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44. Jahrg.

Erstes Blatt

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Die heutige Nummer umfaßt 3 Blätter.

Marburg

Ionntaa, 21. November 1909.

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81.

Marburg und Umgegend.

(Nachdruck aller Originalartikel ist gemäß § 18 de» Urheberrechts nur mit der deutlichen Quellenangabe .Oberheff. jjtg.' gestattet.- <

Marburg. 20. i

)( Elisabeth-Verein. AlljährUcy 19. Ti», vember, am Todestage der heiligen Eli'abeth, hält der Elisabeth-Verein im Elisabethhause sein Jah­resfest ab. Auch gestern hatten sich hierzu zahl­reich« Freunde und Gönner des Vereins im sest- ltch geschmückten Saale dort eingefunden. Die kleinen Mädchen und Änaben, die im «Elisabeth- Hause Aufnahme gefunden, nahmen ebenfalls wie immer an der Feier teil. Die Kleinsten wurden von jungen Dame«, welch« die Schwestern dort bet ihrer ost schweren Arbeit unterstützen, auf dem Arm getragen. Die Feier wurde um Uhr mit gemeinsamen Gesänge eröffnet. Hierauf folgt« eine erbauliche Ansprache mit anschließender herz­licher Begrüßung seitens des Herrn Pfarrer Heer­mann. Er widmete dabet auch dem tm letzte« Jahr« dahtngeschtedenen langjährigen Vorstands» Mitgliedern d«S Eltsabeth-VereinS, Frau Sauer und Oberlehrer Dr. Leimbach warme Rackrufe, Beide hätten sich große Verdienste um den Elisa- beth-verein erworben und sich voll und ganz diesem gewidmet. Nachdem der Jungstauen- Verein und dann auch die Kinder einige Gesänge zum Vortrag gebracht halten, erstattete Herr Pro­fessor Dr. Freund, der als Schriftführer deS Ver- etnS die Funkttonen deS Oberlehrers Dr. Leim> bach übernommen hat, den 30. Jahresbericht. Auch er gedacht« zunächst der beiden verstorbene« Vorstandsmitglieder und forderte auf, in ihre« Sinne Wetter zu arbeiten. Wie > das Elisabetb- hau» anbelange, so hätten tm letzten Jahre dort durchschnittlich 2§32 Kinder Aufnahme und liebevolle Pfleg« gefunden. Die Kletnstndersckule würde von etwa 70, die Ktnderflickschule von etwa 20 und der Jungstauen-Verein von etwa 25 Teil­nehmern besucht. Gerade der letztere verdiene die Unterstützung der Herrschaften, denn tm Jung» stauen-veretn seien die jungen Mädchen in ihren steten Stunden bestens aufgehoben und würden vor mancher Versuchung bewahrt. Auch der Näh- und Flickveretn armer Frauen, die Montag abend- im ElisabethhauS zusammenkommen, verdiene Be­achtung. Daß di« Gemeindeschwestern im Elisa­bethhause eine segensreiche Wirksamkeit entfaltet hätten, gehe schon daraus hervor, daß sie «. a. tm letzten Jahre 1866 Krankenbesuche und 63 Nachtwachen geleistet hätten. Außerdem seien durch sie für 938 Jt Unterstützungen ausgeteilt worden. Auch tm Julienstist im Leckergäßchen würde die Kinderschule von 60, der Flickabend von 40 Kindern und der Jungftauen-Verein von 35 Mädchen besucht. Zu den Räh- und Flickabenden fanden sich 45 Frauen ein. Die Schwestern dort führten u. a. 2549 Krankenbesuche und 72 Nacht­wachen auS; ferner wurden für 1006 M Unter­stützungen verteilt. Der Redner danste besonder- den jungen Damen, welche die Freundlichkett haben, die Schwestern in ihrem Berufe zu unter­stützen; hofsenttich fänden sich immer mehr, die an solchem Tun Gefallen fänden. Mtt seinen DankeS- worten an alle diejenigen, welche den Elisabeth-, Verein mtt Mitteln versehen haben, verband et den Wunsch, daß Marburgs Einwohnerschaft den Elisabeth-Verein immer mehr fördern möge, damtt er Wetter im Sinne der heiligen Eftsabech segens­reich wirken könne. Während nun die Festteil-' nehmer mit Kaffee und Kuchen bewirtet wurden,' wechselten noch weitere Ansprachen und Gesänge' ab. Jedenfalls ist der Elisabech-Verein und da»' Elisabethhaus eine segensreiche Einrichtung für

Ausland.

