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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
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unv den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Berlage
Insertionsgebüstr beträgt für die 7gespaltene Zeile
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oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — 44
Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Universitätsbuchdrnckerel x)uoiy<
Inhaber Dr. C. Hitzerotd, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Die „GUerhesstsche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei unsern Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21,) 2 Mk.
Marburg
Freit aq. 8. Oktober 1909.
Bestellungen
auf das vierte Quartal 1909 auf die „Oberhessische Zeitung- nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedition (Markt 21), unseren Ausgabestellen in Kirchhain, Neustadt und Wetter, sowie von allen Postanstalten und Landbriesträgern entgegcngenommen.
Pfarrer Korell und der Relchsverbaud.
Der sozialliberale Wanderredner Pfarrer Adolf Korell aus Königstädten setzt sein Liebeswerben um die Gunst der Sozialdemokratie in zahllosen Vorträgen in allen süddeutschen Städten und Dörfern unentwegt fort. Am 12. September hielt er die Festrede bei einem Demonstrationsfest der freiheitlich-nationalen Arbeiterschaft in Worms. Er sprach über das Thema: „Warum muß Arbeiterschaft und Bürgertum im Kampfe um Freiheit und Recht Zusammengehen?" Mit der Arbeiterschaft meint er natürlich die Sozialdemokratie. Nach der „Wormser Zeitung" (Nr. 466 vom 13. 9. 09) zog Korell gegen die bösen Scharfmacher los, die darauf ausgingen, daß Bürger und Arbeiter nicht zusammenkommen.
Wie immer erging sich Korell in wüsten Schmähungen gegen den Reichsverband gegen die Sozialdemokratie. Korell erklärte, dieser Verband habe seine Statuten schon längst geändert, er bekämpfe nicht mehr die Sozialdemokratie, sondern die bürgerliche Sozialpolitik, welche Arbeiterschaft und Bürgertum zusammenführen wolle. Für diese kühnen Behauptungen blieb Korell den Beweis schuldig. Tatsache ist, daß der Reichsverband in sozialpolitische Fragen noch niemals eingegriffen hat, daß er getreu seinem Statut unablässig die Sozialdemokratie bekämpft und in diesem Kampfe häufig in die Lage kommt, auch gegen den Beschützer der Sozialdemokratie, den Pfarrer Korell, sich zur Wehr zu setzen. Wenn allerdings Korell so unbescheiden ist, sich die „bürgerliche Sozialpolitik" zu nennen, dann ist ihm nicht zu helfen. Von den Anschauungen Korells, die der Reichsverband immer bekämpfen muß, führt nur noch ein schmaler Pfad direkt ins Lager der roten Internationale.
Um darzutun, daß er die republikanische Etaatsreform nicht direkt verwirft, erklärte der linksradikale Außenseiter in seiner Wormser Rede: „Ob es später heißt: Republik oder Monarchie, ob nur 6 Stunden gearbeitet wird, darüber sollen unsere Nachkommen diskutieren." In dieser zweispältigen Rede will Korell offenbar den Rückzug ins bürgerliche Lager sich ebenso offen halten, wie den Uebertritt zur revolutionären republikanischen Sozialdemokratie. Nur in einem Punkte muß man Korell, der im übrigen die Steuerhetze ganz nach sozialdemokratischem Rezept betrieb, zustimmen, als er sagt: man hätte die Steuern bewilligen müßen, auch wenn er selbst in den Reichstag gekommen wäre. (!!) Davor ist der deutsche Reichstag durch den gesunden Sinn der Wähler von Alzey-
Bingen bewahrt worden. Es ist bezeichnend, daß Korell von der Sozialdemokratie bei Reichsverbandsprozessen als Kronzeuge der Sozialdemokratie gegey den Reichsverband angerufen wird. Diese Schützerrolle gebührt ihm, aber er soll sie nicht aufspielen als objektiver bürgerlicher Politiker. (C. d. RV.)
Politische Umschau.
Ein Gedenktag.
