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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg and Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) undLandwirtschaftliche Berlage."

Di-Gverhrsfische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der M/-» -|n/* Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt mertel- iy V jährlich durch die Post bezogen 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), Bet unfein Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21,) 2 Mk.

Marburg

Sonntan, 22. August 1909.

Die Inicrtionsgebühr beträgt für die 7gespaltene Zeile oder dcr.m Raum 15 Pfennig, für SReKanten 30 Pfennig. Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, llnioersttätSbuchdruckeret Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

44. Jahrg.

Ernes Blatt.

Aus Kreta.

Es dürfte nicht uninteressant sein, die Ab- schiedsworte des Oberst Delarue, des Komman­deurs der internationalen Truppen auf Kreta, welcher mit diesen Kontingenten am 25. Juli die Insel verließ, im Wortlaut mitzuteilen; sie lauten:

Herr Präsident! Die internationalen Offi­ziere find außerordentlich gerührt von der Mit­teilung der Gefühle, welche in Ihrem Namen Ihr hervorragender Kollege, Herr Venizelos, der unter Ihnen gerechterweise so hohe Achtung findet und Ihre Sympathie genießt, mit Bezug auf das Okkupationskorps gemacht hat.

Im Augenblick, wo die Schutzmächte ihre Truppen zurückziehen, ist es den Mächten gewiß sehr angenehm, zu hören, daß unsere Truppen dem Kretischen Volke ein gutes Beispiel der Disziplin gegeben haben, und von der Dank­barkeit zu hören für alles, was sie geleistet haben für die Sache der Dehnung und des Fort­schritts auf der Insel.

Ihre Dankbarkeit bewegt uns tief, aber wir müssen in voller Wahrhaftigkeit erklären, daß die Mission der internationalen Truppen durch die gegenseitige Achtung und Zuneigung, welche auf der ganzen Insel zwischen den Truppen und der patriotischen Bevölkerung herrschte, sehr er­leichtert worden ist.

Indem wir auf diese Zuneigung rechnen, sind wir überzeugt davon, daß die Gräber unserer Waffenbrüder mit derselben Pietät be­handelt werden, wie die der eigenen Landes­kinder. Wir verlasien Ihre Insel, aber es ist wohl unnötig, zu versichern, daß unsere Gedan­ken bei Ihnen bleiben werden, und daß unsere Wünsche das Geschick, den Fortschritt und das Glück des Kretischen Volkes stets begleiten wer­den bis zu dem Tage, wo unter der Aegide der Schutzmächte Ihre Geschicke sich in Frieden, Ar­beit und Ruhe klären werden. Und jetzt mehr als je rufen wir:Es lebe Kreta!"

Leider hat seit Delarues Abreise «in Teil der ungebildeteren Kreter die bisher so rühmens­werte Mäßigung verloren und hat um eines Schattens willen die Fahnenfrage große Gefahren für den Frieden heraufbeschworen.

Die Jungtürken sehnen einen Krieg herbei, der ihre Popularität erhöhen und all« türkischen Parteien einig machen soll, sie erregen die Volks­leidenschaften und schikanieren Griechenland, das sich auf die Schutzmächte verlasien muß. Aber die Geschichte der Balkanländer lehrt, daß seit einem Jahrhundert bei jeder Erschütterung des türkischen Reiches, ja selbst nach einem sieg­reichen Feldzuge der Türken, ein Stückchen vom Körper ihres Reiches abbröckett. Die Türken sind tapfere Soldaten, aber Kulturarbeit wer­den sie nie leisten; heute schwillt ihnen der Kamm, denn sie werden von den Mächten, von denen eine jede Sondervorteile zu erlangen wünscht, umschmeichelt. B.

Die Einweihung des

Offizier-Genesungsheim in Falkenstein.

F a l k e n st e i n, 20. Aug. Anwesend sind zu den Feierlichkeiten u. a. die kommandierenden Generale des 8., 11. und 18. Armeekorps, Regie­rungspräsident v. Meister, Oberpräsident Hengsten­berg, Landrat v. Marx, Oberbürgermeister Adickes aus Frankfurt. Der Kaiser in kleiner Generals- uniform ist in Begleitung des Grotzherzogs von Hessen und des Prinzen Oskar. Am Parkeingang wurde er vom Kriegsminister v. Heeringen und dem Generalstabsarzt der Armee Prof. Schjerning begrüßt. Zehn Minuten später kam die Kaiserin mit der Kronprinzessin von Griechenland und deren Söhnen, sowie das Prinzenpaar Friedrich Karl von Hessen. An der Nordfront des Haupt­gebäudes hatte die Leibkompagnie des Kaisers vom 116. Regiment in Gießen mit dem Schützen­zeichen auf der Brust Aufstellung genommen. Aus der Freitreppe überreichte dem Kaiser der Bau­meister den goldenen Schlüssel zum Gebäude. Der Kaiser gab ihn an den Kriegsminister weiter, der die Tür öffnete. Ein Rundgang durch das Ge­bäude schloß sich an. In den oberen Saal hatte der Kaiser eine Reihe von Personen befohlen, denen er Auszeichnungen übereichen ließ.

