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Marburg
Donnerstag, 25. Januar 1906.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck Md Verlag- Joh.Aug.Koch, UmvcrsttätS-Buchdrnckerei 41. Jührg.
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Neueste Telegramme.
Berti», 23. Jan. Die „Nordd. Allgern Ztq.' schreibt: Die in der Tagespreise auf- tar-chenbe Behauptung, das; die preußische Re- fieruna sich entschlossen habe, dem Landtage eine WahleeLtsvorlage zu machen, ist unrichtig. Endgültige Entschließungen find von der Staats- tegiernng bisher weder nach der einen noch nach der anderen Seite gefaßt worden.
Btrli«, 24. Jan. (W. B.) Der Poltzet- präsident veröffentlicht folgenden Erlaß des Kaisers vom 22. Januar: „Ich habe mit Befriedigung erfahren, daß der gestrige Tag ohne Störung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit in meiner Haupt- und Residenzsladt Berlin'verlaufen ist. An diesem erfreulichen Resultat haben die umsichtigen polizeilichen Maßnahmen, wie das taktvolle, angemessene Verhalten der Schutzmannschaft wesentlichen Anteil. Ich kann es mir nicht versagen, der braven Berliner Schutzmannschaft hierfür meinen königlichen Dank und meine Anerkennung aussprechen. Ich beauftrage Sie, der Schutzmaunschaft dies bekannt zu geben. Wilhelm R."
Rom. 24. Jan. Ter „Osservatore Romano" veröffentlicht amtlich: Da in Deutschland eine große Polemik entstanden ist, ob christliche Gewerkschaften oder katholische Arbeitervereine vorzuziehen seien, und da es ferner hieß, daß der Papst letztere zum Schaden der ersteren gelobt hätte, erklären wir autorisiert, daß der heilige Vater beide mit dem gleichen Wohlwollen umfaßt, da er wohl weiß, daß die Verschiedenheit der Bedürsniffe in den verschiedenen Diözesen bald die eine, bald die andere Form vorzuaswert erscheinen lasse.
Algeciras, 22. Jan. (Havas.) Die heutige Sitzung der Konferenz dauerte 21/? Stunden. Ter marokkanische Delegierte El Mokri hielt eine Rede in arabischer Sprache, in der er die Anschauungen Marokkos über die Konferenz in allgemeinen Zügen darlegte. Es wurde beschlossen, die Rede zu beantworten, sobald fie in der Uebersetzung vorliegt. Am Schluß der Sitzung beantragte Botschafter v. Radowitz, als Delegierter der nach dem Alphabet an erster Stelle stehenden Macht, dem König anläßlich seines Namenstages telegraphisch die Huldigung und Glückwünsche der Delegierten für seine Person und das Wohl Spaniens zu übermitteln. Ter Antrag wurde einstimmig angenommen.
Washington, 23, Jan. Das Staatsdepartement bat dem französischen Botschafter Jusserand die endgültige Versicherung gegeben, daß die Vereinigten Staaten eine Demonstration von feiten Frankreichs i:> den venezolanischen Gewäs-
U (Nachdruck verboten.)
Die Brücke.
Roman von Willy Tcharlan.
lFortsekung.t
Egon rvar durch den Tod seines Vaters in eine lucit weniger günstige Position gedrängt, als er bisher inne hatte, — das wußte sie sehr genau. , So konnte sie die Zügel der Herrschaft schon jetzt ohne Gefahr schärfer anziehen.
Sie lächelte nochmals, als sie an seinen Eifer dachte, mit dem er zustimmte.
„Es ist mir lieb." wiederholte sie.
Dann sprachen sie von der Zukunft, von der zroßen Garnison, die ihm zugesichert war, von der Billa, die ihnen der Vater als Hochzeitsgabe schenken würde, Natürlich im Garten ein Tennis- platz, sie begriffen kaum, wie ein anständig den- kender Mensch ohne, einen solchen existieren konnte. Und dann die Equipagen und die Reitpferde. Mehrere, denn sie wollte viel reiten.
Geld spielte keine Rolle, ein Scheck, und es war do.
war immer das Ziel von Egons heißester >sebnmcht, jetzt endlich winkte es in greifbarer '-labe.
