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Narfi -enMr^chLs.

Deutscher Reichstag.

yerlitt, 18. Januar.

Bei schtoackem Besuche führte heute der Reichs­tag znräckst die erste Lesung der Steuervor'.agen zu Ende Reichsschahsekretär Frhr. v. Stengel nahm zur Verteidigung der Vorlagen nochmals das Wort und wandte sich dabei namentlich gegen die gestrige abfällige Kritik des soztaldemokratischen Abg. Geyer, das Tabakmonovol erstrebe die Regierung nicht. Rndererseiis dürfe die finanzielle Notlage des Reichs lediglich aus einseitiger Rücksichtnahme auf eine ein­zelne Industrie z. B. die Ctgarettenindustrie, nicht fortdauern. Abg. Meist (So,.) wandte sich gegen die Ouittungs- und Frachtbricssteuer; die geplante Besteuerung der Kraftwagen zeige, dah bei Luxus» fieucrn nichts heraussprinae. Abg. Vogt-Hall (wirtsch. Vga.) beiürwortct eine erhebliche Spannung zwischen «teuer und Zoll sowie eine Kaliaussuhrsteuer. Der g ringere Mein dürfe nicht mit neuen Lasten bedacht werden. Der Prozeß geg-.n den Abg. Sartorius habe dem gesamten Weinbau und Weinhanvel der Pfalz aufs schwerste geschadet. Nach weiteren, mehr per­sönlichen Ausemander'ehungen zwischen den Abg. Grafen Kanitz (Kons.) und Goth ein (srs. Vgg.l erklärte sich Abg. Dr. Wolf (wirtlck. Vga.l mit einer Steuer auf Oualitätswein einverstanden. Darauf konnte die Vorlage einer Kommission von 28 Mit­gliedern überwiesen werden. Das Haus ging über zur ersten Beratung des Gesetze- über die Natural- letstungen lür die bewaffnete Macht im Frieden. Abg. Erzberger (Ctr) bezeichnete die in der Vorlage enthaltene Erhöhung des Satzes von 80 Pfennig aus 1 Mark als unzureichend, 1,20 Mk. sei das mindeste. In ähnlicher Weise sprachen sich die Abg. B e d Heidelberg (not) und von Riepenhausen (kons.) aus. Nach weiteren Reden der Abgg. Liebermann v. Sonnenberg (roirHdj. Vgg) Eickhoff (srs. Vg) und des Generalmajors von Gallwitz wurde die Vorlage einer Kommission überwiesen.

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Marburg

Dienstag. 16. Januar 1906

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

SonntagsbeUager IUustrirtes Sonntaasblatt. --------

Die revolutionäre Bewegung in Rußland

Ans btn Oststtpradinzen.

In den Ostseeprovinzen geht daS Militär sehr energisch vor. In Estland und Kurland sind verschiedene Führer der Bewegung, darunter auch der Schneider Schulze,Präsident der Estnischen Republik", erschossen worden. Hierbei zeigt sich, daß das Gros der Bevölkerung nur unter dem Drucke der Terroristen sich der Be­wegung angeschloffen hat. In einem Dorfe sprachen die Bauern dem Offizier nach einer Exekution ihren Dank auS, daß er sie von der unerhörten Willkürherrschaft und Vergewaltigung der Revolutionäre befreit habe. Der Organi sator und Führer der lettischen Revolution, der geheimnisvolleMaxim", soll nicht, wie man bisher annahm, Maxim Gehrmann, sondern Matzke Ssokolowski heißen und aus Ungarn stammen. Als der en'lische DampferMichael" von London am vorigen Mittwoch in Riga eintraf, kamen bewaffnete Leute auf das Schiff, überwältigten die Wache und nahmen eins An­zahl Schriften und Waffen, die sie erwartet zu haben scheinen, mit sich.

Aus Riga wird derVoff. Ztg." gemeldet: Schloß Salisburg in Livland, Eigentum deS Barons Vietinghoff, wurde von den Revolutio­nären völlig niedergebrannt. Nachdem dies geschehen war, erschien Militär und hatte einen Zusammenstoß mit 2000 Aufständischen, von denen 23 getötet und 28 gefangen wurden. Die übrigen zerstreuten sich. Die Gefangenen sollen standrechtlich verurteilt werden. Täglich werden in Livland und Kurland zahlreiche'Re­volutionäre standrechtlich erschossen. Dieses Schicksal traf auch mehrere lettische Volksschul- lehrer, die sich agitatorisch betätigt, das vom lettischen Lehrerkongreß aufgestellte nationale Lehrprogramm einzeführt und das amtliche Lehrprogramm umgestoßen hatten. In Milan ersten ganze Waggonladungen von Waffen ein, »ne be» Bauern beschlagnahmt oder von ihnen ausgeliesert wurden. Nachdem mehrere Mit­glieder der von den Revolutionären eingesetzten »ememdebeamten standrechtlich erschoßen wurden,

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Januar,

6e. Majestät der Kaiser empfing vorgestern SamStag den mit Wahrnehmung der Geschäfte als Chef des GeneralstabeS der Schutzlruppe von Süd­westafrika beauftragten Oberst v Scherbening und hörte die Vorträge des Staatssekretärs des Reichs» Marineamts und des Chefs des Marine-Kabinetts.

