mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain. /
Sonntagsbeilage: Illustrirtes Sonntagsblatt.
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Marburg
Mittwoch. 14. Februar 1906.
Erscheint wöchentlich siebe» mal. •
Druck und Verlag' Jo h. Au g. Koch. UnivcrsitätS-Buchdruckeret 41» Flchra.
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Neueste Telegramme.
~ Berlin, 13. Febr. Zur Marottofrage erklärt die „$gT. Rundsch.", das, noch gestern eine vertrauliche Besprechung zwischen Herrn von Radvwitz und Herrn Revoil stattfand, in welcher her deutsche Vertreter seinem französischen Kollegen die unzweideutige Erklärung abgegeben hat, daß die Uebertragung des PolizeimandatS In Marokko an Frankreich vollkommen unannehmbar für Deutschland wäre und überhaupt varnicht den Gegenstand von Verhandlungen bilden könne.
Brklitt, 12. Februar. Die Verhandlungen für die durch das Deutsche Reich inS Werk zu fetzende wissentschastliche Erpedition nach Deutsch- Ostafrika, die bekanntlich unter der Führung Prof. Rob. Kochs stehen wird, sind jetzt zum Abschluß gelangt. Die im Etat ausAeworfene Summe für die Kosten ist darauf berechnet, daß die Expedition, wie die „Kölnische Zeitung" meldet, anderthalb Jahre dauern wird. Koch, den auf dieser Reise seine Gemahlin begleiten wird, wird am 16. April mit dem Ostafrikadampfer „Bürgermeister" von Neapel die Ausreise antreten.
Erfurt, 12. Febr. Der AgitationSauSschuß Les thüringischen Freidenkervereins leitet gegen den Volksschulunterhaltunasgefehentwurf einen Massenaustritt auS der Landeskirche ein, der von sozialdemokratischen Kreisen untersiützt wird. Der Aufruf schließt mit den Worten: Wer innerlich mit der Kirche gebrochen hat. habe auch den Mut des öffentlichen Bekenntnisses.
Tours, 12. Febr. Als die Finanzbeamten heute nachmittag die Kathedrale betraten, um das Inventar aufzunehmen, erklärte ihnen der Bischof Renou, daß er zum Zeichen der Trauer Geschloffen habe, das ihm als Militärgeistlichen verliehene Kreuz der Ehrenlegion nicht mehr zu tragen.
Kopenhazeu, 12. Febr. Heute abend S Uhr fand im Gartensaale auf Amalienborg ein Lrauergottesdienst statt; an demselben nahmen teil: sämtliche Mitglieder der königlichen Familie, die Damen und Herren des Hofes, das Hofpersonal und zahlreiche Personen, die dem König Christian nahegestanden haben. Hofprediger Bischof Pauly 'hielt eine kurze Predigt und schloß mit einem Gebet. Der Sängerchor der Schloßkirche eröffnete und schloß die Feier mit Gesang,
London, 12. Febr. An 4000 Arbeitslose versammelten sich heute nachmittag am Them- feuser und marschierten unter polizeilicher Begleitung nach dem Hydepark, wo Reden gehalten und drei Resolutionen angenommen wurden, in denen die Regierung dringend gebeten wird, Schritte zur Lösung der ArbeitS- losen-Frage zu ergreifen.
57 (Nachdruck verboten.),
Die Brücke.
Roman von Willy Scharten»
(Fortsetzung.)
Hanns sprang ans und ging ihm zivci Schritte entgegen.,
..Wo ist mein Mann?" fragte sie hastig.
Dec Hinzutretende zuckte bcdauernb mit dm Achseln, dann meinte er gedehnten Tones:
„Ich weiß es nicht, gnädige Frau. Ich sprach ihn für einen Augenblick, er hörte mir aber so 'wenig zu, daß ich es ihm wiederholen mußte. Er sagte: Ja — später — später. Dann rannte er davon, ich konnte ihn nicht halten."
„Dann muß ich auch nach Hans; ich kann ihn unmöglich allein lassen."
„Er kommt ja noch, später. Ich sagte es ja schon. Ich denke mir, er mag im ersten Aerger Ihnen nicht unter die Augen treten. Draußan m der Kälte aber wird er ruhiger werden. — Außerdem muß man sich zuweilen ordentlich ausschimpfen und austoben. Man ist dann ein ganz anderer Mensch, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Naus muß der innerliche Groll."
