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44 Jahrg

Zweites Blatt

(Nachdruck verboten.)

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Verantwortlich für die Redaktion: Tr. phil. Carl Hitzeroth in Marburg.

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18. .

Opfer deg Schnees. Der außerordentlich starke Schneefall, der fast allen Zügen Iw- bayerischen Oberland bedeutende Verspätungen brachte, forderte auch Menschenleben. In bet Nähe von Schliersee wurde ein Mann und Lei Oberaudorf eine ältere Frau tot aufgefunden, die sich durch den metertiefen Schnee nicht mehr durcharbeiten konnten.

Die Insertion sgebünr betragt sur Die 7gefpaltcite Heile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 33 Pfennig. - Druck und Bering: Joh. Aug. Koh, llnmeriitätsbu Druckerei Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

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Marburg

Donnerstag 18. Dezember 1909.

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) undLandwirtschaftliche Beilage

Unpolitische Tagesnachrichten.

Schiffsunfälle. Bremen, 14. Dez. Auf dem deutschen DampferPrinz Ludwig", von Japan zurückkehrend, der heute früh in Hong­kong angekommen ist, brach laut telegraphischer Nachricht während seines Aufenthaltes daselbst im Lagerraum Nr. 3 Feuer aus. Die Ursache ist unbekannt. Das Feuer ist gelöscht. Die Ladung im Raum Nr. 3 ist beschädigt, verletzt wurde niemand. Paris, 14. Dez. Aus Algier wird gemeldet, daß bei einer Torpedo- fchießübung der TorpedojägerDard" mit dem PanzerschiffeHenry IV." zusammenstieß. Der Torpedojäger erlitt beträchtliche Havarien, doch ist niemand verunglückt.

jungen Leute, daß ein Herr einen kostbaren Brillantring im Sand verloren hatte und den in Frage kommenden Teil des Strandes sofort absperren und durchfieben ließ, um sein Eigen­tum wieder zu erlangen.

Solch ein Verlust ist sehr unangenehm," sagte Georg im Weiterschreiten zu Renate.Ich kenne das aus Erfahrung. Vorigen Winter habe ich einen Ring im Schnee verloren, den ich leider nicht wiederfand, denn Schnee läßt sich nicht durchsieben wie Sand."

Renate horchte auf.

Sie haben einen Ring verloren? Darf ich fragen, wann und wo?" fragte sie gespannt.

Vorige Weihnachten im Park von Moritz­burg," antwortet« er, über ihren Eifer lächelnd.

Sie war ganz blaß geworden und sah zu ihm auf.

Ein Siegelring von altertümlicher Form und schöner kunstvoller Eoldschmiedearbeit. Im Stein ist ein Sankt Georg eingeschnitten?" be­schrieb sie, fragend und unruhig in seinem Ge­sicht forschend den Ring. ch

Er sah sie ühgrrascht an.

Ganz recht, Sie beschreiben ihn so deutlich, daß ich ihn im Geiste wieder vor mir sehe. Aber wie kommt es, daß Sie ihn mir so beschreiben können? Hat Ihnen Frau Profesior Harden­berg von meinem Verlust erzählt?"

Nein, ich sprach nie mit ihr davon. Aber ich habe den Ring gefunden, Herr von Rodenfels. Im Frühjahr, als wir einen Aus­flug nach Moritzburg machten, fand ich ihn auf dem Parkweg. Trotz aller Bemühungen konnte ich den Verlierer nicht ermitteln. Der Ring ist noch in meinem Besitz. Ist das nicht sonderbar ?"

Georg sah mit eigentümlichem Blick in ihr nun wieder gerötetes Gesicht.

Die Hand, die Dir in kurzer Zeit Verlorenes Kleinod bringt zurück"

so klang es ihm in den Ohren. Wie seltsam jetzt bekamen diese Worte eine andere, noch tref­fendere Bedeutung.

Das isi sehr seltsam," sagte er laut.

Sie nickte lächelnd.Nicht wahr? Nun bin ich froh, daß ich den Ring seinem Eigentümer wieder zustellen kann."

Und ich freue mich sehr, ihn wieder zu be­kommen, er war mir sehr wert. Doppelt wert wird er mir dadurch, daß ich ihn aus Ihrer Hand zurück erhalte. Dieser Ring war alles, was mir von der Rodenfelser Herrlichkeit ge­blieben war."

Sie sah bang zu ihm auf.Ist es ^hnen wirklich nicht schmerzlich, durch uns an Ihre alte Heimat erinnert zu werden?" fragte sie leise.

Er sah sie innig an.Nein, im Gegenteil. Durch Sie grüßt mich die alte Heimat wie ein schöner Traum. Ich sebe Sie so oft im Geiste an mir vertrauten Stätten weilen und fühle dabei nur innige Befriedigung."

Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie ab­dankend:

Soll ich Ihnen den Ring gleich herunter holen? Ich verwahre ihn bei-meinen Schmuck­sachen."

