MchM Iälmg
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Vertage."
M 214
Die „Gdrrhesstsche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei unsere Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21,) 2 Mk.
Marburg
Somttaa. 12. September 1909.
Die Jnsertionsgebiihr beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UniversitätSbuchdruckerei Inhaber Dr. T. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
44. Jahrg.
Zweites Blatt.
Politische Umschau.
Deutsche Arzte für die Ostmark.
Sowohl in Posen wie in Westpreußen ist es •In den letzten Jahren schwieriger geworden, Deutsch». Merzte zur Niederlassung zu gewinnen. .Oer GrMd dafür ist, daß der „Verband der Adrzte Deutschlands zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen" seine Mitglieder davon abzuhalten sucht. Der Leipziger Verband steht diese Frage nur unter dem wirtschaftlichen und Standesinteressestandpunkt an, nämlich ob im allgemeinen, ohne Rücksicht auf die Nationalität, die ärztliche Versorgung an einem Orte gewährleistet ist oder noch nicht ausreichend vorhanden ift. Er stößt sich ferner daran, daß deutschen Aerzten die Niederlassung durch Zuschüsse aus der Staatskasse erleichtert wird, wogegen diese die Verpflichtung übernehmen, einige Zeit an dem Orte der Niederlassung zu bleiben. Nun wird es niemand den deutschen Aerzten verdenken, daß auch sie energisch ihre wirtschaftlichen und Standesinteressen wahrnehmen. Aber in diesem Falle scheint uns der Leipziger Verband seinen Standpunkt zu ungunsten der deutschen Sache zu überspannen. Wer die Dinge etwas kennt, weiß, was in kleinen Stadt Posens oder Westpreußens ein eifriger Rechtsanwalt, ein rühriger Arzt bedeutet, als Führer, als Vorstandsmitglied der deutschen Genossenschaften rc. Auf der polnischen Seite ist das ja längst bekannt geworden: Der Marcinkowski-Verein hat im Jahre 1908 nicht weniger als 54 Studierende der Medizin durch Stipendien unterstützt, die. stch nach ihrer Approbation sämtlich in der PriMnz Posen niederlassen und wie alle Stipendiaten des Vereins die gegebenen Führer und Agitatoren der polnischen Bewegung sind. Der Standpunkt des Leipziger Verbandes ist auch deshalb för diese Provinzen nicht durchaus berechtigt, weil (nach der Berechnung der Posener Geschäftsstelle des Ostmarkenvereins) in der Provinz Posen erst auf 3585 Seelen und 52 qkm ein Arzt kommt, in Preußen im ganzen aber nur auf 1737 Seelen und 18,20 qkm. Es ist also auch unter dem Gesichtspunkte des Leipziger Verbandes Platz genug im Lande, zumal durch die Tätigkeit der Ansiedlunaskommission immer erhebliche Verschiebungen zu gunsten der deutschen Bevölkerung entstehen. Es wäre daher sehr zu begrüßen, wenn der Aerzteverband aus nationalen Rücksichten seinen Standpunkt für diese sog. Kampfprovinzen etwas wandelte und die anderen darum bemühten Faktoren in der Ansetzung von deutschen Aerzten unterstützte, wie wir sie aus allgmeinen und deutschnationalen Gründen dort brauchen.
Spielrarten-Fabrikation und Versteuerung.
Das 3. Vierteljahrsheft 1909 zur „Statistik des Deutschen Reichs" enthält eine Uebersicht über die Spielkarten-Fabrikation und Ver
steuerung im Deutschen Reich für dasRechnungs- jahr 1908. In 27 Spielkartenfabriken (1907: 26) wurden hergestellt 6 537 161 (1907:
5 995 911) Spiele von 36 oder weniger Blättern und 1308 769 Spiele von mehr als 36 Blättern (1907: 1386 917); der Bestand an ungestempelten Karten in den Fabriken betrug am Anfang des Jahres 1067 063 Spiele der ersteren Sorte (1907: 1263 774) und 364 682 Spiele der zweiten Sorte (1907: 299 006). Versteuert wurden 5 893 838 Spiele von 36 oder weniger Blättern (1907: 5 823100) und 256 221 (1907: 262 469) Spiele von mehr als 36 Blättern; ausgeführt wurden 385 449 bezw. 1 015 834 solcher Spiele (1907 : 369 522 bezw. 1 058 781). 23 073 bezw. 31170 vom Ausland eingegangene Spiele wurden in den freien Verkehr gefetzt (gegen 21 967 bezw. 27 289 im Vorjahre). Es gelangten demnach überhaupt zur Versteuerung 5 916 911 Spiele von 36 oder weniger Blättern (1907: 5 845 079) und 287 391 Spiele von mehr als 36 Blättern (1907: 289 749).
