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44. Jahrg.
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Berlage
Marburg
Freitag. 17. September 1909.
Die Jnsertionsgebiihr beträgt fite die 7gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Univerfitätsbu bdruckerei Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Die „Oberhesstsche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei unfern Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21,) 2 Mk.
Der sozialdemokratische Parteibericht.
Wie alljährlich, veröffentlichte der sozialdemokratische Parieivorstand vor dem diesmal in Leipzig stattfindenden Parteitag einen Jah- «sbericht, der in den letzten Tagen durch die Presse gegangen ist. Es dürften daher an dieser Stelle einige Kommentare hierzu nicht unwill- rommen sein Schon zu Beginn des Berichtes stoßt man auf eine grobe sachliche Unrichtigkeit. Es -srrd behauptet, daß die sogenannten „Agraria ", unter denen die Sozialdemokraten nach demselben Parteibericht zurzeit die Konserva- ti?>en, das Zentrum, die Antisemiten und die Pr .en verstehen, mit Hilfe freisinniger Stirn- Wn zur parlamentarischen Großmacht geworden seien. In Wirklichkeit ist aber der Freisinn, der aus eigener Macht kaum ein Mandat erringen kann ,mit Hilfe der rechtsstehenden Parken nochmals zu vorübergehender Blüte ge- lengt. Ein einziges Durchblättern eines Rei>.Zsta.gsalmanachs wird die Richtigkeit dieser Behauptung beweisen.
Weiter ist aus diesem Bericht bemerkenswert, daß die Zunahme an Mitgliedern in den sozialdemokratischen Organisationen von 10,7 v .H. auf 7,8 v. H. zurückgegangen ist. Der Parteivorstand ist natürlich um eine Erklärung nicht verlegen und schiebt die geringere Zunahme auf die ungünstige Konjunktur. Es wird ferner mitgeteilt, daß der weitaus größte Teil der organisierten Genoffen monatliche Beiträge von 30 bis 50 Pfg. allein an die Organisation zu zahlen hat, das find im Durchschnitt etwa 21 'M pro Jahr. Hierzu treten selbstverständlich Beiträge für die Gewerkschaften, für Streikfonds, Beiträge zu Wahlzwecken und andere mehr oder weniger freiwillig geleistete Zahlungen, so daß im großen und ganzen etwa der zehnfache Betrag der gezahlten Staatssteuern herauskommt, falls solch« überhaupt entrichtet werdens
Recht unklar ist der Bericht über die Agita- tionserfolge der Sozialdemokratie unter der Landarbeiterschaft. Während alle übrigen Kapitel des Schriftstücks mit Zahlen und statistischen Angaben förmlich gespickt sind, enthält dieser Abschnitt auch nicht eine einzig« Zahl! Es wird nur flüchtig ang«deutet, daß diese Frage schon seit längerer Zeit Erörterung sowohl im Parteivorstand als auch in der Generalkommis- fion der Gewerkschaften Deutschlands war. Weiter wird ganz kurz mitgeteilt, daß ein Verband der Land-, Wald- und Weinbergsarbeiter und -Arbeiterinnen ins Leben gerufen sei. Recht bezeichnenderweise wird dann zum Schluß betont: ob in dieser Frage noch besondere Forderungen, die noch nicht im sozialdemokratischen Parteiprogramm vorhanden sind, gestellt werden müssen, werde sich später zeigen! Deutlicher kann die völlige Hilflosigkeit der Partei der Landarbeiterschaft gegenüber kaum- zugegeben werden.
Zum Kapitel der Frauenorganisation bemerkt der Parteivorstand, daß am Schluffe des Kalenderjahres bereits 62 259 Frauen sozial-
24 (Nachdruck verboten.)
S1al§ um Stolx.
Roman aus dem Leben von O. Elster.
(Fortsetzung.)'