Berlin, 6. Okt. Die „Nordd. Allg. Ztg." sagt in*einem „Ein Gedenktag" überschriebenen Artikel: Am morgigen Donnerstag jährt sich zum dreißigsten Male der Tag, an dem das Bündnis zwischen Deutschland und Oesterreich- Ungarn unterzeichnet worden ist. Dreißig Jahre hindurch hat das Bündnis seine volle Wirksamkeit geübt. Durch den Zutritt Italiens hat es sich zum Dreibunde erweitert. Es hat dem euro päischen Frieden unschätzbare Dienste geleistet. Allen gegnerischen Unterstellungen zum Trotz hat die Bundesgenossenschaft zu keiner Zeit die Grundlage einer angreifenden, auf Beeinträchtigung der Rechte dritter aozielenden Politik gebildet: sie war ein festes Bollwerk des Friedens, hinter dem die verbündeten Mächte ungestört der Pflege ihrer eigenen Angelegenheiten sich widmen konnten. Seinem friedlichen Charakter gemäß hat das Bündnis die Herstellung freundschaftlicher Verhältnisse zu den außenstehenden Staaten nicht nur gefördert, sondern es ist gerade zum fruchtbringenden Erdreich geworden, aus dem der Friedensgedanke neue Nahrung gezogen hat. Der Abschluß des Bündnisses zählt zu den bedeutendsten politischen Taten des großen ersten Kanzlers des Deutschen Reiches. Von seinen verdienstvollen Mitarbeitern weilt unter «ns nur noch der jetzt im Ruhestände lebende Botschafter v Radowitz, das große Bündnis aber lebt und wirkt fort.
Großadmiral v. Köster
über die deutsch-englischen Beziehungen.
Newyork, 5. Okt. Heute abend gaben die bedeutendsten englischen Vereinigungen Newyorks zu Ehren des Admirals Seymour und der Offiziere des englischen Geschwaders ein Festmahl, zu dem auch Großadmiral v. Köster geladen worden war. Dieser drückte in einer Ansprache die Hochachtung der deutschen Marine vor Admiral Seymour aus und erinnerte daran, daß viele deutsche Kameraden während der chinesischen Unruhen im Jahre 1900 unter Seymours Kommando gestanden hätten; er gedachte des freundlichen Empfangs der deutschen Flotte in Plymouth im Jahre 1904 und sagte, es sei zweifellos, daß, wo auch immer Deutsche und Engländer sich begegneten, sie als Mitglieder zweier in gleicher Weise aufstrebender Nationen in einen eifrigen Wettbewerb treten; nichtsdestoweniger werden die Bemühungen beider Nationen angesichts der gemeinsamen Abstammung und ihrer Handelsintereffen stets auf die Herstellung guter Beziehungen und freundschaftlichen Verkehrs unter einander gerichtet sein. Doppelt müsse dies in Amerika der Fall sein, wo der Deutsche und der Engländer sich unter einem energischen, mit hochentwickelter Intelligenz ausgerüsteten Volke begegneten, um an den weiteren Fortschritten
dieses erwählten, herrlichen Adoptivlandes teilzunehmen. Er hoffe, so schloß der Großadmiral v. Köster, daß der Deutsche und der Engländer dort, wie einst die Marinesoldaten unter Admiral Seymour, Seite an Seite marschierten, zugleich den Interessen der neuen Heimat bestens dienend.
Die Deutsch« Arktische Zeppelin-Luftschiff« expedition.
Friedrichshafen, 6. Okt. Unter dem Vorsitz des Prinzen Heinrich von Preußen fand am 5. Oktober in Friedrichshafen eine Sitzung des Arbeitsausschusses der deutschen arktischen Zeppelin- Luftschiffexpedition statt, an der Graf Zeppelin, Geh. Regierungsrat Professor Hergesell, Geh. Kommerzienrat v. Friedländer-Fuld, Geh. Ober-Regierungsrat Dr. Lewald und Werftbesitzer Oertz teilnahmen. Zu der Sitzung wurde der Polarfahrer Lerner zugezogen. Der Arbeitsausschuß, der die aus der Eigenart des Plans erwachsenden besonderen Schwierigkeiten des Unternehmens in vielstündiger Sitzung durch- beriet, beschloß, die Grundlagen des Vorgehens zunächst durch eine Vorexpedition nach allen Richtungen zu untersuchen. Die Borexpedition soll ini Sommer 1910 nach Spitzbergen mit Vorstößen ins Polareis ausgefandt werden und die Bedingungen für den Betrieb von Luftschiffen in polaren Regionen feststellen. Der Arbeitsausschuß legte großen Wert darauf, daß die Weiterentwickelung der Zeppelinschcn Luftschiffe für lange Fahrten, insbesondere über Meer, zum Zwecke wissenschaftlicher Erforschungen mit allem Nachdruck gefördert werde. Es soll daher der Entwurf eines entsprechend gebauten Luftschiffes schon jetzt in Angriff genommen werden, das zu Beginn des Jahres 1911 Ucbungsfahrten von einem deutschen Seehafen aus antreten kann.
