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44. Jahrg.

M 219

mit -em Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) undLandwirtschaftliche Berlage."

Marburg

Sonnabend. 18. September 1909.

DieGberhesstfche Iertrrng" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bez u a s preis beträgt viertel- sährlich durch die Post bezogen 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei unfern Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21,) 2 Mk.

Die JnsertionSgebübr beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Rcmm 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, llntverfftsttsbuchdruckerei Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 73.

Die koloniale Frauenfrage.

Jin Jahre 1896 wurde auf der Hauptver­sammlung der Deutschen Kolonialgesellschaft am 90. Mai darauf hingewiesen, daß zwischen Euro- »Iteent und Eingeborenen in Deutsch-Südwsst- mehrfach Ehen geschloffen worden und daß aus diesen Mischehen Bastards herausgegangen feien. Da damals das vollständige Fehlen weißer Frauen im Schutzgebiete die Besorgnis erweckte, daß in der Kolonie eine minderwertige Mischlingsraffe entstehen könnte, trat die Deutsche Kolonialgesellschaft der Frage näher, deutschen Frauen und Mädchen die Auswan­derung nach Südwestafrika zu erleichtern. Auf eine an den damaligen Landeshauptmann Ma­jor Leutwein gerichtete Anfrage begrüßte dieser in seiner Antwort die diesbezügliche Anregung als einen wichtigen Schritt in der Entwickelung des Schutzgebietes und sprach sich dahin aus, daß die Eründug von Familien nicht nur im Jn- tereffe unserer kolonialen Entwicklung, sondern auch in demjenigen der Ansiedler selbst liege. Gestützt auf dieses Gutachten des Major Leut­wein, hat die Kolonialgesellschaft dem Gedan­ken der Uebersiedelung weißer Frauen und Mäd­chen jederzeit die weitgehendste Sympathie ent­gegengebracht, und obschon damals Mißverständ­nisse und Mißdeutungen von einem Teil der Presse verbreitet wurden, hat sie doch ihre men­schenfreundliche Absicht unbeirrt ausgeführt, und einer ganzen Reihe von Frauen und Mädchen die Ueberfahrt nach Südwestafrika kostenlos er­möglicht.

Seit dem Jahre 1898 bis heute sind auf Kosten der Deutschen Kolonialgesellschaft 806 Personen nach Deutsch-Südwestafrika gereist, und zwar:

e

Im Jahre

2

682

145

124

21

1898

1899

1900

1901

1902

1903

1904

1905

1906

1907

1908

19

23

21

19

31

34 25

56 109 165 180

4

5

6

6

11

12

26

43

30

18981908

Im Jahre!

1909 bis Ende August

Söhne unter 16 Jahren

Töchter

Sonstige Verwandte

1

1 .

1

_

10

4

1

4

1

2

1

16

1

1

8

1

2

5

3

18

11

17

18

8

27

23

9

19

83

15

73

99

89

15

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17

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11

7

12

4

4

16

15

27

109

13

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§

12

10

1

6

2

8

24

48

56

167

45

Bon der Mehrzahl der Frauen und Mädchen, die im Schutzgebiet eine neue Heimat gefunden haben, sind zufriedenstellende Nachrichten einge- tzangen.

Wenn man die obenstehenden Zahlen be­trachtet, so ersieht man daraus, daß die Ab-

25 (Nachdruck verboten.)

Stal; «m Stolz.

Roman aus dem Leben von O. Elster.

(Fortfetzung.)

Ja, Kind, das hat seine tiefen Gründe. Man muß vorsichtig feint wenn man seit einem Jahre seinen Schneller nicht bezahlt und auch bei dem Schuster und anderen gemeinen Philisterseelen noch kleine Rechnungen stehen hat. Aber das laß Dich nicht kümmern, sondern setze Dich auf diesen Thron und erzähle mir, wie es Dir in Norderney ergangen ist. Für einen wöchentlichen Aufenthalt an der See siehst Du etwas blaß aus, mein Kind."

Brunhilds lächelte trübe und nahm Platz in einem alten, hochlehnigen Stuhl, von dem Chri­stoph rasch eine Skizzenmappe heruntergeworfen hatte.

Kannst Du mich eine Zeitlang bei Dir auf­nehmen. Onkel Christoph?" fragte ste.