Da ist er gut aufgehoben, gnädiges Frau­lein Es eilt nicht damit. Sie können ihn mir heut Abend mitbringen, wenn wir zur Reunion gehen."

Langsam und in Gedanken verloren gingen sie weiter, bis sie mit Paula zusammentrafen.

Georg erzählte dieser, daß Renate seinen Ring gefunden hätte. Paula hörte voll Jn- texesie zu. , ~

Das ist allerdings ein eigenarttger Zufall, lieber Freund." sagte sie. als er geendet hatte. Wenn man bedenkt, daß Sie den Ring lange Wochen vorher verloren haben und daß gerade Fräulein Renate ihn finden mußte, ist es wie ein Wunder."

Und daß ich das gerade heute erfahre, nach­dem dieser sonderbare Schicksalsspruch mir ver-

Hochschulnachrichten.

X Museum für Meereskunde. Man schreibt uns: Die schweren Stürme der letzten Tag« haben bekanntlich in unseren heimischen Meere« zahlreiche Opfer unter der seefahrenden Be­völkerung gefordert. Bei dieser Gelegenheit hat sich erneut die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Rettung von Fahrzeugen aus Seenot ge­richtet. Es dürfte daher ein Hinweis von In- teresie sein, daß neuerdings im Vestibül des Museums für Meereskunde in Berlin eine Gruppe Aufstellung gefunden hat, welche den größten Teil der seitens der Deutsche« Gesell- schäft zur Rettung Schiffbrüchiger in ihren zahl­reichen Rettungsstationen an der deutschen Küste verwendeten Rettungsgerätschaften ver­anschaulicht. Man sieht oberhalb der Rettungs­rakete, die ein Tau weithin vom Strande übe, ein gestrandetes Schiff zu schleudern vermag, btt sog. Hosenboje, die einem Menschen bequem Platz gewahrt und zur Bergung der Schiff brvchiaen an der zwischen Küste und Schiff v. sinnreicher Weise hergestellten Leinenverbtnd unq hin- und hergeholt werden kann. Weiter sieht man eine Ankerrakete, die den Rettung» booten das Durchqueren starker Brandung er­möglicht, einen Bohrer, der dem an Land liegen- den Ende des Rettunastaues Halt gewähren soll u. a. m. Eine Anzahl von Modellen der ge­bräuchlichsten Rettungsboote hat unter Be- kückstchtigung der historischen Entstehung des deutschen Rettungswesens im Mittelsaal des ersten Geschoßes Platz gefunden und ergänzt hier die vorerwähnte Gruppe in wirkungs­vollster Weise.

Was Gatt zirfarnmengefkgt.

Roman von H. Tourths-Mahler.

(Fortsetzung.)

Die anderen amüsietten sich über diesen fröhlichen Bau. Georg konnte dabei ungestört Renates liebes Gesicht betrachten und seinen Ge­danken nachhängen.

Die Hand, die dir in kurzer Zeit Verlorenes Kleinod bringt zurück, Die halte fest sie ist dein Glück?"

Diese Worte, welche ihm da- braune dämo­nische Zigeunerweib fast gewaltsam auf dem Zettel in die Hand gedrückt hatte, wollten nicht mehr aus seinem Gedächtnis. Er wollte sich selbst verspotten, daß er ihnen in Gedanken nachhing. Es war ein Zufall, nicht mehr. Die­selben Worte kamen wahrscheinlich mehr als einmal vor in ihrem Zettelvorrat und wie ihm sollten sie auch anderen etwas sagen. Ein Zu­fall war es, daß diese Worte für ihn Bedeutung haben konnten. Und doch ist der Zufall nicht ein mächtiger Gebieter, der oft über Sein und Nichtsein entscheidet?

Er blickte auf Renates Hand, die schlank und weiß dicht vor ihm auf der Seitenlehne des Etrandkorbes ruhte.Sie ist dein Glück," dachte er und schaute sehnsüchtig in Renates Augen.

Seine Liebe war groß genug, ihn über Aeußerlichkeiten hinweg zu tragen. Er hatte tisher noch nicht über die Verhältnisse nachge­dacht, die ihre äußere Stellung zu einander markierten. Für ihn war nur das eine wichtig: Liebt sie dich, wie du geliebt fein möchtest, wie du sie wiederliebst? Alles oubete war ihm so nebensächlich, daß er keine Gedanken daran ver­schwendete. Erst vorhin, als er die wahrsagen­den Zeilen gelesen hatte, war ihm einen Augen­blick der Gedanke gekommen, daß er mit Renates Hand möglicherweise auch Rodenfels zurücker- halten könnte. Aber dieser Gedanke trat rasch wieder zurück hinter der Frage, ob Renate seine Liebe wirklich erwiderte, ob er nicht in einer holden Täuschung befangen sei, wenn er sich ihr Benehmen zu seinen Gunsten deutete. Wenn sie arm gewesen wäre, hätte er sie nicht weniger geliebt, auch dann würde er ihr die Frage vor­legen, ob sie sein schlichtes, bes->idenes Los mit ihm teilen wollte. Ihm galt Reichtum nicht viel, er hatte gelernt, ihn zu entbehren. Für Renate selbst konnte es ihm nur lieb sein, wenn ihr Vater ein vermögender Mann war, damit sie nicht zu darben brauchte. Er räumte aber dem Nermögensunterschied kein Recht ein, sich trennend zwischen sie beide zu stellen, wenn sie ihm angehören wollte. Zu tief und beseligt empfand er, daß sie das Weib war, zu dem ihn schon vorahnend seine Seele gezogen hatte, ehe er sie kannte.

