirchner (stellvertretender Vorsitzender), Geh. Reo.-Rat Prof. Dr. Paasche und Dr. mcb. Katz als Schriftführer angehören.
Ausland,
Italien. Eine heftige Anklage, die zum übrigen Chorus der italienischen Presse im sck)ärfsten Gegensätze steht, richtet die angesehene Turiner „Gazrtta del Popolo" gegen die italienische Politik. Sie sagt: „So unangenehm es ist, man kann nicht verschweigen, daß Italien in Algeciras seine Vermittlerrolle mit übertriebener Furchtsamkeit gespielt und sich einer Macchiavellischen Politik bedient hat, um nur ja niemanden vor den Kopf zu stoßen. Frankreich kann sich über unsere Haltung gewiß nicht beklagen, denn unsere unbe- cingt passive Tätigkeit hat ihm keinerlei Schwierigkeiten bereitet. Aber es kann sich über unsere reservierte Haltung, die an jene der Theater- diplomaten erinnert, auch nicht freuen. Dasselbe gift von Deutschland. Unsere unfruchtbare und
„Ter Weg ist offen — allen beiden!"
Ein scharfer, kalter Luftzug strich von draußen herein, schlug die Stubentür zu iind trennte für Augenblicke die Parteien.
Karen Stür fand lösende Tränen, der Bruder zerbiß den Schmerz zwischen den aiifeinanberge- preßten Zähnen.
„Geh — gib ihm ein gutes Wort, Ocko!" flöhte die Schwester.
Er anttoortetc langc nicht, dann kam es abgerissen :
„Ich — kann nicht —"
Das Mädchen redete ihm bittend zu, ohne ihm mehr als ein stumm verneinendes Kopsschütteln abzn gewinnen.
„Ich habe nicht alles zwischen Euch verstanden, Ocko, nur das Laute, das ich ohne Horchen Horen mußte. Und da ist Vater doch im Rechte. Das ist er doch gewiß. Nicht?"
Der Bruder sah sie schmerzlich an.
„Du auch? Da hätte ich auch Dich gegen mich?" fragte er langsam zögernd.
„Ach, das trennt uns doch nicht — doch bloß von den andern, Ocko. Von Tofohr und Pogge — und Behreud."
Der letzterwähnte Name war ihm fremd.
„Behreud? Wer ist das?" fragte er nebenher.
„Das iveißt Du noch nicht? Der den Hoyer- Hof gekauft hat. De« mag wohl keiner, den — rr.cg ich auch nicht. Geh', Ocko, sag' ein gutes Wort! Sag's Vater!".
Er löste ihre Arme sanft von ihrem Halse.
„Adieu, Schwester," preßte er gequält hervor.
,-O, Tu — Tu willst — fort ?"
„Ja) Les' wohl." ' - '
kindische Schaukelpolitik hat die deutschen politischen Kreise einigermaßen gereizt; denn diese Kreise hätten eine entschiedene Stellungnahme unsererseits vorgezogen, die ihnen die Absichten des alliierten Staates in der Marokko-Frage dar- getau hätte. Das Blattt schließt mit der Hoffnung, daß, falls daZ österreichische Projekt scheitere, Italien ein neues Projekt vorlegen werde. Dies verlange die Ehre ber italienischen Diplomatie."
Rußland. Wie aus interessierten Schisssbau- kreisen verlautet, besteht für die deutschen Schifss- roerfteii, deren Vertreter in den letzten Monaten wiederholt in Rußland weilten, trotz der ihnen in Petersburg seitens der deutschen Regierung gewährten diplomatischen Unterstützung wenig Aussicht, einen auch nur einigermaßen ins Gewicht fallenden Anteil an den Neubauten für die ruf- fische Kriegsmarine zu erhalten. Wohl sind der Kieler Germania-Werft größere Reparaturen und llmänberitngen an den aus Ostasien heimkehreu- ben Kreuzern, u. a. bem „Bogatyr", übertragen worben und für Schichau-Elbing bürste ein ober der anbere Kontrakt für den Bau von Hochsee- Torpedobooten abfallen. In ber Hauptsache sollen die großen Neubauten jedoch in England und Amerika plaziert werden, und es verlautet, daß bie russische Admiralität ein sehr umfangreiches Flottenbanprogramm nunmehr bis auf kleinere Einzelnheiten ausgearbeitet hat. Das Projekt sieht für Neubauten einen sich auf die nächsten zwei Jahre verteilenden Betrag von etwa 200 Millionen Rubel vor, wovon allein 50 Millionen Rubel auf den Bau von vier erstklassigen Schlacht, schiffen entfallen, die in jeder Beziehung den jetzt in England für Japan im Bau befindlichen Leviathanen ebenbürtig sein sollen. Es wird wahrscheinlich von der Haltung der Londoner Firma Rothschild gegenüber der projektierten russischen Anleihe abhängen, ob Armstrongs oder andere englisckie Wersten den Löwenanteil on den Kontrakten, ber sonst nach den Vereinigten Staaten 'allen biirfte, erhalten werden.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 30. März.