Rach der Besichttgung, die etwa eine Stunde dauerte, fand ein Frühstück in dem prächttg aus­gestatteten, mit herrlichen Blumen dekorierten Speisesaal des Hauptgebäudes statt, zu dem etwa 120 Einladungen ergangen waren. An dem Früh- stück nahm als einzige Dame die Oberin, Freiin v. Forster teil. Im Verlaufe des Mahls erhob sich der Kaiser zu einer Ansprache und trank auf das Wohl der Stifter. Der Kricgsminister v. Heerin­gen antwortete mtt einem Toast auf den Kaiser.

Die Ansprache des Kaisers hatte folgenden Wortlaut:Es ist das Vorrecht des Obersten Kriegs­herrn, neben der Sorge für die Landesverteidigung auch die Sorge für das Wohl der die Landesvertei­digung verbürgenden Herren zu stellen. Schon in der alten Zeit hat der große KönigLaeso et in- vieto militi" das Hans für Militärinvaliden erbaut und bannt die Wege gewiesen, die der König von Preußen in der Fürsorge für invalide Krieger zu be­gehen hat. Die Ansta lten, Sanatorien und Stif­tungen, wie sie in den letzten 25 Jahren in unserem Baterlande entstanden sind, zählen nach Dutzenden. Leer ausgegangen waren aber die Führer unseres Volkes in Waffen und es galt hier, einem drohen­den Hebet abzuhelfen. Es Ivar eine schwierige Auf­gabe, denn sie lag weniger aus dem Gebiete der Kran­kenpflege; sie sollte vielmehr Offiziere, die im Dienste überanstrengt waren, ohne direkt eine schwere Krank­heit zu haben, in die Möglichkeit versehen, ihre Kräfte wiederzugewinnen. Die Stifter, die heute hier er­schienen und diejenigen, die in der Ferne weilen, die Stifter, die das Grundkapital gegeben haben und die Firmen, die durch ihre Schenkungen das Haus haben einrichten helfen, sind mir verständnisvoll entgegenge­kommen. Das Resultat der Tättgkeit dieser Männer, welchen ich hier in meinem Namen und im Namen der ganzen Armee meinen herzlichsten und ttefgefühl- testen Dank ausspreche, steht uns vor Augen und soll demnächst seiner Besttmmung übergeben werden. Ich

hoffe, daß die Anstalt meinen Erwartungen unb Wün­schen entsprechen wird, ich hoffe, daß die hier ein* kehrenden Herren, seien sie nun aus bett Tropen- rückgekehrt und von schweren Fiebern geschüttelt oder durch einen schweren Sturz verletzt oder durch Krank­heit angegriffen, sich hier erholen, ihre Kräfte remon- tieren und sich zu neuer Ausübung ihrer Pflicht stär­ken, daß sie alle das Gefühl haben mögen, daß sie sich hier ausruhen können. Denn, was ich der Laienwelt gegenüber betonen möchte, wir haben es hier nicht mit einem Sanatorium im landläufigen Sinne zu tun, sondern es ist die Absicht, daß die Einkehrenden sich wie in einem Privathause, wie zu Hause fühlen sollen. Das ist unter der Mitarbeit der Herren Stifter in hervorragendem Maße geglückt. Von den Beschauern wird jedermann von diesen anheimelnden Räumen den Begriff eines Heimes mitnehmen. Mögen die Herren, die zur Festtgung ihrer Gesundheit hierher kommen, dankbar der Stifter gedenken. Ihnen allen danke ich, wie Sie mir die Möglichkeit gegeben haben, eine Einrichtung zu schaffen, die der Armee die Kräfte wiedergibt, die sie braucht, um mit ihnen das Vater­land zu verteidigen. Ich erhebe mein Glas und trinke auf das Wohl der Stifter und der mit Gaben beteilig­ten Firmen."

