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„Wenn Du heimkehist, lieber Walter/ schrieb Mary, „muht Du bei uns wohnen, haben ein entzückendes Gartenzimmer für bestimmt, von dessen Fenster man einen lichen Ausblick auf den See genießt. Du
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„Ja, ja," sagte Walter mürrisch und wandte sich wieder dem Fenster zu.
Seine Gedanken schweiften in die Ferne. Der letzte Brief aus der Heimat hatte ihm die
Die Iniertionsgebük>r beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — Druck und Verlag: Ioh. Aug.. Koch, Univerfltätsbu chdruckerei Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
sehen, Du wirst Dich bald erholen und Dich wohl bei uns fühlen. Dettmer ist so aufmerksam und lieb in allem. Ich habe mir früher meine Zukunft wohl anders gedacht, aber jetzt bin ich doch glücklich und zufrieden und habe Dettmer von Herzen lieb . . ."
Mochten sie glücklich werden!
Aber was sollte er. der blinde Invalide, zwischen all dem Glück?
Er hatte ja auch davon geträumt, glücklich zu werden: er hatte danvon geträumt, an der Seite Vrunhildens, die den Seinen so edelmütig geholfen, ein stilles, einfaches Glück zu finden, nachdem der Stolz seines Herzens durch die Liebe und Sehnsucht verscheucht war. Aber dieser Traum war durch das Geschoß des Hottentotten- Kriegers, das ihn zu einem armseligen blinden Invaliden gemacht hatte, zunichte geworden.
Er tonte kein Glück mehr geben und fordern?
Und deshalb wollte er nicht heimkehren. Er wollte nicht als finsterer Schatten in der Sonne des Glücks stehen — nicht als eine düstere Mahnung an die Vergänglichkeit alles Glückes. In einen einsamen Winkel wollte er sich verkriechen, um dort zu sterben.
Kühler ward der Wind und stärker rauschte das Meer — ein Zeichen für den armen Blinden. daß der Abend herei nbrach.
wieder den Ausgang findet. Nicht allein Taler und Fünfmarkstücke, auch Goldstücke werden dann von den Beamten gefunden und niemand weiß, aus welchem Paket sie herausgerollt sind. Da sind z. B. beim Postamt 4, Stettiner Bahnhof, in einem Handwagen unter den für Stettin bestimmten Paketen ein 5 Markstück, drei 2 Markstücke und ein 1 Marstück, zusammen 12 Mark gefunden worden, in der Packkammer des Postamts 1, Stettin, eine Doppelkrone, sind 20 Mark usw. Wie hätte der Empfänger sich über diesen „Notgroschen" gefreut! Und nun werden sie als „herrenlos" öffentlich aufgeboten. Schwer ist's, den Nachweis zu führen, daß die gefundenen Geldstücke gerade diesem oder jenem Paket entfallen sind. Und „Mutter" mag daheim glauben, ihrem Liebling in der Ferne eine rechte lleberraschung mit dem blanken Silber- stück oder Goldstück gemacht zu haben. In vielen Fällen wird der Verlust wohl überhaupt nicht ruchbar werden. Aber — weshalb packen die Herrschaften das Geld nicht ordentlich ein oder warum zahlen sie es nicht bei der Post ein?!
4- Lobra, 19. Okt. Heute abend findet in der Elmsheuferschen Gastwirtschaft eine von zwei auswärtigen Herren einberufene Versammlung statt, in welcher die Gründung einer Molkerei für die hiesige Gegend beschloffen werden soll.
4- Gladenbach, 19. Okt. In der hiesigen Müller- schen Spinnerei verunglückte am vorigen Sonnabend gegen Mittag ein Arbeiter dadurch, daß er in einen mit hochprozentiger Salzsäure gefüllten Farbebottich fiel, wodurch der Unglückliche am Körper gräßlich verbrannte. Trotz aller ärztlichen Mühe, den Schwerverletzten am Leben zu erhalten, ist dieser gestern unter argen Schmerzen gestorben. Er wohnte in Frohnhausen bei Gladenbach und hinterläßt eine Witwe mit zwei Kindern.
Die „Gbertzesftsche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der „„i. m—- - §pret3 beträgt viertel-
. , „ „ tk. (ohne Bestellgeld), bei
unfern Zeitungsstellen und der Erpedition (Markt 21,) 2 Mk.
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Berlage
Marburg und Umgegend.
(Nachdruck aller Originalartikel ist gemäß § 18 des Urheberrechts nur mit der deutlichen Quellenangabe „Oberheff. Ztg." gestattet.)
Marburg, 20. Okt.
