mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain'
und den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Berlage."
44. Iahrg
unfern Zeitungsstellen und der 'Expedition (Markt 21,) 2'Mk.
Die Iniertionsgebüsir beträgt für die 7 gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, llaiversttätsbuchdruckeret Inbaber Dr. C. Histerotb, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Marburg
Freilag 15. OktoSer 1909.
Die „Gbrrchesstsche Jettunz" erscheint täglich mit Ausnahme der Wo 94.9 Sonn, und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt uiertel-
*/'=- 6**16* jährlich durch die Post bezogen 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei
Erstes Blatt.
Die innere Krise in England.
$e länger die innere Krise in England an- »auert — aller Voraussicht nach werden bis zu »er endgültigen Entscheidung noch mindestens 4—5 Wochen vergehen — desto mehr wird in der s englischen Prefle in Kombinationen, Agitatio- i nen und Prophezeiungen „gemacht". Ueber die i Motive solcher Machenschaften kann man nicht ; tm Zweifel sein. Auf der einen Seite will ! jedes einzelne Preßorgan sich den Anschein geben, tiefer eingeweiht und besser unterrichtet zu sein ' eis die Konkurrenz, auf der anderen Seite nötigt das parteipolitische Interesse zu einer unausge- • setzten Behandlung der Materie, um die bereits bestehende Spannung so weit irgend möglich zu steigern und zu verschärfen. Tatsächlich schweben alle diese Urteile und Behauptungen in der Luft. Denn selbst in den den Dingen am nächsten stehenden Kreisen der englischen Staatsmänner und Politiker gehen die Ansichten über die voraussichtliche Haltung des Oberhauses in der Budgetfrage — und darauf kommt zunächst alles an — weit auseinander, sogar soweit, daß angesichts dieser Verschiedenheit der Meinungen ein Rückschluß auf gewisse Unstimmigkeiten innerhalb des liberalen Kabinetts gestattet sein könnte. Mit voller Sicherheit scheint nur ein Mitglied des Kabinetts Asquith mit einer Verwerfung des Budgets durch das Oberhaus zu rechnen: der Schatzkanzler Lloyd George, der gewissermaßen der geistige Vater der Vorlage ist und als solcher an ihrer Durchsetzung naturgemäß das größte Interesse hat. Die entschiedene und geradezu herausfordernde Sprache, die er in seiner Vudgetrede in Newcastle geführt hat, läßt kaum eine andere Annahme zu. Freilich darf und wird wahrscheinlich Mr, Lloyd George für seinen Vorstoß gute Gründe in Anspruch nehmen. Ihm ist selbstverständlich wohl bekannt, wie sehr die Tarifresormer den ganzen Ihnen zur Verfügung stehenden Einfluß aufbie- : len, um im Hause der Lords eine Mehrheit gegen das Budget, dessen Besitzsteuern als der ' erste folgenschwere Schritt auf dem Wege zum 1 sozialistischen Staat' verschrieen werden, zustande , zu bringen. Um so schärfer hat natürlich der f Hauptvertreter dieses Budgets den Gedanken ’ des sozialen Ausgleichs und der Schonung der minder leistungsfähigen Klassen betont, der ihm ’ und seiner Partei, falls es jetzt zu Neuwahlen kommt, die Unterstützung der breiten Massen sichern soll.
