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Zweites Blatt

einen Rückschlag herbeiführeu, der die Erwar­tungen derer, die bei der Einführung auf eine Preissteigerung nach Eintritt der höheren Zölle gehofft haben, sehr enttäuschen kann.......

Endlich bieten die Arbeiterverhültniffe einen Grund, der wirtschaftlichen Weiterentwicklung nicht allzu hoffnungsvoll entgegenzusehen/

Es verdient hohe Beachtung, daß die Ham­burger Handelskammer, eine durch und durch freihändlerisch gerichtete Korporation, auf die Gefahren aufmerksam macht, die in der in­dustriellen und kommerziellen Ausnützung der Frist bis zum Inkrafttreten der Handelsver­träge liegen. Wenn der bestimmt zu erwar­tende Rückschlag eintreten wird, werden die Freihändler den neuen Zolltarif als Sündenbock hinstellen; dann aber wird man ihnen das Gut­achten der Hamburger Handelskammer Vor­halten können.

Für die Beurteilung dieses Ergebnisses ist es jedoch von Wichtigkeit, zu betonen, daß die vermehrte Intensität des gewerblichen Lebens Deutschlands nicht ausschließlich das Produkt einer steigenden wirtschaftlichen Entwicklung ge­wesen ist. Es handelt sich bei dieser Erscheinung offenbar nicht nur um eine Zunahme der inneren Kraft und Leistungsfähigkeit der deutschen Volks­wirtschaft, die ihre naturgemäße Erscheinungs­form in einer Steigerung der Produktion und der Umsätze sucht und findet, eS find vielmehr daneben auch äußere Umstände gewesen, die stimulierend auf die geschäftliche Tätigkeit ein­gewirkt und sie zu ihrer jetzigen Höhe hinauf­getrieben haben. Vor allem haben in dieler Richtung die im nächsten Frühjahr eintretendcn Zollerhöhungen Deutschlands und einer Reihe anderer Staaten ihren Schatten voransgeworfen. Wie dies stets bei bevorstehenden Zollerhöhungen zu beobachten gewesen ist, so hat auch jetzt eine sehr starke Einfuhr von Artikeln, die nach dem 1. März 1906 höhere Zölle zu tragen haben, in Deutschland stattgefunden und diese Einfuhr wird voraussichtlich in den ersten beiden Monaten des nächsten Jahres in verstärktem Maße an­halten; ebenso find und werden deutsche Jn- dustrieerzeugnifle, denen das gleiche Schicksal in anderen Ländern bevorsteht, in großen Mengen nach dorthin auSgeführt.

Unsere wirtschaftliche Lage bespricht der Jahresbericht der Hamburger Handelskammer unter anderem folgendermaßen:

DaS Jahr 1905 ist in wirtschaftlicher Beziehung für Deutschland im ganzen günstig verlaufen. Die seit dem Jahre 1903 begonnene, im Jahre 1904 weiter fort­geschrittene Besserung der wirtschaftlichen Ver- hältniffe Hai im Berichtsjahre angedauert. Sie hat auch durch die besonders unruhigen politi­schen Verhältniffe des Jahres, den russisch- japanischen Krieg, die Zwistigkeit zwischen Oesterreich und Ungarn, die Trennung Nor­wegens von Schweden, die Wirren in Rußland, die Marokko-Angelegenheit, die Unruhen in den deutschen Besitzungen in Afrika, nicht merklich gehemmt werden können; unterstützt wurde sie andererseits durch die befriedigenden diesjährigen Ergebniffe der deutsche» Landwirtschaft, die trotz nicht sehr starken Ausfalles der Ernte im allgemeinen gute Absatzpreise erzielen konnte, hauptsächlich wohl wegender wesent­lich verrin gerten Einfuhrlandwirtschaft­licher Erzeugniffe aus den Vereinigten Staaten von Amerika, einer Folge der früheren, nur mäßigen Ernte und des gesteigerten eigenen Konsums diese? Landes. In der zweiten Hälfte des Jahres herrschte in der Industrie eine Unternehmungslust und Rührigkeit, deren Umfang das Maß einer allgemeinen fort­schreitenden Besserung der Lage tat­sächlich üb ertrosfen haben dürfte. Natur­gemäß ist auch der Handel speziell der ham­burgische, von dem Aufschwünge der deutschen Industrie günstig beeinflußt worden, indem große Warnehmungen der Industrie zur Bear­beitung zugeführt, große Mengen ihrer Erzeug­niffe dem heimischen Verbrauch und der Aus­fuhr übermittelt wurden. Wenn auch die ge­schäftlichen Erträgniffe des Handels bei weitem nicht den von der Industrie bei günstigen Kon­junkturen erzielten Gewinnen nahekommen, so ist immerhin das Jahr auch für den hiesigen Handel im ganzen als ein günstiges zu be­zeichnen.