** Ungarn. Budapest, 19. Nov. Sämtliche Mitglieder des ungarischen Kabinett« begebe« sich am Sonntag Nachmittag nach Wien, um an der für Montag anberaumten Sitzung be» Kron­rats teilzunehmen, der vermutlich mehrere Tage dauert. Vor dem Kronrat wird Graf Julius Andrassy vom Kaiser in besonderer Audienz empfangen werden, welche der endgültigen Re­gelung der militärischen Forderungen Ungarns gilt.

** Frankreich. Paris, 19. Nov. Infolge der Vorgänge beim Steinheilprozeß brachte der radikale Deputierte Miquillet den Antrag ein, daß Zeugen in jedem Strafprozeßverfahren bei ihrem Verhör durch den Untersuchungsrichter den Beistand ihres Advokaten in Anspruch neh­men können. Aus Rom wird gemeldet, die Rede des Papstes beim Empfang der französi­schen Pilger habe in katholischen Kreisen großen Eindruck gemacht. Namentlich die Stellen, wo der Papst die Freiheit für die Kirche in Frank­reich verlangt, wo er von einer Kampfperiode spricht und auf die Vertreibung der Geistlichen, die Verurteilung des Kardinals Andrieux und insbesondere auf die Schuldfrage anspielt, hät­ten ein nachteilige Wirkung hervorgerufen.

** Die französisch« Finanzreform. Paris, 19. Nov. In der Kammer setzte Doumer in der Eeneraldiskussion über das Budget seinen Be­richt fort. Er verglich das französische Budget mit dem deutschen. Der Reichstag bewilligte 520 Millionen an neuen Steuern oder an Steuererhöhungen, die dieselben Gegenstände träfen, die auch in Frankreich besteuert würden. Doumer erklärte, die Anträge auf Ablehnung der neuen Steuern en bloc für unannehmbar, daß aber die Kommission und die Regierung be­reit seien, die Steuern im einzelnen zu beraten und wenn nötig, abzuändern. Die Ausgleichung des Budgets sei eine Bedingung für die Ver­wirklichung der Arbeiterversorgung und für die Wohlfahrt des Landes. Der Finanzminister Cochery wies nach, daß der Wohlstand des Lan­des in gleichem Maße zugenommen habe, wie di« Budgets gewachsen seien. Er habe vor allen Dingen ein klares Budget aufstellen wollen. Er fllaube aber nicht, daß bei dem Marineetat Er- parnisie gemach werden könnten. Die Welt müsse die Empfindung haben, daß Frankreich in finanzieller Hinsicht stark und mächtig sei. Cochery lehnte es ab, ztt kurzfristigen Schuld­verschreibungen seine Zuflucht zu nehmen, die nur eine verhüllte Anleihe sein würden. Auf die Rede Jaurtzs erwiderte der Minister, die Regierung werde vielleicht demnSM veran-

Z I I I M

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentl. Unterhaltungsbeilage) undLandwirtschaftliche Beilage".

Die InsertionSgebühr beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 3) Pfennig. Druck und Verlag: Joh. Auq. Koch, Ilnioergtät-buchdruckerel Inhaber Dr. L. Hitz «rot h, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

ständiger diese ist, umsomehr wird es ihr mög­lich sein, freundliche Beziehungen zu anderen bürgerlichen Parteien zu pflegen. Das Weitere behalte ich der mündlichen Aussprache vor."

Zum neue« Etat. Berlin, 19. Nov. Die Nordd. Allg. Ztg." teilt Einzelheiten aus dem neuen Etat mit: Zur Entlastung des Staats­sekretärs und des Unterstaalssekretärs des Aus­wärtigen und im Hinblick auf die Wichtigkeit der politischen Geschäfte des Auswärtigen Amts soll ein älterer Vortragender Rat der dem Staatssekretär unmittelbar unterstellten poli­tischen Abteilung in der Eigenschaft eines Diri­genten mit einem Teile der einschlägigen Ge­schäfte betraut werden, wodurch zugleich zur Si­cherung der Einheitlichkeit der Geschäfte beige­tragen würde. In Adana und Trapezunt sollen Generalkonsulate errichtet werden. Die Fonds zur Förderung deutscher Schul- und Unterrichts­zwecke soll um 50 000 M erhöht, die Fonds für Kurier- und Reisekosten, für den Umzug von Beamten usw. sind herabgesetzt worden. Bei dem Reicksamt des Innern find als erste Rate für die Beteiligung an der Internationalen Kunst- ausstellunq Rom 1911 80 000 M eingesetzt; die Gesamtkosten betragen 340 000 <AL. Das Reich wird einen etaenen Pavillon errichten. Im Post­etat sind für Fernsprechzwecke 25 Millionen gegenüber 45 Millonen tm Vorjahre ausgewor­fen. Die Steigerung in der Entwicklung des Fernsprechwesens hält an. Bei der Reichs­druckerei ist ein Mehrüberschuß von 892 2.0 .<< angenommen. Bei der Verwaltung der Reicks- eisenbahnen erscheinen neue erste Raten im Or- dinarium des ordentlichen Etats diesmal nicht.