Mit der lleberzeugung, daß der Kampf gegen das Oberhaus und gegen die Schutzzollbewegung unvermeidlich geworden sei, steht der Schatzkanzler innerhalb des Kabinetts bis jetzt allein. Der Handelsminister Churchill, der im übrigen dem Schatzkanzler kn rin beipflichtet, daß das Oberhaus an dem von den Gemeinen verabschiedeten Finanzgesetzentwurf keinerlei Aenderun- gen vornehmen dürfe, hat in seiner letzten Rede im National Liberal Club erklärt, er habe bisher niemals daran gedacht, sich denjenigen beizugesellen die des Glaubens sind, daß das Budget von dem Hause der Lords verworfen werden würde. In derselben Versammlung sagte der
Lordkanzler, er hoffe und glaube, es werde wegen der Budgetangelegenheit nicht zu einem parlamentarischen Konflikt kommen. Der frühere Unterrichtsminister Virrell hat sich in einer Wählerversammlung in Bristol dahin geäußert: Die Lords würden im Budget ihre Zustimmung erteilen. . . Er sei überzeugt, daß das Haus der Lords, wenn auch widerstrebend, wenn auch unter Gebärden und Gesten, die er nicht beschreiben könne, und unter Protestreden, über die er nichts Vorhersagen könne, in dem entscheidenden Augenblick nichts unternehmen würde, was die Abmachungen durchkreuzen könnte, die das Unterhaus getroffen habe, um den erforderlichen neuen Jahresbedarf an Geldmitteln zu decken. Ferner äußerte in einer in Sheffield abgehaltenen öffentlichen Versammlung der Abgeordnete Smith, der der Hauptredner war, in ganz Sheffield und ebenso wenig anderswo glaube jemand daran, daß die Lords die Budgetvorlage ablehnen würden. Endlich hat der König, indem er ebenso gut Parteiführer und Staatsmänner, _ die als Gegner der Budgetvorlage gelten, wie solche, die auf dem Standpunkt des liberalen Kabinetts stehen, empfangen hat, eine entscheidende Stellung bisher vermieden. Es ist also vorderhand keineswegs abzusehen und noch weniger vorherzusagen, wie die Dinge sich weiter entwickeln werden.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser an den Croßhcrzog von Oldenburg. Hamburg, 13. Okt. Dem Eroßherzog von Oldenburg ist folgendes Antworttelegramm vom deutschen Kaiser zugegangen: „Ew. Königlichen Hoheit danke ich herzlich für die Meldung über den Stapellauf des zweiten Schulschiffes des Schulschiffvereins, das für mich ein weiteres Zeugnis bildet des unermüdlichen Interesses Ew. Königlichen Hoheit für die Entwicklung der deutschen Seefahrt. Mögen die aufopfernden Bemühungen Ew. Königlichen Hoheit und des Vereins bald belohnt werden durch ein kräftiges Wiederaufblühen des Seeverkehrs, damit der von den Schulschiffen so vortrefflich erzogenen Jugend eine reiche Betätigung gesichert sei. Eez. Wilhelm I. R.“
— Wetterlö verurteilt. In dem Beleidigungs- Prozeß des Professors Eneisse-Kolmar gegen den Abgeordneten Wetterlch der seinerzeit einem Schüler des hiesigen Lyzeums Karikaturen von Eneisse gegeben und Eneisse auch durch mehrere Veröffentlichungen beleidigt hatte, wurde heute das Urteil gesprochen. Abgeordneter Wetterlö wurde zu einer Gesamtstrafe von zwei Monaten Gefängnis und Tragung der Kosten verurteilt. Dem Kläger wurde das Recht der Veröffentlichung des Urteils zugesprochen.
— Der Deutsche Antisemitenbund gegen den Abg. Bruhn. Die „Deutsche Tagesztg." veröffentlicht folgende Erklärung des Deutschen Antisemitenbundes: „In der freisinnigen und sozialdemokratischen Presse wird der Reichstags- abgeordnete Bruhn vielfach als Antisemit hingestellt. Wir erklären dazu, daß die Antisemiten Berlins, insbesondere der Deutsche Antiscmiten- Bund, bereits seit sechs Jahren jegliche Beziehungen zu Bruhn gelöst haben. Der Grund dafür war das eigenarfige Verhalten des Herrn Bruhn
bei Herausgabe der „Wahrheit". Bruhn hatte ursprünglich versprochen, die „Wahrheit" als ein nationales Blatt erscheinen zu lassen. Dieses Versprechen hat Herr Bruhn nicht gehalten. Ueber die Tendenz des Blattes sind ihm von Antisemiten die ernstesten Vorhaltungen gemacht worden. Insbesondere hat der Deutsche Antisemiten-Bund Herrn Bruhn nicht im Zweifel darüber gelassen, daß der Bund die Tendenz der „Wahrheit" für eine überaus verwerfliche hält. Als Herr Bruhn alle Vorstellungen unbeachtet ließ, hat der Deutsche Antisemiten-Bund ihn aus seinen Listen gestrichen. Als „Antisemit" kommt Herr Bruhn für uns längst nicht mehr in Frage. .Der Deutsche Antisemiten-Bund. gez. Rob. Donner"
Ausland.
** Die Spanier in Marokko. Melilla, 13. Oktober. Die Marokkaner überraschten zwölf spanische Soldaten, die von Ohmedelhach ausgezogen waren, um Wasser zu holen. Acht Spanier wurden getötet.