Der Kriegs Minister antwortete: Eure Ma­jestät haben bereits die Zwecke dieser schönen Anstalt hervorgehoben. Eure Majestät haben aber selbst diese vortrefflich eingerichtete Anstalt bis ins Einzelne zu regeln und zu vollenden sich angelegen sxin lassen. Eure Majestät! Die Armee erkennt hier die huldvolle Fürsorge unseres Allerhöchsten Kriegsherrn mit hei­ßem Danke an. Eure Majestät weisen uns nicht nur die Ziele unserer Friedensarbeit und führen uns an, sie auf dem kürzesten Wege zu erreichen. Eure Maje­stät sind auch eifrig bemüht, die Schäden und Wunden, die der soldattfche Beruf feinen Mitgliedern schlägt, zu lindern. Gestatten Eure Majestät, daß ich den alleruntertänigsten Dank für diese huldvolle Gesin­nung hier ausspreche, mit dem Versprechen, daß wir womöglich mit erhöhter Anstrengung für Kaiser und Reich streben wollen. Möge die Anstalt viele Offiziere und Sanitätsoffiziere voller Gesundheit zuführen. Mögen alle, die hier weilen, dankbar der Allerhöchsten Fürsorge gedeitken, wie wir es heute tun, indem wir rufen: Der Begründer des Offiziersheims Taunus, unser Allergnädigster Oberster Kriegsherr, Seine Majestät Hurra!"

Cronberg, 20. Aug. Der Kaiser verlieh dem Generalstabsarzt der Armee Dr. Schjerning den erblichen Adel. Der Kaiser, das Prinzenpaar Friedrich Karl von Hessen und die griechische Kron­prinzessin nahmen heute Nachmittag den Tee bei Herrn und Frau v. Grunelius.

Politische Umschau.

Handlungsgehilfen und Hansa-Bund.

Der Deutschnationale Handlungsgehilfen- Verband in Hamburg schreibt uns: Die Leitung des Vereins für Handlunaskommis von 1858 hat der Tagespreise über die Stellung des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verban- des zum Hansa-Bund eine Mitteilung zugestellt, die eine irrtümliche Auffassung darüber in der Oeffentlichkeit begünstigt. Gegen den in einem Teile der Tagespresse erhobenen Anschuldigun­gen, worin es heißt:die Deutsche Handels- Wacht habe sich die Aufgabe gestellt, den Hansa- Bund anzugreifen, wo sie nur kann", und wo gesagt wird:die Handels-Wacht beeile sich, trotz der parteipolitischen Neutralität des

2 (Nachdruck verboten.)

Stolz um Stolz.

Roman aus dem Leben von O. Elster.

- (Fortsetzung.)

Ich möchte Dich doch bitten, zuerst allein hinzufahren. Dieser Herr schreibt, er sei ein Junggeselle. Dazu ist er ein Maler ich fürchte da in ein Milieu zu geraten, das mir peinlich sein dürfte. Du kannst mir ja Bericht erstatten und die Tochter Deines Vetters zu uns einladen. Dann werde ich besser beurteilen können, ob sie in unser Haus, namentlich ob sie zu unserer Mary patzt."

Frau Aurelie Hildebrandt war sehr vorsich­tig in der Auswahl der Bekanntschaften ihrer Tochter, zumal diese eine seltsame Neigung zu allerhandmodernen Exzentrizitäten" besaß, rote Frau Aurelie das Interesse Marys für die Wissenschaft und Künste nannte. Nur der müt­terliche Machtspruch hatte Mary abgehalten, nach Zürich zu gehen und dort zu studieren; aber das konnte die Kommerzienrätin nicht oet* hindern, datz Mary verschiedene Vorlesungen an der Berliner Universität hörte und während des Winters mancherlei öffentliche wissenschaftliche Vorträge besuchte. ,

Durch eine Gesellschafterin, so glaubte Frau Hildebrandt, sollten dieseExzentrizitäten" etwas eingeschränkt, überwacht und in weniger gefährliche Bahnen geleitet werden.

Ich hoffe," fuhr der Kommerzienrat nach einer Weile fort, ,^> Vrunhilde Deinen An­sprüchen genügen wird. Du Wolltest eine ein­fache, natürliche und doch gebildete Dame enga­gieren, welche die künstlerischen Neigungen Marys unterstützen kann, ohne sie dabei in Ihren anderweitigen Bestrebungen zu bestärken, hie Dir für unser« Tochter mtt Recht unpassend

erscheinen. Deshalb wolltest Du ja auch nicht gern eine Berlinerin engagieren, weil eine solche mit ihren Anschauungen vielleicht allzu modern" sein könnte. Nun, hier hast Du ein unverdorbenes, junges Mädchen aus der Pro­vinz"

Vergitz nicht, daß Brunhilde die Tochter eines Künstlers ist und in Künstlerkreisen ver­kehrt haben wird. In solchen herrscht nicht immer der korrekteste Ton. Aber wir werden ja sehen! Vorläufig sage ich weder ja noch nein. Sprich mit tem jungen Mädchen, und wenn Du glaubst, daß sie für unser Haus patzt, lade sie für einen Abend zu einer Tasse Tee ein, ich werde mir dann mein Urteil bilden."