Und darü^r vergaß er vollständig die blonde wcarga, vergaß auch, daß ihm feine Braut heute nock^mehr mißfiel als sonst schon.
^it durchaus fröhlicher Stimmung kam das Brautpaar in Hamburg an; der Weg lag offen vor den beiden. ‘
13. Kapitel.
ibater, gleich nach dem ersten .waches das Ehepaar Ocrtel gemein- nvaftitch einnahm, saß der junge Mann im sunmer von Erzellenz dann! beschäftigt, eine nvU ^druckten Danksagungen zu adressiert' x- £ Hinterbliebenen drückten ihren Dank w die Teilnahme an dem erlittenen Verlust
fern nicht als eine Verletzung der Monroe- Doktrin betrachten würden.
Newyork, 24. Jan. Nach Washingtoner Berichten beschloß Frankreich die sofortige Blockade venezolanischer Häfen. — Die französischen Panzerkreuzer „Desaix" und „Jurien de la Graviere" dampften von Trinidad ab, wahrscheinlich nach La Guahra.
Rio re Janeiro, 23. Jan. (W. B.) Der Panzerkreuzer „Barroso", der mit den Ministern an Bord sofort nach der Unfallstelle der „Aqui- daban" (vgl. gestrige Meldung), der kleinen Bucht von Jacuacanga südlich der Jlha Grande, abging, ist mit Verwundeten abends wieder in Rio de Janeiro eingetroffen. Bei bet Explosion sind umpetommen: der Marineminister, Vizeadmiral Noronha, der sich in Begleitung der Stndienkoinmission des neuen Arsenals an Bord des Dampfers befand, die Studienkommission selbst, die Kontreadn iräle Rodrigo da Rocha, Calbeiros da Erica, Candido Brasil, ferner der Kapitän des Schiffes, Alves da Barros, zwei Fregattenkapitäne, zwei deutsche Photographen, ein Zeitungsberichterstatter und fast alle Offiziere der „Aq tidaban". Die Zahl der Toten beträgt insgesamt 186, die der Verwundeten 36. Es wurde öffentliche Trauer angeordnet. Die Theater find geschloffen.
Sydney. 23. Jan. Die Lava des Vulkans auf Savaii hat, laut Telegramm der „Frkß Ztg." alle Häuser der Samoaner und die Plantagen Topaipais zerstört. Nur die katholische und die Londoner Missionskirche find unversehrt geblieben, [fcabaii ist die größte und westlichste Insel der deutschen Samoa- Gruppe; fie ist 70 Km. lang, 40 Km. breit und hat 13 000 Einwohner.)
Zur Lage in Rußland.
Die Unterdrückung der Revolution wird von Durnowo mit großem Erfolge in der Residenz und den Provinzstädten fortgesetzt, da die Polizei im Besitz aller Verzeichnisse der Mit. glieder des Konfeils der Arbeiterdeputierten nicht nur hier, sondern auch in der Provinz ist. Trotz- dem dauert unentwegt die Arbeit dieser Elemente fort. Ein soeben frisch von der Presse zu- gestelltes Flugblatt der russischen sozialdemokra- schen Arbeiterpartei kündigt offen an, daß sich nunmehr eine engere Fusion aller revolutionären Verbände unter dem Druck der Verfolgung von feiten der Regierung vollzogen hat. Wenn der Kampf momentan auch nrheu muffe, so fei die Partei fest entschlossen, die Waffen nicht niederzulegen. Das Flugblatt schließt mit der Aufforderung, fest zusammenzuhalten zur Revolution, und mit einer Reihe von Schmähreden gegen den „Kauonenzar". — Aus den Provinzialstädten laufen Hilferufe bei dem Minister des Innern ein, die von der Furcht vor dem Frühjahr diktiert
allen denen aus, welche ihrer gedacht hatten. Eine lange Liste mit Namen lag neben ihm.
Er saß nicht an dem alten Schreibtisch, hatte sich vielmehr an den Sofatisch gesetzt, eine Zeitung als Schreibunterlage ausgebreitet, ein Fläschchen mit Tinte vor sich hingestellt.
Tags zuvor fand die Testamentseröffnung statt. Hanns war von diesem Augenblick an Besitzerin von Villa Lingen und allem, was sich in §au§, Stall und Garten befand.