Der Reichstag wiederholte am Freitage zunächst die namentliche Abstimmung über den Antrag Basser- mann, nach welchem entgegen dem Kommissionsbe- schlnsse ein selbständiges Rcichskolonialamt errichtet werden fall. Der Antrag wurde mit 127 gegen 110 Stimmen bei 12 Stimmenthaltungen angenommen. Der Rest des Etats des Reickskolonicrlamts wurde ohne Erörterung angenommen. Es folgte die zweite Lesung des Militäretats. Abg. Dr. Müller-Meiningen (fr. Vp.j begründete eine Resolution auf Abänderung des Militärstrafgesetzbuches. Abg. Dr. Spahn (Ctr.) kam auf die frühere Erklärung des KriegsministerS zur Duellfrage zurück. Diese Erklärung habe in ganz Deutschland ziemliches Aufsehen erregt. Preußischer Kriegsministcr v. Einem berlas eine Erklärung, die
Sie schluchzte auf, als er sich zum Gehen wandte, und barg das tränenüberströmte Antlitz in beiden Händen.
In ber noch immer offenen Haustür stand ber Bauer.
„Lebe wohl, Vater!" sagte Ocko weich, und suchte den Ausgang.
Die breite Gestalt des Stürhofers verlegte ihm plötzlich den Weg. Tie grauen Augen waren feucht, bie heiser?, befehlende Stimme überschlug sich.
Dableiben! Du bleibst!"
Tie Worte bannten den Sohn auf der Stelle.
Der Alte wies über den Vorflur nach der Stube, die der Junge früher bewohnt hatte und die seit Wochen für ihn in Stand gefetzt war.
„Ich will's versuchen. Geh hinein."
„Vater, ich —"
Er wollte ihm die Hand bieten, aber der Alte siieß sie fort, stapfte in den Wind, stieg den Deich hinauf und ließ sich van den Wagen und Branden des Meeres erst den inneren Aufruhr betäuben.
(Fortsetzung folgt.)
Habe ich den rechten Kejckmnck?
Die nachstehenden interessanten Ausführungen sind dem ersten Hefte der im Frühling mit dem Erscheinen beginnenden „Flugblätter für künstlerische Kultur" mit Erlaubnis der Verleger Strecker & Schröder in Stuttgart entnommen. Die kleine Stichprobe zeigt, daß dieses neue Unternehmen, für welches die besten Kunstschriftsteller Deutschlands gewonnen sind, dem Bedürfnis werter Kreise künstlerisch empfindender oder sich betätigender, gebildeter Männer und Frauen entgegenkommt. Wir kommen nach dem Er- Erscheinen der ersten Hefte ausführlicher darauf zu
ausdrücklich jeden Offizier verpflichtet, sich in Ehren« angelegenheiten an den Ehrenrat zu wenden. Die Armeeleiturrg nehme eS mit der Bekämpfung de» Duells ernst. ES bleibe nach wie vor das grundsätzliche Ziel, das Duell ganz zu unterdrücken. Was die Soldatenmißhandlungen betreffe, so werde ihre völlige Beseitigung kaum möglich sein. Aber auch hier sei die Heeresverwaltung bemüht, diese Mißstände nach Möglichkeit zu entfernen. Abg. Bebel (Soz.) bemängelte die Schaffung des ZehnmillionenfondS durch Großkapitalisten und trug eine Reihe von Soldatenmißhandlungen vor.
Darauf vertagte sich da? Haus um kurz nach 6 Uhr zu einer Sitzung zusammenzutreten. Einziger Gegenstand der Tagesordnung war die zweite Lesung der Etatsnotgesetzes, die ohne Erörterung verlief.
Sonnabend 11 Uhr: Etatsnotgesetz, Militäretat.
Preußischer Landtaa. Abgeordnetenbnu».
4« Berlin, 80. März.
Am Ministertisch: v. Bethmann-Holltoeg.
Auf der Tagesordnung steht die Beratung de» vom Herrcnhause in abgeänderter Fassung zurückge- kommencn Entwurfs eines Kreis- und Provinzialabgabengesetzes.