Aufnehmen? Bei mir? Wieso? Meine Appartements stehen ganz zur Verfügung Eurer Königlichen Hoheit!" _ , f ,

Nein, im Ernst gesprochen, Onkel. Ich suche eine Zuflucht bei Dir. Ich habe das Haus des Kommerzienrats verlaffen und muß nun sehen, «ine andere Stellung zu finden. Ich hoffe, so­lange bei Dir bleiben zu können." .

Christoph Wackernagel sah sie mit einem Ge­sicht an, als habe sie in einer fremden unver­ständlichen Sprache zu ihm gesprochen

Erlaube mal," sagte er dann,willst Du mir das nicht noch einmal in verständlichem Deutsch wiederholen? Sagtest Du wirklich, .Du habest das Haus Deine« Onkels Kommerzren-

wanderung von Ehefrauen und Familienange­hörigen sowie von Bräuten und Dienstboten in gleichmäßigem Steigen begriffen ist. Ein Um­stand, der nur mit Freuden begrüßt werden kann; denn er ist das deutlichste Zeichen dafür, daß die Kolonie sich stetig weiter entwickelt.

Politische Umschau.

Zum Kaisermanöver.

Me r g e n t h e i m, 16. Sept. Im Zentrum und auf seinem linken Flügel war blau nicht so glücklich, wie auf dem Ostflügel. Im Tal der Erffa und auf dem angrenzenden Berge zwilchen Hartheim und Bretzingen ging die 27. Division (blau) vor dem 20. Korps (rot) zurück. Hier wurden blaue Truppen außerGefecht gesetzt. Der Kaiser war heute früh 4 Uhr mit dem Erzherzog Thronfolger von Mergentheim über Tauber­bischofsheim zu der Höhe nordwestlich Dienstadt gefahren, wo die Pferde bestiegen wurden. Der Kaiser verfolgte in nebligem Morgen das über­raschende Vorgehen der bayerischen 2. Division (blau) gegen die Vortruppen der bayerischen 5. Division (rot) bei Biersheim. Als sich hier das Gefecht zu ungunsten von Rot entschieden hatte, ritt der Kaiser in die Gegend nordwestlich von Königshofen, wo die bayerische 12. Jnfan- teriebrigade, zu der das Regiment des Kaisers gehört, einem von drei Seiten umfaßenden An­griff von Blau ausgesetzt war. Hierbei wurde, wie schon gemeldet, durch schiedsrichterlichen Spruch die Brigade außer Gefecht gesetzte Der Kaiser ließ die Regimentsmusik die Spitze des 6. Regiments nehmen und führte es unter den Klängen von Militärmärschen versönlich aus seiner Ecsechtsstellung zurück. Das Regiment, welches seit gestern fast ununterbrochen im Kampfe gestanden hatte, auch während der Nacht in unmittelbarer Berührung mit dem Gegner geblieben war, machte einen überaus forschen Eindruck. Hierauf ritt der Kaiser zum Standpunkt der Manöverleitung auf die Höhe nordwestlich von Schweinberg und verfolgte das weitere siegreiche Vorgehen des rechten Flügels von Blau. Gegen Mittag trat hier infolge der starken Erschöpfung der Angriffstruppen eine gewiffe Eefechtspause ein, während weiter ftid- lich lebhaft weiter gekämpft wurde. Heute -rüh begrüßte der Kaiser die auf dem Eefechtsfelde anwesenden deutschen und österreichischen Fürst­lichkeiten und seine sonstigen Manövergäste Um 3 Uhr nachmittags kehrte Kaiser Wilhelm mit dem österreichisch-ungarischen Thronfolger nach Mergentheim zurück.

Hardheim, 16. Sept. Der Angriff der blauen Armee wurde mit besonderem Nachdruck auf ihrem rechten Flügel fortgesetzt, den sie durch ein Kavalleriekorps verstärkte. Rot ging mit dem 3. und 20. Korps zunächst in westlicher Richtung zurück, während das 14. Korps . uf Altheim marschierte. Auf dem östlichen Flügel von Rot, 5. Division, wurden zwei Bataillone des 14. Regiments außer Gefecht gesetzt, sodaß, da die 5. Division schon gestern eine Brigade verloren hatte, die 5. Division nur noch aus einem Regiment besteht. Bei der 6. Division Rot wurde die ganze 12. Brigade außer Gefecht gesetzt, dabei das bayerische Infanterieregiment Kaiser Wilhelm, König von Preußen,' sodaß

rat verlaffen, um Dir eine andere Stellung zu suchen? Sagtest Du wirklich so?"

