44 Jahrq.
unfern Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21,) 2 Mk.
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Die Iniertionsgebühr beträgt für bte 7 gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UniversitätSbu fdruckeret Inhaber Dr. T. H itzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
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Marburg
Mittwoch, 3. November 1909.
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marbmg And Kirchhain
unü den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Beilage."
Die „Gberhrkstsche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der "Wl ORQ Sonn- und Feiertage. — Der Bez u g s preis beträgt viertel- •/!=• "WO jährlich durch die Post bezogen 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei
Zweites Blatt.
Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 85.
Defizit.
Der Staatshaushalts-Etat für das laufende Rechnungsjahr schließt mit einem Fehlbeträge von über 150 Millionen Mark ab. Dabei war vorausgesetzt, daß die größere Hälfte der Mehrausgaben für Besoldungserhöhungen, welche in den bewilligten Mehreinnahmen aus Steuern keine Deckung findet, durch das natürliche Anwachsen der bisherigen Einnahmen ausgeglichen werde. Schon bei den Etatsverhandlungen sind aber Zweifel nach der Richtung geäußert worden, ob diese Erwartung nach Lage der wirtschaftlichen Verhältnisie sich schon im ersten Jahre auch voll erfüllen werde. Diese Zweifel scheinen bedauerlicherweise sich als begründet erweisen zu wollen. Wohl bewegen sich im kaufenden Jahre die Einnahmen in aufsteigender Linie; dies gilt insbesondere auch von denen der Eisenbahnverwaltung. Aber, die Steigerung der Einnahmen bleibt doch hinter dem Bedatt zur Deckung neuer Mehrausgaben zurück; auch wird ein Teil der Mehrerträge der Staatsbahnen durch die Steigerung des Betriebst oess'nenten infolge namentlich des Steigens der Preise der Materialien und der Arbeitslöhne trotz sparsamster Wirtschaft seitens der Eisenbahnverwaltung aufgezehrt. Dazu kommt, daß wenn auch für 1909 auf die Einhebung von Matrikularumlagen über den Betrag von 40 Pfg. auf den Kopf der Bevölkerung hinaus verzichtet worden ist, doch noch etwa 16 Millionen Beiträge an das Reich zu leisten sind. Soweit jetzt, fünf Monate vor Ablauf des Rechnungsjahres, eine Schätzung möglich ist, wird man sich also mit dem Gedanken abfinden müssen, daß für das laufende Jahr über das Ctatsdefizit hinaus noch mit einem Rechnungsdefizit von nicht ganz unerheblichem Betrage zu rechnen ist. Unter diesen Umständen begegnet die Erreichung des Zieles eines in sich balan- zierenden Etats für die Aufstellung desjenigen des nächsten Jahres den allergrößten, voraussichtlich nicht ganz zu überwindenden Schwierigkeiten. Wohl ist das Finanzministerium sorgsam darauf bedacht, alle Mehrausgaben zu vermeiden, welche nicht zur Lösung der Kulturaufgaben des preußischen Staates unbedingt notwendig sind. Auch läßt sich insbesondere der Minister der öffentlichen Arbeiten, wie bei seinen Vorschlägen, so auch bei den Etatsverhandlungen durchweg von dem Geiste weiser Sparsamkeit leiten. Gleichwohl darf, obgleich die Verhandlungen des Finanzministers mit den übrigen Refforts noch nicht zum Abschluß gelangt sind, doch schon jetzt als sicher gelten, daß die gewaltige Spannung zwischen Einnahmen und Ausgaben, welche das laufende Jahr als ein so überaus schlechtes Finanzjahr charakterisiert, auch noch im nächsten Jahre nicht ganz zu überwinden und daher auch für dieses Jahr wiederum ein Etatsdefizit nicht ganz zu vermeiden fein wird.
8 (Nachdruck verboten.)
Mas Gott zulammettgefilgl —.
Roman von H. Lourths-Mahler.
(Fortsetzung.)
Mühsam faßte er sich, um sie zu trösten, abzulenken. Mit einem langen Blick sah er noch einmal zum Schlöffe zurück. Die Morgensonne hüllte es in goldigen Glanz. Von Mamsells Eckfensterchen nickten die Geranien wie ein letztes Lebewohl. Dann verschwand sein Vaterhaus zwischen den Bäumen.