Marburg und Umgegend.
(Nachdruck aller Originalartikel ist gemäß § 18 des Urheberrechts nur mit der deutlichen Quellenangabe »Oberheff. Zig." nestättet.)
Marburg, 11. Sept.
)( Scheiden tut weh! Heute früh sind unsere Jäger ins Manövergelände ausgerückt. 'Das schöne Lied „Schatz, ach Schatz, reise nicht so weit von hier!" bewahrheitet sich wenigstens diesmal, denkt wohl manches Mädchen. Kommen doch unsere Jäger, die heute bis nach Zierenberg fahren, wohl kaum aus den Grenzen des Hessen- landes heraus. Es ist ja auch ein sehr friedlicher Krieg, bei dem auch der Tapferste nichts riskiert. Immerhin sind für unsere braven Soldaten die Strapazen eines Manövers nicht gering, ganz abgesehen von Hitzeohnmächten, Fußverstauchun- gen, Erkältungen durch Biwakieren usw. Doch diese unaustilgbaren Uebel, die ein Soldat von echt deutschem Korn als etwas Selbstverständliches hinnimmt, müssen nun einmal mit in den Kauf genommen werden. Froh zogen unsere wackeren Zweifarbigen denn auch fort, von mancher Holden tränenden Auges vorläufig zum letztenmal gegrüßt. Trara! Trara! Trara! Um so schöner wird es dann, wenn die gebräunten „Schätze", durchschwitzt und bestäubt heimkehren, um auf ein Jahr weiter hier zu sein oder — was den meisten manchmal noch viel lieber ist — nach Hause zum alten Schätzchen zurückzukehren. Ja, treu ist die Soldatenliebe.
)( Kanonendonner war in den letzten Tagen, besonders wieder gestern, auf den Höhen vor der Stadt deutlich vernehmbar. Es rührt dieser jedenfalls von den etwa 8—10 Stunden von hier entfernten Manöverübungen der Truppen des 18. Armeekorps her.
)( Deklamatorischer Abend. Morgen Sonntag wird Herr Clemens v. Bündiger in Bad Marbach (Hotel zum Deutschen Kaiser) einen wiederholten deklamatorischen Abend veranstalten.
20 (Nachdruck verboten.)
Ktolz um Stolsk.
Roman aus dem Leben von O. Elster.
(Fortsetzung.)
9.
' In langer Dünung rollten die Wogen der Nordsee gegen den sandigen Jnselstrand, der nach dem Innern zu durch einige flache Erhebungen abgegrenzt wurde. Es war ein einsamer melancholischer Platz, weit entfernt von dem vornehmen und reichen Publikum erfüllten Badestrand mit seinen bunten Strand- körben, Zelten, Fischerbooten und dem Pavillon, in dem die Badekapelle ihre Weisen ertönen ließ.
An diesem einsamen Platz sah man nur Himmel und Meer, die sich beide endlos weit erstreckten, um im fernen Nebeldunst zusammen- zusließen. In den Gräsern, dem Straickhafer und dem gelben Ginster^ die hie und da auf den SanddLnen wucherten, sauste der Wind, lieber dem grauen Meere, das schäumend in regelmäßigen Atemzügen den Strand überschwemmte, um gurgelnd zuruckzufluten, schwebten auf sturmerprobten Schwingen graue Möven, bald pfeilgeschwind niedertauchend, bald mit lautem Gekreisch sich in die Lüfte erhebend.
In der Ferne entschwand ein Schiff in den Fluten des Meeres, und schwarze, graue Wolken wälzten sich langsam und träge über die graue See. ,
Auf dem höchsten Gipfel der Dune stand Brunhilde und schaute hinaus auf das endlose Meer. Ihre Augen blickten ernst und trübe, aber ihre Haltung war straff und stolz und fest stützte sich ihre Hand auf die Krücke ihres Schirmes. ' ,
So stand sie da, ein Bild stolzer, selbstbewußter Kraft, die das Alleinstehen, die Einsamkeit nicht fürchtet. .......
