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Reformationsfeft. Der 31. Oktober war einer von den Marksteinen deutscher Geschichte. Man mag es hundertmal betonen, daß Luthers Thesenanschlag zunächst nur einen akademischen Charakter trug; die unendliche Tragweite dieser 95 Streitsätze kann niemand abstreiten. Pul­sierte hier doch, wie auch die Geschichtsforschung wieder energisch betont, tatsächlich etwas Neues. Luther selbst war sich dessen sicherlich nicht im vollen Umfange bewußt, aber es war doch ein gewaltiger, aus einer tief innerlichen Quelle kommender Gegensatz zur mittelalterlichen Re­ligion, wenn gleich di« erste These besagt«: Da unser $>err und Meister Jesus Christus spricht: tut Butze?, so hat er gewollt, datz des Christen ganzes Leben eine fortwährende Butze sei!" Aus dem Gewissen einer um Gott ringen­den Persönlichkeit ward die deutsche Reforma­tion geboren. Der bahnbrechende Gedanke der evangelischen Freiheit war bei Luther stets eine freudige, innere Gebundenheit in Christo als dem alleinigen Erlöser. Noch einmal: Die Hauptbedeutung der lutherischen Reformation liegt im Religiösen. Möge uns das Gedächtnis an jene grosse Zeit vor allem eine religiöse Stärkung sein?

)( Die diesjährig« Miifionskonferenz findet Mittwoch, den 3. November, um halb 12 Uhr morgens, im kleinen Stadtsaal statt. Abends um 8, Uhr schliesst sich im grossen Stadtsaal eine öffentliche Versammlung an.

* Schikerfeier am 10. November 1909. Tunfj Erlass des Ministeriums in Berlin ist angeordnet worden, datz in sämtlichen preussi­schen Schulen, Präparandenanstalten und Se- minarien am 10. November 1909, als am 150. Geburtstag Schillers, des Dichters in würdiger Weise gedacht werde. Die Schüler und Schüle­rinnen sind in den deutschen Stunden dieses Tages oder der letzten ihm vorheraebenden darauf hinzuweisen, was das deutsche Volk den Werken Schillerscher Dichtkunst zu verdanken bat. -Auch in dem Königreich Sachsen werden in sämtlichen Schulen am 10. November 1909 Schillerfeiern veranstaltet werden. In anderen deutschen Staaten begehen wenigstens die mei­sten Schulen den Tag in irgend einer Weise, ohne dass eine Anordnung von feiten der Zen­tralbehörde ergangen wäre. Auch im Geburts­lande Schillers wird die Schule nicht stillschwei­gend den Gedenktag des Dichters vorübergehen lassen, der gerade auch der Jugend besonders viel des Schönen zu bieten vermag.

* Skizzen aus Argentinien hatte Pro­fessor Römer seinen aestrigen Vortrag in der hiesigen Kolonial-Gesellschaft betitelt. Der Vor­trag brachte unter Vorführung sehr guter und zahlreicher Lichtbilder eine ziemlich vollständige, gedrängte llebersicht über die wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse Argentiniens. Die Mitteilungen waren von um so grösserem In­teresse, als, wie der Vortragende mit Recht her­vorhob. Argentinien in Deutschland sich noch einer eigenartigen llnbekanntheit erfreut, die in merkwürdigem Gegensatz steht zu den gewaltigen Fortschritten dieses Landes und dem weiteren Wachstum der Beziehungen zwischen Argentinien und Deutschland, an denen Deutschland in her­vorragendem Masse interessiert ist. ost sehr hin­derlich ist. In wirtschaftlicher Hinsicht liegt die Hauptbedeutung Argentiniens in der Landwirt­schaft und hier vor allem in der Viehzucht. Die Pampa, in der europäischen Vorstellung eine unfruchtbare steinige Steppe, ist wie kaum ein anderes Gebiet der Erde mit ihren saftigen Futtergräsern für die Viehzucht geeignet. Von der Grösse der Estanzias (Diehgüter), welche durchschnittlich 10 000 Hektar beträgt, gelegentlich aber bis zu 200 000 Hektar betragen kann, macht man sich bei uns kaum eine Vorstellung, ebenso wenig von der ungeheueren Zahl von Schafen, Rindern und Pferden, die auf solchen Estanzias