Der Seniorenkonvent des Abgeordneten­hauses war vor der Plenarsitzung zusammen- getrete», um hauptsächlich die Geschäftslage zu be- rat-n. Die im vorigen Jahre mit gutem Erfolg ge- übte Praxis, für die Beschleunigung der Etatsberatung einen KontingentierunqSplan durchzusübren, fand auch diesmal Annahme. Es werden also wie im Voriahre für jeden Etatsabschnitt eine bestimmte Anzahl von Sitzungen nach dem vom Hause genehmigten Plan festgesetzt. Wird diese Zahl überschritten, so müßen Abendfitzungen anberaumt werden, üuf diese Weise hofft man, den Etat Mitte März dem Herrenhause überweisen zu können. Der Anregung, auch die Be­ratung über andere Vorlagen zu kontingentieren, »st man bisher leider nicht geiolgt.

In parlamentarischen Kreisen verlautet, daß die dem Reichstage wiederum zugegangene Kamerun- Vorlage diesmal ohne «ommissionsberatung schon im Plenum erledigt werden wird. Eine Einigung über diejenigen Forderungen des Kamerun-Shndikats, die bei der vorjährigen Beratung der Vorlage in der Reichstagskommiiston am meisten bestritten wurden, wird auf folgender Grundlage erwartet: Die Ent­schädigung von 120 000 M. für Vorarbeiten dei Syn- dikats soll bewilligt werden, feiern dafür genauere rechnerische Grundlagen geliefert werden. Dagegen dürlte die darüber hinaus geforderte und am leb­haftesten beanstande Provision von 360 000 M für die Mitglieder des Kamerun Syndikats gestrichen werden.

Die Landesversammlung der Deutschen Parte» in Württemberg nahm eine Resolution an. in der sie aus nationalen, volkswirtschattlichen und finanziellen Gründen einen engeren Zusammenschluß der deutschen Eisenbahnen in der Form einer Interessengemeinschaft für ein dringendes Bedürfnis der deutschen Nation erklärt. Sie begrüßt die seitens Württembergs vor^eichlagene Betciebsmittelgemein» schatt als emep erfreulichen Fortschritt und spricht die Erwartung aus, daß die württembergische Regie­rung ihre Bemühunaen um baldige Durchführung dieses Planes trotz der in der letzten Zeit aufge- tretenen Schwierigkeiten sorüehe.

gegen die Sozialdemneraten ebenso einzufchreiten Witz gegen den Grafen Buckler WaS wir jetzt bei uni haben, ist teilte Preßfreiheit, sondern Preßfrechheit. lBeisall rechts.s Wir hoffen, daß Preußen vor bat Schande bewahrt bleibt, daß andere politiiche Partei«» mit der Sozialdemokratie Bündniffe schließen.

Justizminister Bes eler betont, er habe die Frag» der Bekämpfung der Sozialdemokratie vom Tagg' seines Amtsantritts eingehend geprüft. Selbstve» stündlich kann ich noch nicht sagen. WaS geschehen soll und wie etwas geschehen kann. Ich stehe aber durch« aus auf dem Standpunkte, daß energisch und streng vorgegangen werden soll. lLebh. Beifall.) Sie toiflee so gut tote ich. daß die Entscheidung in der Hand daß Gerichte liegt und daß die Gerichte unabhängig und frei sind. Es wird sorgfältig geprüft werden, toit weit Gesetze verletzt find und es toirb gesorgt Werdas- daß der Tat stets die Strafe folgt. lBeisall.)

Abg. Dr. Friedberg (natl.) machte der Staats»! regierung ein dilatorisches Verhalten bei der Fleisch« teuerung zum Vorwurfe. Abg. Broemel (srs. S(ü trat für Abänderung deS Landtaaswahlrechts un» für eine Neueinteilung der Wahlkreise ein. Abg. Herold (Str) forderte eine systematische Stärkung der kleinen Landstädte, sowie eine grundlegende Re» form des Landtaqswahlrechts; die Möglichkeit her Ueberwindung der Sozialdemokratie erblickte er nun in der allgemeinen Rückkehr zum Christentum KulluS» Minister ©tubt trat der Meinung entgegen, olS be­stehe gegen katholische Geil'liche ein Spionagesystem.