„So meinen Sie, daß er noch kommen wird?" fragte Frau Oertel, welche auf detr Zügen des Ne- dakteurs zu lesen versuchte, wie ihr Gatte di.' schwere Niederlage auffaßte.
„Sicher," lautete die rasche Antwort. „Er. stens hat er.zugesagt zu kommen. "
„Er weiß also, daß ich hier bin?"
Guten Augenblick zögerte Roden, denn er eni- sann sich nicht, zu deut Ehemann vott der Gattin gesprochen zu haben. Was lag ihn: denn auch vn dem höchstens unbequemen Mann. Aber er erwiderte rasch:
„Natürlich! — Itnb zum zweiten hat jeder- mann das Bedürfnis, sich auszusprechen. Es kn-bt tvetite kein Mensch mit sich allein
Die Lage der Gendarmen.
Was heute gegen früher von den Beamten der Gendarmerie alles verlangt wird, und wie vielseitig deren dienstliche Tätigkeit ist, dürfte wohl den toenigften Staatsbürgern bekannt sein. Der Gendarm ist nicht mehr, wie in früheren Zeiten, lediglich exekutiver Polizeibeamter, , der dazu berufen ist, Straftaten aller Art aitzuzeigen, nein, heute ist er in dem ihm überwiesenen Pa- trouillenbezirk Organ der Kriminal-, Gesnitd- hests-, Bau-, Sitten-, Verwaltungspolizei tmd dergleichen mehr. Ein Gendarm, in dessen — meist nicht kleinen —- Dienstbezirke erhebliche Straftaten nicht selten sind, muß die Kenntnis vieler Gesetze trnd unzähliger Polizeiverordmm- gen besitzen. Er muß imstande fein, die ihm über tragenett Ilntersttchnngen derart ztt führen, daß sie der richterlichen Entscheidung sachgemäßes Material unterbreiten. Seine Tätigkeit erfordert ebensoviel Umsicht und Intelligenz, wie die eines Polizeikommissars in seinem Dieitstbezirk Es ist nichts Seltenes, daß höhere Jur ist en sich über die von Gendarmen bei Ermittelung von Verbrechern an den Tag gelegte Gewandtheit lobend äußern. Die Tätigkeit der Gendarmen von heute ist eine derartig vielseitige, daß diese Beamten häufig überlastet erscheinen. Unb sie stellt auch an die Charakterfestigkeit besondere Ansprüche. Nicht selten werden von den Gendarmen Auskünfte in Gemeinde- und stersönlichen Angelegenheiten verlaitgt, die ihm Feinde im Ptibli- kum erstehen lassen. Es ist nicht leicht, dabei den unbedingt geforderten unparteiischett Standpunkt in jeder Hinsicht zu behaupten.
Wie ist nun die materielle Lage dieser Beamten? Nicht eben glänzend. Der Gendarm untersteht den Kriegsartikeln Und militärischen Vorgesetzten, er ist Soldat und kann daher nicht wie andere Beamte öffentlich mit seinen Wünschen hinsichtlich Verbesserung seiner Lage hervortreten. Darum aber ist es Pflicht der Oeffent- lichkeft, sich auch um die Lage dieser Beamten- kategorie zu kümmern. Wenn schon in früheren Landtagssessionen die Ernennung der Gendarmen zu Subcllternbeamten befürwortet wurde, so erscheint dieser Wunsch in Anbetracht ihres schweren unb verantwortungsvollen Dienstes nicht un- bereck;tigt. Die Obettvachtmeister fittb ja bereits zu Subalternbeamten avanciert, was mit Freuden zu begrüßen ist. Sie erhalten sogar bei ihrem Abgänge, tnenn sie zehn Jahre Oberwachtmeister lixiren, detr Titel „Leutnant".
Nicht selten ist der Fall, daß Feldwebel oder Vizefeldwebel in die Gendarmerie eintreten, bei dieser lange Jahre dienen und dann noch nicht einmal den Tftel Wachtmeister führen dürfen. Wenn der Gendarm nach einer Gesamtdienstzeit von vielleicht 21 Jahren in die Klasse der Snb- alternbeamten einrückte und ihm der Titel „Bs- zirkswachtmeister" verliehen würde, so würde das als eine verdiente Anerkennung seiner verantwortungsvollen Tätigkeit erscheinen. Die Verleihung des Waclstmeistertitels würde auch deshalb natürlich sein, weil ja der nächste Vorgesetzte des Gendarmen Obcrwachtmeister ist. Schließlich
abmacht, und ein solches Ereignis ist dieser Unfall."