„Du sollst mich hören, Brunhilde!" rief er und seine Wangen röteten sich, seine Lippen zuckten. „Du sollst es wiffen, daß ich Dich bis zum Wahnsinn liebe! Lachst Du über mich, daß ich es wage, noch von Liebe zu sprechen? Ah, dann kennst Du mich noch nicht! Wenn Du wüßtest, wie es in meinem Herzen ausfieht, würdest Du nicht lachen, sondern tiefstes Mitleid mit mir empfinden. Ich war verheiratet, — aber die Liebe, die allein glücklich machende Liebe habe ich nie kennen gelernt, bis ich Dich sah — Dich, die Du das Ebenbild Deiner Mutter bist, welche mir einst Dein Vater entrissen hat. Ja, Brun- Hilde, Dein Vater und ich, wir liebten beide Deine Mutter.— aber sie zog Deinen Vater vor, und ich bin vielleicht durch diese Täuschung zu dem kalten, harten Geschäftsmann geworden, als den auch Du mich kennen gelernt hast. Aber in Dir sah ich meine Jugendliebe wieder erstehen — schöner, herrlicher als damals. Und mein vereinsamtes Herz schlug Dir in heißer Leidenschaft entgegen. BrunhiLe, habe Mitleid mit mir? Sei barmherzig! Sei Du der Frühling meines alternden Lebens! Was ich besitze, ich lege es Dir zu Füßen! Rur habe Mitleid mit mir und werde mein Weib!"
In furchtbarer Erregung war er . vor ihr niedergesunken und streckte ihr flehend die Hände entgegen. Er bot einen Anblick, der in der Tat Mitleid erregen konnte. Aus seinen Augen, in seinem ganzen Wesen lohte eine Leidenschaft- lft^eit, die ihn um viele Jahre jünger erscheinen ließ. Nichts Lächerliches haftete an ihm.
Brunhilds war tief erschüttert. Sie empfand
demokratisch organisiert waren. Ihr Organ, di« „Gleichheit", besitzt 77 000 Abonnenten.
Wenn auch zu berücksichtigen ist, daß sich hierunter wohl viel« Tausend« junger Mädchen befinden, di« das Blatt vorübergehend aus Neugierde oder aus dem üblichen Zwang halten, so bleiben doch noch genug Familien, in deren Schoß die sozialdemokratische Propaganda durch die Mutter hineingetragen wird und dort die übelsten Folgeerscheinungen zeifigt. Hiermit hängt auf das engste zusammen, daß nicht weniger als 311 Ortsgruppen der sozialdemokratischen Jugendorganisationen bestehen und daß das für die Jugend bestimmte Parteiorgan nicht weniger als 28 100 Abonnenten besitzt. Wir stehen nicht an, an dieser Stelle zu erklären, daß die nationalen Parteien dieser Organisation erheblich geringere Arbeitsleistungen entgegenzustellen haben. Für die rechtsstehenden vaterländischen Elemente ergibt sich daraus die dringende Mahnung, keine Zeit zu verlieren und ihrerseits mit der Legung entsprechender Konterminen zu beginnen. Wer die Jugend hat, dem gehört di« Zukunft. Noch ist für uns auf diesem Gebiete nichts verloren; rechtzeitig« Arbeit aber ist vonnöten.
Zu den Reichstagsersatzwahlen des Berichtsjahres wird mitgeteilt, daß in den 13 Nachwahlen die Stimmen der Sozialdemokraten in diesen Wahlkreisen nur um 3 zurückgegangen sind, nämlich von 55 637 auf 55 634.
Einen breiten Raum nimmt der „Kampf ums Wahlrecht" ein. Es wird angekündigt, daß das Ziel, die Einführung des allgemeinen gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für alle Staatsanaehörige über 20 Jahre ohne Unterschied des Geschlechts nicht aus dem Auge gelassen werden soll. Hiermit dürfte es selbstverständlich wohl noch gute Weile haben.
Recht erfreulich ist hierbei der Rückgang der sozialdemokratischen Sitze in den Einzelland- tagen. nämlich von 151 auf 139.
Die Zahl der sozialdemokratischen Stadtverordneten wird auf 1368, die der Gemeindevertreter auf 4882 angegeben. Letztere hohe Ziffer ist durch die leider vielfach vorhandene Lässigkeit der ländlichen Wähler bei den Eemeinde- vertreterwahlen zu erklären.
Der Eeschäftsgewinn der sozialdemokratischen Buchhandlungen und Zeitungen steht nicht überall auf der Höhe des Vorjahres. So hat die Buchhandlung Vorwärts 52 000 ’M weniger Einnahme, während die „Neue Zeit" sogar ein Defizit von 634 M aufweist. Dagegen ist eine ziffernmäßige Zunahme der Parteiblätter zu verzeichnen, die Anzahl der Tageszeitungen hat sich von 71 auf 74 vermehrt. Wir möchten hierbei noch auf ein Kuriosum Hinweisen, das treff- lich beweist, in wie raffinierter Weise die Sozialdemokratie vorgeht. Für die dänisch sprechenden nordischen Erenzbezirke ist nämlich ein eigenes Blättchen gegründet worden „Der rod« Postbud" — Der rote Postbote! Wer die nord- schfiswigschen Dänen kennt, weiß, daß die Sozialdemokratie dort so gut wie gar keine Gegenliebe findet. Um für das Blättchen Eingang zu schaffen, hat man den Namen „Der rote Post-
Mitleid mit ihm; sie erkannte, daß er-litt, aber sie konnte ihm doch nicht helfen.