Hohe Jagdpachten. In Thüringer Blättern liest man:lieber exorbitante Jagdpacktsteige­rungen wird geschrieben: Die Jagd in Witterda kostete vordem 800 M, jetzt zahlen 9 Erfurter Fleischermeister dafür 2200 JK und sie haben zur Erpachtung wetterer Jagden auch noch einen Re­servefonds von 1800 M gesammelt. Fünf andere Erfurter Fleischermeister haben Rissa und Urbich zu einem ebenso horrenden Preis gepachtet. Bor wenigen Tagen stand Tiefthal zur Verpachtung; dies wurde bisher mit 630 M bezahlt, jetzt hatten 3 Erfurter Fleischermeister das Höchstgebot mtt 1520 JH.

Deutsches Reich.

Eröffnung des Reichstages. Berlin, 19. November. Nach einer Bekanntmachung des Staatssekretärs des Innern als Vertreter des Reichskanzlers wird die Eröffnung des Reichs­tages am 30. November mittags 12 Uhr im Weißen Saale de Königlichen Schlosses statt­finden. Der Eröffnung wird ein Gottesdienst im Dorn um 11 Uhr und in der Hedwigskirche um WA Uhr vorangehen.

Der Kieler Werftprozetz. Kiel, 19. Nov. Der Privatdetektiv Einfeldt, der im Werftpro­zeß als Zeuge vernommen und unter dem Ver­dacht des Meineids verhaftet worden ist, wurde aus der Haft entlassen.

Graf Stollberg und die Lage. Berlin, 19. Nov. Der PräfLent des Reichstages, Graf zu Stolberg-Wernigerode, gab in seinem Wahl­kreis folgende Erklärung ab:Auf mehrfach aus meinem Wahlkreis an mich ergangene Anfragen erkläre ich, daß ich durch Krankheit verhindert war, an der Abstimmung über die Erbanfall« steuer teilzunehmen. Im übrigen würde, wenn die Steuer in dieser Abstimmung angenommen worden wäre, die Finanzreform gescheitert fein, und wir hätten gegeiber einer unbestimmten Zukunft gestanden. Der Voraussicht nach ist bei sparsamer Wirtschaft der Bedarf für das Reich gedeckt. Wir werden uns bis auf weiteres mit neuen Steuern nicht zu beschäftigen haben. Es würde also ebenso gegenstandslos wie verderb­lich sein, wenn man die Meinungsverschieden­heiten, die während der Beratung der Finanz­reform zwischen Gestnnungsgenossen bestanden haben, jetzt fortspinnen oder neu beleben wollte. Gerade jetzt bedürfen wir der Pattei. Je felb-

sehen, auf der anderen Sette stehen aber auch große Schwierigketten tm Wege. Zunächst die Religionsunterschiede. Man hat ja vor eini­gen Jahren, als Prinzessin Ena zum Katholi­zismus übertrat, deutlich gesehen, was ein sol­cher Schritt für einen Eindruck in einflußreichen englischen Kreisen machte, ganz abgesehen da­von, daß es der jungen Königin bis taite noch nicht gelungen ist, sich die Sympathien der Be­völkerung ihres Landes zu erwerben. Endlich sind die unsicheren Verhältnisse in Portugal selbst nicht zu vergessen. Der jetzige Besuch de» jungen Königs bereitet z. B. der Londoner Po­lizei die größten Sorgen. Die schärfsten Vor­sichtsmaßregeln find getroffen worden, da einige gefährliche Anarchisten aus ihrem gewöhnlichen Aufenthaltsort verschwunden sind und sich nach London begeben haben. Es ist also zum minde­sten sehr fraglich, ob König Eduard seine Zu­stimmung zu einer solchen Verbindung geben würde.

Die Nachricht von dem Bombenattentat auf Lord Minto muß als ein sehr ernstes Symp­tom bevorstehender neuer Revolten in Indien angesehen werden. Es ist sicher, daß jede große politische Verlegenheit Englands auf indischem Boden blutigen Widerstand finden wird. So­wohl liberale Reformen, wie das System der eisernen Faust haben bisher in Indien versagt. Die Gründe der Gegensätze liegen in der noto­rischen Geringschätzung, die der Engländer den einheimischen indischen Rassen entgegenbringt, deren Selbstgefühl in dem Maße wächst, wie die Bildung ihrer Führer.

Der latente Konflikt zwischen Rußland und Finnland ist in ein akutes Stadium ge­treten. Der finnische Landtag hat das Verlan­gen der russischen Regierung, Kredite für die russische Armee zu bewilligen, abgelehnt. Wahr­scheinlich wird nun ein kaiserlicher Ukas di« Entnahme von 25 Millionen Mark aus dem Staatsschatz des Eroßfürstentums auch ohne Be- milliguna anordnen. Große Truppenmassen find schon nach Finnland eingerückt, um jeben et­waigen Widerstand mit Waffengewalt zu brechen.

In A rn e r i k a droht die von der Regierung eingeteitete Untersuchung in der Zollhinter­ziehungsaffäre des Zuckertrusts. Enthüllungen skandalösester Art zu bringen. Die Regierung soll nach dem bi sheriqen Ergebnis der Unter­suchungen durch die Manipulationen des Trusts, an denen auch Regierungsbeamte beteiligt ge­wesen find, um nicht weniger als 70 Millionen Dollar geschädiat worden fein. Hobe Beamte in Washington sollen bereits seit Iahrn von die­sem Treiben Kenntnis gehabt haben, ohne da­gegen einzuschreiten, ja im Gegenteil den Trust sogar noch protegiert haben. Es ist auch öffent­lich konstatiert worden, daß bereits dem Präsi­denten Roosevelt und dem damaligen General» staatsanwalt genügend Material zur gericht­lichen Vettolgung dieser betrügerischen Manipu­lationen unterbreitet worden ist, daß aber von beiden keine Maßnahmen ergriffen wurden, ob­wohl die Zeitungen wochenlang die Forderung erhöhen hatten, daß die Leiter des Zuckertrusts zur Verantwortung gezogen würden. Man sieht allo, gerade die Republiken find ein guter Nährboden für Durchstechereien aller Art.

DieSberhesftsche Jettnng" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel- jährlich durch di« Post bezogen 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei unfern ZeitungSftrllen und der Expedition (Markt 21,) 2 Mk.

Umschau im Auslande.

Die österreichisch -russischen Erörterun­gen über die Genesis der Annektierung von Bosnien und der Herzegowina haben leider noch immer kein Ende gefunden, obwohl diese Verhandlungen jetzt doch nur noch ein historisches Interesse haben, auf dessen Befrie­digung kaum gerechnet werden darf. Die zu­tage gekommenen Bruchstücke der Verhandlungen Überzeugen nicht, unter allen Umständen bleibt aber als unerschütterliche Tatsache fest bestehen, daß Rußland durch das Vorgehen Oesterreichs keineswegs überrascht gewesen ist und im vor­aus seine Zustimmung gegeben hat. Das soge­nannteAide-Memoire" Iswolskis über diese . Angelegenheit liegt im Wiener Ministerium, und daß seine Veröffentlichung und Bekamtt- gebung für weite Kreise unterbleibt, kann eher zu einer Verbesserung als Verschlechterung der Beziehungen der beiden Staaten zueinander bei­tragen.

Wie wett die Spaltung der Unabhängigkeits- ,partei in Ungarn zu einer gesunden Entwick­lung führen wird, läßt sich schwer voraussagen. Das Iusthsche Programm ist schlechthin un­annehmbar, denn es will von Koalition mit an­deren Parteien nichts wissen. Es besteht dar­auf, daß die Ungarische Bank von 1911 ab autonom sein soll, ist in der Armeefrage iebem Kompromiß abgeneigt und verlangt eine Wahl­reform auf Grundlage des allgemeinen Stimm­rechts, das bei konsequenter Durchführung den Madjaren zweifellos wieder die Stellung rau­ben würde, die Justh anstrebt. Demgegenüber erscheint Kossuth beinahe als gemäßigt. Die wahrscheinliche Lösung wird wohl dahin führen, dast Dr. Wekerle zurücktritt und Graf Andrassy das Ministerium bilden wird mit einem Pro­gramm, das das Jufthsche wieder über den Haufen wirft.