Du hast recht. Ich werde heute nachmittag nach der Fasanenstratze fahren. Jedenfalls fühle ich mich verpflichtet, für die Tochter meines Vetters in irgendeiner Weise zu sorgen."

Das bleibt Dir unbenommen, auch wenn wir sie nicht bei uns aufnehmen können. Hast Du sonst noch etwas mit mir zu besprechen?"

Nein, ich dank« Dir."

So entschuldigst Du mich wohl. Ich wollte nach Berlin fahren; bei der Eeheimrätin von Erusendorff ist heute eine Sitzung unseres Hilfs­komitees."

Bitte, laß Dich duxch mich nicht abhalten."

Frau Hildebrandt wollt« gehen. An der Tür blieb sie noch einmal stehen und ftagt«:

Haft Du Walter heute schon gesehen?"

Nein wie ich durch den Diener hörte, ist er heut« nacht nicht heimgekommen."

Das blasse Gesicht der Kommerzienrätin ver­düsterte sich.

Ich halte dieses nächtliche Umherschwärmen Walters für durchaus unangemessen," sagt« st«.

Der Kommerzienrat zuckt« die Achseln.

Was willst Du. liebst« Aurelie? Jugend hat kein« Tugend." ...

Du solltest ihn etwas strenger halten. Cd- mund."

Lieber Himmel, Walter ist fünfundzwanzig Jahre alt, Reserveoffizier bei den Gardedra­gonern, Teilhaber unseres Bankhauses da rann man ihn wirklich nicht mehr als Knaben behandeln. Auch hat er ja in Berlin seine eigene Wohnung."

Das ist eben Dein Fehler, daß Du ihm diese bewilligt hast."

Wäre es Dir lieber, Walter triebe sich die Nächte in Hotels, Kabaretts und sonstigen Lo­kalen herum?" fragte der Kommerzienrat lächelnd. Laß ihn sich austoben. Ernst« Pflich­ten treten früh genug an ihn heran. Ich beab­sichtige, ihn nächstens wegen Abwickelung eines Geschäftes nach England zu schicken. Dann kommt er aus seinen hiesigen Kreisen heraus."

Das ist mir sehr lieb," entgegnete die Kom­merzienrätin, neigte ein wenig das Haupt zum Abschied und entfernt« sich.

Der Kommerzenrat blieb in Gedanken ver­sunken an seinem Schreibtisch sitzen. Seine Finger spielten mechanisch mit dem Brief des Porträt- und Historienmalers Christoph Wacker­nagel; in seinen Augen lag ein schwermütiger Ausdruck, das satirische Lächeln war von seinen Lippen verschwunden, auf seiner Stirn schienen Wolken zu lagern waren es die Wolken der Erinnerung, die feine Seele umwallten?

Nach einer Weile erhob er sich langsam und legte den Brief in ein Fach feines Schreibtisches.

Vorüber längst vorüber," murmelte er. Ach, di« Jugend die schöne Jugend! Wir wollen ihr ihre Freude lassen, auch wenn sie zu­weilen ein wenig überschäumt. Es ist ja so schön, einmal zu vergessen, datz Arbeit und Ent­sagung unser Los ist." . . .

Er klingelte und Uetz sich von dem eintreten­de» Diener Pelz und Hut reiche», wm nach

Hansa-Bnndes die neue Erüdung herunterzu» reißen", stellen wir nur folgende Tatsache fest: Der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Ver- band hat in seiner Verbandszeitschrift, der Deutschen Handels-Wacht", bis jetzt überhaupt nur ein einziges Mal Stellung genommen und zwar erst in ihrer Ausgabe vom 15. Juli 1909. Alle übrigen Verbände der Privatangestellten hatten sich zu der neuen Gründung schon vorher geäußert, und zwar alle auch der 58er Ver­ein in ähnlichem zurückhaltendem Sinne, wie wir das getan haben. Wir haben die Beden­ken hervorgehoben, die vom Standpuntte der Handlungsgehilfen gegenüber der Stellung des Hansa-Bnndes zur Fortführung der sozialpoli­tischen Gesetzgebung auftauchen mutzten, haben auf die Art der Mitgliederwerbung hingewie- sen und im übrigen wörtlich geschrieben:Der D. H. V. wird sich dem Hansa-Bund fernhalten, weil unser Verband keinerlei wirtschaftspoliti­schen Bestrebungen unterstützen darf, gleichviel, in welchem Gewände immer sie auch auftreten mögen. Was das einzelne Verbandsmitglied tut, ist feine Sache, es hat darüber lediglich als Staatsbürger zu entscheiden. Mag der Einzelne im Beitritt zum Hansabund eine Betätigung feiner staatsbürgerlichen Pflichten erblicken, wir können und wollen das nicht hindern." An die­ser Stellungnahme hat sich bis heute auch nicht das geringste geändert,

