MchM Milm
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonntagsbeilage: Illustrirtes Sonntagsblatt.
Erstes Blatt.
77
lNachdruck verboten.)
Gerechtigkeit, des Friedens und unserer wohlver« standenen nationalen Interessen willen.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag- Joh. Aug. Koch, UntversttätS-Buchdruckerei 41. Jühlg.
Marburg, Marti 2L — Telephon 55.
„Es wird auch jetzt nicht alles glatt und eben sein auf unserem gemeinsamem! Lebenswege, mein Geliebter," erwiderte sie. „Aber die Brücke ist da. Wir wollen sie eiferüchtig bewachen, daß keine fremde Macht an ihr rüttele."
„Ja, die Drücke," sagte er und sah ihr tief in die braunen Augen, aus denen so viel Liebe und Glück strahlte. „Du hast mich nicht geschont, Hanns. Als ich so dasaß in Weimar und der- nahm, was Du dachtest und fühltest, als ich Dich fast leibhafsig auf der Bühne vor mir sah, stieg es mir anfangs heiß zu Kopf."
„Habe ich mich denn geschont. Liebster?" flüsterte sie. „Ich wollte uns beiden ein Spiegelbild Vorhallen. Ich habe mir Mühe gegeben, uns beiden gerecht zu werden. Meinst Du, ich sei nicht erschrocken gewesen, als ich mich selbst lebendig vor mir sah? Mich mit meinen Härten und Schroffheiten? Me Darstellerin der Mia sprach mix so zu Herzen und Gewissen, daß ich mich vor mir selbst fiirchtete. Als ich dann in Wühelms- burg faß, emfam und allein, da wurde mein Entschluß langsam reif. Dir auf halbem Wege entgegen zu kommen. Ich mußte."
Er nickte.
Wozu denn sprechen, da er sie doch fühlte, den tiefen Klang ihrer Stimme hörte, dieselbe Luft mit ihr atmete.
Ihm war so wohl, unendlich wohl.
Er zog sie zu dem Sofa, Hand in Hand setzten sie sich nebeneinander.
Wieviel hatten sie sich nicht zu sagen, wo doch alles von Wichtigkeit war, alles, auch das geringste.
Sie sprachen leise, abgerissene und hastige Fragen, rasche Antworten.
Plötzlich fuhr HannS auf. ■
Marburg
Sonntag, 11. März 1906
zweiten Friedenskonferenz im Haag aussprechen. Die uns zugegangenen Resoluttonen über die Be. ziehungen zwischen Deutschland und Frankreich lauten:
1. Die Generalversammlung der Deutschen Friedensgesellschaft gibt ihrer lebhaften Gemra- tuung Ausdnick über das auf dem Luzerner internattonalen Friedenskongreß in so erhebender Weise zutage getretene Verlangen nach einer völligen und endgültigen Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich.
2. Angesichts der Tatsache, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich gegenwärtig der Gefahr einer tiefer greifenden Verstimmung ausgesetzt sind, wendet sich die Deutsche Friedensgesellschaft in voller Einstimmung mit den französischen Friedensfreunden an die wohlgesinnten und verständigen Leute in beiden Na- tionen und bittet sie, sich zu erinnern, wie sehr die beiden Völker, gerade in der stark ausgeprägten Verschiedenheit ihrer Begabung, darauf angewiesen sind, sich in friedlicher Kulturarbeit gegenseitig zu ergänzen; bittet sie, weiter zu bedenken. Weid} eine furchtbare Versündigung an beiden Vollem, ja an der ganzen Menschheit es fein Würde, sie in einen Gegensatz hineinzutreiben, aus dem sich nur zu leicht einmal eine Kriegsgefahr entwickeln könnte.
3. In der Marokkofrage erkennt die General- versamnflung in Uebereinstimmung mtt dm fron, zösischen Friedensfreunden, das gute Recht der deutschm Regierung an, das deutsche Interesse an freier wirtschafllicher Konkurrenz in Marokko zu wahren, ebenso wie das gute Recht der französischen Regiemng, in der Nachbarschaft des französischen Algier keiner andern europäischen Macht vorwiegendm Einfluß einräumen zu wollen; aber sie glaubt im Sinne der überwälttgm- dm Mehrheit des deutschen wie des französischen Volkes bekennen zu dürfen: Es gibt für beide Länder keinen in Marokko zu erringenden Vorteil, der irgendwie in bie-Wagschale fiele aegen den unermeßlichen Nachteil einer dauern dm Entfremdung der beiden Nationen, gar nicht zu sprechen von der Ungeheuerlichkeit des Gedankens an eine daraus etwa entstehende Kriegsgefahr.