Gewaltsam wehrte er die bittere, traurige Stimmung von sich ab. Wohl kam ihm der Gedanke, wie ganz anders alles fein könnte, wenn der Vater nicht so leichtsinnig gewirtschaftet hätte, aber er wollte des Toten nicht mit Groll und Anklagen gedenken.
„Es mußte auch so gehen," dachte er mutig und sprach liebevoll und beruhigend auf das Kind ein, den eignen Schmerz unterdrückend.
Seine Gedanken waren dabei unablässig mit Evas Schicksal beschäftigt. Würde er sie ruhig der Verwandten übergeben können,, die er als eine kleinliche, nörgelnde Person im Gedächtnis hatte? Vor allen Dingen, würde diese sich bereit erklären, Eva bei sich aufzunehmen? Was sollte geschehen, wenn sie sich weigerte? Rein, sie durfte gar nicht dazu kommen, eine Weigerung auszusprechen, sonst wußte er überhaupt keinen Rat mehr. Das Herz war ihm schwer und voll Unruhe.
* ♦
_ Als der Wagen sich der kleinen Station näherte, die Rodenfels am nächsten lag, fuhr gerade der Dresdener Personenzug vorüber.
PoMsche Umschau.
Automobilboykott! __ _
Eine Zuschrift an die „Nationalzeitung" berichtet von einem eigenartigen Wahlstreik in Moabit:
„Wie im letzten Wahlkampf, wollten sie auch diesmal einige Automobile mit Plakaten: .Wählt nationalliberal" durch die Straßen fahren laffen. Die Wagen waren gemietet, der Eigentümer der Wagen mit dem Vorhaben einverstanden, die Plakate beschafft. So weit war alles in Ordnung; als nun aber die Plakate an die Wagen befestigt werden sollten, erklärten die Wagenführer: „Rein, mit solchen Plakaten fahren wir nicht, das könnte das Sozialdemokratie schaden." Eine Rückfrage an den Eigentümer der Wagen, einen gewerbsmäßigen Unternehmer, ergab noch Erstaunlicheres. Sämt- l'che Wagenführer des Unternehmens streikten, um von ihm die Zurückziehung der Zustimmung zu der Anbringung nationalliberaler Plakate an die Wagen zu erzwingen. Das nationalliberale Parteibureau trat mit den Streikenden in Verbindung, wurde aber an die Vertrauensmänner der Gewerkschaft gewiesen. Als dann die Nationalliberalen auf die Erfüllung des Vertrages durch den Unternehmer verzichteten, wurde der Streik für beendigt erklärt."
Auch wieder ein Vorgeschmack von der „Freiheit der Meinung' im Zukunftsstaat, der freilich unsere Radikalen nicht veranlaffen wird, i ber die „Freiheit", wie sie die „Eenoffen" meinen, etwsa genauer nachzudenken.
Marburg und Umgegend.
(Nachdruck aller Originalartikel ist gemäß § 18 des Urheberrechts nur mit der deutlichen Quellenangabe „CBerljeft. Zig." gestattet.)
Marburg, 2. Nov.
* Kurze Tage — lange Nächte. Am 6. November geht die Sonne erst um 7 Uhr, am 24. November gar erst halb 8 Uhr auf, um an den gleichen Tagen wieder 4 Uhr 27 Min., bezw. 4 Uhr 3 Min. zu verschwinden. Anfang November beträgt die Tagesspanne noch 9y2 Stunden, Ende November nicht einmal mehr 8V2 Stunden. Am 22. November tritt die Sonne in dos Zeichen des Schützen. In der ersten Hälfte des Monats haben wir abnehmenden Mond; am 13. November ist Neumond und 27. Vollmond. Alsdann sind bei klarem Himmel schöne Nollmondabende zu erwarten. Was die Planeten betrifft, so ist die Dauer der Sichtbarkeit des Merkur wieder im Abnehmen begriffen; in den letzten beiden Wochen ist der Stern nicht mehr zu sehen. Dagegen nimmt die Dauer der Sichtbarkeit bei der Venus zu; man erblickt sie abends in südwestlicher Richtung. Der Mars ich immer kürzere Zeit zu sehen. Der Jupiter geht immer früher am Morgen auf, der Saturn dagegen immer früher am Morgen unter. — Noch ist zu bemerken, daß am 27. November eine Mondfinsternis eintritt, die wir aber n'cht sehen können obgleich es sich um eine totale handelt. Sie findet am genannten Tage vormittags 8 Uhr 11 Min. bis 11 Uhr 28 Min. statt und wird bei klarem Firmament im nord-
Eeorg sah nach der Uhr. In einer Viertelstunde würde in der entgegengesetzten Richtung sein Zug einlaufen und ihn nach Dresden bringen. Von dort aus wollte er mit Eva den Schnellzug benutzen.