Alkohol und Armenpflege.

Den Kampf gegen den Mißbrauch alkoholi­scher Getränke haben neuerdings im wohlver­standenen Interesse auch die Organe der Armen­pflege aufgenommen. Die günstigen Ergebnisse hiebei erhellen u. a. aus den Erfolgen, welche die Stadt Kiel mit der am 1. Mai 1903 errich­tetenAlkoholfprechstunde" erzielt hat. Rach dem vorliegenden 1. Jahresbericht wurden 99 Sprechstunden gehalten, in denen 160 Personen 215 mal Rat und Hilfe gegen Trunksucht be­gehrten. Durch die Maßnahmen der Sprech­stunde schlossen sich 75 Personen Abstinenzver­einen an. Von diesen Leuten leben zur Zeit 48 völlig enthaltsam und 27 haben sich wesent­lich gebessert. 20 Personen wurden zu dem Stadtarzt vorgeladen, 19 leisteten der Ladung Folge und wurden zur Enthalfirmkeit ermahnt, 7 dieser Vorgeladenen leben enthaltsam, wäh­rend bei 12 Personen allerdings die Ermahnung ohne sichtlichen Erfolg blieb. Zur Arrnenver- waltung wurden 9 Personen vorgeladen, von bene 8 erschienen; 5 derselben T<c?n jetzt infolge der Ermahnung abstinent. 6 Personen wurden in die Trinkerheilanstalt Salem gebracht. Durch die dortige Kur wurden 4 für gänzliche Ent­haltsamkeit gewonnen. Bei 5 getrennt lebenden Ehepaaren konnte ein Versöhnung zustande ge­bracht werden. 27 arbeitslose Trinker wurden von der Sprechstunde der Arbeitsstätte her Stadtmission überwiesen und durch diese für die Abstinenz gewonnen. Außer den direkten An­fragen um Rat und Hilfe in der Sprechstunde sind über 1020 indirekt durch die Behörden und Privatpersonen aus der Stadt eingegangen, eine Fülle, die bei dem kurzen Bestehen der

seinem Bankhaus in der Potsdamer Straße z» fahren.

2.

Christoph Wackernagek, Porträt- unb_ Hk- ftcrienmaler" stand mit zierlich verschnörkel­ten Buchstaben auf einer großen Visitenkarte, dir mit gelben Heftzwecken an der linken Kor­ridortür des fünften eigentlich sechsten Stockes eines großen Miethauses in der Fasanenstratze befestigt war. Die Nachbartür auf demselben Korridor trug dagegen die Aufschrift:Zum Atelier des Fürstlich Sonnensteinschen Hof- Photographen Eginhard Deitmer. Bitte zu klingeln!"

Wenn man dieserBitte" nachkam, öffnet« ein merkwürdig ausstaffierter, schmächtiger Bursche von fünfzehn Jahren die Tür und führte den Besucher in einen mit japanischen Möbeln, Schirmen und Fächern ausgestatteten Salon unb eine in feierliches Schwarz gekleidete Dame von ungewissem Alter fragte würdevoll, was dem Besucher zu Diensten stehe.

Bei Christoph Wackernagel war der Empfang weniger feierlich. Wenn man an dessen Türe auf den Knopf der eleftrischen Klingel drückte, öffnete entroeber eine ältliche Frau, bet man auf ben ersten Blick bieAufwartefrau" ansah, ober seine gewaltige Bassstimme rief:Rur herein? Mein Portier ist gerabe nicht an­wesend." Dann stolperte man über einen engen dunklen Korridor in ein helles Maler­atelier unb stand vor einem kleinen, hageren Herrn mit einem gewaltigen grauen Bari, roter Ablernafe unb stechenden, schwarzen Augen, her in ein abgetragenes, schwarzes Sarnmetjacket gekleidet war und auf seinem fast kahlen Haupte einen türkischen Fez mit einet grossen, blaue» Quaste trug. s

....... (Fortsetzung folgt): j