Jawohl, Onkel, Du hast mich ganz richtig

verstanden."

Erlaube ich habe durchaus nicht verstan­den. Ich habe nur Worte gehört, die mir keinen Sinn zu haben scheinen. Stellen wir also ein­mal fest: Du hast das Haus Deines Onkels ver­

laffen?"

»Ja."

"Du willst Dir ein« Stellung suchen?"

»Ja."

"Aber das hat doch gar keinen Sinn! Das ist vielmehr der größte Unsinn, den ich je gehört habe!"

Brunhilds lächelte über den Eifer des klei­nen Malers.

Wenn Du den Grund wüßtest, Onkel Chri­stoph," entgegnete sie,dann würdest Du den Sinn meiner Wort« schon erfassen?

Und darf ich Eu«r Hoheit untertänigst bitten, mir diesen Grund anzugeben?"

Brunhilds errötete.

Ich spreche nicht gern darüber," sagte sie und schlug die Augen nieder,aber ich halte mich für verpflichtet, Dir die volle Wahrheit zu sagen. Nun denn, Onkel Christoph: Der Kom­merzienrat hat mir seine Hand angeboten, und da ich seinen Antrag zurüittveisen mußte, konnte ich auch nicht länger in seinem Hause bleiben. Die Einzelhetten erläßt Du mir wohl. . . ."

Der Kommerzienrat hat Dir seine Hand an­geboten? Soll das heißen, daß er Dich heiraten wollte?"

Ja und Du wirst verstehen, daß ich nicht einwilligen konnte . . *

die 6. Division nur noch eine Brigade hat. Das Wetter ist gut. Der Kaiser, in der Uniform der württembergischen Dragoner, begleitete den An­griff von Blau. Sämiliche fürstliche Manöver- gäste und die fremden Offiziere befanden sich im Gelände. Der Kaiser war noch in der Dunkel­heit von Mergentheim aufgebrochen. Auf dem ganzen östlichen Flügel und im Zentrum der Parteien kam es zu Infanterie- und Artillerie- gefechten. Der Kanonendonner halt von den Bergen wider.

Hardheim, 16. Sept. Die Lag« war ge­stern Abend folgende: Blau hatte die Stellung in der Linie Tauberbischofsheim, bayerisches 1. Korps in Eissigheim. 13. Korps in Altheim, bcj Kavalleriekorps mit der Front gegen NoJ>- weft, inne. Rot stand mit der Front gegen Südosten in der Linie Eiersheim, das bayerische 3. Korps in Hardheim-Waldhütte, das 2O.Korp« d. h. die bayerische 4. und die 39. Division in Walldürn; in der Verlängerung dieser Linie, noch weit entfernt, stand das rote 14. Korps, nämilch die 28. und 29. Division. Blau fetzte mit Tagesanbruch seinen Angriff fort.

Der Tod des Lord Tweedmouth

ruft die Erinnerung an den Brief wach, den Kaiser Wilhelm in Sachen der gegen Deutsch­land gerichteten Flottenagitation an ihn rich­tete. Lord Esher, der Verwalter »on. Schloß Windsor, hatte bei der Agitation für die radi­kale und namentlich deutschfeindliche engJiche Flottenliaa irreführende und illoyale Behaup­tungen über die deutschen Rüstungen und Ab­sichten aufgestellt und die Marinepolitik des Ka­binetts heftig angegriffen. Darauf schrieb Kai­ser Wilhelm.an Lord Tweedmouth, den damali­gen ersten Lord der Admiralität, einen Brief, in dem er die unrichtigen Angaben Lord E'here unter Berufung auf das tatsächliche Material über die deutschen Flottenrüstungen zurückwies und unter Anspielung auf seinen kurz vorher erfolgten Besuch in Windsor meinie, Lord Esher hätte sich lieber um die schlechten Ofenröhren in dem seiner Verwaltung unterstellten Schlöffe kümmern sollen. Der sehr persönlich gehaltene Brief wurde von Lord Tweedmouth vertraulich dem Kabinett vorgelegt und auf Grund der Be­sprechungen im Ministerrat beantwortet; durch einen Dertrauensbruch gelangte er aber in die Oessentlichkeit, und die Jingopreffe nahm ihn zum Anlaffe, um in einem erregten Feldzug gegen die angeblichen Versuche des Deutschen Kaisers zur Beeinflussung der englischen Flct- trnpolitik zu protestieren. Der Zwischenfall wurde durch die anerkennenswert korrekt? Hal­tung der englischen Regierung wie auch der bri­tischen Opposition im Parlament, namentlich eine äußerlt loyale Erklärung Lord Lansd^'wnes im Oberhause, ohne Weiterungen beigelegt.

