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mit dcm Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und ben Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und »Landwirtschaftliche Beilage.-

JTs. 286

DieVderchesstsche Jeitnna" erscheint tSglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel­jährlich durch die Poft bezogen 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei unfern Zeitungsstellen und der ExoeMion Markt 21,) 2 Mk.

Marburg

Dienstag, 7. Dezember 1909.

Di« JniertionSgebühr beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. Druck und Verlag: Foh. Aug. Koch, Unloersttätsbuhdruckere, Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

44. Jahrg.

Zweites Blatt.

Aus dem Reichstage.

Auf der Tagesordnung des Reichstags am Sonnabend standen sämtliche Interpellationen, um der Regierung Gelegeicheit zu geben, sich über den Zeitpunkt der Beantwortung zu erklären. Abg. Dr. Wiemcr bat um Hinausschiebung der Ver­handlung der Kieler Interpellation, bis man über das dort gefällte Urteil näheres wisse. Staats­sekretär v. Tirpitz sagte die Beantwortung für Montag zu, Staatssekretär Delbrück die alsbaldige Beantwortung der übrigen Interpellationen. Hierauf wurde nach ziemlich langen Auseinander­setzungen zwischen den Abg. Stadthagen und Sachse (Soz.) auf der einen, sowie Giesberts und Behrens (Ztr.) auf der anderen Seite das Notge­setz über die Hinterbliebenenversichenrng in erster und zweiter Lesung erledigt nach Ablehnung eines Antrages der Linken auf Kommissionsberatung. Schließlich trat man in die erste Lesung des Han­delsvertrages mit Portugal ein. Staatssekretär Delbrück leitete die Verhandlungen, die heute nicht zu Ende geführt wurden, mit einem Hinweis auf die einstimmige Einwilligung des wirtschaftlichen Ausschusies ein. Abg. Pieper (Ztr.) äußerte schwere Bedenken über die Einzelheiten des Ver­trages und beantragte Kommisstonsberatung. Abg. Könitz (kons.) sagte namens der Rechten wohlwollende Prüfung zu, Abg. Merkel (natlib.) übte äußerst scharfe Krittk an dem Vertrage. Die Industrie wäre vor vollendete Tatsachen gestellt. .Friß Vogel oder stirb!' Der Wirtschaftliche Aus­schuß könne als ausreichende Vertretung der In- dl-strie nicht angesehen werden. Die Industrie verlange nichts, als daß ihr die Absatzmöglichkeit im Auslande nicht erschwert werde. Exportpolitik sei Sozialpolitik. Geheimrat Müller wandte sich «egen die Bedenken des Vorredners hinsichtlich der sachverständigen Informationen der deutschen Unterhändler. Die Abg. Buddenberg (kreis. Vp.) «nd Linz (Rp.) schlossen sich den Ausführungen des Abg. Merkel an. Staatssekretär Delbrück legte in längerer Rede die Grrrndlagen dar. aus denen sich das Material aufbaue. Die Industriellen wa­ren sehr wohl in der Lage gewesen, die zuständigen Stellen zu informieren. Eine Aendening der Or­ganisation des Wirtschaftlichen Ausschusses sei nickt möglich. Nach der Rede des Staatssekretärs Del­brück vertagte sich das Haus aus Montag 2 Uhr: Kieler Werft. Interpellationen. Fortsetzung der Verhandlungen über den Deutsch - Portugiesischen Handelsvertrag.

Politische Umschau.

Reichstagspräfidium «nd Partei.

Das Organ der Fretkonfervativen Partei schreibt:

Die Meldung einiger Blätter, daß die W- kehnung der Wahl eines Polen zum Schrift­führer des Reichstages mit der Annahme der zweiten Vizepräsidentenstelle durch den Erb­prinzen von Hohenlohe in ursächlichem Zusam­menhang« steht, dürste zutreffen. Der Erbprinz hat die Annahme der Wahl an die Voraus­setzung geknüpft, daß das Bureau so zusammen­gesetzt lverde, daß ihm das Verbleiben im Prä­sidium nicht unmöglich gemacht werde. Wenn ferner liberale Blätter an die Annahme der Mahl durch den Erbprinzen wiederholt die Be-

34 (Nachdruck verboten.)

Was Golt zrtfammengefugl -

Roman von H. Courths-Rahler.

«Fortsetzung.)

Renate und Mary freuten sich über seine frischen fröhlichen Reisebericht«. Sie gönnten ihm dieses sorglose Ausspannen von Herzen wenn sie sich auch ein klein wenig vereinsamt fühlten, zumal hier in Rodenfels.