„Hoffentlich", sagte sie seufzend. „So werde ich aus ihn warteit."
Roden entfaltete alle seine Talente als geist. voller Causeur, der auch unter sckwierigett Verhältnissen eine Unterhaltung fesselnd und glatt zu führen versteht und die Kosten derselben ganz allein ztt tragen imstaitde ist.
Er suchte seine Begleiterin auf andere Ge- danken zu bringen, plauderte von dem und jenem, über alles und nichts. Tagesneuigkeiten, Politik, Ausstellungen, alles durcheinander.
Hanns hörte mit eigentümlichem Lächeln zu. Sie meinte, er würde denken, daß sie gespannt zuhörte, — er sah, daß ihre Gedanken ganz anderswo weilten.
Instinktiv aß sie etiixiS, nippte an dem Glas Wein und starrte unverwandt auf die Tür, .durch welch? er eintreten mußte.
Am Nebentisch saßen einige Bekannte von Roden.
„Ah, dieser Schwerenöter. Nun hat er eine neua Eroberung gentricht, eine, welche niemand kennt."
Man sah Rodens Begleiterin prüfend an, sie benrerkte es nicht.
Plötzlich sprang sie auf, von namenloser Angst unb Unruhe getrieben. Auf ihrem Gesicht wechsel- ten Röte und Blässe in rascher Folge.
„Es ist ganz mtmöglich, daß ich länger bleibe", stieß sie hervor. „Er wird zu Haus sein und toorten. Uüd ich — hier."
Roden sah nach der Uhr, dann rief er den Kellner. ,
„Schliesllich ist cs ja auch feilte Schuld, wenn er zu spät kommt," erwiderte er und gab dem Kellner den Auftrag, wenn ein großer Herr nach ihm. Roden, frage, sollte ex melden, der Herr hätte längere-Zeit gewarketz. x’'^' ■"
würde sich auch eine Gehaltsaufbesserung, vielleicht bis zum Höchsrbetrage von 2000 Mark, dringend empfehlen.
5klagen atts den Reihen der Gendarmen bringen aus naheliegenden Gründen kaum an die Oeffentlichkeit, deshalb braucht man aber nicht zu glauben, daß bei ihnen eftel Glück und Wohl- gefallan herrscht. Jedenfalls würde ihre Dienst- freubigfeit durch Verbesserungen ihrer Lage, wie sie hier angedeutet wurden, erheblich gestärkt wer. den, und das wäre im Interesse einer möglichst sackWemäßen und zuverlässigen Erledigung dar ihnen überwiesenen wichftgen Amtspflichten und Aufgaben sehr zu wünschen.
Deutsches Reich.
Berlin, 13. Februar.
•— Seine Majestät der Kaiser »nachte gestern den gewohnten Spaziergang, sprach beim Reichskanzler vor und hörte im Schloß den Vortrag des Chefs des Zivilkabinetts.
— Nach der Vermählung des Prinzen Eitel Friedrich mit der Herzogin Sophie Charlotte von Oldenburg werden sich die Neuvermählten zunächst auf Schloß Hubertnsstock begeben. Für Mitte März ist die Ilebersiedelung des hohen Paares nach der Villa Liegnitz in Potsdam vorgesehen. Für den Hofstaat des Prinzen wird die gegenüberliegende Villa im Marly- Garten eingerichtet.
— Prinz Adalbert von Preußen, welcher seit mehreren Wochen in St. Moritz im Engadin zur Erholung weilt, wird demnächst in Berlin eintreffen, nm an den Festlichkeiten am Kaiserhofe teilznnehmen. Im Anschluß hieran wird sich Prinz Adalbert zur weiteren Dienstleistung nach Kiel zurückbegeben.
— Das Staatsministerium trat gestern unter dem Vorsitz seines Präsidenten Fürsten Bülow zu einer Sitzung zusammen. Wie gern ei bet, wird sich dieser Sitzung dos Staatsministeriums wabrsck-einlich heute ein Kronrat unter dem Vorsitz des Königs über mehrere innere Fragen, barunter die Hrimarbeit und die Ostmarkenpolitik, anschlietzen.