Der Wagen hielt und Georg hob Eva heraus, nachdem er den Beamten herbeigerufen hatte, der das Gepäck in Empfang nahm. Als er dann mit Eva den schmalen Perron betrat, sah er neben dem Stationsvorsteher ein« schlanke Dame in Trauerkleidung stehen. Sie schien soeben mit dem Zuge von Dresden angekommen zu sein. Er bemertte, wie der Beamte die Dam« auf ihn aufmerksam zu machen schien. Sie kam gleich darauf auf ihn zu.
„Verzeihung — der Stationsvorsteher sagte mir, daß Sie Herr von Rodenfels seien. Bin ich recht unterrichtet?"
Georg blickte erstaunt in ihr schöngeschnittenes, noch jugendliches Gesicht, das seltsam mit dem ganz weißen Haar kontrastierte, welches in dichter Fülle unter ihrem schwarzen Hut und Schleier hervorquoll.
Er verneigte sich artig.
„Gnädige Frau — Sie sind recht berichtet. Kann ich Ihnen irgendwie meine Dienste zur Verfügung stellen?"
Sie sah mit den schönen, von viel Tränen zeugenden Augen wie prüfend in sein Gesicht.
„Mein Name ist Hardenberg."
Georg verneigte sich wieder, aber feinem Gesicht war anzumerken, daß ihm dieser Name nichts erklärte. Die Dame merfte das.
„Mein Mann war Professor Hardenberg, haben Sie zu Haufe diesen Namen nicht nennen hören? Ihre Eltern waren mit uns zusammen Hochzeitsgäste in der Familie Massenbach."
westlichen Europa, an der nordwestlichen Küste Afrikas, im Atlantischen Ozean und in der östlichen Hälfte von Asien und Australien zu beobachten sein.
* Allerseelen, lieber die Gräber knistern und rauschen seltsam die diirttn Blätter der Bäume. Kalte, feuchte Winde springen darüber bin. reißen an den Kränzen und lassen die beschmutzten Schleifen und Bänder wie traurige Fähnchen flattern . . . Und selbst, wenn dem Allerseelentage Sonne und Stille beschieden träte, so würde das herrlichste Gepräge des Gottesackers doch traurig stimmen und uns an kie Vergänglichkeit alles Irdischen deutlich erinnern.
* Reue Titel bei der Eisenbahn. Nachdem der Eisenbahnminister kürzlich der Verleihung des Titels Eisenbahnobersekretär an alle Eisen- bahnsekretöre genehmigt hat, die fünf Jahre in d'.eser Stellung sind, ist nunmehr auch die Zu- ckennung des Titels „Technischer Eisenbahn- olersekretär" unter gewissen Bedingungen an- geordnet worden. Auch die technischen Bureau- össistenten sind mit den Eisenbahnassistenten in Bezug auf die Titelverleihung gleichgestellt wirden. Erstere können fortan nach fünfjähriger Dienstzeit als technischer Bureauassi- stent oder Bahnmeister den Titel „Technischer Oberbahnassistent" erhalten.
"Prüfung im Hufbeschlag. Der nächste Termin der Prüfung von Schmieden im Regierungsbezirk Cassel über ihre Befähigung zum Betriebe des Hufbeschlaggcwerbes wird in Cassel am Sonnabend, den 27. November, vormittags 9 Uhr, in der Schmiede des Obermeisters Schade abgehalten.
* Königlich Preußische Klaffenlotteri". Die Erneuerung der Lose zur fünften 221. Lotterie lHauptziehung vom 6. November bis 7. Dezember 1909) muß mit Vorlegung des Vorklassenloses bei Verlust des Anrechts bis zum Dienstag, 2. November, abends, geschehen.