* Bezüglich der Erneuerung der Quittungskarten für die Jnvaliditäts- usw. Versicherung bringt der Handelsminister einige Abänderungen und Erwägungen der Anweisung vom 17. November 1899 zur öffentlichen Kenntnis. Von Wichtigkeit ist u. a. die neue Fassung der Ziffer XV 1, welche lautet: „Die Ausstellung der neuen Quittungskarte darf in der Regel von einer besonderen Feststellung darüber, ob zurzeit die Versicherungspflicht besteht, nicht anhängig gemacht werden. Vielmehr hat im allgemeinen jeder Inhaber einer Quittungskarte Anspruch auf ihren Umtausch. Nur in solchen Fällen ist die Ausstellung einer neuen Quittungskarte abzulehnen, in denen die Ausgabestelle die pflichtgemäße Ueberzeugung gewinnt, daß die alte Quittungskarte zu Unrecht ausgestellt worden ist oder daß die Erwerbsfähigkeit des Antragstellers durch Alter, Krankheit oder andere Gebrechen bereits dauernd auf weniger als ein Drittel herabgesetzt ist (§ 5, Abs. 4 des Jnva- liden-Versicherungsgesetzes)." In Zweifelsfällen soll der Vorstand der Versicherungsanstalt entscheiden.
* Aufgefundenes Geld. Eine ständige Rubrik des Amtsblattes des Reichspostamtes trägt die Ueberschrift: „Aufgefundenes Geld". In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle werden diese Eeldfunde dort gemacht,, wo in den Räumen der Postanstalten, der ELterbahnhöfe oder in den Packwagen der Eisenbahnzüge Pakete ein- und ausgeladen werden. Den Angehörigen in der Fremde, in der Garnison usw. werden nötige und nützliche Gebrauchsgegenstände, Eßwaren und dergleichen geschickt und zu guterletzt, wenn das Paket schon fertig verschnürt, verklebt oder vernagelt ist, wird — meist heimlich, von „Muttern" — noch ein allerletztes Liebeszeichen in Gestalt von einer oder mehreren blanken Münzen durch irgend einen Schlitz hineinpraktiziert. Bei der oft wiederholten „Behandlung" der Poststücke liegt es nun nahe, daß das Geld auch
irgend welche geschäftliche Verbindungen mit Bruhn und seiner „Wahrheit" gehabt haben.
Die Haussuchungen haben eine Menge belastendes Material zutage gefördert, das der Behörde genügenden Anlaß zum Einschreiten und dem Verfahren eine interessante Wendung geben dürste.
Im Fall Schack
hat laut „B. T." die beleidigte Dame ihren Strafantrag zurückgenommen; wie die „Deutsch- sozialen Blätter" schreiben, hatten gegen Schack nicht weniger als drei junge Mädchen Strafantrag gestellt. Der Reichstagsabgeordnete Raab hat bei zweien erreicht, daß sie die gestellten Strafanträge zurücknahmen. Bei der dritten hatte Raab keinen Erfolg.
heute abend, wenn Sie dienstfrei sind, wieder vorlesen wollen, fo bin ich Ihnen sehr dankbar."
»Ich glaube, Herr Oberleutnant, mein Dienst als Vorleser ist nun zu Ende."
„Wieso? Sind Sie abkommandiert?"
„Nein, wenigstens nicht vom Lazarett, nur vom Vorlesen — und das ist ja auch ganz gut, denn ich lese doch bloß schlecht . . ."
„Das tut mir sehr leid, Sander. Aber wie soll ich ihre Worte verstehen?"
»Ja, Herr Oberleutnant, da ist heute früh mit dem Wörmanndampfer eine neue Pflegerin eingetroffen, die mein Amt des Verlesens übernehmen will."
„Eine Krankenpflegerin? Ach, Sander, ich weiß doch nicht, ob sie mir gefällt. Eine fremde Person ist mir eigentlich lästig: ich hatte mich so an Sie gewöhnt und wir konnten doch auch von unseren Kriegerlebntssen plaudern. Das fällt bei der Pflengerin fort. Und heute erst, sagen Sie, ist sie angekommen?"
„Ja, mit der „Alice Wörmann". Sie kann Ihnen ja von der Heimat erzählen."
„Ach, Sander — wer weiß, woher sie kommt."
„Na, sie kommt aus Berlin — und dann, Herr Oberleunant, sie wird Ihnen schon gefallen. Sie besitzt eine so sanfte melodische Stimme und ist eine sehr gebildete junge Dame."
„Jung, sagen Sie?"
„Ja, so Anfang der Zwanzig. Und schön ist sie — schön wie ein Engel, Herr Oberleutnant!"