„Steh auf, Onkel." sagte sie mit bewegter Stimme. „Besinne Dich auf Dich selbst? Du sagtest. Du wolltest zu mir in einer Sprache r^en, die Deiner und meiner würdig ist. Ich finde aber, Deine Motte' sind Deiner nicht würdig." .
Er erhob sich. ' ' 1
Du spottest über mich — nicht wahr?" fragte er mit ttaurigem Lächeln.
„Nein, Onkel, ich spotte nicht über Dich. Ich -emttleide Dich, aber ich kann Dir nicht helfen."
„Du kannst «5, Brunhild«? Ich verlange ja keine schwärmerische Liebe von Dir; ich bitte Dich nur, bei mir zu bleiben und mir das Recht zu geben. Dich zu lieben, für Dich sorgen zu dürfen. Sieh, ich bin reich — sehr reich. Millionen lege ich Dir zu Füßen. Gebiete über mich — gebiete über meinen Reichtum? Du sollst Herrin über alles sein, was ich desitzte."
„Onkel, denke an Deine Kinder?"
„Was find fie mir, wenn ich nur Dich habe!"
„Denke an Deine arme Frau, . ."
„Erinnere mich nicht an fie. Sie war das Elend meines Lebens!"
Entsetzt stand Brunhild« da.
„Ich lasse Dich nicht fort," sprach er keuchend weiter, „und sollte ich Dich mit Gewalt zurückhalten. Ich kann nicht mehr leben ohne Dich. Unb willst Du nicht mein Weib werden, so bleibe wenigstens bei mir! Herrsche, gebiete in meinem Hause— über mich, über meinen Reichium — wenn ich Dich nur sehen, nur mit Dtt sprechen darf. Bleibe bei mir?"
Brunhilde erwachte aus ihrer Erstarrung. ®tc, Atzten Worte hatten ihren Stolz aufge- rLttett. Mtt ruhiger Würde wandte fie sich ab. .
bote" gewählt, weil nämlich in Dänemark die Postbeamten rot« Uniformen tragen. Die Bevölkerung wird also zunächst unter dem Eindruck gehalten, als habe sie es mit einem national- dänischen, also gern gelesenen Organe, zu tun.
Der Bericht betont zum Schluß, daß die Einnahmen trotz der Einzelrückgänge um 312 000 M gegen das Vorjahr gestiegen seien. Die Partei des hungerten und ausgebeuteten Proletariats scheint demnach trotz der angeblich so elenden Zustände bei uns doch noch bei der Erschließung neuer Geldquellen auffallendes Glück zu haben.
Politische Umschau.
Zum Kaisermanöver.
Mergentheim, 15. Sept. Gestern nachmittag besetzte rot die Höhen zwischen Essels- brunn und Lauda, sowie die nördlich von Ger- lachheim, auf denen Eeländeverstärkungen ausgeführt wurden. Um sich jedoch die Mitwirkung der noch von Norden im Anmarsch sich befindlichen bedeutenden weiteren roten Kräfte zu sichern, ging rot später noch weiter zurück, und erwartete heute den Angttff des Gegners nördlich der Linie Hardheim-Tauberbischofsheim. Blau ging heute weiter und zwar ging das bayerische 1. Korps auf das rechte Tauberufer über, um den östlichen roten Flügel anzugreifen. Das bayerische Korps ging in weitem Bogen östlich ausbiegend vor. Der Kaiser verweilte bis in den Nachmittag hinein auf den Höhen von Tauberbischofsheim, wo auch fast sämtlttre fürstlichen Manövergäste sich einfanden. „Groß II" manöverierte stundenlang über Tauberbischofsheim. Heute morgen fiel Regen, später klärte sich das Wetter auf.