Die Kommission hat im § 11 den Begriff „gemeiner Wert" erseht durch: „derjenige Wert, welcher der staatlichen Veranlagung des Grundstückes zur Ergänzungssteuer zu Grunde zu legen ist."
Berichterstatter Abg. Dr. Jderhoff (flons.) empfiehlt Annahme der so abgeänderten Vorlage.
Nach kurzer Erörterung, in der sich die Abgg. Kirsch (Zentr.), b. Arnim (kons.) und Lusenskh (nl.) beteiligen, toird der Entwurf mit den Aenderungen der Kommissionsbeschlüffe nahezu einstimmig ange« nommen, ebenso in der Gesamtabstimmung.
Marbnra und Umqesiend.
(Nachdruck aller Origmalartikel ist gemäß § 18 de» Urheberrechts nur mit der deutlichen Quellenangabe „Qberhess. Ztg." gestattet) .
Markurq, 31. März.
§ Eine Beleuchtung des Bismarckturms findet heute Abend 9 Uhr aus Anlaß des morgigen Geburtstages des Altreichskanzlers statt.
8 Turnerisches. Am Sonntag, den 22. April wird in Gießen bie diesjährige zweite Gauvorturnerstunde der Turnvereine des Hanes Hessen c-bgehalten.
* Erledigte Stellen. Die Rektorstelle an der evangelischen Stadtschule zu Waldkappel ist infolge Ausscheidens des seitherigen Inhabers er- ledigt und vom 21. April d. I. an anderweit zu lvsetzen. Die evangelische LehrerstelE zu Mäckelsdorf, mit welcher Kirchendienst verbunden ist, ist infolge Versetzung des seitherigen Stelleninhabers erledigt und soll anderweit besetzt werden. Die Lehrerstelle zu Arenborn ist alsbald anderweit zu besetzen. Für die Bürgerschule zu Gelnhausen ist zu Ostern d. I. bie Stelle einer VolksschriLehrerin neu zu besetzen. Die Schulstelle in Heenes wird infolge Versetzung ihres bisherigen Inhabers
rück, möchten aber schon heute unsere Leser empfehlend darauf aufmerksam machen.
Nicht nur in Geldsachen, sondern auch in Geschmacksangelegenheiten hört gewöhnlich die Gemütlichkeit auf. Tic geringste Geschmacksdiffcrenz kann Anlaß zu scharten Auseinandersetzungen geben, bie selten mit einer friedlichen Einigung enden, sondern gewöhnlich mit einer schrillen Dissonanz abgebrochen werden und oft sogar zu gegenseitiger Entfremdung der Kombattanten führen.
Bei den mit steigender Heftigkeit geführten Erörterungen kann man oft die Beobachtung machen, daß das Streitobjekt sehr bald verlassen wird und dir sacklich und konkret begonnene Unterhaltung mehr und mehr einen abstrakten Charakter annimmt, wobei die fernstliegenden Gegenstände als Hilstruppcn herbei- gezogcn werden, wie c5 Heinrich Seidel in so köstlicher Weise in seinen „Thüringer Kartoffelklößen" persifliert hat. Das Mißverhältnis, in dem häufig die angewandten Kampfmittel zu der Nichtigkeit deS frag» licken Gegenstandes stohen, macht leickt einen komischen Eindruck; aber doch nur dann, tosnn plan- und systemlos gestritten wird unb so ber Kamps bett Charakter einer Tonquichott-rie anrimmt. In Wahrheit ’fl jebe Gesckmacksfrage so ernst zu nehmen wie bie Fragen ber Politik, der Religion, der Ethik unb bei Rechtslebens unb wie es in sittlichen Dingen nicht auf bie Größe ber Handlung, sondern nur auf die Gesinnung ankommt, bie ihr zugrunde liegt, so ist eS in Fragen d< S Geschmackes ganz belanglos, ob hier ttm große oder kleine Dinge gekämpft wird. Eine Schrcibtischlampe, fa ein einfacher Senftopf genügt, um Hunderte von ästhetischen Fragen auftoirbeln z» lassen. Das Gegenständliche ist wie auf ethischem Gebiete nur der Angriffspunkt, um auf den Wahrheitsgrund zu kommen, ja e3 ist nicht zuviel gesagt," daß es sich in ästhetischen Fragen im letzten Grunde um ethische Wahrheiten handelt Damit ist der Ernst, mit dem GeschmackSangclcgenheiten erörtert werden, nicht nur erklärt, sondern auch gerechtfertigt, und begreift man die Trennung, die eine scheinbar so unbe»: