li. Jahrg.
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>6? OftQ Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt mertel- •/■=. “VÖ jährlich durch die Bost bezogen 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei
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deutsche Flotte nur gegen Großbritannien und seine Herrschaft zur See bestimmt sei. Denn zum Schutz der deutschen Kolonien brauche man keine so starke Flotte. So lange man aber in Deutschland mit Rüstungen zur See fortfahr«, könne von einem gegenseitigen Vertrauen keine Rede sein, mit schönen Worten sei dagegen nichts anzufangen. Auch die Rede Dernburg könne daran nichts ändern. Man wolle in England Taten sehen, aber nicht immer Worte hören! —
Da ist nun einmal nichts zu ändern.
Zuhältern zu dienen. — Es bestätigt sich, daß di« Vereinigungen der Volksschullehrer und Lehrerinnen Frankreichs, die über 100 000 Mitglieder zählen, gegen sämtliche französischen Erzbischöfe und Bischöfe wegen deren jüngsten Hirtenbriefes, in welchem der verderbliche Ein- Einfluh der weltlichen Volksschulen geschildert wurde, eine Schadenersatzklage vor dem Zioil- gericht angestrengt haben mit der Begründung, daß den Lehrern hierdurch ein unleugbarer moralischer und materieller Nachteil zugefügr worden sei. Die Lehrervereinigungen verlangen von jedem Bischof einen Schadenersatz von 5000 Francs, welche Summe sie den Schulkaffen zuwenden wollen.
** Von der englischen Flotte. London, 7. November. Wie der „Observer" erfährt, beabsichtige die Admiralität bei Sempa Flow) (Orkneyinseln) Arbeiten in Angriff zu nehmen, um diesen Punkt zur Operattonsbafis für einen Teil der Heimatsflotte zu machen.
** Roosevelt. Rom, 6. Nov. Di« hiesige amerikanische Botschaft hat auf eine Anfrage nach dem Befinden Roosevelts aus Nairobi von einem Freunde Roosevelts ein Antworttelegramm erhalten, demzufolge dort gestern ein Telegramm Roosevelts eingetroffen fei, nach dem dieser sich wohl befindet und augenblicklich bei Lord Delamare weilt. — London, 6. Nov. Der Berichterstatter des Reuterschen Bureaus in Mombasi telegraphiert: Es besteht guter Grund zu der Annahme, daß die über Roosevelt verbreiteten ungünstigen Gerüchte unbegründet sind. Weder nach Mombasa, noch nach Nairobi sei eine Nachricht über eine Erkrankung oder einen Unfall Roosevelts gelangt. Die Behörden und Privatleute seien eifrig bemüht, ein« Verbindung mit Roosevelt herzustellen.
** Die Lage in Griechenland. Athen, 6. Nov. Die „Agence d'Athenes" bezeichnet di« in der europäischen Preffe mehrfach verbreiteten Gerüchte über die Lage in Griechenland, so die Meldung, daß die königliche Familie sich an Bord eines englischen Kriegsschiffes begeben habe, als tendenziöse Erfindungen, die jeder Begründung entbehren. Nach der schnellen energischen Unterdrückung der Marinerevolt« ist die Lage wieder einmal normal geworden. Die Kammer setz« die Arbeiten ordnungsmäßig fort. Im ganzen Königreich herrsche vollkommene Ordnung. Die Bevölkerung gehe ruhig ihrer Beschäftigung nach. Die immer wieder auftauchenden Gerüchte über die Abdankung des Königs seien ebenfalls falsch. Diesen und ähnlichen Gerüchten müffe man mit dem größten Mißtrauen begegnen, da sie in keiner Weise der wahren Lage des Landes entsprächen.
** Die Spanier in Marokko. Paris, 6. Nov. Nach Madrider Privatmeldungen handelt es sich bei den angekündigten, unmittelbar bevorstehenden Operationen im Riffgebiet lediglich darum, die spanische Einflußsphäre von den Riffleuten zu säubern und eine Linie von starken, ständigen Militärposten zu errichten. Es heißt, die Regierung wolle angesichts der beunruhigenden Meldungen über den Gesundheitszustand des Ex- püniionsheeres die unerläßlichen Operationen jetzt zu Ende führen, da sie fürchtet, daß mit Eintritt der Regenzeit die Krankheitsfälle noch mehr zunehmen könnten. — Melilla, 6. Nov.
Marburg unÄ Umgegend.
(Nachdruck aller Originalartikel ist gemäß § 18 Del UrbeberrechtS nur mit der deutlichen Quellenangabe .Oberheff. Zig.' gestattet.)
Marburg, 8. Nov.
• Ein Marburger Direktor der Nationalgalerie in Berlin. Profeffor Dr. Jufti, erster ständiger Sekretär der Königlichen Akademie der Künste, wurde zum Direktor der Nationalgale- r i e ernannt. Der neue Direktor der Nationalgalerie ist ein Marburger. Er ist am 14. März 1876 in Marburg geboren. 1898 promovierte er in Bonn und habilitierte sich 1901 an der Berliner Universität. 1903 wurde er a. o. Profeffor für mittlere und neuere Kunstgeschichte in Halle, 1904 Direktor des Städelschen Kunstinstituis in Frankfurt und 1905 folgte er einem Rufe als erster ständiger Sekretär der kgl. Akademie der Künste in Berlin. Mr freuen uns, daß diese bedeutend« Stellung in der Kunstwissenschaft dem Sproß einer alten berühmten Marburger Gelehrtenfamilie zu teil wurde.
* Musikalische Aufführung. Zur Feier von Friedr. v. Schillers 150. Geburtstage bringt der Chor der höheren Mädchenschule am Mittwoch, den 10. November, abends 6 Uhr, des Meister- „Lied von der Glocke', komponiert von Albrecht Brede, zum Vortrag. Die noch ziemlich neue Komposition wurde seit der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits von mehr als 300 Schulanstalten des Jn- und Auslandes aufgeführt, gewiß ein Beweis von der Vortrefflicbkeit des Werkes. Die einzelnen Abschnitte des Gedichtes sind in Chören und Arien höchst wirkungsvoll und charakteristisch vertont. Die Ausführung der Solls (Sopran und Alt) geschieht durch anerkannt tüchllge Kräfte. Da daS Werk hier zum ersten male zur Ausführung kommt, so dürfte demselben wohl besondere Beachtung zuteil werden.
• Studentische Unterrichtskurse. Wie unsere Leser schon aus dem Anzeigenteil des Sonntagsblattes ersehen haben, fangen die Kurse heute
Marburg
Dienstag. 9. November 1909.
Ausland.
** Frankreich. Paris, 7. Nov. Der Kriegs- nnnrster erklärte «inem Berichterstatter, daß «i sich infolge der ihm zugegangenen Mitteilungen über di« der Armee einverleibten, wegen gemeiner Delikte verurteilten Rekruten veranlaßt sehen dürfte, im Parlamente eine Abänderung des Gesetzes von 1906 zu beantragen, durch welches die afrikanischen Strafbataillone aufgehoben wurden. Man könne — äußerte der Minister — in der Tat anständigen jungen Leuten nicht zumuten, an der Seite von Dieben und
Deutsches Reich.
— Taufe im Kaiserhaus«. Potsdam, 6. Nov. Heute Abend fand die Taufe des dritten Sohnes des Kronprinzenpaares im Marmorpalais in Gegenwart des Kaiserpaares und der geladenen Gäste statt. Der Prinz erhielt den Namen Hubertus Carl Wilhelm.
— Deutschland und die Lage in Griechenland. Karlsruhe, 6. Nov. Der „Süddeutschen Reichskorrespondenz" wird unter dem 4. cr. aus Berlin geschrieben: Ein ausländisches Blatt läßt sich berichten, Kaiser Wilhelm habe der griechischen Königsfamilie den Rat gegeben, nach Korfu zu gehen und dort die Entwicklung der Dinge abzuwarten. Auch habe er die baldige Rückkehr des Kronprinzen empfohlen, der mit seiner Familie im Schloß Achilleion wohnen solle. Bei der Hartnäckigkeitv, mit der solche Dinge verbreitet werden, ist es nicht überflüssig, sie ausdrücklich als Erfindungen zu bezeichnen, Die deutsche Politik beobachtet den Vorgängen in Griechenland gegenüber eine wohlerwogene Zurückhaltung. Ilm so mehr muß es auffallen, daß immer wieder versucht wird, die Vorstellung eines deutschen Eingriffes in die Entwickelung der hellenischen Krisis hervorzurufen. Wenn wir einen Wunsch haben, so ist es der, daß Griechenland aus eigener Kraft den Weg in in ein normales Verfassungsleben zurückfinden möge. Daß dazu auch die Erhaltung der Dynastie gehört, ist keine von außen aufgedrungene Forderung, liegt vielmehr in den Interessen de-^ Hellenismus selbst begründet.
— Deutschland und Amerika. Philadelphia, 7. Nov. Auf Einladung und Wunsch der amerikanischen Akademie für Sozialpolitik hielt der deutsche Botschafter Graf Bernstorff einen beifällig aufgenommenen Vortrag über das Thema: „Deutschland als Weltmacht". Bernstorff, der von dem früheren amerikanischen Botschafter in Berlin, Tower, vorgestellt und sich aufs herzlichste begrüßt sah. nahm als Ehrengast an dem Diner der Gesellschaft teil.
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Benage
Dernburg in London.
L o n do n, 5. Nov. Die Afrikanische Gesellschaft gab zu Ehren des Staatssekretärs des deutschen Kolonialamtes, Dernburg, ein glänzendes Bankett, bei dem Sir George Taubman Eoldis den Vorsitz führte und dem unter anderen der deutsche Botschafter und verschiedene amtliche Persönlichkeiten beiwohnten. Nach den Toasten auf König Eduard und Kaiser Wilhelm ergriff StLtzMekretär Dernburg das Wort und führte unter lähaftem Beifall etwa folgendes aus: Es sei eine gebieterische Notwendigkeit, daß das Prestige der Kolonisatoren Afrikas unter allen Umständen aufrecht erhalten bleibe, da die Schwarten keinen Unterschied zwischen den «inzelnen europäischen Nationen machten, sondern in allen Weißen lediglich die herrschende Raffe erblickten. Alle Nationen in Afrika hätten in gleichem Maße das höchste Interesse an einem solidarischen Zusammenhalten; eine friedliche Entwicklung in den britischen Kolonien sei ebenso wesentlich für den deutschen Nachbarn, wie der Friede der deutschen Kolonien für die angrenzenden britischen Gebietsteile. Dernburg erwähnte sodann das deutsch-englische llebereinkommen, nach welchem Nachrichten über die Bewegungen der Eingeborenen ausgetauscht würden und erinnerte an die letzte Erhebung der Hottentotten, wobei Deutsche und Engländer Schulter an Schulter gekämpft hätten: kluge Staatskunst und gute Nachbarschaft ließen sich stets mit einander vereinen. In der Bekämpfung der Trunksucht unter den Eingeborenen sei England immer bereit, mit Deutschland Hand in Hand zu geben. Der Kongreß zur Bekämpfung der Schlafkrankheit führte zwar zu keinem Abkommen, brachte aber Deutschland und England einander näher. Weiter dankte Dernburg herzlich für die gastliche Aufnahme, di« er überall in Südafrika erfahren habe und sprach zum Schlüsse seine Anerkennnung über das Werk von Cecil Rhodes aus, besten Name für all« Zeiten mit der Geschichte der britischen Kolonien verknüpft sei; ebenso rühmte er den Geist der Versöhnung, der die Einigung der großen südafrikanischen Nation zustande brachte. Wenn auch die Interessen aller kolonisierten Nationen in Afrika für solidarisch erkannt wurden, so wurden sich doch Deutschland und England dieser Tatsache zuerst bewußt und gingen dementsprechend oftmals zusammen; hoffentlich würden die beiden Nationen auch in Zukunft und in der gleichen Richtung weitermarschieren.
lieber den Eindruck der Rede meldet die „D. Tagsztg.", daß er bei den Anwesenden aus- , gezeichnet gewesen sei. In der Preffe ist er dagegen zweispaltig. „Daily Chronicle" meint, daß die Einigkeit in afrikanischen Fragen doch wohl ein wärmeres Gefühl gegenseitigen Vertrauens entstehen lassen muffe und auch auf andere Angelegenheiten zu übertragen fei. Die «monistischen Organe jedoch lasten entweder die Rede Dernburgs links liegen oder sie kommentieren sie in absprechender Weise. „Daily Expreß" sagt, daß sich über die deutsche Handelskonkurrenz in England niemand den Kopf zerbreche, daß diese nicht die geringsten Sorgen erwecke, man sei vielmehr von Gefühlen der Bewunderung für Deutschland erfüllt (?!), aber man sei auch davon überzeugt, daß die gewaltig«
16 000 Manu find heute früh in der Richtung auf Cazaza nach dem Gebiet der Beni Srkai aufgebrochen. , m „
*» Reue Thronstreitigkeiten * Marokko. Paris 6 Nov. Aus Tanger wird gemeldet: Es bestätigt fich, daß Muley Kephir. der Bruder von Muley Hafid, der fich in der Gegend von Taza aufhält, von dem mächtigen Scherifen Muah unterstützt wird und man glaubt, daß viele Stämme ihn zu ihrem Oberhaupt ernennen werden. Muley Hafid verstärkt übrigen, seine Streitkrä)te. . u _
** Brasilien und Uruguay. Rio de Janeiro, 7. Nov. Der Minister des Aeußeren do Rio Branco und der uruguayanische Gesandte unterzeichneten einen Vertrag, wodurch die Grenze zwischen Brasilien und Uruguay zu Gunsten Uruguays verschoben und nunmehr bezeichnet wird durch eine Mittellinie auf der Mirim- Lagune und dem Talweg des Jacquarao. Mehrere Inseln sind in den Besitz Uruguays übergegangen Brasilien, daß die Erenzverschieb".ng anregte, stellte keine Entschädigungsforderung.
Die Insert^onS gebühr beträgt für die 7 gespaltene Zeil- oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. - Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UmversitatSbuhdruckerei Fnbaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
14 (Nachdruck verboten.)
Was Golt zufammettgefügt —.
Roman von H. Lourths-Mahler.
(Fortsetzung.)
„Es soll gewiß alles erhalten bleiben, wie es ist, so weit es möglich. Einige Neuerungen müssen jedoch getroffen werden. In den Parterreräumen fällt uns sonst demnächst die Tapete von den Wänden. Das hat aber Zeit bis zum Winter. Während ich auf Reisen bin und Ihr mit Frau Werner in Dresden bleibt, kann hier alles vorgerichtet werden."
„Eigentlich hätte ich ganz gern mal einen Winter hier zugebracht," rief Mary vergnügt.
Coulmann sah sie lächelnd an.
„Du? Ohne Bälle, ohne Theater und Konzert? Das hälft Du ja gar nicht aus."
Mary lachte fröhlich auf. „Das käme auf die Probe an, Papa."
„Diese Probe können wir in einem der nächsten' Winter abhalten. Diesmal kann nicht, daraus werden, denn wenn hier die Handwerker Hausen, wird es nicht sehr gemütlich sein. — Sagen Sie mal Frau Werner, welchen Eindruck macht Ihnen das Dienstpersonal? Vor allem die Mamsell. Kann man fich auf diese verlassen?"
Die alte Dame lächelte.
„Mamsell Wollmann ist, wenn ich mich nur ein wenig auf Menschen verstehe, eine goldtreue und ehrliche Person. Ebenso der alte Gustav. Die übrigen Leute sind Durchschnittsdienstboten, doch sind sie durch Mamsell Wollmann fest im Zügel gehalten. Sie ift durchaus verläßlich."
„Schön, dann können wir ihr im Hause die Oberaufsicht überlassen. Wir besprechen dann alles mit ihr. Intelligent scheint sie ja zu fein.“
„Für Mamsell Wollmann haben wir überhaupt eine große Vorliebe, Renate und ich. Und wahrhaftig nicht nur, weil sie so vorzügliche süße Speisen zu bereiten versteht. Ich glaube, Rodenfels ohne Mamsell Wollmann wäre nur halb so schön," sagte Mary schelmisch.
Renate lächelte.
„Ich freue mich immer, wenn ich ihre weißen Haubenbänder flattern sehe. Sie ist wirklich in ibrer blitzsauberen, rosigen Rundlichkeit ein herzerfreuender Anblick. Und gutherzig ist sie auch. Gestern trug sie einen Spatz mit liebevoller Sorglichkeit in ihr Zimmer, um ihn dort gesund zu pflegen. Er war von rauflustigen Kameraden arg zerzaust worden."
Coulmann strich Renate lächelnd über die Wange.
„Das hat meiner kleinen Samariterin natür- lich sehr gefallen."
Renate lachte leise.
„Dir doch auch, Papa. Ich kenne Dich doch. Weim Du auch oft so bärbeißig tust — ich weiß doch, daß Du ein gutes weiches Herz hast."
„Für die, die ich liebe — ja," sagte er ernst. Und dann ließ et sich noch einmal mit Tee und kleinen Kuchen versehen, die von Mamsell Wollmanns Backkunst beredte, Zeugnis ablegten.
Später zog sich Coulmann in das Zimmer zurück, in welchem et damals die Unterredung mit Michael Rodenfels gehabt hatte. Er wollte es als Arbeitszimmer benützen. Da et mit dem Inspektor «och allerlei zu besprechen hatte, wat
dieser von ihm herbestellt worden und traf auch pünktlich ein.
Mary wollte nach dem Tennisplatz sehen, der auch frisch vorgerichtet werden sollte, und Frau Werner schloß sich ihr an, um einen Sparziergang zu machen. Renate zog es vor, zu Hause zu bleiben und sich von Mamsell Wollmann im westlichen Flügel des Schlosses die in den letzten Jahren unbewohnt gebliebenen Zimmer aufschließen zu lassen.
Mit einem mächtigen Schlüsselbund versehen, stieg die Mamsell neben Renate die Treppe hinauf und öffnete eine hohe Flügeltür, hinter welcher sich die früheren Staatszimmer befanden. Zum Teil befanden sich noch wettvolle, alte Möbel hier. Vieles aber an alten Kostbarkeiten hatte Michael Rodenfels schon zu Gelds gemacht und durch billige Imitationen zu ersetzen versucht.
Renate ließ ihre Augen sinnend umherschweifen.
„Hier hat in den letzten Jahren niemand gewohnt,. Mamsell Wollmann, nicht wahr?"
„Nein, gnädiges Fräulein. Unsere gnädige Frau von Rodenfels ließ die Zimmer ab- schließen, weil nicht genug Dienstboten vorhanden waren, um Ordnung darin zu halten. Gesellschaften wurden ja nicht mehr gegeben und Besuche kamen selten genug. Die Gastzimmer, die über diesen Räumen liegen, find auch lange nicht benutzt worden. Unser junger Herr bewohnte drüben seine alten Zimmer, wen er auf Urlaub kam."
„Geschah das oft?" fragte Renate freundlich.
Mamsell Wollmann seufzte tief auf. „Meist nur einmal im Jahre. Ich glaube, er wußte,
daß Rodenfels nicht für ihn zu halten war und wollte sein Herz nicht zu sehr daran hängen. Trotzdem ist ihm der Abschied herzlich schwer geworden."
Die Mamsell wischte sich verstohlen über die Augen. Renate merkte es und legte freundlich ihre Hand auf die Schulter des alten Fräuleins.
„Ihnen tut es auch leid, daß die Kinder Ihrer alten Herrschaft die Heimat verloren haben," fagte sie gütig.
Die Tränen der Mamsell flössen nun reichlicher. „Ach du lieber Gott, gnädiges Fräulein, wenn die Kinder so hat aufwachsen sehen! Unser junger Herr war kaum fünf Jahre alt, als ich nach Rodenfels kam, und unsere kleine Eva wurde erst viel später geboren. Ich glaube, es hat fich über ihre Geburt niemand so recht ge- freud, als unser junger Herr. Dem ging das Kind über alles. Und sie hing wie eine Klette an ihm. Und nun hat er sie fortbttngen müssen zu einer alten Dame, die mit unserer gnädigen Frau verwandt war. Nach Straßburg, das ist so weit fort von hier. Ob sie es da wohl gut hat bei der alten Frau? Gern hat sie da» Kind nicht aufgenommen, sonst hätte sie dem jungen Herrn auf feinen Brief geantwortet. Der war auch selbst sehr bekümmert und besorgt um seine kleine Eva. Ich habe es ihm ange» merkt, wenn er fich auch zusammennahm. Und den Blick, mit dem er Abschied nahm von Rodenfels, als er mit dem Kinde im Wagen faß, den vergesse ich nie. Co viel Jammer lag bann. Es ist ihm sehr schwer geworden."
„Das glaube ich auch, liebe Mamsell, nick deshalb kann ich mich gar nicht so recht über Rodenfels freuen." (Fortsetzung folgt). ,