Die Konferenz in Algeciras.

Die Regelung der marokkanische» Frage nimmt mit Beginn dieser Woche ihre» Anfang. Wir haben bereits vor einigen Tag« bei der Besprechung des von der deutschen Re­gierung veröffentlichten Weißbuchs den Stand» punkt dargeleck, den Deutschland auf der Kon» ferenz zu vertreten gedenkt. Nach einer Meldung auS Madrid sprach sich der Botschafter von Radowitz in einem Interview über Deutschlands friedliche Absichten aus. Er saute:Ich erblicke einen Hauptzweck dieser Konferenz darin, daß eine angenehm» Atmosphäre die Gewitterschwüle der letzten Zeit ablöse. An Stelle der mühsam korrekten 8e» zieh' n gen soll ein dauernd nute8 Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich, treten. Ich sehe wahrhaftig kein ernstes Hindernis hierfür. Die Marokkosrage als solche kann am allerwenigsten als Stein des Anstoßes betracht^ werden, lieber die Polizeifrage werden tone, denke ich, um so leichter un8 verständigen können, als der von d r Pariser Presse so scharf zurückgewiesene Vorschtag der polizeilichen Ei»- teilung deS ganzen marokkanischen Gebietes Bezirke unter der Verwaltung einzelner Staate* von Deutschland nickt gemacht wird, sonder» lediglich in der Phantasie ungenannt geblieben* Reporter ihren Ursprung hat."

Diesen optimistischen Anschauungen stehe» die tatsächlichen Verhältnisse scharf gegenüber.

Bedauerlicherweise hat sich ein Teil der fran­zösischen und der übrigen Deutschland nicht wohl­gesinnten ausländischen Presse zu Sensations­meldungen hinreißen lassen, die als

Kriegsgerüchte und Drohungen Beunruhigung zu erregen geeignet sind. Nament­lich stammen diese Nachrichten von der deutsch- französischen Grenze, wo sich die Bevöl­kerung bereits in schwerer Besorgnis zu befinde» scheint. So wird demPfalz. Cour." aui Straßburg gemeldet:

Kriegsgerückte zwischen Frankreich und Deutschland werden im Elsaß seit einigen Ta­gen lebhaft kolportiert, besonders sotten sich di« Ortschaften um Mülhausen, Altkirch und Mar- kirch in fieberhafter Aufregung befinden, weil dorten z. Z. Tup p enöb u n g en stattfin- den, wie man sich auch in Frankreich durch grö­ßere Ausmärsche (Erkursionen) in Kriegsbe­reitschaft halte: diese Hebungen, welche regel- mäßig zu Jahresbeginn slattsinden, fallen in« dessen beiderseits nun zeitlich mit der besteh-m- den Marokkofrage zusammen und wurden »n früheren Jahren kaum beachtet. Tatsache ist, daß auch in Straßburg einige Bataillone be­sonders auf Marschsähigkeit üben und mobil gehalten tverden. Der 18. Januar Tag ter Marokkokonferenz sagt man, bringe die Entscheidung, ob Krieg zwischen den Nachbar- floaten auflodere, und besonders in den Ort­schaften glaubt man solchen falschen Gerüchten.« Die in Metz erscheinendeLothring. Volks­stimme" schreibt sogar:

K r i e g s b e f ü r ch l u n g e n, wie in den sranzöfischen Grenz st ädten Verdun, Nancy, Lnnville, Toul madjeit sich namentlich feit vorgestern auch bei der Metze« Bevölkerung immer mehr bemerkbar. 5Bide Leute nehmen schon ihr Geld von den Spar­kassen und Banken zurück und verproviantiere» sich bereits mit Mehl, Salz, Speck, Zucker^ Kaffee usw. Ter Abschluß von großen Geschäft len stockt teilweise. Wie ernst auch die Lage ist» so heißt es doch ruhig Blut bewahren l« 1

Reuest« Telegramme.

Berlin, 14. Jan. Das Leichenbegängnis des Staatsministers von Thielen fand heute Mittag in Gegenwart des Kronprinzen als Vertreter des Kaisers, der Minister von Budde, Rheinbaben und Dr. Studt, deS StaatSsek- jetärs Krätke, des Grafen Ballestrem, der Ge­nerale Hahnke, Pleffen und Bülow, zahlreicher Vertreter der Behörden, Abgeordnete usw. statt. In dem fchwarz aus geschlagenen Konferenzsaals deS Anhalter Bahnhofes wurde eine Trauer- feier abgehalten, bei der Oberhofpredlger D. Drhander die Gedenkrede hielt.