Der Kampf nm das englische Budget.
L 0 n d 0 n, 13. Okt. Die Zeitungen besprechen sehr lebhaft die gestrige Unterredung des Königs mit Balfour, Lord Landsdowne und dem Premierminister Asquith und geben ihrer Ansicht Ausdruck, daß Premierminister Asquith die Initiative dazu ergriffen habe. Die konservativen Blätter greifen den Premierminister wegen dieses Vorgehens an und bezeichnen es als einen noch nicht dagcwefenen Versuch, die Vorrechte der Krone dazu zu benutzen, die Absichten der Gegner zu erfahren; denn Asquith fürchte die Wahlen. Die Audienzen würden übrigens keine Aenderung der Lage bringen, sofern nicht die Regierung selbst nachgebe. Die liberalen Blätter schreiben, es sei nur natürlich, daß der König seinen Einfluß in der Richtung der Versöhnung beider Seiten geltend mache. „Daily News" meint, auf liberaler Seite habe man ein Kompromiß befürchtet, aber Asquith sei keinen Zoll weit zurückgewichen und habe die Krise zermalmt.
Stadtverordueten-Sitzuni;.
)( Marburg, 13. Okt.
Die heutige Sitzung der Stadtverordneten umfaßte zunächst 10 Punkte.
Unter Mitteilungen zur Kenntisnahme zirkulierten die Kassenübersichten der letzten Monate.
Der folgende Punkt betraf die Deckung der Kosten für die Gas- und Wasserleitung des Rotenbergs. Diese ist bekanntlich auf Kosten der früheren Anlieger gemacht und von diesen bezahlt worden. Wie jetzt die Sache liegt, sollen auch die neuen Anlieger zu den Beittägen, zu denen sie verpflichtet sind, herangezogen werden und denjenigen, die mehr bezahlt haben, als wie ihnen zukommt, soweit dies noch nicht geregelt ist, ihr Geld zurückerhalten. Für die Stadt, welche, wie in einer früheren Sitzung beschlossen wurde, die Gas- und Wasserleitung dott übernommen hat, bleiben zur Deckung noch etwa 6000 M übrig. Man war mit der Vorlage einverstanden.
Weiter handelte es sich um den Erwerb von Grundeigentum zur Ausführung eines Promenadenwegs vom Südbahnhof zum Rondel an der Cappelerstraße, sowie am Cappelerberg (Bismarckweg). Es ist ja bekannt und auch in unserer Zeitung schon mehrfach erwähnt worden, daß der hiesige Verschönerungsverein in dankenswetter Weise vom Südbahnhof am Feldrande oberhalb der Eisenbahnböschung einen Promenadenweg schaffen will, der sich würdig an die Bismarckpromenade anschließen soll. Die Arbeiten haben bereits begonnen, doch sind da noch verschiedene Geländesragen zu regeln, die zwar die Stadt nur in geringem Maße belasten. Herr Professor Andr6 stellt z. B. das von ihm erworbene Gelände zu dem billigen Selbstkostenpreise zur Verfügung der Stadt, außerdem ist noch sonst eine kleine Parzelle zu kaufen. Die Mittel werden hauptsächlich aus der Bopp-Stiftung genommen. Da über die einschlägigen Fragen Meinungsverschiedenheiten herrschten gaben der Oberbürgermeister wie auch der Stadtv. Geßner genauere Auskunft, worauf die Vorlage angenommen wurde.
Der beanttagten Erhöhung der Vergütung für Reinigung des Rathauses wurde zugesttmmt.
Ebenso genehmigte man auch den bekannte» Nachtrag zur Ordnung für Erhebung einer Umsatz- und Wettzuwachssteuer in der früher beschlossenen Weise.
Die folgende Sache war wichtiger Natur, den« sie betraf die Verhinderung der „Verschandelung" Marburgs. Wie schon oft in unserer Zeitung mit- geteilt, sind im Jahre 1907 reichsgesetzliche Bestimmungen erlassen, welche den Kommunen zur Pflicht machen, durch besondere Ottsstatute dafür zu sorgen, daß historische Gebäude, Sttaßen, Plätze, eigenartige Naturschönheiten, z. B. interessante Felspartien, alte Bäume usw., soweit es angängig ist, zu erhalten. Der Magisttat hat nun ein solches Statut zum Schutze der Stadt Marburg gegen Verunstaltung ausgearbeitet und den Stadtverordneten zugehen lassen. Der stellvettretende Vorsitzende. Stadtv. Rohde, brachte einzelne Abschnitte aus diesem Entwurf zur Verlesung, worauf eine Kommission zur Beratung derselben gewählt wurde, der folgende Herren angehören: Eichelberg, Reisstng, Leonhardt, Bang, Klee, Engel und der Vorsteher oder dessen Stellvettreter.