„Was geht das mich an?"
„Na ja, ich meinte ja nur so. Also darf ich der Pflegerin sagen, daß der Herr Oberleutnant sie erwartet?"
„Wenn es nicht anders sein kann — meinetwegen."
Der brave Sander schmunzelte schlau und entgegnete:
»Ich gehe jetzt, Herr Oberleutnant, und melde es der Dame."
Marburg
Donnerstag, 21. Oktober 1909.
Der Fall Treu.
)( Marburg, 19. Okt.
Als einziger Fall der gestrigen Strafknmmcrsitzung stand eine Anklage gegen den Schriftsteller Otto Maximilian Johannes Dunkel-Treu aus Mittelwalde wegen verschiedener Betrügereien zur Verhandlung. Der Angeklagte, der im Alter von 46 Jahren steht, ist beschuldigt, den Hotelbesitzer Leukroth hier nm 350,95 Mark, den Kaufmann Bersch hier um 80 Mk., den Kaufmann Euker hier um 20 M., den Hotelbesitzer Schuppner in Laasphe um 51,55 Mk. und den Hotelbesitzer Send in Dillenburg um 52 Mk. geschädigt zu haben.
Dunkel, der einen vertrauenerweckenden Eindruck macht, kann auf eine recht bewegte Vergangenheit zurückblicken. Schon in seiner Jugend, im Jahre 1883, muß er in unserer Gegend gewesen sein, denn bereits um diese Zeit wurde er von den Schöffengerichten in Wetter und Biedenkopf bestraft. Im Laufe der Jahre ist er dann auch wegen der verschiedensten Betrügereien in Erfurt, Leipzig, Hirschbcrg, München, Heilbronn, Mainz und Düsseldorf zu teils mebrjährigen Gefängnis- und auch recht erheblichen Zuchthausstrafen verurteilt worden. Die letzte Strafe betrug 3 Jahre Zuchthaus, die ihm vom Landgericht Düsseldorf zuerkannt worden war und die im vorigen Jahre ablief. Bon da aus begab er sich, wie er gestern aussagte, nach Göttingen, wo man ihn gleichfalls in Untersuchung zog. Betreffs der Vorstrafen gab er an, daß bei einigen Urteilen Begnadigung eingetreten sei. Es
Roman aus dem Leben von O. Elster.
(Fortsehuna.)
Lässig ruhte seine abgezehrte rechte Hand auf dem Fenstergesims, während die linke eine leichte Decke hielt, die über seine Knie gebreitet war. ■ Das Lazarett lag etwas entfernt von der Hauptstraße des Ortes, so daß der laute Lärm derselben die Ruhe der Kranken und Verwundeten nicht stören konnte. Aber von seinem Fenster aus konnte man weit hinausblicken auf das Meer, das sich in langer, majestätischer Rollung in das Unendliche verlor, auf die Reede, wo die deutschen Kriegsschiffe und Postdampfer ankerten, auf den sich lang ins Meer erstreckenden Landungskai, dessen lebhaftes Treiben man beobachten konnte, ohne durch dessen Lärm gestört zu werden.
Nur dann und wann trug der Wind den Schall einer Dampfpfeife, das Gellen einer Echiffsglocke oder das Kreischen der Kette eines Dampskrans herüber .
Dieser frische Seewind umspielte auch die blassen Wangen Walters und trug ihm den erquickenden, stärkenden Hauch des Ozeans zu. .Vielleicht raunte er ihm auch Grüße von der ‘fernen Heimat in das lauschende Ohr — denn ab und zu röteten sich die bleichen Wangen leicht und sein Herz pochte lebhafter.
Auch heute lauschte er still, mit gesenktem Haupte dafitzend, hinaus in die Weite, als erzähle ihm der Wind traute, liebe Märchen aus glücklicher Zeit.
Da öffnete fich die Tür und der wackere lln- Zeroffizier Wilhelm Sander trat ein.
„Hier find die Zeitungen für den Herrn Oberleutnant," sagte er.
„Legen Sie sie nur auf den Tisch, lieber Sau# Ott," entgegnete Walter. „Und wenn Sie wir
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Politische Umschau.
Anleitung zux Umgehung der Erbschaftssteuer.