— In die Schulkommission des Abgeordnetenhauses ist, wie die „Franks. Zig." meldet, an Stelle des Abg. Kopsch der Abg. Funck eingetreten. Die Verhandlungen der Kommission scheinen jetzt ein lebhafteres Tempo einzuschlagm, nachdem verschiedene finanzielle Sorgen durch das Entgegenkommen des Finanzministers zur Zufriedenheit der Rechten gehoben sind. Es macht sich denn auch in den beteiligten Kreisen eine veränderte Auffassung über das Schicksal der Vorlage geltend. Wurden früher die Differenzpunkte betont, so tritt jetzt das Bestreben der Mehrheits- parieion stärker hervor, die Vorlage unter allen Umständen zustande zu bringen. Es wäre also ein Irrtum, wenn die Oeffentlichkeit mit dem Scheitern des Schulgesetzes rechnen wollte; die Aussichten seines Zustandekommens sind besser geworden.
— Die große landwirtschaftliche W o ch e hat an diesem Montag ihren Anfang ge
nommen. Sie ist durch eine glänzende Rede, dir Fürst Bülow bei der Tafel des DeutschenLandwirb. schaftsrates gewissermaßen emgeläntet worden. „Agrarisch ist Trumpf!" .So stöhnen darob die freihändlerischen und sozialdemokraftschen Blätter. Aber das sind bloße Faxen. Von einem, Heber-Wiegen der agrarischen Interessen in unterer Politik kann unb soll auch keine Rede sein Nur als Sftefkind konnte das wichtigste nationale Gewerbe nicht mehr länger behandelt werden.. Der Reichskanzler hat in der erwähnten Rede' denn auch mit Nachdruck auf die staatserhaltende Rolle hingewiesen, die bei uns speziell der, Banernstand spielt. Der Schutz, die Sicherung dieses Standes ist in der Tat die vornehmste und eine echt nationale Aufgabe unserer inneren Politik. Wenn man auf der Linken sich bemüht, beit Einfluß des platten Landes anszuschalten, weil dieser den liberalen WeltverbessrrnngSplänen off hindernd in den Weg tritt, so ist das höchst kurz- sichtig. Der lebhafteste Wunsch der revolutionären Sozialdemokratie ist es ja, wie Fürst Bülow treffend ausfiihrte, bett Bauernstand zu pröletarisiersn, um an die Herrschaft zu kommen. Engels, Koutsky usw. haben oft genug erklärt, ohne die Gewinnung der Bauern käme man t« der Sozialdemokratie nicht weiter. Man kann als», im nationalen und monarchischen Interesse nur• wünschen, daß die Reichs- unb Staatsleitung durch Erhaltung und Sicherung des Bauernstandes diesen Damm gegen den sozialrevolutio- - närat Ansturm stets widerstandsfähig erhalte« und in dieser Aufgabe sich von keiner Seite Wan-' kend lassen machen möge. P
PMamentarMes.
Deutscher Reichstag. " '
Berlin, 12. Februar
Der Reichstag nahm heute in dritter Beratung die Novelle betr. das Gesetz über die freiwillige Ge- ricktsborkeit ohne Debatte an und setzte darauf die »weite Beratung des Etats des Reirbsamts des Innern beim Titel: .Gehalt des Staatssekretärs' fort. Abg. Stadthagen <Svz.) polemisierte in zweistündiger Rede gegen die nach seiner Meinung ungerechtfertigte Behauptung, daß den Arbeitern mit der soziale« Gesetzgebung eine Wobl-ahrt erwiesen sei und baf$ sie eine Belastung der bürgerlichen Klassen darstelle, f Die heutige Klassenwirtschatt fei ein einziges großes Verbrechen gegen Leben und Gesundheit der Arbeiterschaft. Abg. Dr. Beumer (nl.) trat den Behauptungen des Abg. Huö entgegen, daß die Arbeiter in der rheinischen Eisenindustrie überbürdet würde« und bedauerte, daß durch solche Agitationsreden die Verbandlungen des Reichstages verschleppt worden. Noch einer unwesentlichen Erwiderung des Ministerialdirektors Kaspar zog Abg. Dr. Stöcker in feinet fesselnden Art gegen die Sozialdemokratie vom Ledv und machte ihr zum Borwurf, daß sie lediglich beunruhige und nicht fähig fei zur Anerkennung dessen, was für die Arbeiterschaft geschehen fei. Sie müsse mit sozialen und nationalen Gedanken bekämst werden. Die berechtigten Wünsche der forstlichen Arbeiter — ein besseres Vereinsrecht, ungehindertes Koalitions», recht und Arbeitskammern — sollten erfüllt werden.' Nach weiteren Reben der Abg Frhr. von Pfette« <Ctr.) und Penny (Soz) wurde die Weiterberatung auf Dienstag 1 Uhr vertagt.