Berlin, 15. Jan. Drei neue Marinetafeln sind dem Reichstage vom Kaiser überwiesen war- den. Sie stammen vom Dezember 1905 und sind vom Kaffer selbst gezeichnet. Zur Darstellung ge­langt sind die Schlachtflotten Frankreichs und der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die Tafeln haben in der Wandelhalle des Reichstages neben den drei Tafeln vorn Oktober (Darstellung der englischen Flotte) Aufftellrmg gefunden.

Mannheim, 14. Jan. Bei der gestrigen Land- lagswahl wurde Kramer (Soz.) mit 1422 Stim­men gewählt. Auf den Freisinnigen Duttenhöfer fielen 842 Stimmen.

Kaiserslautern, 14. Jan. Der wegen Wein- pantscherei verurteilte Reichstagsabgeordnete Otto Sartorius (Mufchach) hat sein Mandat nieder­gelegt.

Straßburg, 14. Jan. Der in Kolmar stattge­habte Delegiertentag der Zentrumsvereine von Straßburg-Kolmar und Mülhausen beschloß den Zusammenschluß der bestehenden elsässischen Zentrumsvereine zu einer elsässischen Zmtrums- partei.

London, 13. Jan. Heute vormittag wurden 19 Kandidaten, denen keine Gegenkandidaten gegenüberstandei», gewählt, nämlich 5 Liberale, 7 Unionisten und 7 irische Nationalisten, unter ihnen John Redmond. , Insgesamt sind bisher 10 Liberale, 8 Unionisten und 7 Iren gewählt.

Lonvo«, 14. Jan., 1 Ubr Nachts. Bis jetzt sind 58 Wahlergebnisse bekannt. Gewählt sind 45 Liberale, einschließlich 8 Arbeiterkandi» baten, 12 Unionisten, 1 unionistischer Freihändler. Die Liberalen haben 18, die Arbeiterkandidaten 4 neue Sitze gewonnen. Bei der heutigen Wahl in Manchester-Ost erhielt Horridge (lib.) 6403, der frühere Premierminister Balfour 4423 Stimmen.

Preußischer Landtag. Abgeordnetenhaus.

Berlin, 13. Januar.

Auf der Tagesordnung steht die erste Lesung deS Etats Abg. L r. Frhr. v. Ert fa lkons) erkannte an, daß das Vertrauen der Landwirtschaft im Zeichen der reuen Handelsverträge, wie dank der festen Haltung der Regierung in Sacken der Fleischteueruna wieder erstarke und forderte eine energische Bekämpfung der Sozialdemokratie. Durch die Revolution in einem Nachbarlande ist der Sozialdemokratie der Kamm in einer Weise geschwollen, daß fich jeder Patriot fragen muß, ob e8 in dieser Weise weitergehen kann. (Sehr richtig rechts!) Der gewöhnliche Mann, der seinen König ehrt, das Vaterland liebt und Achtung vor dem Gesetz hat, versteht es nicht, wie olles, was igm hoch und heilig ist, so gut wie ungestraft in den Schmutz gezogen toirb. »Beifall rechts.) Er halt bie Regierung für schwach vnb nicht für stark. Sehr richtig recht?.) Dies eimubemmen, dazu reichen die befiehenben Gesetze vollständig aus, rote bie Tatsache beweist, baß in Breslau ein Redatteur zu einem Jahr Gefängnis vernrtettt ist. Eine Illustration für das Proletarierelend ist rs, baß dieser Mann sofort gegen 10C00 Mk. Kaution aus freien Fuß gesetzt ist. Der Minister sollt« die Staatsanwälte vnweisen, überall

melden sich andere Schuldbewußte, um der Strafe zu entgehen, freiwillig zur Gefangen­schaft. Sie erhalten von den Behörden den Bescheid, man kenne sie, die Reihe werde schon an sie kommen. Neuerdings wurden achtzehn Höfe revolutionärer Bauern vom Militär nieder« gebrannt. Die kmischen Städtchen Tucknm, Talsen, Goldingen sowie Windau finb wieder ganz in RegierungShand. Riga ist ruhig. Die Fabriken arbeiten, der Hafen ist voller Schiffe. ES verlautet bestimmt, daß fortan dauernd eine ausreichende Armee in den Osteeprovinzen stationiert werden soll.

Reval, 13. Jan. Der Dampfer »Wolga" verläßt heute Mittag um 1 Uhr mit etwa 15 Reisenden den hiesigen Hafen, um nach ßibau zu fahren, da Pernau durch EiS geschloffen ist.