Einer Aussprache, welche sich über einzelne Paragraphen entspann, ließ sich leider nicht gut folgen, weil dazu die Kenntnis des Entwurfs gehött hätte. Da uns dieser nachttäglich ausgchändigt ivurde, sei das wesenllichste aus demselben mitgeteilt:
Für Straßen und Plätze von geschichtlicher oder künstlerischer Bedeutung einschließlich der an diese Straßen und Plätze anschließenden Eckgrundstücke ist die baupolizeiliche Genehmigung zur Ausführung von Bauten und baulichen Aenderungen zu versagen, wenn dadurch die Eigenart des Orts- oder Straßenbildes beeinträchtigt werden würde. Als solche Straßen unh Plätze gelten: Sämtliche Straßen, welche die Baupolizeiordnung I vom 1. Juni 1906 zur Altstadt rechnet. Insbesondere sind dies: der Marktplatz und die von demselben aufwärts führenden Straßen Mainzer- gaffe, Ritterstraße, Nikolaistraße; der Platz an der lutherischen Kirche; der Schuhmarkt; die Straßen bei
46 (Nachdruck verboten.)
St-!; itm Stolx.
Roman aus dem Leben von O. Elster.
(Fortsetzung.)
Brunhildens ernst-freundliches Antlitz schaute durch die halb geöffnete Tür.
„Nun, habt Ihr Euch ausgesprochen?" fragte sie lächelnd.
„Komm nur herein, Brunhild«," entgegnete Hildebrandt. „Es ist alles gut."
Brunhilde trat eip, Mary warf sich ihr heftig bewegt in die Arme und küßte sie.
„Dir, Du Gute, verdanke ich alles," flüsterte sie.
Brunhilde streichelte die glühenden Wangen der Aufgeregten.
„Schon gut, schon gut, meine liebe Mary," sagte sie liebevoll. „Beruhig« Dich nur und sei vernünftig."
Das hatte nun keine Not. Mary war sehr vernünftig geworden. An die Torheiten der vergangenen Zeit dachte sie nicht mehr; sie beschäf- tigte sich eifrig im Haushalt und dachte an die Zukunft — an ihre Zukunft, die sie sich als diejenige einer braven Ehefrau an der Seite eines braven Ehemannes ausmalte.
Und so kam es, daß sie die Huldigungen des biederen Königlichen Hofphotographen Eginhard Dettmer mit freundlicher Liebenswürdigkeit aufnahm.
Herr Dettmer war jetzt fast täglicher Gast in der Wohnung Hildebrandts.
Meistens erschien er gegen Abend, wenn sein Geschäft geschlossen war. Dann brachte er Mary t^eressante Photographien und Bilder mit,
spielte mit ihrem Vater Schach oder erzählte voll Stolz von seiner neuesten Erfindung auf dem Gebiete der Farbenphotographie.
„Und wissen Sie, gnädiges Fräulein," sagte er eines Tages, „wem ich eigentlich diese Erfindung, die mir sehr viel Geld einbringen wird, zu verdanken habe? Ihrer Freundin, der Russin Wera Komorowska, die eine ausgezeichnete " Chemikerin ist. Ich habe sie deshalb auch in meinem chemischen Laboratorium angestellt mit hundertfünfzig Mark monatlich. Sie leistet mir tatsächlich wertvolle Dienste."
„Das freut mich um Weras willen sehr, Herr Dettmer. Das arme Mädchen hatte schwer zu kämpfen, um durchzukommen."
„Na, jetzt ist ja alle Not zu Ende! Sehen Sie, Fräulein Mary, so habe ich denn mein geschäftliches Glück zwei Frauen zu verdanken. Die wundervollen, künstlerisch gemalten Porträt- Photographien Fräulein Brunhildens lenkten zuerst die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf mein Atelier, unb nun kommt die Wissenschaft Fräulein Weras hinzu, um mich ustd mein Geschäft berühmt zu machen. Das ist das Leben, Fräulein Mary! Wissenschaft, Kunst und Handwerk sollen Hand in Hand gehen!"