Es geht vorwärts in Eiidwsst.

In derDeutschen Kolonialzeitung" schreibt ein alter Südwester: Das Ergebnis der Ge­meinderatswahlen kann als sehr erfreulich be­zeichnet werden. Die Mischung der böiden Wahlsysteme (berufsverständisches und allge­meines) hat eine vielseitige Jntereffenvertretung in den einzelnen Eemeinderäten gezeitigt, die bei richtiger Arbeit nur befruchtend wirken kann. Jetzt kommt es auf tatkräftige Arbeit an. An ihr werden sich hoffentlich auch die wenigen Ein-

Erlaube mal, das verstehe ich so ohne wei­teres durchaus nicht. Der Kommerzienrat steht noch in seinen besten Jahren, er ist ein schöner Mann, er besitzt mehrere Millionen ich glaube, es gibt nicht viele junge Damen, die sei­nen Antrag zurückgewiesen hätten, es sei denn, daß eine andere Liebe ihnen im Herzen sputte."

Brunhilde erhob sich.

Willsi Du mich schelten, Onkel, oder mich verspotten?" fragte sie verletzt durch seine Worte. Wenn Du meinen Entschluß nicht billigst, wenn Du nicht überzeugt bist, daß ich gute und gerechte Gründe hatte, den Antrag jenes Mannes, der mich erniedrigte, zurückzuweisen, dann kann ich auch Deine Hilfe nicht in Anspruch nehmen. Dann tut es mir leid, daß ich zu Dir gekommen bin. Ich werde ja meinen Weg wohl auch allein finden."

Donnerwetter, hat das Mädchen einen Stolz!" rief Christoph, sprang "on seinem Zei­chenstuhl herunter, ergriff die Hände Brun- hildens und drückte das Mädchen sanft in den Stuhl zurück.

Sitzen geblieben?" rief et gebieterisch.Du bist allerdings mündig, aber ich betrachte mich doch vor Gott und Rechtswegen noch als Deinen Vormund. Du mußt einem alten Mann, der sich Zeit feines Lebens um die zum Dasein nötigen Groschen plagen mußte, schon verzeihen, wenn er es nicht als eine Kleinigkeit ansieht, Millionen auszuschlagen, als fände man der­gleichen jeden Tag auf der Straße. Ich sage ja nicht, daß Du keine guten Gründe hattest, ich be­haupte nur, daß viele junge Damen diesen Millionen-Antrag mit Vergnügen angenommen hätten. Aber ich sehe schon, man muß mit Dir

wohner des Landes beteiligen, di« bisher d« Wahlenthaltung das Wort geredet haben; be­kennen sich doch dieWindhuker Nachrichten", di< bischer am lautesten ihr« Stimme gegen etn< Wahlbeteiligung erhoben, in bet Nummer vom 27. Juli 1909 zu dem einzig richtigen Stand­punkt:Nichts wird sich bitterer rächen als ein lässiges Zurseitestehen, und nur ein zielbewußte«, energisches, pflichtbewußtes Zusammenwirken kann vor Fehlern, Enttäuschungen und Nach­teilen schützen."

Er kennt seine Leute.