Frau Werner wußte nicht recht, wie sie die beiden jungen Damen in der stillen Umgebung beschäftigen sollte. Zwar wurden in der Nach­barschaft Besuche gemacht und auch erwidert, man flößte sich jedoch gegenseitig nur mäßiges Interesse ein.

Die nächsten Nachbarn waren die Leukers- dorfer Herrschaften, von denen Mamsell Woll­mann Renate «in so wenig anziehendes Bild gemalt hatte. Herr Dallert war ehemaliger Chokoladenfabrikant und gefiel stch samt ferner Familie in einem geschraubten, vornehm sein sollenden Wesen. Drei Töchter im Alter zwischen sechzehn und zweiundzwanzig Jahren wetteiferten mit ihrem zwölfjährigen Bruder an Häßlichkeit und Verzogenheit. Sie gefielen sich samt dem Vater und ihrer immer aufge­putzten Mutier im unangenehmsten Protzentum.

Renate fühlte sich von ihnen abgchoßen und Mary machte sich heimlich über Dallerts lust^. (Seger Frau Werner benahmen diese sich hoch­mütig herablassend. Als ste nach der Ruckfthr der Schwestern den ersten Besuch in Rodenfels machten, kritisiert« das Dallertsche Familien­aberhaupt ie fast ungezogener Weise die »etwas

merkung knüpfen, daß man bedauern müsse, ihn in dieser Gesellschaft zu sehen, so wird daran zu erinnern sein, daß diese Gesellschaft keine andere ist, als sie nach den Wahlen von 1907 für die Zusammensetzung des Präsidiums in Aussicht genommen war. Hätte damals das Zentrum nicht abaelehnt, so würde sicher neben dem Era- en Stolberg als erstem Präsidenten von Anfang der Periode der Vizepräsident Dr. Spahn als solcher tätig sein und trotzdem ein Liberaler nicht Bedenken getragen haben, neben ihm als zweiter Vizepräsident zu fungieren. Vor 1907 haben die Liberalen ja auch nicht Bedenken ge­tragen, unter einem ersten Zentrumspräsidenten neben einem Konservativen als ersten Vize­präsidenten die zweite Dizepräsidentenstelle an­zunehmen. Jene Bemerkungen liefern daher nur einen neuen Beweis dafür, daß ein Teil unserer Liberalen das ruhige und unbefangene Urteil in politischen Fragen verloren hat und sich blindlings von Parteileidenschaft leiten läßt.

Landwirtschaftlicher Kreisverein.

)( Marburg, 4. Dez.

Dir heute im Saale des Restaurants Schultz abgehaltene Versammlung des Landwirtschaft­lichen Kreisvereins war recht gut besucht. Der ge­schäftliche Teil betraf Mitteilungen des Vor­sitzenden, Oekonomierat Dtreftor Dr. Hesse.

Bezüglich der im nächsten Jahre projektter- ten Vichausstellung hätten die Vorstände der Zuchwereine beschlossen, als Zeit hierzu die erste Woche des Monats Juni in Aussicht zu neh­men. Mtt Rücksicht darauf, daß im Jahre 1911 die Ausstellung der Deutschen Landwirtschafts Ge­sellschaft in Cassel stattfinde, sei es erwünscht, wenn sich die Landwirte dieser Gesellschaft anschlössen. Anmeldungen nehme der Vorstand entgegen. Dem Wunsche, Hrn. Prof. Dr. Römer über seine Erfah­rungen in Argenttnien bezüglich der Bekämpfung der Rindertuberkulose zu hören, dürste wohl in einer der nächsten Versammlungen näher getreten werden. Eine Anfrage bezüglich der in hiesiger Gegend vorkommenden Kalksteinlager ist von Wei- tershausen aus beantwortet worden. Es wird dort der sog. graue Wasserkalk gewonnen. Auf die früheren Versuche der Hedderich-Verttlg- ung eingehend, teilte der Vorsitzende weiter mit, daß in diesem Sommer der Hedderich sich wieder recht breit gemacht habe. Als gutes Bekämpfungs- mV'el habe sich das Bestäuben der Pflanzen in der ersten Woche des Mat mit Eisenvitriol-Salz be­währt. Man müsse es einrichten, daß zugleich in den Kreisen Marburg, Kirchhain und Frankenberg die Bekämpfung dieses Unkrauts in die Hand ge­nommen würde. Auf den Acker rechne man etwa 60 Pfund Eisenvitriolsalz. Herr Holly teilte auch das Resultat der letzteen Feststellung der Preise für Vieh und Getreide mit.