„Der Kulturmensch lügt doch fortwährend," brummte Oertel vor sich hin, währeird seine Feder eine Adresse nach der andern auf die Briefumschläge warf. „Aber das gehört nun einmal mit dazu."
„Laß Dich nicht verdrießen, Liebster," meinte seine Frau, welche in diesem Augenblick vom Wohnzimmer her eintrat, „soll ich Dir helfen?"
„Wozu ^enn? Danke. Ich bin gleich fertig, es ging fr fier als ich fürchtete."
„Aber Du fitzest hier so ungünstig als möglich. Da ist doch Papas Schreibtisch."
Oertel sah seine Frau an.
„Da mürbe ich überhaupt nicht schreiben können, und — ich habe auch kein Recht, mich des- selben zu bedienen."
„Aber Liebster!" rief sie, „welche Idee. Du kannst doch tun, was Tu willst."
Er hob die Hand gegen sie, als wollte er sagen: Laß nur! und meinte dann, indem er rasch eine neue Adresse schrieb:
„Ich könnte an solchem Marterinstrument gar nicht schreiben. Auf einen Schreibtisch gehören ' : Feder, Papier; nichts weiter. Dort ist
■ andere zwar im lleberstuß vertreten, die
• aber dafür eingetrocknet, die Feder von uner anderen Sorte als mir behagt. Platz zum Schreiben ist garnicht vorhanden, dafür herrscht ein angenehmes Dämmerlicht."
„Weißt Du, Schatz, ich habe mir meinen Plan schon völlig zurecht gelegt," meinte Frau Anna und zog die Vorhänge möglichst weit auseinander.
sind, wo die Stadtbewohner Ausraubung der Städte durch hungernde Bauern befürchten. Als Motiv für diese Befürchtung wird angegeben, daß die Bauern in den meisten Gegenden die Güter ausgeraubt haben, keine Vorräte an Getreide zur Ernährung und zur Aussaat vorhanden sind, und die Bauern nicht wie sonst im Früh- fahr gegen Frohndienste von den Gutsbesitzern Darlehen erhalten. Zudem brachte das Vorfahr eine Mißernte, so daß ben Bauern zur Stiftung ihres Lebens nur die Plünderung der Städte übrig bleibt, wenn die Regierung nicht vorbeugend wirkt und Vorräte schafft. Die Agitation zur Plünderung der Städte im Innern Rußlands unter den Bauern ist schon eifrig tätig.
Aus ben Ostsrrproviuzen.
Die amtlichen Nachrichten verkünden die Fortschritte der Pazifizierung. Aber in Wahrheit ist davon wie der „Frkf. Ztg." aus Riga geschrieben wird, nur wenig zu spüren. In Riga freilich beginnt, wenn man von den Ermordungen der Schutzleute, an die sich die Bevölkerung bereits gewöhnt hat, abfieht, die Ordnung zurück- zukehren; auf dem Lande jedoch passieren noch immer die furchtbarsten Dinge. Sehr wenig Vertrauen setzten die Deutschen auf den Generak- gouverneur Sollogub, der in auffälliger Weise mit den Letten liebäugelt, den lettischen Verein besucht und dort versichert, es werde den Urbewohnern nichts geschehen. Allerdings find es nicht die v sfiziellen Revolutionäre, mit denen er verkehrt sondern die sogenannten Gemäßigten, aber diese sind dem Deutschtum fast noch gefährlicher wie die Radikalen. Wirklich energisch von den russischen Generalen handelt nur General Orlow, dem allein die geringe Besserung bet Lage zuzuschreiben ist. Entsetzliche Nachrichten treffen aus Estland ein. Dort habe man einen adeligen Gutsbesitzer — der Name ließ sich nicht genau seststellen, eS heißt, es sei Herr v. Kotzebue- Parkhof gewesen — auf eine wahrhaft bestialische Weise gemartert. Man hatte ihm alle Fingernägel auSgeriffen, dann die Finger einzeln aus den Gelenken gezogen und schließlich die Sehnen durchschnitten. Durch einen Zufall enttarn er schließlich und reifte notdürftig geheilt nach Petersburg, wo er eine Audienz beim Zaren erhielt. Er zeigte seine verstümmelten Hände und dieser Anblick soll Nikolaus II.. bewogen haben, die Weisung zu erteilen, den Aufstand mit größter Strenge niederzuwerfen.