*

Nach Tisch war Mary mit Bernhard Traut­mann zum Tennis gegangen. Georg und Renale begleiteten sie bis zu den Plätzen und gingen dann an den Strand zurück, wo sie Paula Hardenberg erwartete. Eva und Frau Werner hielten ein Mittagsschläfchen.

Als sie an der Landungsbrücke über die Dünnen gingen und auf den Laufbrettern nach dem Weststrand einbogen, sahen sie eine Gruppe Menschen zusammenstehen. Sie umringten einen Fischer, der ein Stück Strand abgegrenzt hatte und den Sand in ein Sieb schaufelte. War es voll, dann schüttelte er den Sand langsam und bedächtig durch das Sieb und schaufelte von neuem. Im Vorbeigehen hörten die beiden

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§§ Cassel, 14. Dez. Der Vorstand der Handwerks­kammer beschloß, dem Lehrlingsheim in Marburg einen angemeffenen Zuschuß zu bewilligen.

Volkmarsen, 14. Dez. Bei dem gemeldeten Brande der Gastwirtschaft in Lütersheim sind schwer« Ausschreitungen vorgekommen. Den von auswärts zu Hilfe herbeigeeilten Feuer­wehren wurden die Spritzenschläuche durch­schnitten. Diese Wehren konnten also keine Hilfe leisten. Als schließlich alle Gefahr be­seitigt schien, kam plötzlich in einer dem Brand­herd nahegelegenen Scheune während der Nacht auch noch Feuer auf. Es wurde Brandstiftung vermutet, weshalb am folgenden Tage in dem Ott der Oberstaatsanwalt erschien, der die Ver­haftung zweier verdächtigen Individuen veran­laßte. Bei dem Brande der Gastwirtschaft waren übrigens aus dem Keller Fäßchen mit Branntwein abhanden gekommen, die zum Teil am Brandplatze geleert wurden. Die Aus­schreitungen werden deshalb auf übermäßigen Alkoholgenuß zurückgeführt.

Lauterbach, 13. Dez. Am 10. Febr. 1910 sind 100 Jahre verflossen, fett Adolf Spieß, ein eifriger Förderer detz^Schul- und Mädchenturnens, in un serem Städtchen geboren wurde. Man gedenkt hier diesen Tag festlich zu begehen.

' Heiligenstabt, 13. Dez. (Eroßfeuer.) Ein großes Schadenfeuer hat gestern abend in dem Nachbarorte Mengelrode gewütet. Das größte landwirtschaftliche Gehöft des Dorfes, Scheune mit Stallungen des Landwirts Kaspar Rinder­mann, ist mit bedeutenden Erntevorräten in Asche gelegt worden. Das Wohnhaus blieb erhalten. Nur der isolierten Lage des Gehöftes ist es zu danken, daß das Feuer nicht noch größeren Umfang annahm.

Bon«, 13. Dez. (Bierkrieg) Die Vertreter­versammlungen der nichtkonfesiionellen und der katholischen Studentenverbindungen haben den nun unter Mitwirkung des Rettors der Uni­versität erzielten Einigungsvorschlag angenom­men und den Bierboqkott bis auf das Dort­munder Bier aufgehoben. Für dieses Bier soll ein anderes helles Bier zu 20 das halbe Liter eingefühtt werden. Für das Münchener Vier roerben künftig 27 J} pro halbes Liter bezahlt. Die Wirte hatten den Preis infolge der neuen Biersteuer von 25 auf 30 H erhöht.

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kündete, daß ich ein verlorenes Kleinod zurücker­halten werde, ist mindestens ebenso wunderbar," ergänzte Georg still für sich. Laut fuhr er fort:

Za, es ist ein Wunder. Ich fange über­haupt wieder an, an ein Glück für mich zu glauben."

Sein Blick streifte aufleuchtend zu Renate hinüber.

Ihre gollrig schimmernden Augen gaben seinen Blick voll und warm zurück. Sie war zu ehrlich, sich zu verstellen und seinen flehenden Blick kalt zu erwidern.-------

(Fortsetzung folgt.)

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