Die ausscheidenden Vorstandsmitglieder wur­den einsttmmig wiedergewählt. Der Vorsitzende machte dann interessante Mitteilungen über die

englische Landwirtschaft, die er aus Grund einer längeren Reise dort eingehend kennen gelernt habe. Er habe dort z. B. sehr gute Weizensorlen gefun­den und es sei nicht zu verwerfen, daß man auch hier bei uns einmal Versuche mit diesem Weizen mache. Ebenso habe er auch die Viehfarmen Eng­lands und Schottlands besichttgt. Besonders ge- ällen habe ihm die persönliche Pflege des Viehes eilens der Besitzer. Auf der Rückfahrt habe er dann noch Gelegenheit genommen, die belgische Landwirtschaft zu besichtigen. Auch diese habe sich seit 30 Jahren ganz bedeutend gehoben. Beson­ders leisMngsfähig seien hier die kleinen landwirt­schaftlichen Zwergbetriebe, die in den Seebädern gute Absatzquellen hätten. Trotzdem es dort viel Sand gebe, treffe man in Belgien doch noch sehr wenig Unland an. Die Flachsproduktion z. B. sei in Belgien auf einer Höhe, wie sonst nirgends. Auch die berühmte Pferdezucht, die der Redner sehr eingehend beschrieb, bringe der belgischen Landwirtschaft großen Gewinn. Dasselbe sei auch von der Kälbermast zu sagen.

Wetter stand die Abhalmng des nächsten Saat- marttes auf der Tagesordnung. Es wurde beson­ders darauf hingewiesen, selbstgeerntete Produkte auszustellen, damit sich der Saatmartt immer mehr hebe. Es sei Pflicht der Landwirte, den Saatmarkt in jeder Beziehung zu fördern und zwar dadurch, daß man ausstelle und vor allen Dingen auch kaufe. Es wurde beschlossen, den Saattnarft in der ersten oder zweiten Woche des Februar abzu­halten.

Weiler referierte der Vorsitzende über die Per-- Wendung des Kalkstickstoffes in der Landwirtschaft. Er schilderte die Bestandteile dieses Düngemittels, das stch etwas billiger stelle, wie der Chilisalpeter und diesem nicht nachstehe. Der Kalkstickstoff sei 14 Tage vor der Bestellung auf das Feld zu bringen, aber nicht als Kopfdünger. Im Kreise Kirchham und Frankenberg seien die Versuche recht gut aus­gefallen. Nachdem noch einige interne Vereinsange­legenheiten erledigt waren, wurde die anregende Versammlung geschlossen. Die Mehrzahl der Teil­nehmer vereinigte stch noch zu einem gemeinsamen Mahl.

Vermischtes.

Die zehn Gebote für die Ehefrau. In aller Stille hat ein amerikanischer Ebemann ein« Art Ehebibel für die Frauen ersonnen, die nach seiner Ansicht die einzig dauerhafte und wider­standsfähige Grundlage für ein Zusammenleben von Mann und Frau bedeuten. Der Schöpfer dieser Ehetheorie der Musikverleger Root aus Ann Arbor, Miohigan hat leider bei dem ersten Versuch einer praktischen Anwendung seines Systems eine bittere Enttäuschung erleiden müssen denn seine Gatttn, Frau Minnie Root, hat jetzt Scheidungsklage eingereicht und bei der Verhandlung voller Entrüstung diezehn Ge­bote" enthüllt, die zu befolgen ihr Gatte ihr bet der Heirat zur Bedingung machte. Sie lauten: Du sollst niemand heiraten als deinen eigenen

Da müssen Sie sich drüben in Leukersdorf Lei uns umsehen, meine Damen? Jedes Zimmer von A bis Z neu eingerichtet, ganz modern, das Neunte, das man hat. Die alten Schinken habe ich all« hinausgeworfen und an den Tröd­ler verkauft. Hätten es auch so machen sollen." sagte er, geringschätzig die schönen, alten Mode betrachtend.

In Marvs Augen funkelten tausend Schelme.

Meinen'Sie, Herr Dallert? Da wäre es wohl besser gewesen, wir hätten uns zuvor be Ihnen erkundigt, wie wir es machen sollten?"

Dallert schlug sich gewichttg aufs Knie, ohne den heimlichen Spott zu merken.Freilich, das hätten Sie tun sollen, darauf verstehe ich mich. Hier zum Beispiel dieser Salon, wie vornehm hätte er stch im Jugendstil gemacht."