Riga, 22. Jan. Der gestern durch Mauer- ansckläge verkündete allgemeine eintägige Trauerausstand wird heute in ben Fabriken durch- gesührt. Auch die Straßenbahn und die Droschken verkehren nicht, doch sind die Kaufläden geöffnet. Auf den Straßen ist sehr viel Militär, auch Maschinengewehre sind aufgesahren. Die Ordnung wurde bisher nicht gestört. Die deutschen und russischen Zeitungen erscheinen, die lettischen
„Eigcnllich sind es allerdings zwei Pläne, die ich zur gefälligen Auswahl stelle."
„Nun?" fragte er und stand auf.
Er trat zu seiner Frau, legte den Arm um ihre Taille und führte sie aus dem Zimmer. Trotz vielen Lüftens und Räucherns steckte in demselben noch immer der Geruch all der starken Medikamente, welche Exzellenz in den letzten Wochen hatte nehmen müssen.
Wir wollen hinübergehen in den Salon, schätz. Dort kannst Du mir Deine Pläne aus- einanderseyen, und bann spreche ich auch von meiner Absicht.
„Sieh einmal, Liebling," sagte Frau Hanns, als sie im Salon standen, und zog die schweren Vorhänge zum kleinen Salon auseinander, „hier der kleine Salon ist der stillste Raum der füllen Mlla Oertel. Nichts vom häuslichen Geräusch bringt hierher. Papa nahm ja aus vielen anderen Gründen das Zimmer da drüben, aber ich finde, für Dich ist dieses Zimmer so günstig gelegen, wie kein zweites im Haus. Vielleicht ist das große Gastzimmer oben ausgenommen. Das würde sich auch eignen, aber die Dienstboten müssen daran öfter vorüber, und die daran vorüber- gchende Wasserleitung macht unangenehmes Geräusch. — Sieh einmal," sagte sie und trat in den kleinen Salon. „Dorthin vor das Fenster kommt Dein Schreibtisch, an jene Wand die beiden Biicherschränke, dahin Sofa und Tisch. Wir richten alles so genau ein, wie es in Friedenau war; ich habe mir von Marga alles genau beschreiben lassen."
Oertel hörte feiner Frau ruhig zu. Als sie jetzt schwieg, meinte er:
„Wozu eine solche Aenderung und Unruhe. Meiner Meinung lohnt dak> für mich nicht, denn wir müssen uns doch sobald als möglich in Berlin oder Friedenau eine passend:- Wohnung besorgen und ixmn umziehen."
Hanns sah ihren Mann erstaunt an. ,3. ...
nicht. Die livländische Zufuhrbahn, die von ben Revolutionären als „lettische Nationalbahn" beschlagnahmt war, ist wieber in ben Hänben der rechtmäßigen Verwaltung. Die Verhaftungen und Hinrichtungen in Livland und Kurland dauern fort. In RingmundShof brannten die Truppen das Gebäude des dortigen lettischen Lokalvereins nieder.
Riga, 23. Jan. Hier haben sich nur dir lettischen Zeitungen der Trauerfeier angeschloffen. Dagegen sind sämtliche deutsche Zeitungen erschienen. Nachmittags wurde eine Dragonerpatrouille von einer bewaffneten Bande überfallen. Es entstand ein blutiger Kampf. Auf beiden Seiten wurden mehrere verwundet. In Siffegal in Livland wurde der Kaufmann Ernst Neustadt, als er mit seiner Familie die Andacht hielt, von Revolutionären erschossen. Der ihm zu Hilfe eilende Dr. Löwenberg wurde ermordet.
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Januar.
— Seine Masestät der Kaiser machte geflern Dienstag Vormittag den gewohnten Spaziergang im Tiergarten, besichtigte im Künsilerhaus die dort ausgestellte Sammlung von Bildern des Mal«? Hans Bodrdt, batte eine Unterredung mit dem Reichs» kanzlet und hörte im Schloß den Vortrag des Cbefs des Militärkabinetts. Um 12 Ubr fand im Meisten Saale des Schlosses die Vorstellung der . demnächst znm Ueb«tritt in die Armee bezw. Marine bernn» stehenden Kadetten vor dem Kaiser statt Abends wohnte bet Monarch dem Vorträge des Maiots Baerecke über .Die Schlacht bei Liegnih" in bet Militärischen Gesellschaft bei.