Sie trug ein einfaches, aber modernes Jackett-Kostüm, das sich ihrem kräfttg-schlanken Körper eng anschmiegte und die mit gelben Schnürstiefeln bekleideten Füße freiließ. Auf dem blonden Haar saß eine weiche Sportsmütze. Brunhilde verschmähte jeden Schmuck, aber gerade diese Einfachheit verlieh ihrer Erscheinung ein vornehmes Aussehen, das manche reich geschmückte Dame auf dem Badestrand vergebens erstrebte.
Jenseits der Düne befanden sich Weideplätze, auf denen einige Kühe und Ziegen weideten. Zwischen sturmzerzausten Bäumen lag hier ein kleines Bauerngehöft. Nicht wett davon saß Mary Hildebrandt, ihr Skizzenbuch auf den Knien haltend, und bemühte sich effrig, die alte Bäuerin mit dem breiten Grinsen auf dem roten Gesicht, die ihr als Modell diente, zu zeichnen.
Als Mary mit ihrer Skizze fertig war, klappte sie ihr Buch zu, nickte der Alten freundlich zu und schritt langsam die Düne hinan auf Brunhilde zu.
„Warum hast Du mich eigentlich an diesen gottverlassenen, einsamen Ort geführt, Brunhilde?" fragte sie. „Seit mehreren Stunden schon irren wir hier zwischen Sand und Einster- gestrüpp umher; ich denke, es ist Zett, daß wir ins Hotel zurückkehren."
„Ich will Dich nicht zurückhalten, Mary," entgegnete Brunhilde. „Du kannst ohne mich zurückkehren, der Weg ist nicht zu verfehlen."
„Und Du?«
„Ich werde noch hier bleiben."
„Aber weshalb? Du weißt doch, daß mein Bruder angekommen ist — er wird Dich gewiß begrüßen wollen."
„Ich glaube kaum, daß er Wert darauf legt, mich zu sehen," entgegnete Brunhilde kühl. „Meinetwegen ist er ganz gewiß nicht gekommen,
* Schutz den Waisen und Halbwaisen. Die 4. deutsche Berufsvormündertagung findet in München am 21. und 22. September statt und wird in den Räumen des alten und des neuen Rathauses abgehalten werden. Nach München kommen die Vertreter der deutschen Berufsvormundschaften mit besonderer Freude; ist es doch die Hauptstadt jenes Landes, das als erstes ein „Gesetz betr. die Berufsvormundschaft" einge- fiihrt hat. Es ist zu erwarten, daß die Gelegenheit zu umfassendem Erfahrungsaustausch zwischen Nord und Süd, den die Berufsvormündertagung bieten wird, reichen Gewinn für die ganze Berufsvormundschaftsbewegung bringt. Aus Oesterreich, aus der Schweiz, aus Preußen, Bayern und dem übrigen Deutschland wird über den Stand der Arbeiten berichtet werden. Besonderes Interesse wird diesmal jener Punkt der Tagesordnung erwecken, der das Haager Abkommen über die Bevormundung ausländischer Minderjähriger betrifft. In diesem Abkommen steht als Hauptgrundsatz: „Die Vormundschaft über Minderjährige bestimmt sich nach dem Gesetz jenes Staates, dem der Minderjährige an- gehört, also nach dem Gesetz des Heimatstaates". Es hat sich nun in der Praxis herausgestellt, daß die langwierigen Verhandlungen zwischen in- nnd ausländischen Behörden, die die Geltung des Heimatprinzipes zur Folge hat, oft eine lang andauernde Schutzlosigkeit der in Bettacht kommenden zahlreichen Kinder herbeiführt. Es wird also Aufgabe der Berufsvormündertagung sein, sich über die hier in Betracht kommenden Abhilfemittel klar zu werden und daraufhin an die Regierungen der Vertragsstaaten mit entsprechenden Anregungen heranzutreten. Berichterstatter werden sein: Prof. Dr. Reicher-Wien, Stadtrat Naegeli-Zürich. Von den weiteren Verhandlungsgegenständen heben wir hervor: X. Mr' Haftpflicht des Berufsvormundes, Berichterstatter . Stodtrat Schmidt-Breslau und Stadtrat Walger-Schöneberg; T Die Ausgestal- tung-des Meldewesens, Berichterstatter Amts- richterCarlson-Hamburg: 3. Mitwirkung des Arztes bei älteren Mündeln. Berichterstatter Geh. Sanitätsrat Dr. Taube-Leipzig und Dr. Lazar-Wien; 4. Neue Untersuchungen über die Lage der unehelichen Kinder, Berichterstatter Prof. Dr. Spann.Vrünn. Zahlreiche Vertreter von Ministerien. Stadtverwaltungen, Fürsorgevereinen und Erziehungsanstalten, auch Private haben sich bereits zur Teilnahme an der Tagung gemeldet.