Die Demokraten bilden bekanntlich die Brücke, die vom Freisinn zur Sozialdemokratie führt. Gerade in den letzten Tagen hat ja Herr Eädtke, der bekannte frühere Oberst, mili­tärischer Berichterstatter des freisinnigenBer­liner Tageblattes" und Sprecher der Demokra­tischen Vereinigung, in zahlreichen, von Sozial­demokraten stark besuchten Versammlungen weidlich über die verhaßten Konservativen ge­wettert, aber auch an demunfähigen Libera­lismus" herbe Kritik geübt. Deshalb ist ein demokratisches Urteil über die Volksversamm­lungen derEenoffen" beachtenswert, denn t» beruht auf genauer Kenntnis und wohlwollen­der Beurteilung der Verhältniffe. ImBlau­buch" schreibt nämlich der Demokrat Rudolf Breitscheid über dieses Thema:Es gibt öffent­liche Volksversammlungen. Wer geht hinein?. Es ist selten, daß einmal ein Neugieriger aus einer der bürgerlichen Parteien sich die Sache mit anhört. Es sind Monologe, die die sozial­demokratischen Redner und Schriftsteller vor einem Publikum halten, das nicht ernst genom­men zu werden braucht." Recht hat er schon, der genoffenfreundliche Demokrat. Ob ihm aber die Sozialdemokraten für diese Offenheit Dank wiffen werden?

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Deutsches Reich.

Die bevorstehenden Reisen des Reichskanz­lers. Zu den Besuchen, die der Reichskanzler von Vethmann-Hollweg im Begriffe steht, den Höfen von München und Men abzustatten, um sich dem Prinzregenten Luitpold von Bayern und dem Kaiser Franz Josef von Oesterreich vorzustellen, werden Berl. Blättern noch nähere Einzelheiten mitgeteilt: Der Reichskanzler verläßt Berlin Frei­tag, den 17. d. M., vormittags um y2ll Uhr mit dem fahrplanmäßigen Zuge, begleitet, wie schon früher mitgeteilt, vom Gesandten von Flotow als Vertreter des Auswärtigen Amtes, sowie dem Hauptmann von Schwartzkoppen. Die Ankunft in München erfolgt abends kurz nach 9 Uhr. Der Reichskanzler ist in München Gast des Königlichen Hofes, der für ihn und feine Begleitung Quartier im HotelBayrischer Hof referbiert hält und ihm während seines Aufenthaltes auch Equipagen auS dem Königlichen Marstall zur Verfügung stellt. Der Zeitpunkt der Weiterreise des Reichskanzlers nach Wien ist nunmehr ebenfalls bestimmt. Herr von Bethmann-Hollweg wird am Sonntag, den 19. d. M., früh von München abfahren und abends in Men einttessen, wo er ebenfalls int Hotel ab­steigt. Am Abend seiner Ankunft wird er in der deutschen Botschaft, als Gast des Herrn und der i j

vernünftig reden. Also erzähle einmal bet Reihe nach, wie das alles gekommen ist."

Da brach Brunhilde in kramphaftes Schluch­zen aus und schlug die Hände vor bas Gesicht.

Na, na," brummte Christoph.Was ist Denn das roteber? Zuerst stolz wie eine Königin und dann faffungslos wie ein Penfionsmädel. Wenn Du mir's nicht sagen kannst, was Dich veran­laßte, das so vorteilhaft« Anerbieten abzuleh­nen, und das Haus Deines Onkels so plötzlich zu verlaffen, so will ich's gar nicht wiffen, Kind. Beruhige Dich nur."

Nein, Onkel Christoph," entgegnete sie, die Tränen zurückdrängend,ich kann es Dir nicht, sagen. Ich müßt« von Hinterlist und schlauer Berechnung, von meiner eigenen Schwachheit und Torheit sprechen; ich müßte Dir erzählen, wie man mich in meinen heiligsten, stolzesten Ge­fühlen hintergangen unb betrogen, wie man mich dem Spott, der Verachtung, dem Haß der Menschen preisgegeben hat, ohne daß ich es ahnte; wie ich selbst töricht genug war, blind zu vertrauen unb auf den (Helmut jenes Mannes zu bauen; ich müßte Dir erzählen von der Schmach und ber Schande, die man mir angetan! Erlaß mir das alles und glaube mir, daß ich nicht anders handeln konnte."

Gut also lasten wir das. Beschäftigen wir uns nicht mehr mit jener Episode Deines Lebens. Ich glaube Dir, ich vertraue Dir; ich weiß, daß Du eine stolze, edle Seele besitzest, die keines Unrechtes fähig und die so rein ist wie bet Spiegel eines stillen Waldsees. Reden wir also nicht mehr von dem, was war, sondern nur noch von dem, was werden soll. Wie hast Du Dir bas gedacht?" (Forts, folgt.)