Frau C-ertel nahm eilig ihren Mantel um unb ließ sich kaum Zeit, die Handschuhe anznziehen. Roden brachte sie bis zur Straßenbahn auf der Linkstraßo, welche sie bis hart an ihre Wohnung brachte, und verabschiedete sich von ihr.
Er Ivar von den Ereignissen des Abends sehr befriedigt. Oertel glänzend abgefallen, in seiner Schriftstellereitelkeit tief gekränkt, mutmaßlich in der schlechtesten aller Stimmungen. Seine Frau aber mit ihm allein zusammen in einem Restaurant, gesehen von einigen Bekannten. Die würden natürlich zu ergründen suchen, wer die Fremde Ivar.
Ein ganz klein bischen kömpromittiert auf alle Fälle.
Aber das schadet nichts, ebensowenig Ivie das starke häusliche Gewitter, welches erfolgen mußte, wenn er die Verhältnisse nur einigermaßen richtig beurteilte.
Er war in ausgezeichneter Stimmung, unb als er zu Haus war, setzte er sich an den Schreibtisch und verfaßte einen jener wundervollen Leitartikel die seinen Ruhm begründeten: jenes Gemisch von Frühlingswehen, Liebesgeflüster im Mondschein und Halbwelüvitzen mit Paprika und Patschouli.
In Oertels Zimmer war Licht.
„ Tas sah ,Hanns schon, als sio sich dem Hause näherte. In Eile legte sie Hut und Mantel ab und wollte das Zimmer betreten. Es war von innen verschlossen.
„Hans!" rief sie. „-Haus, Liebster, mache auf. Ich habe so lange vergeblich auf Dich geivartet." Keine Antwort.
„Hans!" rief sie nach kurzer Seit abermals. „Ich bitte Dich dringend, so mache doch auf, ich muß Dir etwas sagen."
Sie toarfate. Dann ein Geräusch, als näherte sich jemand der Türe, eine schroff ablehnende Antwort ertönte.
„Ich bin wahrlich nicht in Stimmung. Veh' schlafen. — Ich will arbeiten."
Auf Hanns erneute Bitten erfolgte keine Antwort. Hanns biß die Zähne in die Lippen, daß diese bluteten. Mit einem scharfen Ruck wendete sie sich um und ging in ihr Schlafzimmer. Sn der langen, schlaflos verbrachten Nacht aber dachte sie -allmählich milder und vergaß, daß er langt warten könne, ehe sie zu ihm käme.
Der Aermste, tote hatte man ihm untgespielt; und ihr, der einzigen, die ihn toarnte, glaubte er nicht. Und — hatten nicht andere Männer ebenso gedacht? Da toar Roden, der sich nicht schroff ablehnend verhielt, der Theaterdirektor, der das Stuck annahm, — trugen sie nicht ihre« Teil Schuld? Nun aber mußte er ja einsehen, daß sie unbefangen richtig geurteilt hatte. WaS vorhin geschah, war zwar der unschöne, aber doch verzeihliche Ausdruck des Aergers und Grolls, bet nicht sie traf, sondern den ersten, der ihm in den Weg lief.
Ihr Groll war verflogen, als sie am nächsten Morgen das Speisezimmer betrat. Oertel wat nicht darin. Sie öffnete deshalb die Tür zu feinem Zimmer unb sah ihn am Schreibtisch sitze«, „Liebster Manu", sagte sie leise, „weshalL hast Du nach gestern abgewiesen? Wir hätte» cs zusammen leichter ertragen."
Mit einem Ruck fuhr er in die Hohe.
„Weshalb? — Weshalb? — Weil ich ntdtt Luft hatte, bemitleidet zu werden. Ich bitte Dich dringend, von der ganzen Geschichte zu schweige^ ich könnte sonst mehr sagen, als gut ist.*
Sie sah ihren Mann an, der sich kaum zu 6e herrschen wußte, unb trat einen Schritt zurück, Ihr war, als stürze sie hinab in den gähnend« Abgrunb. Tiefer, tiefer. — Sie versuchte, sich anzuklammem, bin Halt; alles gab nach.
'(Fortsetzung folg!-!