)( Strafkammer. Ein Flaschenbierhändler aus einem Landort stand unter der Beschuldigung, sich gegen die Gewerbeordnung dadurch vergangen zu haben, daß er in seiner Wohnung Bier ausschäntte. Er wurde zu 20 Mark Geldstrafe verurteilt.
□ Niederwalgern, 7. Sept. Am Sonntag, den 3. Oktober, findet in Niederwalgern die Delegiertenversammlung des Kreis-Kriegerverbandes für den Kreis Marburg statt. Bei liefet Gelegenheit veranstaltet der hiesige Kriegerverein anläßlich der 25jährigen Stiftung eine
Festlichkeit, zu der viele Vereine aus den umliegenden Orten eingeladen sind. Gleichzeitig wird der Verbandsvorsitzende Herr Geh. Reg.- Rat Landrat v. Negelein die vom Kaiser ver- ‘ liehene Fahnenschleife übergeben und ebenfalls ' dem Verein der vom Verband gestiftete Fahnennagel überreicht werden. Da Niederwalgern von allen Orten auch mit der Bahn gute Verbindung hat, so steht bei annähernd gutem Meter zahlreicher Besuch in Aussicht, zumal auch das Kirchweihfest mit der Feier verbunden werden soll. (Siehe auch Anzeigenteil in d" gen Nummer.)
Neustadt (M.-W.-B.), 10. Sept. 6;..
Einwohner machte vor einigen Tagen die unliebsame Entdeckung, daß ihm sein neues Fahrrad gestohlen war. Wie später festgestellt wurde, hatte ein Handwerksbursche das Stahlroß bestiegen und damit da- Weite gesucht. Bis jetzt fehlt noch jede Spur. Wahrscheinlich wird der Dieb das Rad irgendwo zu ver» t silbern suchen.
Verantwortlich für die Redaktion: Dr. phil. Carl Hitzeroth in Marburg.
Familienheim: Pension für In- u. Ausländer.
Sonnige freie Lage, Bad, gr. Garten. Lahn-u. Klinikstr. 6.
Frau D. Lederer, Marburg.
Nehmen Sie
täglich ein Likörgläschen Dr. Honunel’s Haematogen unmittelbar vor der Hauptmahlzeit! Ihr Appetit wird reger, Ihr Nervensystem erstarkt, die Mattigkeit verschwindet und körperliches Wohlbefinden stellt sich raschest ein. Warnung: Man verlange ausdrücklich den Namen Dr. Hommel.
haus Scbelknbtrg,^.^, = Erholungs- u. Fremdenheim. = Volle Pension 4 bis 5 ML
Hessen-Nassau und Nachbargebiete.
Cassel, 10. Sept. Ein dreister Diebstahl wurde gestern früh auf dem Königsplatze verübt. (Ein Fuhrwerksbefitzer hatte für einen Händler große Mengen von Obst usw. angefahren, die er auf den Platz stellte und einstweilen mit einem wasserdichten Plane zudeckte. Einige Gauner benutzten die Gelegenheit und eröffneten sofort einen flotten Obsthandel. Nachdem sie den größten Teil verkauft hatten, fuhren sie mit dem Erlös und den in zwei Säcken untergebrachten Rest des Obstes mit der Elektrischen ab.
Alsfeld, 10. Sept. In der Stadt Alsfeld beläuft sich die Zahl der amtlich zur Anmeldung gelangten Typhuskranken auf 72, im Kreise Alsfeld gegenwärtig auf 110. Durch welche Ursachen die Erkrankungen entstanden sind, ist noch nicht, genügend klar zu stellen gewesen. ' - - A-
sondern wohl nur, weil er eine geschäftliche Angelegenheit mit Deinem Vater zu regeln hatte."