In F r a n k r e i ch ist die vergangene Woche fast ganz von dem Prozeß Steinheil ausgefüllt worden. Und doch war es keine politische Ange­legenheit wie der Panama- oder Dreyfus- Prozeß. Und wenn auch hier eine politische Persönlichkeit ersten Ranges, der ehemalige Präsident der Republik Felix Faure, mit hinein» gezogen wurde, so ist das höchst unerfteulich und diente nur dazu, ein eigenartiges Sittenbild der französischen Gesellschaft zu vervollkommnen. Der Ausgang des Prozesses hat zwar niemanden befriedigt, die Schuld der lässigen Voruntev- suchung und eines mangelnden Willens, die Wahrheit auftudecken, scheint es zu fein, daß ein schweres Verbrechen ungesühnt bleiben muß. Es ist nur zu wünschen, daß die Hauptperson des Prozesses sich nach Möglichkeit der öffent­lichen Diskussion entzieht. Weit wichtiger ist es, daß der französische Klerus den Kampf gegen die Schul- und Kirchengefetze des Staates wieder ausgenommen hat, unb zwar mit außerordent­licher Leidenschaftlichkeit. Allem Anschein nach will sich eine katholische Partei, eine Art französisches Zentrum bilden, und da bei dem Prozeß der Trennung von Kirche und 'Staat vielfach mit großer Härte vorgegangen (ist, so wird die neue Partei sicherlich und na# mcntlich im Süden großen Anklang finden. Ein 'hartes Unrecht war die völlige Verbannung des Religionsunterrichts aus den Schulen, die es er* möglich!, daß ein Teil der Jugend ohne jegliche Erziehung zum Christentum auftvachsen kann. Die sittlichen Gefahren dieser Erziehungs­methode werden sich an der neuen Generation schon zeigen. Interesse für uns bieten auch di« Verhandlungen über das Budget in der De­putiertenkammer. Man befürchtet, daß die vor- geschlagenen Steuern auf Alkohol, Tabak und Erbschaften die äußersteGrenze der Besteuerungs- Möglichkeit erreichen werden. Di« Steuern in Frankreich machen schon jetzt 18 v. H. des Nationaleinkommens aus, in Deutschland und England dagegen nur 12 v. H. Trotzdem hat Deutschland noch seine Marine und Arbeiterfür- fotge ausbauen können, was für Frankreich, das allmählich auf ein Fünfmilliardenbugdet los­marschiert, nicht gilt. Nebenbei bemerkt, hat Frankreich seit zehn Jahren für feine Marine 3 Milliarden ausgegeben, Deutschland nut 2 Milliarden.

Der junge König von Portugal, der zum Besuch am englischen Königshofe weilt, ist überall mit großem Enthusiasmus empfangen worden. Es ist viel davon die Rede gewesen, «daß König Manuel, der unter so tragischen Umständen den Thron von Pottugal bestiegen hat seine Verlobung mit einer englischen Prin­zessin feiern werde. Sicherlich wird in portugie- fischen Kreisen eine solch« Verbindung gern ge­

loht fein, sich mit dem Alkohol- und dem Ver« ficherungsmonopol zu befassen. Da sie die not­wendigen Mittel durch ein so ausgezeichnetes Instrument, wie fie die Einkommensteuer fein würde, nicht beschaffen konnte, mußte sie sich an den Luxus halten. (Bewegung.) Die Vorschläge des Ministers feien übrigens nicht unantastbar. Die Regierung stimme mit der Budgetkommis- fion überein und trachte vor allem danach, ein ehrliches Budget aufzustellen, das Mittel für die sozialen Reformen liefere. Die Ausführun­gen des Ministers werden von lebhaftem Bei­fall begleitet. i

** Dänemark. Kopenhagen, 19. Nov. Der Folketing beschloß, einen Ausschuß zu ernennen, der die Berliner Men, die über die Angelegen» heit des ehemaligen Justizministers Alberti vorliegen, untersuchen und sich ferner mit der Frage befassen soll, ob gegen die ehemaligen Minister L. E. Christensen und Sigurd Berg Reichsgerichtsanklage anzustrengen fei. Der Ausschuß ist gehalten, in spätestens vierzehn Tagen Bericht zu erstatten. i

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