Mary schnitt eine Grimasse. Das Wort JugenWil" fiel ihr immer auf die Nerven. Sie bezwang stch indessen, weil ihr Renate einen warnenden Blick zuwarf.

So hn Jugendstil meinen Sie?" sagte he mit naivem Gesichtsausdruck.

Unbedingt. Nicht wahr, Sally?"

Sally war Frau Rosalie Dallert, die ihren Vornamen scheinbar auch imJugendstil" mo­dernisiert hatte. Sie nickt« beisttmmend mit dem unglaublich ftistetten Kopf, auf dem sich ein mit Straußenfedern überladener Hut von unheimlichen Dimensionen wiegte.

Besuchen Sie uns nur recht ott mein« jun­ge,: Damen. Bei uns können Sie tn dieser Beziehung viel lernen. Meine Melanie malt selbst und ist sehr kunstverständig," sagte sie gönnerhaft gnädig. Melanie machte ein Gesicht, als vibrierte ihr kunstverständiges Nerven- system. Sie schlug mtt Anstrengung di« Bugen« übet empec ....

Mama, Du sollst doch davon nicht reden! Es ist mir peinlich, mit Laien von meiner Kunst zu sprechen." ,

Mama Dallert lächelte neckisch.Sre liebt es nicht, daß man ihr Talent bewundert, sie ist so sehr bescheiden. Aber wenn Sie uns wie­der besuchen, zeige ich Ihnen ihre Bilder. Sie hängen alle in unserem Empfangssalon."

Mary verneigte sich und wechselte einen ver­stohlenen Blick mit Renate und Frau Werner. Dieser Blick sollte sagen:Nun wissen wir doch, wer im Leukersdorfer Empfangssalon die gute Leinwand meterweise mit Spinat und Ei bestrichen hat." Dies Urteil hatte nämlich Mary über die Bilder gefällt, als sie den ersten Besuch in Leukersdorf gemacht hatten. Und auch die anderen hatten zugeben müssen, daß die Bildersihauderhaft" aussahen.

Mary war vor Amüsement sprachlos und Frau Werner suchte das Gespräch fottzuführen.

Es ist sehr schön, wenn jemand Talent und Kunststnn hat. Ihr Fräulein Tochter wird Ihnen viel Freude damit bereiten."

Frau S«Dy nahm ihr Stiellorgnon vor die Augen und sah unendlich vornehm und mit zu­sammen gekniffenen Augen zu der alten Dame hinüber, sie von oben bis unten messend.

Das verstehen Sie wühl kaum, meine Liebe," erwiderte sie in einem Ton, in dem man wohl einen lästigen, vorlauten Dienstboten abferttgt.

Um Frau Werners Mund spielt« ein feines Lächeln, aber in Renates Gesicht stieg eine dunkle Röte. Es war nicht das erste Mal, daß Dallert» sich Frau Werner gegenüber im Ton vergriffen. Sie trat schnell an die Seite der alten Dame und legte vertraulich ihren Ar« um deren Hals. .... _ ..

wirklichen Geliebten; weder für Geld noch NM einer gesellschaftlichen Stellung willen, noch wegen deiner Trägheit. Zweites Gebot: Du sollst den Mann mit hundert Augen ansehen, bevor du ihn heiratest, aber nachher sollst du Scheuklappen tragen. Drittes Gebot: Du sollst deinen Mann nehmen, wie er ist. Er ist ein guter Kerl und den Mann, den du erträumst, gibt es nicht. Viertes Gebot: Du sollst Zimbeln schlagen und deinen Gatten zu deinem Herren erklären. Fünftes Gebot: Du sollst nicht be­gehren die kostbaren Roben deiner Nachbarin noch ihre Diamanten noch ihre Pelzüberwürfe, noch ihre seidenen Strümpfe, noch ihr Gesicht, noch ihren Gatten, kurz nichts, was deines Nach­bars ist. Sechstes Gebot: Du sollst keine Schul­den machen. Siebentes Gebot: Du sollst keine Küsse und Zärtlichkeiten an Katzen ver chwenden und keinen Schoßhund an deine Brust drücken. Achtes Gebot: Du sollst dich nicht solchen Tor­heiten hingeben, wie dem Genuß eines Feier- tagscoctails oder heimlicher Zigaretten. Neun­tes Gebot: Gedenke des Waschtages, aber schicke die Hemden in eine Waschanstalt. Das zehnte Gebot aber lautet endlich: Ehre deinen Gatten, auf daß du dich nicht entehrest. . . .

Literarisches.