Deutsches Reich.
— Falsches Attentatsgerücht. Cettinje, 6. Okt. Von amtlicher Stelle wird die Meldung, es sei auf den Prinzen Max von Sachsen während seiner Automobilsahrt von Cettinje nach Cattaro ein Anschlag verübt worden, als vollständig aus der Luft gegriffen bezeichnet.
— Beleidigungsprozeß. Kolmar, 6. Okt. Der Beleidigungsprozeß des in der sogenannten Sprachenfrage scharf hervorgetretenen Professors Gneiße-Kolmar gegen den Abg. Wetterlee, der seiner Zeit einem Schüler des hiesigen Liceums von dem Eneiße Karikaturen gegeben hatte, wurde heute von der Strafkammer des hiesigen Landgerichts verhandelt. Ein Sühnversuch mußte, als gesetzlich nicht mehr zulässig, abgelehnt werden. Die Verhandlung, die, besonders als ihre politische Seite betont wurde, einen äußerst lebhaften Charakter annahm, wurde zwar heute zu Ende geführt, die Urieilsveckün- digung wurde jedoch um acht Tage vertagt. — Die Reoisionsverhandlung der wegen Beleidigungen des Professors Gneiße am 13. Juli verurteilten Kolmarer Redakteure und des Karikaturisten Hansi, die heute ebenfalls stattfinden sollte, wurde auf den 1. November verschoben.
— Dementi. Berlin, 6. Okt. Zu dem in Deutschland verbreiteten Gerücht, daß diesen Winter den deutschen Dienstboten der Aufent
halt in Nizza und an der Riviera untersagt würde, teilt die „Nordd. Allg. Ztg." mit: Erkundigungen an zuständiger Stelle haben ergeben, daß dieses Gerücht durchaus unbegründet ist. Niemals ist auch nur der Gedanke aufgetaucht, Dienstboten deutscher Nationalität den Aufenthalt in Nizza und an der Riviera zu untersagen.
— Eine gesprengte Versammlung. Dresden, 5. Oktober. In Kötzschenbroda (24. ländlicher Wahlkreis) wollte sich, wie wir der „D. Tages- Ztg." entnehmen, am vorigen Sonnabend der konservative Landtagskandidat den Wählern vorstellen. Schon geraume Zeit vor dem Beginn der Versammlung hatten die Genossen den Saal besetzt, so daß viele bürgerliche Wähler die Versammlung nicht besuchen konnten. Der konservative Landtagskandidat konnte seine Programmrede trotz fortwährender Unterbrechungen vollenden. Nach ihm sprach der sozialdemokratische Kandidat. Nach dessen Rede setzte ein fürchterlicher Lärm ein. Die Genossen brüllten Beifall und benahmen sich derart, daß die Versammlung geschlossen werden mußte. War der Lärm schon vorher ohrenbetäubend, so wuchs er nach dem Schluffe zu einem Orkane an. Die Genossen sprangen auf den Versammlungsleiter ein, der sich schon als Vorsitzender des evangelischen Arheitervereins bei ihnen keiner sonderlichen Beliebtheit-erfreut. Eine Viertelstunde lang mußte der Mann die rohesten Drohungen und unflätigsten Beschimpfungen anhören. Endlich gelang es ihm, sich der erregten Masse zu entziehen. Nur seiner Ruhe ist es zu danken, daß Tätlichkeiten vermieden wurden. — Derartige Ereignisse geben einen interessanten Ausblick auf die Behandlung der freien Meinungsäußerung im Zukunftsstaat!
Ausland.