Mergentheim, 15. Sept. Der Kaiser trug die Uniform des 6. bayerischen Infanterie- Regiments Kaiser Wilhelm, König von Preußen. Heute morgen ließ der Kaiser sich zunächst in Tauberbischofsheim von dem kommandierenden General v. d. Tann über die Ausstellung und die Absichten des roten bayerischen Korps orientieren, fuhr von hier nach Effelsbrunn zum Standpunft der Manöverleitung, von da über Hecksfeld auf dem Wege nach Beckstein vor, wo die Marschkolonnen der blauen 26. württember- gischen Division angegriffen wurden. Dann fuhr der Kaiser über Tauberbischofsheim vorbei an dem Kriegerdenkmal von 1866 auf die Höhe 328 nordöstlich der Stadt und erwartete hier den Angriff des blauen bayerischen 1. Korps gegen die Stellung der roten bayerischen 10. Jnfan- teriebrigade auf dem rechten Tauberufer. Gegen 4 Uhr nachmittags war der Angriff siegreich vorgeschritten. Als auch die Stadt Tauberbischofsheim in di« Hände der Vortruppen von blau gefallen war, kehrte der Kaiser nach Mergentheim zurück. Unterwegs traf der Kaiser auch den Führer von blau, Generaloberst von Vock und Polach, und ließ sich von ihm über den Verlauf des Tages bei blau und dessen Absichten für morgen unterrichten. Die Ankunft in Mergentheim erfolgte um 6 Uhr 15 Minuten.
„Ich habe Dir nichts mehr zu sagen — bitte, verlasse mich," sprach sie stolz. „Ich hoffe, daß ich in meinem Zimmer sicher bin vor Deinem Wahnsinn!" -
„Brunhilde!" schrie er auf.
„Enfferne Dich!" verfitzte fie streng und ernst.
„Du — Du schickst mich fort?"
»Ja?"
„Du bist herzlos?"
„Rein — aber ich verachte Dich?"
Er stieß einen Schrei aus und schien sich auf sie stürzen zu wollen.
Da maß fie ihn mit kaltem stolzen Blick, unter dem er förmlich zusammmenbrach.
„Lebe wohl," stammelte er und wankte aus dem Zimmer.
11.
Der Porträt- und Historienmaler Christoph Wackernagel saß in seinem Atelier an dem großen Zeichentisch und strichelte an einer Hei« nen Zeichnung herum, die das schöne, feuchtfröhliche Lied vom schwarzen Walfisch zu Askalon illustrieren sollte. Der kleine Maler sah ziemlich mißmuttg drein, fast als sei «r selbst der dur- sttge Gast des schwarzen Walfisches, den der Hausknecht aus Nubierland um vier Uhr morgens aus dem ungastlichen Wirtshaus expediert. ' Die Sommermonate waren nämlich Christophs schlechteste Geschäftszeit. Die Verleger und Redakteure der Illustrierten Zeitschriften waren um dies« Zeit meistens verreist, hatten fich bereits im Winter mit genügendem Vorrat an Bildern versehen und scherten sich jetzt den Kuckuck darum, ob Christoph Wackernagel am Hungertuch nagte oder in der Künstlerkneipe „Zum feuchten Pinfil" «inen tüchtigen Bären anband.
Er hätte im Winter, wo die Einnahmen reichlicher flössen, spare» solle». I
Mergentheim, 15. Sept. Der westl'-che Flügel von blau ging vor bis in die Nähe von Tauberbischofsheim, griff aber nicht an, da di« rote sechste Division in guter Stellung war. Da« blaue Kavalleriekorps machte einen erfolgreichen Angriff auf die Kavalleriedivision A, beunruhigte ferner die aus dem Odenwald heraus, tretenden Spitzen der 39. roten Division. Dar blaue Armee-Oberkommando beschloß, den An- griff alsbald fortzusetzen. — „Groß 2" arbeitet« heute mit Funkentelegraphie. „Z. 3* wird morgen tot Dienste leisten.
Würzburg, 15. Sept. Heute abend 6 Uhr begann in der königlichen Residenz die könig- liche Hoftafel, zu welcher alle anwesenden Fürstlichkeiten, sowie die militärischen Vertreter der fremden Staaten geladen waren. Den Toast auf den deutschen Kaiser und auf die Bundes- fürsten brachte Prinz Ludwig von Bayern aas Erzherzog Franz Salvator erwiderte mit einem Toast auf den Prinzregenten Luitpold. Nach der Hoftafel war glänzende Illumination oer Stadt, sowie großes Feuerwerk am Main, dem die Fürstlichkeiten beiwohnten.