* In sh all ah. Türkische Impressionen. Von Birger Moerner. Deutsch bon Marie Franzos. In Buchausstattung bon E. R. Weiß. Preis geh. 3,50 X, in biegsamem Leinenband 5 X. Der Verfasser dieses überaus reizboll und eigenartig ausgestatteten Buches führt uns in seiner Doppeleigenschaft als Dich, ter und Diplomat in der liebenswürdigsten Weis« durch das ottomanische Reich. Wie in einem farben- schimmernden Kaleidoskop huscht das bewegte, traum­hafte Leben an uns vorüber. Die Kuppeln der Mo- scheen flimmern, die Scheiben des Serails leuchte« wie Edelsteine, süße, berauschende Düfte steigen auS tausend alten Gärten auf, und aus den geschlossenen Fensterluken klingen die Töne wunderlicher Satten, spiele. An der Hand des feinsinnigen Autors durch­wandern wir Konstantinopel, Pera, Starnbul. Galata. Paläste, Klöster, Moscheen, Bazare, ja sogar das alte Sternenschloß der Dildiz öffnen uns ihre Pfor. ten, und taumelberauscht versinken wir tiefer tn Mo­hammeds Seligkeitswelt. Dazu erhalten wir Ein- tritt in die diplomatischen Kreise: Wir lernen btt Gesandten der Weltmächte kennen, die Bokscbo^er der kleineren Staaten. Minister, Großveziere und sonstme hohe Würtenträger, und entwirren so dte Faden, bte die Welt Omars mit dem Abendlande verbinden.

»* Anny Demling, Oriol Heinrichs Frau. Roman. Bd. 2 von Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) Letcht geb. 1 X, in Leinen 1,25 X. In diesem Roman stellt sich ein bisher unbekanntes, vielverfprechendes Talent vor. Schon der Stoff des Buches erfreut durch ferne Frische und Unverbrauchtheit; Anny Demltng fuhrt den Leser in eines jener weinbauenden Dörfer de» südwestlichen Deukschlands, deren Leben fast wie von einem leisen Rausch befangen erschemt. Man »st wohlhabend, genußsüchtig, leichtsinnig; sowohl der Einzelne als auch die Gesamtheit, dte stch tn aUerlet 0[ten Bräuchen manchen Vorwand zum Trunk und Tanz geschaffen hat. Oriol Heinrich tst ent typischer Vertreter dieser Lebenstendenzen: seine p,-rau ist,e» nicht ganz; sie stammt aus der ärmeren Schicht, eine zartere Liebe hat sie berührt, und wenn ste sich auch von dem lauten Treiben ergreifen und betäuben laßt, so wird sie doch nicht heimisch darin Wte dieser Ge. gensah immer stärker wird und schließlich zur Tren«

Der A-fchied war beiderseitig sehr kühl. Mama Dallert sagte unterwegs sehr inbtgmett -u ihren Töchtern: ..Diele Frruletns^ Coul. mann haben schlechte Manieren. Ich wurde es nie dulden, daß Ihr so vertraulich gegen Untergebene seid. Man merkt, es fehlt ihnen die Mutter." m ,

Renate aber bat indessen Frau Werner herz­lich um Verzeihung, daß sie die Anmaßung der Frau Dallert nicht energischer gerügt hatte, weil sie mit den nächsten Nachbarn Streit ver­meiden wolle.

Frau Werner meinte lachend:

Machen Sie sich doch darum keine Kopf­schmerzen, Fräulein Renate. Leute _ wie Dallerts können mich wirklich weder kranken noch beleidigen."

Mary umfaßte Renate lachend.Nimm doch diese Leute um Himmelswillen nicht ernst, Renate Das sind ja wahre Kabinettstuckchen menschlicher Selbstüberhebung. Ich habe mich köstlich amüsiert. Wenn die Brüder Trautmann nach Rodenfels kommen, muß ich ihnen diese illustre Familie als Sehenswürdigkeit vor­führen. Wie dasGenie" Melanie die Augen- braunen emporzog und von der eigenenEroß« überzeugt auf uns gewöhnliche Sterbliche her- absah wundervoll. Und Mama Dallert mit ihrem Schildpattlorgnon solch ein Lorgnon muß ich haben, es sieht zu vornehm aus.

Sie roiiMt« Renate Übermütig im Simmet herum, stellte sich dann, Mama Datiert kopie- rend, in die Mitte des Zimmer» und sagte in geschraubtem Tonfall: ,;Bei uns könne« Sb; viel lernen. Meine Melanie malt selbst und ist sehr kunstverständig." r i , , *

Frau Werner und Renat« mußten lache«. ' j. . ... (Fortsetzung folgt.) >