** Der neue französische Lenkballon. Paris, 6. Okt. Im Kriegsministerium fand zwischen dem General Rogues und den Erbauern des neuen Lenkballons, den Gebrüdern Lebaudy, sowie dem Ingenieur Julliot eine Besprechung statt, in der beschlossen wurde, die Stahlschrau- benflügel des Luftschiffes durch Holzschrauben zu ersetzen und erforderlichen Falles die Ballonhülle durch ein Drahtgitter gegen Verletzungen durch etwa abspringende Schraubenflügel zu schützen.
** Die Spanier in Marokko. Berlin, 6. Okt. Die spanische Regierung ließ hier amtlich erklären. daß die notwendig gewordene Entsenbung weiterer Verstärkungen nach Melilla keine Aen- derung ihres Aktionsprogrammes bedeute. Diese Aktion werde sich den bereits früher abgegebenen Erklärungen entsprechend auch fernerhin im Rahmen der Algecirasakte halten. Die deutsche Regierung nahm von der Erklärung Kenntnis. — Paris, 6. Okt. Die „Agenee Havas" erfährt aus London: Nach Informationen aus Berlin und Tanger ließ die spanische Regierung erklären. daß sie ihre Instruktionen nicht geändert und ihr Aktionsprogramm keine weitere Ausdehnung ihres marokkanischen Feldzuges enthalte.
40 (Nachdruck verboten.)
Stolz rrru Stolz.
Roman aus dem Leben von O. Elster.
k Fortsetzung.)
Not und Entbehrung prägten sich deutlich in den hageren Zügen der Studentin aus, dennoch wagte Brunhilde nicht, weiter in sie zu bringen. Sie achtete den Stolz der Armut, der auch sie einstmals beseelt.
Nachdem Mary sich erquickt, mußte sie sich wieder niederlegen, und bald war sie sanft wie ein Kind eingeschlafen.
„Was beginnen wir nun,“ fragte Brunhilde Wera leise.
„Ich kann sie doch in diesem Zustande ihrem Vater nicht zuführen."
„Laßen Sie sie arbeiten? Das wird sie körperlich und seelisch gesund machen," entgegnete die Russin mit herber Stimme.
„Welche Arbeit kann sie verrichten? Zum Theater möchte ich sie nicht wieder gehen lassen."
„Jede Arbeit ist recht — sei es auch die eines Dienstmädchens, eines Kindermädchens . . ."
„Nein, nein, das geht nicht."
Die Russin zuckte die Schultern und wandte sich wieder ihrem Buche zu.
Brunhilde sann nach, wie sie Mary helfen könnte. Plötzlich huschte ein Lächeln über ihr ernstes, schönes Gesicht. Ein glücklicher Gedanke war ihr gekommen.
Rasch erhob sie sich.
„Ich glaube, ich habe einen Ausweg gestm- deii," sagte sie. „Ich werde sofort versuchen, Mary eine anständige Unterkunft zu verschaffen, so daß sie Ihnen nicht mehr zur Last fällt. Wollen Sie Mary bei ihrem Erwachen sagen, ich
würde gegen Abend wiederkommen. Dann kann ich ihr hoffentlich gute Nachricht bringen."
„Ich werde es ausrichten."
„Ihnen aber, Fräulein Komorowska, danke ich herzlich, daß sie sich der Armen so schwesterlich angenommen haben. Rechnen sie stets auf unsere Dankbarkeit und Freundschaft..."
„Ich rechne nur auf meine eigene Arbeit und auf meine eigene Kraft. Ihren Dank habe ich nicht, verdient. Wir find alle Schwestern und müssen uns gegenseitig helfen und beistehen im Kampfe um das Dasein. Ich bitte Sie, mir nicht zu danken."
Brunhilde verzichtete darauf, diesem herben, strengen Mädchen näherzutreten. Sie bewunderte es, konnte aber keine warme Freundschaft für solchen Charakter empfinden.
Rasch nahm sie Abschied.
Auf der Straße angekommen, rief sie eine Droschke an und ließ sich nach der Fasanenstraße fahren.
Glücklicherweise fand sie den kleinen Maler zu Hause.
Christoph Wackernagel ging mißmutig in seinem Atelier auf und ab und pfiff in herzzerreißenden Tönen eine Operettenmelodie.