Der brave Photograph hatte da, ohne daß er es ahnte, eine tiefe Wahrheit ausgesprochen.
„Und nun sind Sie wohl sehr glücklich, Herr Dettmer?" fragte Mary lächelnd.
„Ach, Fräulein Mary, zum Glück — zum wahren Glück fehlt noch ein wichtiger Faktor — und ich meine, das ist der allerwichtigste im Leben der Menschen."
„Ich bin neugierig, diesen Faktor kennen zu lernen," meinte Mary schelmisch.
„Nun, es ist die Liebe einer Frau," entgegnete Herr Dettmer und errötete bei diesen kühnen Worten.
Auch Mary errötete leicht.
„Das ist ein gefährliches Thema, Herr Dettmer . . ."
Der Königliche Hofphotograph hatte jedoch Mut gefaßt. Er saß mit Mary allein in der Jasminlaube des kleinen Vorgartens ihrer Wohnung und Marys Wangen glühten unb ihre dunklen Augen senkten sich verlegen zu Boden. Noch niemals war sie Herrn Dettmer so reizend erschienen.
Schüchtern ergriff er ihre Hand und sprach stockend und stammelnd weiter:
„Wenn ich es wage, Fräulein Mary, Ihnen, die so hoch über mir steht, von meinem Herzenswunsch zu sprechen, so erlauben Sie, daß ich Ihnen zuerst Auskunft gebe über die Verhältnisse, in welche meine Gatttn kommen würde. Ich bin schon jetzt ein wohhabender Mann und mein Geschäft befindet sich in blühendem Zustande. Aber ich würde meiner Gattin nicht zumuten, sich um das Geschäft zu bekümmern — nein, wenn ich das Geschäft verlasse, dann will ich mich ganz meiner Häuslichkeit erfreuen. Und zu diesem Zweck stehe ich in Unterhandlung wegen Ankaufs einer hübschen Villa am Wann- see. Mit ihrer väterlichen Villa im Erunewall» kann sie freilich nicht verglichen werden, aber sie liegt doch sehr hübsch im Grünen und von ihren Fenstern aus hat man einen herrlichen Rundblick über den See bis zur Pfaueninsel hin. Dort soll meine Gatttn leben, dort will ich mich meiner Häuslichkeit erfreuen. Auch ein Boot steht ö»r Verfügung, wir könne» damit des Sonntag»
auf den See hinausrudern. Auf der Veranda sitzt man sehr hübsch, wir könnten mit unseren Freunden dort manchen gemütlichen Abend verleben. Fräulein Mary, möchten Sie sich die Villa nächsten Sonntag nicht einmal ansehen?"
„Ich, Herr Dettmer?"
„Ja, Sie, Fräulein Mary — denn niemand anders als Sie soll diese Villa bewohnen, und wenn sie Ihnen nicht gefällt, schließe ich de» Kauf nicht ab." ,
„O, Herr Dettmer! Was sagen Sie da! Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen antworten soll."
„Ueberlegen Sie sich meine Worte, Fräulein Mary, und geben Sie mir nächsten Sonntag Antwott. Ich weiß wohl, daß es eine Kühnheit von mir ist, meine Augen zu Ihnen, der vornehmen, jungen Dame, zu erheben, aber ich kann Ihnen doch jetzt ein fotgenfretes, ja ich darf wohl sagen ein in gewisser Beziehung reiches Lebe» bieten. Wenn ich auch nur ein einfacher Photograph bin, so habe ich doch etwas Tüchtiges gelernt und bin ein solider, aufrichtiger Mann, der Sie, Fräulein Mary, von Herzen lieb ge» wonnen hat. Wollen Sie sich meine Worte überlegen, Fräulein Mary?"
„Ja, das will ich, lieber Herr Dettmer," entgegnete Mary gerührt unb beschämt, indem sie seinen leisen Händedruck erwiderte. „Lassen 6te mich nur zur Besinnung kommen."
„Sie machen mich zu dem glücklichsten bet Menschen," flüsterte Dettmer und drückte eine» schüchternen Kuß auf ihre Hand. Ihrem Herr« Vater würde e» i» Wannser gewiß auch gut gefalle» , »»»■
Mrtfetzung f<W.