Tag und Nacht; Somrner unb Winter im Freien unter einfachsten und natürlichsten Bedingungen gehalten werden. Besonders schöne Typen der überraschend vorgeschrittenen Zucht edler Schaf-, Rinder- und Pferderassen werden uns in ein­drucksvollen Lichtbildern vorgeführt und legen auch von den Fortschritten der Viehzucht Argen- trniens in gualitattver Hinsicht sehr beredtes Zeugnis ab. Auf einem Ausflug in die Pampa lernen wir das Leben und Treiben der Pampa­hirten oder Gauchos kennen, folgen mit gespann­ter Aufmerksamkeit der dramatischen Schilde­rung einer ,T>omada", d. h. der Zähmung wil­der Pferde, und werden mit dem Gebrauch des Lasso und der Boleadora (Schleuder) bekannt gemacht. Neben der Viehzucht erfährt der Ackerbau eine jährlich beträchtlich zunehmend« Ausdehnung, welche anzeigt, von welcher Bedeu­tung die argenttuische Kornkammer für die Ge- tteideproduttion schon geworden ist und vor allen Dingen noch werden kann, da erst 10 Proz. des bebauungsfähigen Landes kulttviert seien. Bei der ungeheuren, sich von den Tropen bis nahezu zur Polargegend erstreckenden Ausdeh­nung des Landes werden auch die dem Ackerbau drohenden Gefahren, wie Regenmangel und Heuschrecken, sich niemals auf ganz Argen- ttnien erstrecken und somit die Zukunft des ar- genttnischen Ackerbaues nicht ernstlich gefährden können. Wir erblicken weiter in einigen Bil­dern Typen der immer mehr verschwindenden und in Argentinien ein sehr zurückgezogenes und bescheidenes Dasein fttstenden Indianer. Pracht­volle Landschaftsbilder machen uns mit den pittoresken Formationen Feuerlands, mit den saftigen Triften Patagoniens, mit der gigan­tischen Felsenwelt der Cordilleren, sowie mit den Wundern des Jgazu, des südamerikanischen Niagara, bekannt. Zum Schluss endlich führt uns der Redner nach Buenos-Aires, der Mil­lionenhauptstadt Argentiniens, mit ihrem un­seren europäischen Verhältnissen vielfach sehr ähnlichen, in manchen Punkten sich aber bemer­kenswert unterscheidenden grotzstädtischen Leben. Wir lernen den Argentinier und die Argen­tinierin im Hause und in dem sehr regen gesell­schaftlichen Leben der Hauptstadt kennnen. Die staatlichen Einrichtungen, wie Schul«, Univer­sität, Rechtspflege, Armee und Marine rc. wer­den kurz geschildert und vom Redner besonders hervorgehoben, wie irrig der hier vielfach ver­breitete Glaube fei,, datz Argentinien fortwäh­rend unter Revolutionen und Bürgerkriegen leide, die jedes größere Unternehmen dort als eine Att Lotteriespiel erscheinen ließen. Die so­genannten gelegentlichen, aber recht seltenen ar­gentinischen Bürgerkriege, welche überdies meist nur entlegene Provinzen beträfen, stellten nichts dar als meist harmlose Putsche, in ihrer Wir­kung einem kleinen eindrucklos verlaufenden Streike bei uns vergleichbar. Wenn auch hin­sichtlich der politischen Verhältnisse sich mancher Anlaß zur Kritik böte, so würden dieselben ange­sichts der gewaltigen materiellen Hilfskräfte des Landes und angesichts des natürlichen Sinnes des Argentiniers für gesunden Fortschritt die kräftige Weiterentwicklung des Landes nicht hindern. Der Vortragende schließt mit der Auf­forderung, dem in Deutschland noch zu wenig beachteten Argentinien künftighin ernstere Be­achtung zu schenken und .zwar hauptsächlich in unserem eigenen wohl verstandenen deutschen Interesse; denn wie in kaum einem anderen Lande bietet sich in dem rasch sich entwickelnden Argenttnien für uns Deutsche Gelegenheit, un­serer deutschen Kultur im Wettkampfe mit romanischen Einflüssen wirksam Geltung zu ver- schafffen. Bemerkenswerte Anfänge seien in dieser Richtung schon gemacht.