„Ah, es ist gut, daß Du kommst, Hildchen!" rief er erfreut aus. „Ich langweile mich zum Sterben. Du fehlst mir an allen Ecken und Enden, wenn ich nichts zu tun habe — und das kommt leider nur allzuhäufig vor. Früher gabst Du mir stets Anregung zu irgendeiner Arbeit, jetzt bin ich wie vernagelt und ich muß meine Zuflucht wieder zum „Feuchten Pinsel" nehmen, wenn ich nicht vor Langeweile sterben soll. Ach, Hildchen, warum hast Du mich verlassen?"
„Onkel Christoph, ich werde Dir eine andere Gesellschafterin bringen."
„Ich brauche keine andere Gesellschafterin! Mädel, willst Du mich etwa verheiraten?"
„Nein, nein, das nicht, Onkel Christoph," antwortete Brunhilde lachend. „Aber Du kannst ein gutes Werk tun, indem Du einem unglücklichen Menschenkind Obdach, Hilfe und Schutz gewährst."
„Ich verstehe Dich nicht. Ich unterhalte doch keine Kleinkinder-Bewahranstalt!"
„Hör' nur zu, Onkel Christoph, es handelt sich um eine sehr ernste, traurige Angelegenheit" und dann erzählte sie ihm, wie und unter welchen Umständen sie Mary gefunden.
„Zu ihrem Vater will und kann die Arme jetzt nicht zurückkehren, Onkel," schloß sie ihre Mitteilungen. „Ihr Vater würde sehr hart gegen sie sein — Du kennst ihn ja. Bei der Russin kann sie auch nicht bleiben, da diese selbst kaum zum Leben genug hat und zu stolz ist, irgendeine Unterstützung anzunehmen. Da habe ich denn an Dich gedacht, lieber Onkel Christoph. Mein Stübchen ist ja noch in Ordnung, da könnte Mary unter Deinem Schutze wohnen und sich erholen, bis wir weiter für sie sorgen können oder eine Versöhnung mit ihrem Vater zustande gebracht haben. Du mit Deinem guten Herzen und Deinem goldenen Humor bist gerade der rechte, um das arme Mädchen wieder aufzurichten. Und was das Materielle der Sache anbetrifft, so werde ich schon für alles sorgen."
Der kleine Maler kratzte sich hinter den Ohren und machte ein bedenkliches Gesicht.
„Das ist alles recht schön und gut, Hildchen," sagte er zögernd, „und ich würde Dir ja auch gerne den Gefallen tun, aber glaubst Du wirk
lich, daß ich der richtige Trostbringer für das unglückliche Geschöpf bin? Ich war mein Lebtag kein Tugendbold . . ."
„Aber jetzt bist Du unser guter lieber Onkel Christoph," schmeichelte Brunhilde, „und wirst die arme Mary wieder aufheitern, so daß sie neuen Lebensmut und Lebenskraft erhält. Denn Deine Lebenslust und Schaffenskraft sind zu unverwüstlich, und Du hast ein so mitleidiges und gutes Herz."
„Sieh da, die kleine Schmeichelkatze! Aber Kind, da ist noch etwas anderes zu bedenken. Der Fürstlich Sonnensteinsche Hofphotograph — übrigens hat der Kerl jetzt den Königlichen Hofphotographentitel erhalten und macht ein Bombengeschäft — kommt sehr oft zu mir. Ich arbeite jetzt auch für ihn — ja, ja, soweit ist es mit mir gekommen, daß ich für diesen Handwerker arbeite! Und neugierig ist Deitmer wie ein Spatz! Was soll ich ihm nun sagen, wer diese meine Pflegetochter ist? Er könnte dubei auf sonderbare Gedanken kommen . . ."
„Das Beste ist, Onkel Christoph, wir weihen ihn in das Geheimnis ein — das heißt, ohne Mary zu kompromittieren. Wir sagen ihm, Marys Vater könne ihr nicht verzeihen, daß sie zur Bühne gegangen ist — man müsse die Versöhnung erst nach und nach herbeiführen. Deitmer besitzt ein gutes Herz und ist ein ehrenwerter Mann; er wird uns nicht verraten. Und ich hoffe ja auch, daß es nicht lange dauern soll, bis ich Onkel Hildebrandt mit Mary ausgesöhnl habe. Nur darf sie ihm nicht in diesem schrecklichen Zustand unter die Augen treten"
(Fortsetzung frigQ :
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