* Eine resolute Wirtsfrau. In der „Witt- kensteiner Ztg." finden wir folgende Schilderung: Kommt da letzthin ein Reisender mit fernem Wagen in den bei Marburg gelegenen Ort E. und verlangt den Dorfschmied zu spre- cken, da sein Pferd ein Eisen verloren hatte. Jedoch der Schmied saß schon des längeren beim Glase Bier und weigert sich, ein Eisen cuf zuschlagen, er sei Soldat gewesen, habe sogar bei den Ulanen gedient und habe nicht notwendig zu arbeiten. Alles Zureden der anwesenden Gäste half nichts und als die Wirtin, gegen die der Schmied ein Riese war, sich äßerte, das sei ein Schimpf für die ganze Gemeinde, daß man ein Pferd mit nur drei Eisen auf den ohnehin schon schlechten Wegen Weggehen ließe, äußerte unser hochachtbarer Dorfschmied, das ginge sie nichts an, et könne machen, was er wolle, im übrigen könne sie usw. (eine Einladung folgte, die man nicht wieder- gebett kann.) Unsere Frau Wirtin aber nicht kaul, versetzte dem Dorfschmied, dem früheren stattlichen Ulan, eine Anzahl derbe Ohrfeigen, daß es nur so klaschte. Ganz sprachlos und h-.ffentlich kuriert verließ der Schmind. die Wirtschaft.
Diese Worte schienen ihr schwer zu fallen. Aber nun leuchtete auch einiges Verständnis in Georgs Augen auf. Wenn er auch nicht ahnte, was die Dame von ihm wollte, so wußte er doch nun, daß sie die Gattin jenes Mannes war, der als erstes Opfer derselben tückischen Krankheit erlegen war, die auch seine Eltern dahin- gerafft hatte. Seine Mutter hatte ihm davon geschrieben, als sie ihm von der Hochzeitsfeier berichtete.
Er wußte nicht, daß Paula Haü>enbergs Haar bei jener Hochzeitsfeier noch braun gewesen war, daß es der Schmerz und die Verzweiflung um den Verlust des heißgeliebten Gatten gebleicht hatte, aber in dem blassen Gesicht und den großen leidvollen Augen lag soviel Schmerz und Trauer ausgeprägt, daß er inniges Mitleid mit ihr empfand.
„Jetzt bin ich orienHert, gnädige Frau. Meine Mutter schrieb mir von dem traurigen Ereignis, ehe sie selber erkrantte."
Paula Hardenberg neigte das Haupt.
„Ich hörte von dem schmerzlichen Verlust, der Sie und Ihr Schwesterchen zu Waisen machte. Und damit hängt mein Kommen hierher zusammen. Ich war eben dabei, mich zu erkundigen, wie ich nach Rodenfels gelangen kann, als Ihr Wagen vorfuhr."
„Wenn Sie nach Rodenfels wollen, gnädige Frau, so können Sie den Wagen gleich benutzen. Gestatten Sie, daß ich dem Kutscher Weisung gebe, zu matten."
Paula schüttelte den Kopf.
„Ich habe in Rodenfels nichts zu tun, wenn ich Sie dort nicht finde Mein Besuch gatt Ihnen.-
Biedenkopf, 1. Nov. Die Kontrollversamm- Umgen im hiesigen Kreise nehmen morgen in Bromskirchen ihren Anfang und enden in Rod» heim am 9. November.
Mitteilungen aus dem Leserkreise.
Unter dieser Rubrik veröffentlicht die Redaktion Stimmen aus ihrem Leserkreis. Für die hierin ausgesprochenen Ansichten und Tendenzen übernimmt die Redaktion (außer der preßgesehlichcn) keine Verantwortung, diese bleibt vielmehr dem @in- fenter überlaisen.
Vor einigen Monaten hat eine geringe Mehrheit der Stadtverordneten 12 000 M für einen neuen Fahrweg nach Spiegelslust bewilligt. Nach dem Bericht über die letzte Stadt- verordneten-Versammlung soll die Stadt die Hälfte der nunmehr auf 32000 M veranschlagten Kosten und für alle Zeit die Hälfte der Unterhaltungskosten übernehmen. Außerdem wünsckt der Magistrat noch die Herstellung einer gedeckten Halle aus städtischen Mitteln. Ich hatte wiederholt Gelegenheit zu hören, daß schon der erste Beschluß, die Ausgabe von 12 000 Jl, in weiten Kreisen der Bürgerschaft bedauert wird. Welche Mißstimmung wird es erst erregen, wenn fetzt noch größere Opfer für diesen Zweck gebracht werden sollen!