. * Allerheiligen. Die katholische Kirche feiert am 1. November den Tag zum Gedächtnis aller Heiligen un3 Märtyrer. Dieser Tag wurde

schon vor 1500 und mehr Jahren festlich be­gangen, doch wurde er seit etwa 350 hn Orient am Sonntage nach Pfingsten gefeiert. Im Abendlands wurde er frühestens unter Vonifa- tius IV. also ums Jahr 610 ausgenommen und durch Gregor IV. im Jahre 834 aus den 1. November festgelegt.

)( Schwurgericht. Am 8. November beginnt eine Schwurgerichtsperiade. Zum Vorsitzenden wurde Landgerichtsrat Hering bestimmt. Bis jetzt liegen vier Fälle vor.

)( Stiftungsfest. Wir machen nochmals auf das morgen Sonntag abend 8 Uhr in den Ctadtsälen stattfindende 8. Stiftungsfest der Schlesier-Vereinigung Marburgs aufmerksam.

Unpolitische Tagesnachrichten.

Berlin, 29. Okt. Der Magistrat kaufte vor­behaltlich der Zustimmung der Stadtverord­neten vom Militärfiskus das acht Hektar große Aufmarschgelände des Tempelhofer Feldes zur Vergrößerung des Vittoriaparkes an. Der Kauf­preis beträgt 6,3 Millionen Mark.

Berlin, 29. Okt. Nach der Eheschließung vor bem Standesamt wurde gestern die junge Frau eines Arbeiters verhaftet, die bis vor kurzem Hausmädchen bei einer Familie in Groß-Lich­terfelde gewesen war. Sie hatte ihrer Herrin eine golden« Uhr entwendet, wurde aber jetzt, da sie infolge ihrer Heirat ein festes Domizil hat, alsbald wieder freigelassen. Ein Verfahren wegen Diesstahls ist eingeleitet.

Potsdam, 29. Okt. Der Korvettenkapitän Engelhardt, ein Schüler Orville Wrights, führte heute über dem Bornstedter Feld mit einem Zweidecker einen Flur über 1 Stunde 6 Min. 30 Sekunden aus.

Köln, 29. Okt. Entgegen anders lautenden Nachrichten wird uns von zuständiger Seite auf das Bestimmteste versichert, daß heute Nacht keines der drei hier stationierten Luftschiffe auf- steigen wird; auch für morgen sind noch keine be­stimmten Dispositionen getroffen.

Köln, 29. Okt. Wie derKöln. Ztg." aus Brüssel gemeldet wird, wurde das Abkommen zwischen dem belgischen Kokssyndikat und dem Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat mit Wirkung vom 1. Januar 1910 ab auf drei Jahre verlängett.

Düsseldorf, 29. Okt. Der Fabrikant Lehner vergiftete sich mit seinem erwachsenen Sohne durch Cyankali. Der Sohn war unheilbar lungenleidend, weshalb beide, laut einem hin­terlassenen Briefe, beschlossen, gemeinsam zu sterben.

Jena, 29. Okt. Wie aus Ziegenhain ge­meldet wird, ist am 23. d. M. der Landwirt Gustav Böhme, ein den Jenenser Studenten feit Jahrzehnten unter dem NamenFliege" bestens bekanntes Original, gestorben. Der Verstorbene war infolge feiner derben Redeweise und se-nes urwüchsigen Humors ein beliebter Zechgenosse der Studenten, die in Ziegenhain, dem berühm­ten Weißbierdorf, Einkehr hielten.

Radolfszell, 29. Okt. In der Poststraße brach heute Nachmittag 4 Uhr Eroßfeuer aus, dem bis abends acht Anwesen zum Opfer fielen. Das Feuer wütet weiter; es herrscht Wasser­mangel. Das Wasser muß aus dem See herbei- gefchleppt werden. Sämtliche Feuerwehren der Umgegend find auf der Brandstätte an­wesend.

Königsberg i. Pr., 29. Ott. In Andreifchken wurde bei zwei weiteren Personen und in Sloepen bei einer Person die Cholera festge­stellt.