4. Die Generalversammlung spricht den Wunsch aus, daß bei der internationalen Regelung der Marokkofrage alle künftig sich etwa er- gebenden Zweifel über Auslegung und Anwendung der getroffenen Vereinbarungen dem Haager Schiedsgerichtshof übertoiefen werden.
5. Die Generalversammlung erhebt entschie- denen Protest gegen die hetzerische Tätigkeit einer chauvinistischen Minderheit in beiden Ländern; sie ist beseelt von den Gefühlen der Achtung und des Dankes gegenüber den französischen Friedms- freunden und ihrm Gesinnungsgenossen, den Repräsentanten des neuen Frankreichs, bte trotz aller Angriffe und Verleumdungm mit uner- schütterlicher Energie wiederholl einer für den Weltrieden gefährlichen, Deutschland heraus- forderndm Politll in ihrem eigenen Lande entgegen getreten sind, und sie fordert alle wahrhaft patriotisch gefönten deutschen Landsleute auf, wo immer nationale Verhetzung sich zeigen mag, diesem Beispiel mit gleicher Ent- schiedenh.it und Ausdauer nachzueifem, um der
Ausland.
Oesterreich-Ungarn. Im Gebiete der ungari- schen Krone ist foeben eine Schrift verboten wor- den, die äußerst symptomatisch ist für andere, durch den Konflikt mächtig geförderte Entwir- mngsideen. Sie beißt „Die bereinigten Staaten von Groß-Oesterreich" und stammt von dem Rumänen Aurel C. Pogovici. Da wird der Dualismus als bankerott und unfähig zur Lösung der Nationalitätenftage geschildert und eine Neu- einteilung der Monarchie in fünfzehn national annähernd einheitliche „Staaten" vorgeschlaqen. Die vereinigten Staaten hätten ein Zentralpar»
„Wo ist Marga," fragte sie, „soeben war sie doch noch hier."
„Das nun Wohl nicht," meinte er lächelnd. „Ich weiß nicht, wie lange Du hier bist, dm« dem GlüÄichen schläat die Uhr nicht. Aber soeben war es wohl nicht."
Die junge Frau sprang auf und lief zur Tür» welche sie rasch öffnete.
Da saß die blonde Marga immer noch mit g» falteten Händen am Fenster.
„Mama!" rief sie.
Lachmd und jubelnd warf k?ch die Gerufene ihr an die Brust.
„Jetzt habe ich Dich ja noch viel lieber aI8 immer schon," rief sie.
„Verzeihe, daß ich über meinem Glück daS Deine vergaß, mein Liebling. Er kommt joi heut."
„Ja, er kommt heut. — Welch ein Freudentag. — Wie gut nur, daß ich mein Weihnachts- Paket nicht an Dich schickte — es war wie eine Ahnung."
Oertel stand neben dm beiden Frauen.
„Morgen wollte sie auch ohne mich nach Wilhelmsburg," sagte er.
„Ich glaube, sie hätte die Drohung ausgeführt."
„Allerdings!"
„Morgen fahren wir hinüber, kleiner Schatz. Er natürlich auch.
Dann wendete sich Hanns an ihrm v—itcn und vollendete den Satz: „Einst sagtest Du: Ich komme nicht nach Wilhelmsburg — wenigstens nicht — und ich ergänze es dahin: „Wenigsten- nicht anders als mit Mr zusammm."
Sie schlang die Arme um seinen Hals und schmiegte sich fest an ihn.
^Die Brücke/' softe er leise nach einer tJaufe»;
Umschau.
Die Deutsche Friedrnsgesellschaft.
Me Generalversammlung der Deutschen Friedensgesellschaft tagte, wie schon kurz gemeldet Worden ist, am 25. Februar 1906 in Frankfurt am Main. Es wurden Resolutionen angenommen, welche die freundliche -Haltung derDersamm- lung zu den Kundgebungen für eine deutsch-englische Verständigung und zur Einberufung einer
Die beiden wendeten sich rasch um; ihnen war, als tönte eine (SHrWrftimme zu ihnen, eine Stimme aus besserer Well. Marga trat mtt ausgebvettetm Armen auf die Schwägerin zu, Oertel mußte sich am Tisch halten, so überwältigend drang baä Glück auf ihn ein.
„Du!" sagte er, weiter keines Wortes mächtig.
„Die Liebe erbaute die Brücke, jetzt
in der Mitte darauf. Kommst Du mir auf halbem Wege entgegen?"