Ein Fahrweg wird gar nicht und eine Halle nur unwesentlich den Besuch von Spiegelslust und damit die Einnahmen der Wirtschaft erhöhen. Mit dem Bau des neuen Steges und der Anlage des neuen sog. Blitzweges ist alles geschehen, um diesen Aussichtspunkt leicht und beauem zugänglich zu machen. Diejenigen Bewohner von Marburg, die lediglich durch einen neuen Fahrweg veranlaßt werden könnten, mittefft einer Wagenfahrt, die 8—10 kostet, Spiegelslust zu besuchen, sind verschwindend wenige. Und Fremde, die einen kurzen Aufenthalt in Marburg nehmen, sehen sich das Schloß an, nickt Svieaelslust Auch diese sind meist keine amerikanischen Milliardäre, sondern bescheidene Leute, die zu Fuß geben. Kurz, der Wag"nverkehr wird im Vergleich zum Fußgängerverkehr niemals irgend eine erhebliche Rolle spielen. Was von dem Wagenverkebr der Fremden und dem Bau von Sanatorien erzählt wird, hält einer ernsteren Prüfung nicht Stand. Auch die Angabe, daß im letzten Jahre 200 Cbafien noch Spieaelslust gefahren feien, dürfte auf ihre Richtigkeit zu prüfen fein. Ich bezweifle sie. Sollte sie auf einer zuverlässigen Zählung (von wem?) beruhen so würde sie nut beweisen, daß diejenigen Personen, die nach zu fahren wünschen, dies auch heute schon können. Ebenso illusorisch wie die vielen Wagenfahrten der reichen Fremden und der Bau der Sanatorien, ist die von den Vätern dieses Pro- jettes geäueßrte Meinung, daß die Ausgabe der Stadt durch eine erhöhte Pacht des Witte? sich verzinsen würde. -Der Besuch an Wochentagen ist einer wesentlichen Steigerung überhaupt nickst fähig, einfach aus dem Grunde, weil die Anzahl der Bewohner, die Zeit und । Kräfte haben, das verbältnismßig weit und hoch gelegene Spiegelslust neben ihrem Tagewerk und neben der von Jahr zu Jahr zunehmenden. Ablenkung durch Vereine, Sport, Zeitungslesen
„Dann muß ich ergebenst bitten, mir schnell zu sagen, womit ick Ihnen dienen kann. In wenig Minuten läuft mein Zug ein, mit dem: ich nach Dresden fahren will."
„Dann gestatten Sie, daß ich mit Ihnen zurückfahre. Mein Anliegen läßt sich nicht so schnell erledigen. Ist Dresden Ihr Reiseziel?"
„Nein, ich will weiter bis nach Straßburg mit meiner Schwester."
Paula beugte sich zu dem Kind« herab und sah sonderbar prüfend in das liebliche Gesichtchen.
„Wie heißt Ihr Schwesterchen?" <
„Eva. gnädige Frau."
Sie strich saust über Evas Wangen und sah dann zu Georg auf. Ihre Augen waren feuchtz Der junge Mann sah mit schnell erwachter Sympathie in das feine, traurige Frauenantlitz.
„Vor einigen Tagen besuchte mich Frau von Massenbach. Ich hörte von ihr, daß Rodenfels bald nicht mehr Ihre Heimat sein würde. A das Bkrhrheit?"
Georg atmete tief auf. Er war nicht verletzt durch diese Frage, durch die eine so ehrliche, warme Teilnahme klang.
„Rodenfels ist bereits meine Heimat nicht mehr, gnädige Frau, es ist in anderen Besitz' übergegangen."
Sie sah ihm teilnahmsvoll ins Gesicht. Ehe sie etwas erwidern konnte, nahte der Zug Georg löste ihr schnell eine Fahrkarte und half dann ihr und Eva in ein leeres Coups. Eine Weils: schwiegen sie, Eva bettachttte die fremde Fr«; mit großen, erstaunten Augen und schmiegte pchi still an Georgs Schütter. ,4’
(Fortsetzung