London, 29. Ott. Auf einer Grube der Rhymney Jron-Company in der Nähe von Nargoed in der Grafschaft Monmonth ereignete sich heute Vormittag eine Explosion, die den Hauptschacht zerstörte. Von den 35 Arbeitern,

di« sich ft, der Grube befand«^, wurden im Lauf« des heutigen Vormittags 19 lebend berausgeholt. Aus der Grube der Rhymney Jron-Company sind heute Nachmittag 11 Lei­chen geborgen worden. Zehn Arbeiter werden noch vermißt.

Huntington (Indiana), 29. Ott. Ein mit Einwanderern besetzter Zug ist in der Näh« von Tocsin auf der Chicago and Erie Railroad« Bahn entgleist. Jkle Personen sollen getötet worden sein.

Vermischtes.

St. Elias als Schutzpatron der Aviatiker. Die Aviatiker wollen sich jetzt einen Schutz­heiligen erküren, wie ihn schon die Automobi­listen und die Radfahrer haben. Der Schutz­patron der Automobilisten ist bekanntlich der heilige Christoph, während die heilige Katha­rina mit dem Rade als Schutzheilige der Rad­fahrer gilt. Zum Patron der Aviatiker soll nun der heilige Elias erwählt werden, der be­kanntlich im feurigen Wagen gen Himmel flog, eigenartiger Weise fand der Flug Bläriots über den Kanal in der diesem Heiligen gewid­meten Woche des Kalenders statt.

Ein schlauer Ortsoorsteher. Ein Schwaden-- streich, der allerdings schon auf ein ziemliches Alter zurückblicken kann, erlebte in einem kleinen Orte des Eichsfeldes eine lustige Neuauflage. Dort wurde wegen Bettelns im Orte ein- Hand- werksbursche verhaftet, in dessen Besitz sich zehn falsche Einmarkstücke befanden. Der noch nicht lange im Amte befindliche Dorfschulze hob die unächten Münzen sorgfältig auf. Nicht lange darauf erhielt der Schulze von der Staatsan­waltschaft die Aufforderung zur sofortigen Ein­sendung der Falschste."». Der Herr Amtsvorsteher wählte den kürzesten und bequemsten Weg, um sich des Auftrages zu entledigen. Er benutzte eine Postanweisung und zahlte unter der Adresse der Staatsanwaltschaft die falschen Geldstücke bei dem Landbriefträger ein. Die nächste Postdienst­stelle hatte natürlich keine Ahnung, daß ihr fal­sches Geld ausgeliefert worden war, und so ging die Anweisung ruhig an ihre Adresse ab. Der Staatsanwalt erhielt die Geldsendung; et soll sich sehr anerkennend über die amtliche Tätigkeit des Dorfschulzen geäußert haben. Natürlich wurden sofort Ermittelungen nach dem Verbleib der Falschstücke angestellt, jedoch ohne jeden Erfolg, da sie längst wieder in den Verkehr gebracht worden waren.

Die Chamäieonros«. Aus Japan, dem Lands der Zaubergärten und der Zauberblumen, kommt eine höchst merkwürdige Neuheit auf dem Gebiet« der Rosenkultur. Es ist dies eine Rose, die ihre Farbe wechselt eine Chamäleonrose. Im Schatten ist sie weiß, im Lichte rot. Bei Nacht oder wenn sie in einen dunklen Raum gebracht wird, nimmt die Blume eine wachsartige weiß« Farbe an. Dies geschieht nicht auf einmal, son­dern die Knospen wechseln durch einen blauen Ton schnell zu blassem Rosa, um schließlich wa hs- weiß zu werden. Bringt man die Blumen dann wieder in das Helle Sonnenlicht, so nimmt sie, und zwar jetzt mit größter Schnelligkeit, wieder ihre Scharlach- oder Päonienfarbe an.

Sie kützte mich und ich sie wieder. Daß es für einen Handlungsgehilfen eine ,ehr heikle Sache war, bei feinen weiblichen Mitangestell­ten allzu beliebt zu fein, zeigte sich in einer vor dem Berliner Kaufmannsgericht geführten Ver­handlung. Der Ober-Buchhalter eines Irans. portgefchäftes war, so melden die Berliner Blätter, seines Postens sofort enthoben worden. Als Grund führte die Firma unter anderem an, der Kläger habe die GeschäftÄmmen geküßt. Trotz der bestimmt vorgebrachten Behauptung beteuerte der Ober-Buchhalter immer wieder, daß an dieser Verdächtigung kein wahres Wort

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