„Hanns," rief er, „Hanns! Ich wollte den ganzen Weg machen!"
„Wie ich mich freue, Dir entgegengegangen zu fein! Hole mich!"
Sie breitete die Arme gegen ihn aus, er stürzte zu ihr, im nächsten Augenblick lag sie an feiner Brust, lachend, meinend, jubelnd, klagend.
Sprechen konnten beide nicht; lautlos hielten sie sich umschlungm; fest, als wolltm sie sich nie wieder lassen.
Leise, ganz leise schlich Marga an ihnen vorbei aus dem Zimmer und schloß die Tür.
Im Nebenzimmer hielt sie die Wache, daß niemand die beiden störte. Mtt gefalteten Händen saß sie int Zimmer und dachte kaum an etwas. Ihr eigenes Glück, das sich heute abend erfüllen sollte, trat vor dem neugewonnenen der Geschwister ganz zurück.
Drinnen aber standen Frau und Mann nebeneinander.
„Dor zwei Jahren Ward mir ein großes Glück, heute ein größeres," sagte er. „Damals sagtest Du, Du wolltest mein Weib werden, heute weiß ich. Du wirft mir mehr werden, Freundin, Gefährtin, Kamerad — Hanns, Wie liebe ich Dich!"
Sie schmiegte sich fest an ihn und er hielt sie, daß er ihr fast Schmerz verursachte, Schmerz und Wonne.
Die Brücke.
Roman von Will« Gcharla«.
(Schluß.)
Er suchte nach Gründen, wie er sich selbst betrügen könnte, denn schon den ganzen Tag zog es ihn mit unwiderstehlicher Gewalt fort von hier, hin zu ihr. Vor einer Stunde war er didtf am Lehrter Bahnhof--
Er kehrte um — auch nicht der kleinste Kampf gegen seinen Egoismus und feine Halsstarrigkeit blieb ihm erspart.
Leise öffnete sich die Tür zum Eßzimmer, im Rahmen derselben stand Frau Hanns.
Blaß wie der Tod, richtete sie die Augen fest auf ihren Gatten mit einem Blick voll unendlicher Liebe.
Die beiden im Zimmer sahen sie nicht. Zu sehr mit sich selbst beschäftigt, vernahmen sie nicht die Schritte im Nebenzimmer, nicht, daß die Tür sich öffnete.
„Sieh doch," sagte Marga, indem sie daS Bild nahm, „sieh doch, wie sie Dich anbNckt und bittet: Komme zu mir und hole mich. — Hans, so wahr mir Gott helfe, Wenn Du jetzt Deine Frau nicht verstehst, dann ist es böser Mlle. Morgen aber gehe ich zu ihr und bleibe dort. Das ertrage ich nicht länger."
t Oertel hielt die Schwester fest gepackt.
1 „Ich hab's ja schon lange gewollt," sagte er. „Lange schon, — Marga, morgen ist sie hier, ich hole sie."
- Da tönte -Hanns zitternde, tiefe Stimme von dex Tür her:
t „Ich baute eine Drücke, mein Geliebter, über He Kluft, welche uns trennte."
Bor allem bedarf sie in so kritischen Zeiten der vollsten, geschlossensten Einheit der nationalen Anschauung hinter ihr; denn jede innere Uneinigkeit, ja jeder Zweifel schon bedeutet in ihnen mehr als sonst verhängnisvolle Schwäche. Die Grundlage aber einer solchen nationalen Anschauung kann nichts anderes sein, als richtige Erkenntnis unserer Stellung in der Welt. Und da wäre dann folgendes zu sagen. Unter den Weltmächten überwiegen heute die teutonischen: England, die Vereinigten Staaten, Deutschland; die slawischen ringen schwer nach innerer Einheit, die romanischen treten wegen geringerer Volkszahl zurück, die mongolischen sind noch nicht voll entwickelt. Unter
nannten europäischen Staatengemeinschaft! Ein neues Recht, eine neue international« Sittlichkeit bricht in ihren ersten Anfängen durch; unter diesem Gesichtspunkte erst erscheinen die modernen Friedenskongresse und Friedcnsbestrebungen in ihrer rechten Beleuchtung. Und wer wollte leugnen, daß auf ihrem Gebiete schon viel erreicht ist; insbesondere stellen sich unter dem Hervordrängen größester, die ganze Welt umfaffender 'Machtfragen, wie man sie früher kaum gekannt hat, kleinere Zwiste zwischen einzelnen Staaten, die früher die Leidenschaften im höchsten Grade erregt haben würden, als verhältnismäßig unbedeutend heraus und finden daher schiedsrichterliche Erledigung.