— Der Beginn der Mittelmeerrerfe deS Kaisers steht, wie die Post schreibt, gegenwärtig noch nicht fest «nd kann auch nicht feststehen, weit bet Verlaut der Konserenz in Ala°ctta? auf diesen. Reiseplan selbstverständlich von Einfluß ist. Weiter ist zn berücksichtigen, daß der Kaiser nicht nur feinen Geburtstag, sondern auch seine silberne Hochzeit in Berlin feiern wird.
— Die konservative Partei des Hautes der Abgeordneten bat zu ihrem Vorsitzenden den Abg. Dr. v. Hcydebrand und der Lasa gewählt, zu dessen Stellvertretern die Abga Dr Frbr. von Etffa und v. Pappenheim, zu Beisitzern die Abgg. Gras v. Kanih, v. Neumann.Hanselberg. Winckler, Sielermann, Beuchelt und v Rauttet gen. v. Prestentin. Zu ihnen tritt der Abg. v. Normann als Ehren» Mitglied des Vorstandes.
— Unter dem Titel „Run aber genua k schretbt die .Deutsche Volksw. Corr." übet die großen eng» landfteundlichen Kundgebungen in Köln und anderen Orts: .Aber eben, weil sie groß und eindrucksvoll wat, so meinen wir, daß es jetzt an der Zeit ist, einmal abzuwarten, ob ähnliches auch drüben überm Aetmelkanal in Szene gesetzt werden wird. Wenn nicht, so könnten am Ende diejenigen recht behalten, die behaupten, daß dem Engländer eine geballte Faust imponiere, eine tiefe Verbeugung aber leicht Geringschätzung einflöße. Oder es könnten gar diejenigen Recht beballen die noch weiter gehen und behaupten, daß England unser Liebeswerben sür Schwäche oder — Tod und Teufel — gar für Furcht auslegen könnte, und daß gerade das Furcht-Symptom
„Weshalb beim? Ist es hier nicht schön, so wie ein Schriftsteller es nur wünschen kann. Alles hast Du, was Dir Berlin nickst bieten kann; Ruhe, Behaglichkeit, beste Luft, herrliche Spaziergänge, also alles, was Du wünschen magst, — und keinen mobernen Straßenlärm."
„Und nichts, was Berlin bietet, was brauche."
„Ich verstehe Dich nicht. Was brauchst Du denn von Berlin? Kannst Du nicht besser und ruhiger allem Ausdruck verleihen, was Dich bewegt, was in Deinem Kopfe entsteht?"
„Nein! Entschuldige das kurze Wort, —*■ nein, das kann ich nicht. Ich bedarf der Anregung von außen her. Du hast selbst auf unserer Reise bemerkt, wie befruchtend fremde Eindrücke wirken. Ich bedars Ihrer. Vielleicht entsinnst Du Dich dessen, was wir bei unserem allerersten Zu» sammensein besprachen. Leitartikel wären nicht für mich, da ich mir meine geistige Meinung alle» zu kochen pflegte, sagte ich. Die Bestandtelle aber der Nahrung schöpfte ich aus Michern und vor allem aus dem Verkchr mit anderen Menschen. Erstere kann ich natürlich hier auch haben, letztere — nicht." , . .
Hanns schwieg. Sie fühlte, hier war ein gruitb- sätzlicher Widerstreit ihrer Ansichten und Empftn» düngen, und suchte nach dem richtigen Wort, eme Brücke zu schlagen. Sie fand es nicht gleich uns ihr Gatte fuhr fort:
„Hier in Wilhelmsburg gibt es keinen Men« scheu, mit dem ich mich aussprechen, von dem ich Anregung empfangen könnte. Du mußtest dem» Herrn und Frau Schulz für die geeigneten Persönlichkeiten halten. Glaube nicht, ich litte an geistigem Hochmut; ihre ganze Anschauungsweise ist von der meinen fo bimmelweit verschieden, daß ich mich nicht in sie finden kann unb. genau so wenig werden sie sich in mich schicken. Wir müssen, «ns gegenseitig abstoßen, das ist ein Naturgesetz.^
„Aber Du hast doch mich," sagte fie leise. , j (Fortsetzung folgt.)’ ;