Die vorstehend charakterisierte Eigenart des Berichtsjahres als eines AuSnahmejahreS bringt es mit sich, daß feine Gewähr für ein weiteres Andauern gleich günstiger Eeschäftsverhältniffe besteht. ES ist vielmehr nicht zu verkennen, daß der jetzige Zustand bereits die Keime ge- wiffer Gefahren in sich birgt. Die Ansamm­lung gewaltiger Gütermengen kann trotz der wahrscheinlich nach dem 1. März d. I. ein» tretenden Verminderung der Zufuhren leicht

Erscheint wöchentlich sieb« «al,

Druck und Verlag' Jo-. Aug. Loch, UniverfitätS-vnchbruckrrck 41. Jahrg.

Marburg, Markt 21. Tcleplion 55.

Marburg

Sonntag. 7. Januar 1906

Die revolutionäre Bewegung in Rußland.

Aus dt« Opseeprrvinzk».

Aus den baltischen Provinzen kommen noch immer traurige Nachrichten. So wird dem

Vierteljährlicher Bezugspreis; bet ver ErpHitioa 2 M, bet alle« Postämtern 2,25 Ml. <t$cL Bestellgeld).

JnserttonSgebübr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfz, Reclamen: die Zeile 25 Pfg.

L.-Anz." über Petersburg gemeldet: Dif Schreckensherrschaft der lettischen Revolutionär» in den baltischen Provinzen hält zwar teilweift noch an, doch hat die Bevölkerung zu da Energie des Generals Orlow und seiner Truppe» unbedingtes Vertrauen. Viele Flüchtlinge au» Livland und Kurland, die in Petersburg ein* getroffen find, berichten, daß die Station Sege» wold noch in den Händen der Ausständische» ist. Eine zahlreiche Bande wurde in Marien­burg gefangen und ins Gefängnis gebracht. Sappeure find bemüht, die zerstörten Eisenbahn- Wege wieder herzustellen.

Die Unsicherheit in Riga hält an. Gestern wurde der Kandidat der Mathematik Huhe ia Zentrum der Stadt von Revolutionären ange­griffen und lebensgefährlich verletzt. Zwe^ Polizisten wurden meuchlings erschossen; in Dünaburg wurde ein von Revolutionären be­wohntes Haus von dem Militär erstürmt, et» Teil der Bewohner getötet, die übrigen W* haftet.

Don Windau ist gestern ein Regiment mit Artillerie nach Goldingen gesandt worden, daS sich schon seit zwei Wochen in den Händen der Aufständischen befindet. Auch in den polnische» Gebieten haben die Gewalttätigkeiten noch immer nicht aufgehört.

Verschiedene Meldungen.

Petersburg, 5. Jan. (W. B.) Sie, Petersb. Tel.-Ag. erfährt von zuständiger Seiten es habe sich herausgestellt, daß die Komitees in deren Namen Arbeiter und Angestellte ver­schiedener Unternehmungen den Befehl zur Ein­stellung der Arbeit erhielten, garnicht existieren, die erwähnten Streikbefehle vielmehr von ein­zelnen Revolutionären ausgehen, welche di« Arbeiter terrorisieren. Eingegangenen De­peschen entnimmt die »Handels- und Industrie- Zeitung', daß der telegraphische Verkehr zwischen Astrachan und Baku über PetrowSk aufrecht­erhalten wird. Aus Depeschen vom 3. Januar geht hervor, daß auf den Naphthawerken bei Baku alles in Ordnung ist und jedenfalls nichts Beunruhigendes vorliegt, wenn auch auf einigen Werken nicht gearbeitet wird.

Moskau, 5. Jan. (Petersburger Tele- graphen-Agentur.) In den Fabriken und Werk­stätten des industriellen Teiles der Stadt wird gearbeitet. Angesichts der großen Bedürftigkeit, in welche die Arbeiter buch die Ausstände ver­setzt find, erhalten sie Vorschüffe. Die Verluste, die durch die Ausstände verursacht worden find, werden aus zwei Mill. Rubel geschätzt. Die Arbeiter glauben, daß ein Ausstand in Zukunst

Neueste Telegramme.

Berlin, 6. Jan. Gestern fand eine Konferenz der hier anwesenden Obcrpräsidenten im Ministerium des Innern statt, bei der der Kaiser anwesend war. Sn die Konferenz schloß sich «n Diner beim Minister 1. Bethmann, dem der Kaiser ebenfalls beiwohnte.