Allein wie es bei jeder Bildung neuen Rechtes und höherer sittlicher Normen zu gehen pflegt: die Zeiten des Ucberganges von den niedrigeren zu den höheren Formen erscheinen besonders bewegt; indem das eine sittliche und rechtliche Niveau verlaffen und das andere noch nicht völlig und plötzlich erreicht wird, treten sozusagen Spalten und Verwerfungen der bestehenden Rechtsgrundlage ein, und durch sie hindurch züngeln me Leidenschaften primitiver Egoismen. Und nament.
~ ' »siegen solche Momente zu benutzen, sag.n pflegt, im Trüben zu sischen.
' h einem Augenblicke, wie wir Politik des Deutschen Reiches
Erfolge der sozialdemokratische» Schrittmacher.
In Süddeutschlanb macht die Sozialdemokratie dank den Schrittmachern aus dem nationaütbera» len und Zentrumslager ersichtliche Fortschritte. Das Paktieren mit den Sozialrevolutionären in Baden und Bayern hat das Bewußtsein der Staatsgefährlichkett der republikanischen Partei stellenweise ungemein abgeschwächt. Wo früher die agitierenden „Genossen" trotz de r größte» Mühe keinen Eingang finden konnten, da haben Nationalliberale und Zentrumsleute ihnen durch ihre verwerfliche Taktik die Türen geöffnet. So berichtet die „Pfälzer Post,, aus Nieder-Auerbach vom 19. b. M.:
„„Ein Sozialdemokrat — Kriegervereinsvor- stand!" So unglaublich dies klingt, ist es hier doch zur Tatsache geworden. Am vergangene« Sonntag Hielt der seit ungefähr 26 Jahren be. fbehende Kriegerverein seine Neuwahl ab. Dabei Wurde der seit der ganzen Zeit immer gewählte Vorstand zum Ehrenmitglied ernannt und ei« Parteigenosse, der bei der letzten Landtagswahl als sozialdemokratischer Wahlmann fungierte, zum Vorsitzenden gewählt. Wie man in letzter Zett Wahrnahm, haben sich in diesem Verein zwei Strömungen bemerkbar gemacht. Diesem Umstande ist es auch zuzuschreiben, daß der Neugewählte das Amt als Vorstand annahm. Anstatt, Wie es sonst immer üblich War, mit Hoch und Hurrarufen die Versammlung zu schließen, endete sie mit den Worten: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!""
Diese Meldung klingt in der Tat unglaublich, und noch vor einem halben Jahve Würbe man sie für einen schlechten Faschingswitz gehalten haben. Aber fest in Baden sogar Kriegervereinsvorsitzende den traurigen Mut besessen und zur Wahl von „Genossen" aufgeforbert haben, fett der badische Bundesvorstand es nicht Wagte, gegen dieses das ganze deutsche Kriegervereinswese« schwer kompromittierende Paktieren mit Revolutionären ernste Maßregeln zu treffen, kann man sich darüber nicht mehr Wundern, Wenn Erscheinungen auftreten, wie man sie aus Nieder-Auer- bach meldet. Wir halten es für ganz selbstverständlich, daß der dortige unter sozialdemokratischem Vorsitze stehende Kriegerverein unzweideutig abgefcbüttelt und aus dem Verbände ausgeschlos- seit wird.
Das Reich und die Frage der Seegewalt.
Professor Dr. LLD. Lamprecht stellte der „Ostd. Korrespondenz" die folgenden bedeutsamen Ausführungen aus einer in Köln gehaltenen politischen Rede zur Verfügung:
Wir alle wissen, welche außerordentlichen Veränderungen die Weltgeschichte des letzten Jahrzehnts wenn flicht gebracht, so doch für das Verständnis von jedermann zutage gebracht hat: die Erweiterung der europäischen politischen Welt auf eine einzige Welt unseres Planerem überhaupt, und die Gliederung dieser neuen politischen Welt in drei große Abteilungen: die europäische, die amerikanische und die ostasiatische, von denen die europäische und die ostasiatische alten und hohen Kulturen angehören.während die amerikanische einer neuen, ihrer Ausgestaltung nach noch unbekannten, aber jedenfalls auch hohen Kultur entgegenwächst.