Erst kürzlich hat der Tod des bekannten amerikanischen Eisenbahnkönigs Harriman den Beweis erbracht, daß das mobile Kapital sich mit Leichtigkeit der Erbschaftssteuer entziehen kann. Allen denjenigen Kapitalisten, die sich etwa scheuen sollten, durch Schenkungen an ihre Familienangehörigen vor ihrem Tode der Steuer zu entgehen, gibt das „Berliner Tageblatt" nun folgenden, in England mit seiner notorischen Steuerhinterziehung bisher wirksam befolgten Rat. Man läßt die Shares auf den Namen englischer Foreigner-Vanken, bezw. auf deren Bevollmächtigten übertragen. In diesem Falle wird die Erbschaftssteuer nur dann erhoben werden, wenn die betreffende Bank von dem Todesfälle des eigentlichen Besitzers der Shares durch dessen Bankier in Kenntnis gesetzt wird. Für diese Bankiers besteht aber keinerlei Verpflichtung zu dieser Benachrichtigung. Eine solche erfolgt nur in den seltensten Fällen. Ferner wird auch vielfach die Methode angewendet, bei Lebzeiten des Besitzers Transfers zugunsten einer Vertrauensperson auszufüllen, die jederzeit von den Gesellschaften ausgeführt werden müssen, wenn sie mit beglaubigter Unterschrift versehen und sonst formell in Ordnung find. Auch in diesem Falle könnte die Erhebung der Steuer nicht erfolgen.
Der Fall Brv.hn,
In der Angelegenheit des Neichstagsabgeord- neten Bruhn und seiner „Wahrheit" geht allem Anschein nach die Untersuchungsbehörde jetzt mit großem Nachdruck vor. Unter persönlicher Führung des Untersuchungsrichters Landgerichtsrat Schmidt nahmen am Sonntag nachmittag viele Kriminalbeamte zu gleicher Zeit an sechs Stellen in Berlin und den westlichen Vororten Nachforschungen und Haussuchungen in der Angelegenheit Bruhn vor.
Es handelt fich darum, das ganze Geschäftsgebaren der „Wahrheit" und ihres Verlegers Bruhn durch Beläge, Quittungen, Rechnungen, Briefwechsel über Inserate usw. klarzulegen. An den Durchsuchungen in den Geschäfts-, Redakttons- und Wohnräumen in der Lindensttaße 77 «ahm der Landgerichtsrat Schmidt selbst leist Mit ihm kamen einige Kriminalkommissare und wohl ein Dutzend Beamte der Kriminalpolizei. Die Geschäfts- und Wohnräume waren so gründlich durchforscht worden, daß wohl auch der verborgenste Winkel nicht außer acht gelassen worden ist. Selbst die Oefen wurden nachgesehen und geleert. Halbverbrannte Papiere, die man hier in größerer Menge fand, wurden in den Umschlägen sorgfältig geborgen. Auch an den übrigen Stellen ging man allen Dingen auf den Grund. Es handelt sich hier um Personen und Anstalten, von denen bereits feststeht, daß sie
Nachricht von der bevorstehenden Heirat Marys mit Hern Dettmer gebracht, und Mary selbst hatte ihm eine fast enthusiastische Beschreibung der „Villa Mary" am Wannsee gesandt.
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Wir Dich herr- sollst
fei dies doch ein Beweis, daß man seine angeblichen Straftaten manchmal doch milder aufgefaßt habe. Als er im März ds. Jahres hier angekommen, sei et im Besitze von 100—120 Mk. gewesen. Seihe Absicht fei gewesen, sich in Marburg dauernd niederzulasten. Auf Befragen gab er weiter an, daß er berechtigt fei, den Doktortitel zu führen; er habe in Heidelberg nack» etwa 3 Semestern eine Dissertation über „Staats recht" verfaßt und damit den Doktortitel erworben Ihm wurde vorgehalten, daß er in München wegen unberechtigter Führung des Doktortitels bestraft worden fei. Damals hätte er angegeben, das Doktor- Diplom in Kiel erworben zu haben. In München hatte er, wie aus den Akten ersichtlich war, sich alt Redakteur und Berichterstatter der Zeitschrift „liebet Land und Meer" bezeichnet. Hier in Marburg hat et in verschiedenen Restaurants verkehrt. Er erzählt« dort, daß er Familie, Frau und 2 Kinder, habe, daß er früher Amtsrichter gewesen fei, in Halle und Heidelberg studiert hätte und fonstige Sachen, die sich als Phantasie herausstellten. Der Angeklagte gab zu, daß er infolge feiner schriftstellerischen Tätigkeit an einet so lebhaften Phantasie leide, daß er oft Wahres mit Unwahrem vermischt habe, ohne sich etwas