Riga, 12. Jan. Die Städte Leinfal und Salisburg im Kreise Walk, wo daS alte Schloß des BaronS Vietinghof eingeafchert wurde, wurden von einer Abteilung des Generals Orlow besetzt. Die Anzeichen der Beruhigung mehren sich.

Der ritterschaftliche Ausschuß in Reval hat- toie dortige Blätter berichten, am 6. Januar folgende Beschlüsse gefaßt:

1. Dein Ritterschaftshauptmann einen Kredit aus der Kaffe deS Großgrundbesitzes zu eröffnen zur Bildung eines DarlehnsfondS für Gnlkbe» sitzer und deren Familien, die durch den Auf­ruhr in unmittelbare Notlage geraten sind, und ihn zu ersuchen: a) eine Anleihe zur Beschaffung der erforderlichen Barmittel auizunehrnen; b) dem ritterschaftlichen Ausschuß Vorschläge über die Höhe be8 hierzu erforderlichen Kredits und der aufzunehmenden Anleihe zur Beschlußfassung vor,ule-,en; c) toit der Slaatsregirung wegen Entschädigung der durch Biandschäden, Plünde­rungen und Zerstörungen Geschädigten in Ver­handlung zu treten.

2. Der ritterschaftliche Ausschuß beschloß, ein Hilfskomitee zur Unterstützung der infolge der anarchistischen Zustande ihres Vermögens oder ihrer Einkünfte beraubten Personen aller Stände zu organisieren, daS Spenden entgegenzunehmen und den völlig mittellos Gewordenen zu über­mitteln haben wird.

Der Aufftand im Kaukasus.

Immer beunruhigendere Nachrichten dringen aus dem Kaukasus her. Der ganze nörd­liche Kaukasus ist in den Händen der Revolutionäre, ebenso die Wladi- kawkaws-Eisenbahn. Die kaukasischen Völkersclraf- ten schließen sich den Revolutionären an, stellen rhnen Führer für dieWege in den schwierigen Ter­rains usw. Minaretten, Imeretien sowie Giirien strotzen von bewaffneten Eingeborenen, die Städte Poti, Kutais und Batum sind vollkommen von Tiflis abgeschnittcn. Da keine Zufuhr möglich ist, ist Hungersnot ausgebrochen.

Tiflis, 13. Jan. Privatmeldungen aus armenischer Quelle versichern, daß am 6. und 7. Januar als Kosaken verkleidete Tataren zwei ar­menische Ortschaften niedergebraunt und die Be­völkerung niedergemacht haben. Andere Ort- sck-aften sind eingeschlosscu. Wie von amtlicher Seite gemeldet wird, herrscht in dieser Gegend volle Anarchie, deren Unterdrückung nur mit Hilfe von Truppen und Artillerie möglich ist. Wie man von tatarischer Seite berichtet, zerstör­ten und pliinderren Armenier fünf »m Saugesur- schm Kreise belegens Ortt'ckaftm.

Odessa, 14. Jan. Meldungen aus dem Kaukasus besagen, daß alle Gebirgsvölker im Nordkoukasus in den Aufstand getreten sind. In Grusicn wurde eine provisorische Regierung pro­klamiert. Das Gebirgsvolk in Dagestan leistet hartnäckigen Widerstand, die Stadt Sotscky ist in den Händen des Revolutionskomitees. Viele Ab­teilungen Bewaffneter der Bergstämme über­schritten die türkische Grenze. Die Kosaken des Terekbezirks sind mobilisiert. Von hier werden Truppen nach dem Kaukasus abgesandt.

Aus Russisch-Pole«.

Warschau, 13. Jan. Das offizielle Organ Warschawskij Tnewnik" veröffentlicht die amt. liche Mitteilung bon der Verhaftung des War- schauer Orgariisationskomitees der Kampsrevolu- tionäre, das aus Studenten, Handwerkern,Fraucn »rnd Zahnärzten zusammengesetzt ist. Auch das jüdische Revolutionstribunal, das Todesurteile in seinen Sitzungen in einer Konditorei erließ, wurde verhaftet. Im Flecken Nowydwor wurdm in der Geheimdruckerei eines Soldatenblattes die Herausgeber feügcnommen.

Kiew, 13. Jan. Heute ist vorn Gouverneur aus Grund des Belagerungszustandes über 05 Personen, darunter Studenten und Frauen, eine dreimonatige Gefängnisstrafe wegen Abhaltung ungesetzlicher Versammlungen und wegeck Tra­gens bon Waffen verhängt worden.