„Ja, und heute abend fährt er mit dem Dampfer wieder ab nach Hamburg. Wenn wir ihn noch sehen wollen, ist es Zeit, daß wir heimkehren."
„So geh — ich bleibe noch hier."
Damit bohrte sie ihren Schirm in den Sand und stützte beide Hände fest darauf, wie um ihre Worte zu beköstigen.
Mary sah sie mit einem forschenden Blick an.
„Sag' mir einmal, Brunhilde," fuhr sie nach einer Weile fort, „warum willst Du Walter eigentlich nicht' sehen? Vor einigen Monaten schien es doch, als ob ihr sehr gute Freunde wäret. Aber seit dem Tode meiner Mutter sprecht Ihr kein Wort mehr miteinander."
„Daran stehst Du, daß unsere Freundschaft nicht sehr groß gewesen sein kann."
„Daß Walters Gefühle für Dich sehr tief und innig waren, weiß ich nur zu gut," entgegnete Mary in scharfem Tone. „Aber Deine Gesinnung gegen ihn scheint sich seit dem Tode Mamas ganz und gar geändert zu haben."
„Ich weiß nichts von einer Aenderung meiner Gesinnung," erwiderte Brunhilde kühl.
„Doch. Du hast Dich geändert — und zwar seit dem Tode Mamas!"
Brunhilde wandte sich ihrer Kusine langsam zu und sah sie erstaunt und forschend an.
„Warum betonst Du so scharf den Zeitpuntt des Todes Deiner Mutter?" fragte sie. „Was willst Du damit sagen?"
„Du wirst das wohl selbst am besten wissen!" versetzte Mary in feindseligem Tone.
„Du sprichst in Rätseln! Was hat der Tod Deiner Mutter mit meiner Gesinnung zu tun?“
„O sehr viel?" lachte Mary spöttisch auf. „Dadurch ist Dir der Weg zu einem höheren Ziele — zu der Stellung der Gebieterin in unserem Hause freigemacht l"
„Mary! Was soll das heißen? Wessen beschuldigst Du mich? Ich verlange, daß Du mir endlich klar und deutlich antwortest! Schon seit langer Zeit bemerke ich, daß Du einen geheimen, Groll gegen mich hegst, daß sich Deine Freundschaft in eine heimliche Feindschaft verwandelt zu haben scheint. Was habe ich Dir getan, daß Du mich mit gehässigen Andeutungen verfolgst? Suche ich nicht alle Pflichten, die mtt Dein Vater übertragen hat, auf das Gewissenhafteste zu erfüllen? Bin ich nicht von derselben Liebe und Freundschaft gegen Dich erfüllt, wie ftüher? Wessen klagst Du mich an? Ich will ' es wissen — sprich!"
„O gewiß, Du erfüllst alle Pflichten der Haus-. frau mit großer Gewissenhaftigkeit! Vielleicht ' liebst Du mich auch nach Deiner Weise, aber — • die Mutter kannst Du mir doch nie ersetzen!"
„Was soll das heißen?"
„Frage meinen Vater!"
Als habe der Blitz vor Brunhilde eingeschla-' gen, so fuhr sie erschrocken zurück vor diesen drei Worten, die mit einem Male das Dunkel zer-! rissen, in dem sie sich bisher befunden. Wohl:■ hatte sie gefühlt, daß ihr von allen Setten —; von Mary, von Frau Ritter und der gesamten Dienerschaft — eine gewisse Feindseligkeit entgegengebracht wurde, die sich jedoch bei dem Dienstpersonal ost in kriechens Schmeichelei. umwandelte. Aber sie war zu sehr mit ihrem? eigenen Leid, mit ihrer eigenen Hoffnung, die allerdings von Tage zu Tage geringer ward, be- schäfttgt gewesen, als sie daran gedacht hätte,, der Ursache dieser Stimmung in ihrer Umgebung I nachzuforschen. Sie erfüllte ihre Pflichten, ste i fühlte sich schuldlos. Und sie war zu rein und! zu stolz, um bei anderen unreine und niedrige Gedanken vorauszusetzen. . i
..... (Fortsetzung folgt.)