Ausbildung von Bolksschullehrern für die Aufgaben der ländlichen Fortbildungsschulen.
Um den an ländlichen Fortbildungsschulen tätigen Volksschullehrern die für die Erteilung des Unterrichts an diesen Schulen erforderlich« Anleitung zu geben, finben auf Veranlassung des Ministers für Landwirtschaft, Domänen und Forsten alljährlich Kurse statt. Ihre Zahl betrug bisher fünf. Der mit der Ausgestaltung des Fortbildungsschulwesens bedeutend gestiegene und noch ständig wachsende Bedaff an Lehrkräften, hat den Landwirtschaftsminister veranlaßt, die Zahl dieser Kurse in diesem Jahr« auf 13 zu erhöhen und für ihre Abhaltung einheitliche Vorschriften zu erlassen. Danach erstrecken sich diese Kurse über etwa einen Monat mit 120 bis 150 Unterrichtsstunden. Di« Lehrgänge sollen die Lehrer in erster Linie mit den Aufgaben und der Organisation des ländlichen Fortbildungsschulwesens vertraut machen und sie in der Methodik des Fortbildungsschuft Unterrichts schulen. Die Leitung der Kurse if! in die Hande erfahrener Fortbildungsschnlmän- ner gelegt. Als Unterrichtende wirken außerdem Landwirtschaftslehrer und Verwaltung sb«, amte mit. An einem Lehrgang können bis z« 40 Personen teilnehmen. Anträge auf Zulassung sind an die zuständige Negierung (Abteilung für Kirchen- und Schulwesen) zu richten. Lehrer, in deren Gemeinden bereits eine ländliche Fortbildungsschule besteht oder in nächster Zeit ge« gründet werden soll, werden vorzugsweise berücksichtigt. Die Stellvertretung eines Lehrer« muß für den Fall seiner Einberufung geregelt sein. Für etwaige Schulvertretungskosten hat die Gemeinde aufzukommen. Zu den Reise- und Aufenthaltskosten können den Kursisten Beihilfen gewährt werden.
Für Hessen-Nassau findet der Kursus in Weilburg statt und zwar vom 9. August bis ■’l. September; Leiter ist Direktor der Landwitt- schaftsschule Prof. Dr. Kienitz-Eerloff-Weilburg.
Aber die Leute hatten gut reden. Erstens war Christoph Wackernagel kein Spargenie, und zweitens mußte et aus den winterlichen Einnahmen den Sommerbaren im „Feuchten Pinsel" einlösen. Und so ging es von einem Jahr zum anderen. Es schleppten sich des braven Christophs Schulden wie eine ewige Krankheit fort, und von dem Recht, das mit ihm geboren worden — nämlich dem Recht auf Essen und Trinken — wat keine Rede.
„Der Mensch lebt nicht von Brot allein," brummte Christoph und nahm einen tiefen Schluck aus dem schäumenden Maßkrug, der auf dem Zeichentisch im Bereich seiner Hand stand.
„Ich glaube, es hat an meiner Tür geklingelt," fuhr er dann fort, schrie aber ganz gegen sein« sonstige Gewohnheit nicht sein barsche« „Herein!", sondern schlich auf den Fußspitzen gut Korridortür, um durch ein darin befindliches geheimes Loch nach dem Besucher auszuspähen.
Doch im nächsten Augenblick riß er die Tür weit auf und rief: ;
„Brunhilde Walterling — gnädiges Fräu- lein! Beim heiligen Lukas, dem Schutzpatron aller Malerjünglinge, woher kommst Du?" I
„Willst Du mich nicht eintreten lassen, Onkel Christoph?" fragte Brunhilde lächelnd.
„Aber gewiß — gewiß! Du siehst mich zur Statue entgeistert! Tritt ein in die heilige» Hallen der Kunst, die vergeblich nach Brot geht! Ich glaubte. Du badetest Deine schwellende» Glieder noch in den Wellen der Nordsee. Statt dessen stehst Du hier sechs Treppen hoch in der Fasanenstraße Nr. 118 .. . und da sagen die Leut«, es gäbe heutzutage keine Wunder mehr!"
„Ich fürchtete schon. Du könntest nicht daheim fein, Onkel, da Du auf mein Klingeln nicht i „Herein" antwortetet." -1
(Fortsetzung folgt)