Berlin, 6. Jan. Zu den Vretzerörterungen, ob General v. Trotha demnächst im Reichstage auftreten werde, um die Vorwürfe gegen seine Kricgssührung zurückzuweisen, teilt dieNat.-Ztg." mit, daß Ge­neral v. Trotha ihr in einem Briefe u. a. schreibt: »Ich habe nie die Absicht gehabt, im Reichstage mich irgendwie verteidigen zu wollen, das habe ich nicht Nötig." ((Stimmt, denn ein preußischer General ist dem Reichstage keineRechenschaft" schuldig, nur seinem Kriegsherrn.)

Karlsruhe, 5. Jan. Die Rekonvaleszenz des Groß- Herzogs schreitet in normaler Weise ungestört fort. Die katarrhalischen Erscheinungen sind in weiterem Rückgänge begriffen, aber der allgemeine Kräftezu­stand ist noch redit beeinträchtigt, sodaß große Scho­nung für die nächste Zeit durchaus geboten ist.

Paris, 5. Jan. In den politischen und diploma­tischen Kreisen Roms wurde eS, wie man derPol. Korr." schreibt, viel bemerkt, daß m dem auf den Besuch des Präsidenten Loubet beim italenischen Hofe bezüglichen Abschnitt deS vatikanischen Weißbuchs über das französische Separationsgesetz König Vik­tor III.König von Italien" genannt wird. ES geschieht zum erstenmal seit 1870, daß einem ita­lienischen Herrscher in einem vatikanischen Dokument diese Bezeichnung gegeben wird.

Rewyork, 5. Jan. (Reuter.) Aus Manila wird telegraphiert: Bei den Truppen der hiesigen Garnison herrscht lebhafte Tätigkeit. Drei Regimenter werden mobil gemacht im Hinblick auf Eventualitäten in China.

Washington, 5. Jan. (Agence Havas.) Die dritte Ecschwaderdivision, bestehend aus dem Panzerkreuzer Brooklyn" und drei anderen Panzerkreuzern, geht unter Admiral Sigsbee demnächst nach dem Mittel­ländischen Meer. Die Schifte werden vom 12. bis 15. Januar in Gibraltar und vom 17 bis 19. Januar in Tanger fein. Danach sollen sie Algier. Villefranche, Livorno, Neapel, den Piräus und Beirut anlaufen «nd am 12. März in Egypten eintreffen.

Tokio, 5. Jan. (Reuter.) Bei dem nachmittags zur Feier des neuen Jahres im kaiserlichen Palaste abgehaltenen Festmahl brachte der Kaiser die Gesund­heit der Staatsoberhäupter der Vertragsmächte aus. Der englische Boftchafter Maedonald erwiderte im Namen des diplomatischen Korps. In einer Rede brachte er dem Kaiser Glückwünsche zum Ausdruck, erwähnte die andauernd freundschaftlichen Beziehun­gen zwischen Japan und den Mächten und sprach den Wunsch aus, daß die Beziehungen, die sie mit Japan verbinden, sich, wenn möglich, noch inniger gestalten möchten.

Tokio, 6. Jan. Die selbständige diplomatische Ver­tretung des Deutschen Reiches für Korea ist zur Ein­ziehung gelangt, sie ist auf die deutsche Gesandtschaft in Tokio übergegangen.

Marburger flltertümcr-Sammlung.

(Sin seit Jahren von der Marburger Bürgerschaft lebhaft gehegter Wunsch ist noch vor Jahresschluß in Erfüllung gegangen, die endgiltige Begründung einer Mar­burger Altertümer-Sammlnng. In der Tat gibt es'wenige Städte in Hessen, die zu einer solchen Sammlung gleich stark heraussordern wie Marburg, wenige, die ihren Mangel bisher so lebhaft empfunden haben wie gerade Marburg. Die Stadt Philipps und der hl. Elisabeth hat einen hervorragenden Anspruch darauf, daß ihre historischen Erinnerungen gepflegt, ihre Monumente erhalten und den kommenden Geschlechtern zu Nutz und Frommen dargeboten werden.

Das malerische Stadtbild verändert stch in raschen Schritten. Es ist vom -höchsten Werte, mit Hilfe der Abbildungen verfolgen zu können, in welcher Weise stch diese Entwickelung vollzogen hat.