Von diesen drei Abteilungen beansprucht die europäische noch bis zu einem gewissen Grade die Führung der anderen, und insbesondere in der Politik Englands verkörpert sich dieser Anspruch. Wie lange indes eine solche Auffassung und Stellungnahme noch aufrecht zu erhalten fein wird, kann fraglich erscheinen, und sicherlich gehen wir großen! Veränderungen der politischen Konstellation des Erdballs entgegen.
Da ist es denn natürlich, daß unter all den ge- Enen und zu erwartenden Veränderungen auch die sittlichen Usancen des europäisch-politischen Verkehrs entscheidenden Wandlungen unterliegen und unterliegen werden: was bedeutet schon heute noch der Begriff und das hergebrachte Recht der alten soge-
lich die Starken ps
um, wie man zu j...... T, Was kann nun in solch ihn eben jetzt erleben, die fein?
den teutonischen Mächten aber ist das Deutsche Reich die kleinste. Das muß offen ausgesprochen und klar in Rechnung gestellt werden: einen wirklichen Faktor in den Weltereigniffen abgeben und damit für die Erhaltung unserer Art sorgen können wir darum nur, wenn wir uns dieser Aufgabe mit der äußersten Anstrengung unterziehen. Der Opfermut ist also die erste Eigenschaft, die verlangt werden muß — und darum auch die Einschränkung jeder sinnlosen privaten Verschwendung: denn der Deutsche ist bekanntlich in seiner Privatwirtschaft der Verschwenderischste unter den Angehörigen zivilisierter Nationen.
Des weiteren aber tritt für die Schicksalsführung der Nation, soweit sie in unseren Händen liegt, die Frage auf, mit welchen Mitteln in die internationale politische Bewegung einbegriffen werden kann. Diese Frage reduziert sich, tote jedermann weiß, im letzten Grunde auf die andere, welche militärischen Mittel, welche ultima ratio nationum uns zur Verfügung stehen. Und da wird jetzt offenbar, was die Geschichte der Weltpolitik in ihren Anfängen schon seit mehr als zwei Jahrhunderten heimlich gepredigt hat: Weltmacht ist Seegewalt. Denn Weltmacht heißt Macht über die Erde bin; und nur die Ozeane bieten freien Weg zu jeglichem Teile der bewohnten Welt.
Geben wir uns gegenüber diesem fundamentalen Satze keinen Illusionen hin! Im Bereiche der europäischen Völkerfamilie war die kontinentale Armee, das Landheer die ultima ratio; heute ist dies die Flotte. Dabei braucht die Frage noch gar nicht gestellt zu werden, inwiefern sich mit einem Heere der allgemeinen Dienstpflicht, auch wenn es nicht revolutionär durchseucht ist, Landkriege von längerer Dauer und vielleicht nicht gleichmäßig glücklichen Erfolgen führen lassen; auch in dieser Hinsicht sollten die Erfahrungen des russisch-japanischen Krieges zu denken geben.
Was heißt aber heute Seegewalt? Hier tritt nun die unheimliche Erscheinung auf, daß sich der Begriff quantitativ betrachtet, gar nicht ausdenken läßt. Die Ozeane gestatten unzähliche Wege; grundsätzlich Myriaden von Kriegsschiffen können sich auf ihnen bewegen. Und die wissenschaftliche Technik stellt prinzipiell unbegrenzt starke Kräfte für solche Schiffe zur Verfügung: Millionen, ja Milliarden von Pferdekräften sind möglich Eine prfttische Schranke aber in dieser Hinsicht ist nur gegeben in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Nationen, und mehr wie je wird damit Montecuccolis Wort zur Wahrheit, daß man zum Kriegführen zu dreien Malen Geld bedürfe.
Wie kann sich nun Deutschland zu dieser Lage stellen? Wir sind heute so reich, daß.wir mit unserer Flotte nach England und den Vereinigten Staaten rangieren können; und, es muß gesagt werden, es wäre eine Schmach, ließen wir uns von Frankreich und Japan in dieser Hinsicht schlagen. Freilich: die Opferfreudigkeit für öffentliche Zwecke mutz dann wachsen, wie sie es nach Lage unserer wirtschaftlichen Verhältnifle zweifelsohne kann. Sie muß wachsen, und auch für uns mu tz das Wort des Präsidenten der Vereingteni Staaten gelten: An der Flotte spare« ist Verrat am Vaterland.
Vierteljährlicher Bezugspreis, der der Erxrdition 2 AL, p -q bei allen Postämtern 2,25 Mk. ^excl. Bestellgeld).
e/i» vu JnsertronSgebühr: die gespaltene Zelle oder deren Raum 10 Pfg.
Reclamen: die Zeile 25 Pfg.