zu denken. Gerade in dieser Beziehung habe er das Gutachten eines ärztlichen Sachverständigen gewünscht, es sei ihm aber abgelehnt worden. Der Angeklagte stellte später wiederholt diesen Beweisantrag und beantragte zugleich, einige Zeugen zu vernehmen, die ihm bestätigen sollten, über welch reiche Phantasie er verfüge. Auf wiederholtes Befragen wegen seines Doktortitels wurde der Angeklagte, wie später noch mehrer« Male, recht heftig. Er sei doch heute nur wegen Betrug und nicht wegen Führung eines falschen Titels angeklagt. Ein juristisches Doktor-Examen zu machen sei übrigens eine Kleinigkeit, meinte er dabei. Dunkel wohnte von März bis Anfang Mai im Hotel Leukroth, er beschäftigte sich viel mit schriftstellerischen Arbeiten und erhielt auch mehrfach Honorare, womit er auch anfangs seine Rechnungen beglich. Am 2. Juni (zu Pfingsten) machte er einen Ausflug nach Laasphe, feinen Koster ließ er hier, da er ja am andern Tage wieder zurückkommen tvollte. Im Restaurant „Fasanerie" an der Straße nach Friedrichshütte traf er, tote er weiter erzählte, eine nette Gesellschaft, dazu kam noch, daß auf dem „Stünzel" ein Kriegerfest war. Deshalb sandte er an Herrn Leukroth in Marburg ein Telegramm, er möge ihm doch sofort telegraphisch 20 Mk. überweisen; außerdem verband er mit seinem Wunsch eine Einladung an den Adressaten, nach Laasphe zu kommen. Als er das Geld erhalten hatte, sandte er fast jeden Tag eine Postkarte mit Unterschriften von Herren, mit denen er in Laasphe vergnügte Tage verlebte. Er begründete seinen verlängerten Aufenthalt gestern damit, daß er an nervösen Herzaftektionen leide und es deshalb für zweckmäßig gehalten habe, die Waldluft der Wittgensteiner Berge zu genießen. Bemerkt sei, daß er sich mittlerweile in Laasphe im „Wittgensteiner Hof" bei Herrn Schuppner einlogiert hatte. Er machte Ausflüge nach Hilchenbach, nach dem Lahnhof und anderen schönen Orten. Bei Schuppner blieb er bis zum 9. Juni. An r-iesem Tage verschwand er, nachdem er sich von letzterem noch 20 Mk. an den Bahnhof hatte schicken lasten, nach Hilchenbach und Dillenburg. Vom 1. bis 4. Juni hatte er bezahlt und die übrige Zeche war er schuldig geblieben. In Dillenburg kehrte er int Hotel Send ein und dort wurde er vehaftet. Der Angeklagte bewies aus Postabschnitten und Briefen, daß er in dieser ganzen Zeit 628 Mk. Honorar erhalten. Gebraucht hatte er bedeutend mehr.
Aus der Zeugenvernehmung ging hervor, daß er hier in Marburg sowohl wie in Laasphe schnell mit Herren besserer Geselllchaftskreise Bekanntschaften anknüpfte und sich wohl zu unterhalten wußte. Er wollte
Ihn fröstelte und er Züngelte nach seinem Diener.
Die Tür öffnete sich und jemand trat tn das Zimmer. .
„Was wünschen Sie?" fragte eine leise, weto- liche Stimme, die kaum merklich zitterte.
Walter horchte auf.
„Wer find Sie?" fragte er.
„Ihre Pflegerin," entgegnete die sanfte Stimme.
„Die neue Krankenpflegerin, die heute angekommen ist?"
»Ja. . ."
',Nun, mein Fräulein," sagte Walter mürrisch, „ich muß mich ja der Anordnung der Lazarett-Verwaltung fügen, welche Sie mir als Pflegerin zumeist, aber Sie werden keinen leichten Dienst haben. Ich bin vollständig erblindet und durch mein langes Krankenlager noch sehr matt; ich bedarf mancher Hilfeleistung — und dann, ich bin etwas ungeduldig geworden. Nehmen Sie daher ein rasches Wort nicht gleich übel. Wollen Sie jetzt das Fenster schließen? Es ist mir zu kühl — es wird Abend, nicht wahr?"
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„Für mich ist es ja einerlei, ob es Tag oder Nacht ist — für mich ist es eben stets Nacht.
Ein seltsamer Ton, das wie halbunterdrückte» Schluchzen klang, ließ ihn aufhorchen.
„Was ist Ihnen?" fragte er.
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„Wollen Sie mir Ihre Hand geben und mich zu dem Sofa führen? Ich gehe noch sehr unsicher."
Er erhob fich und streckte tastend die Haich aus. Da fühlte er eine warme weiche Hand ii . der seinigen, deren sanfter Druck ihn mit seltsamen Gefühlen durchschauerte.
(Schluß folgt.)