Stabt und Land erhalten ihren besonderen Reiz durch die entzückenden bunten Volkstrachten, die sich dank der Zähigkeit des hessischen Charakters hier in einer Fülle und Vielseitigkeit erhalten haben, wie nur noch in wenigen Teilen Dentschlands. Anch ste gehen indessen sichtlich der Vereinfachnng und schließ.ich dem Anssterben entgegen. Sie in der Erinnerung wenigstens festznhaltm, ist unsere lokalpatriotische Pflicht.

Die Erzeugnisse des Bürgerfleißes, die Proben des rühmlich bekannten Mar- churger Kunfthandwerkes müssen in ihrer Entwickelung ein- fitr allemal festqeleat werden als lehrreiches Beispiel für die Zukunft.

Die ehrwürdige Landesnniversität ist mit ihren Professoren und studentischen Korporatronen ganz besonders geeignet, einer lokalqeschichtlichen Sammlung einen speziellen Reiz zu verleihen.

städtische Verwaltung müssen in der Sammlnng vertreten sein:

rur Bud des Anteils, den Marburg an den militärischerl wie knlturelleu Fortschritten M Hessen imd Deutschland genommen hat.

.. Dhne Frage kommen wir mit unserm Uiiternehmen etwas spät. Viele inter- ^sante Gegen stände sind der Stadt bereits entfremdet worden. Manches ist nur mit ^ii^Wendung großer Mittel noch zu erlangen. Aber es ist noch nicht zu spät, um ftivaS Tüchtiges zustande zu bringen. Noch liegen in hundert Ecken und Winkeln, zerstäubt und vergessen und den Besitzern oft nur eine Last, Gegenstände hßrum, Vie »o-i der kundigen Hand des Sammlungsleiters an die richtige Stelle gebracht ver stllgememheit nutzbar gemacht werben können.

Mit diesem unserem Plan vor die Oeffentlichkeit zu treten, wurden wie ermutigt durch die aufopferungsvolle Tätigkeit der Herren Landgerichtsrat Gleim nnd Bei­geordneten Schimpfs. Was beide Herren im Lanfe der letzten Jahre an Gegen­ständen zusammengebracht haben, bildet den Grundstock der neuen Sammlung und wird von uns im Einvernehmen mit den beiden Begründern verwaltet und nach allen Seiten hin ansgebant werden.

Die bisher nur unter Führnng zugängliche Sammlnng soll möglichst bald a« bestinimten Tagen dem allgemeinen Besuche freigegebeu werden. Ebenso wird von jetzt ab über alle uns zugehenden Gefchcnle nnd Deposita regelmäßig und genau Be­richt erstattet werden, um die Freunde unserer Sammlung über deren Wachstum nns dem Laufenden zu erhalten.

Dagegen richten wir an die gesamte Bürgerschaft Marburgs eine doppelte B te.

Man wolle der Sammlung noch mehr als bisher geeignete Gegenstände ur Verfügung stellen, sei es als Geschenk, sei es als Devositum unter Wahrung des Eigen­tumsrechtes. Man wolle dabei erwägen, daß es uns nicht blos auf Kunstwerke und Kostbarkeiten ankommt, sondern daß gerade aucb die unscheinbaren Geräte des täg­lichen Lebens geeignet sind, das kulturgeschichtliche Bild von Hessens Vergangenheit und Gegenwart festzuhalten.

Um aber diese Bestände in richttger Weise ergänzen und der allgemeinen Be­nutzung zugänglich machen zu können, bitten wir ferner um Geldbeittäge. Wir wünschen, daß die Förderung dieser Altertümer-Sammlung nicht aus kleine Kreise beschränkt bleibe, sondern daß das neue Institut von dem lebhaften Interesse ver gesamten Bürgerschaft Marburgs getragen werde. Wir haben deshalb den jährliche« Mindestbeittag auf nur 1 Mark festgesetzt. Wer 30 Mark zahlt, wird damit ^Stifter* und ist weiterer Geldbeittäge überhobeu. Die Einzc''^n'inasliften werden schon i« den nächsten Tagen von Haus zu Haus gehen.

Wir hegen die feste Ueberzeugung, daß feder, d.r bas v link hat, im schöne» Marburg zu wohnen, gern dazu beitragen wird, unserer Stadt auch diesen neue» Schmuck zu sichern.

Marburg, 6. Januar 1906.

Andre. Aschoff. Bald«-. Bock. Brann. Bücking. Ehre«. Geßner. Giebel. Gleim. Justi. Kleinharls. Knabe. Lanbscheer. L. Wiiffer. Rauch. Reistag. Reiffett. Schenck. Schimpff. M. G. Schmidt. Schramm. Seef außen. Stroiuslft «ns'm Weettb. Weih. Wieaand. Sinn.